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ISRAEL Rote Taube

Milliarden investierte Israel auf dem Sinai. Bis zuletzt kämpften fanatische Siedler gegen die Räumung.
aus DER SPIEGEL 17/1982

Im 3300. Jahr nach dem Auszug der Kinder Israels aus Ägypten machte sich der jüdische Staat daran, die Sinai-Halbinsel erneut zu räumen.

Noch ehe der vorläufig letzte Akt des israelisch-ägyptischen Ausgleichs von Camp David vollzogen war, erfüllte erneut Pulverqualm die nahöstliche Szene. Als ob er den Frieden im Westen mit Unfrieden im Osten kompensieren müsse, ließ Premier Begin den Minentod eines israelischen Offiziers gleich mit schweren Luftangriffen gegen die Palästinenser im Libanon rächen: Ende des vor neun Monaten geschlossenen Waffenstillstands.

Hartes Auftreten nach außen, wenn Israel sich innerlich verunsichert fühlt - das Rezept ist nicht neu. Und verunsichert hat die Räumung des letzten Sinai-Restes viele Israelis so stark, daß auch noch große Worte not taten. Der ehemalige Panzergeneral und heutige Postminister Mordechai Zippori: »Wir brauchten drei Jahre für die Räumung des Sinai. Wenn notwendig, könnten wir das ganze Gebiet in drei Tagen zurückerobern.«

Mit Blut war die Wüste 1967 von den Israelis erobert, mit Schweiß in den Besetzungsjahren danach erschlossen worden, unter Tränen wurde sie jetzt evakuiert.

In seiner 15jährigen Herrschaft über ein Gebiet, das fast dreimal so groß ist wie der jüdische Kernstaat, investierte Israel dort 17 Milliarden Dollar, annähernd soviel wie die gesamte Auslandsverschuldung des finanzschwachen Staates.

Mehr als die Häfte dieser Mittel wurde für den Aufbau einer nun sinnlos gewordenen militärischen Infrastruktur verpulvert, inklusive einer Marine-Basis und dreier Flugplätze, darunter das Ezion-Flugfeld bei Eilat, von amerikanischen Fachleuten als »die beste Luftwaffenbasis der Welt« gelobt.

Weitere fünf Milliarden Dollar kosteten Erschließung und Ausbau der Erdölfelder am Golf von Suez bei Abu Rudeis und Alma, während die Aufwendungen für rein zivile Zwecke - 17 Dörfer, die beiden Städte Ophira und Jamit, 1200 Kilometer Landstraßen, Feriendörfer, Taucherzentren und Hotels - über zwei Milliarden Dollar verschlangen.

Der Abzug, einschließlich der Überführung von Armee-Basen in den israelischen Negev, steht mit nochmals über vier Milliarden Dollar zu Buch, von denen jedoch die USA auf Grund der Camp-David-Vereinbarungen zwei Drittel tragen.

Die feudalen Entschädigungen für die aus ihren neuen Heimen in die alte Heimat vertriebenen insgesamt 6000 jüdischen Siedler nehmen sich dagegen fast bescheiden aus: über eine Milliarde Mark.

Die Israelis besorgten die Räumung auf ihre Weise: Nur zwei Urlaubszentren am Eilat-Golf, die Stadt Ophira (Scharm el-Scheich) und das Dorf Neot Sinai, in dem Premier Begin sich hatte zur Ruhe setzen wollen, wurden den Ägyptern unversehrt übergeben. 600 Häuser, 500 Treibhäuser, drei computergesteuerte Packhäuser, Stromleitungen, Wasseranlagen, Telephonnetze und zahlreiche Werkstätten wurden bis zur letzten Schraube abmontiert und nach Israel gebracht.

In Kalifornien erwarben die Israelis sogar eine Maschine, die Bäume und Setzlinge ausbuddelt, ohne daß sie entwurzelt werden, damit man sie im jüdischen Kernstaat wieder anpflanzen kann. Selbst die auf dem kleinen Friedhof von Jamit beigesetzten zwei Toten wurden ausgegraben und zur Wiederbestattung nach Israel überführt.

Was nicht abgeschleppt werden konnte, rissen in den letzten Tagen der Besatzung Riesenbagger und Bulldozer ab, inklusive Hunderte Häuser in Jamit, 90 Unterstände, Schulen, Industrieanlagen, Geschäfte. Nur die Synagogen und Bethäuser blieben verschont, »eine Gedenkstätte für unsere Opfer«, so Oberrabbiner Schlomo Goren.

Jamit, die in zehn Jahren in der Wüste entstandene Stadt, der Mosche Dajan eine Bevölkerung von 250 000 Bürgern prophezeit hatte, wurde innerhalb weniger Tage ein Trümmerfeld.

Die ägyptischen Voraus-Delegationen behaupteten, daß israelische Siedler sogar Brunnen und Grundwasserbassins durch Zementfüllungen unbrauchbar gemacht, außerdem Kulturland, Farmen und Bewässerungsanlagen verwüstet hätten, die von Ägypten schon vor dem Sechstagekrieg von 1967 angelegt worden waren.

Israels Zivilbeauftragter für die Räumungsaktion, Professor Raanan Weiz, klagte, die Zerstörungswut sei »schierer Wahnsinn«. Doch ganz ohne Methode war sie offenbar nicht: Israel möchte entlang seiner neuen alten Grenze eine leere Pufferzone haben, um zu verhindern, daß dort ägyptische Dörfer oder gar Stützpunkte von PLO-Freischärlern entstehen - Präsident Mubarak will auf dem Sinai in den nächsten 15 Jahren über eine Million Ägypter ansiedeln.

Israel wird nichts dagegen tun können. Es schaffte es nicht mal, bei der Zwangsräumung von Jamit die häßlichsten Szenen zu vermeiden, die israelischer Nationalismus der Welt seit langem darbot: Bis zuletzt kämpften über 1200 wilde Siedler gegen 5000 Soldaten der Räumungsaktion »Rote Taube«.

Mit Flaschen, Sand, Steinen, Eisenstangen, faulem Gemüse und sogar brennenden Autoreifen versuchten sie, die eigene Armee zu stoppen. Elf Ultras der chauvinistischen Kach-Bewegung hatten sogar gedroht, sie würden den Freitod einer Räumung vorziehen. Tagelang widersetzten sie sich den Bemühungen ihrer Familien, der Armee und sogar der beiden Oberrabbiner Israels, ihre Selbstmordpläne aufzugeben.

Erst als ihr Seelsorger, der rabiate Kach-Boß Kahane, aus New York herbeieilte und ihnen zuredete, gaben sie ihre Selbstmord-Absicht auf. Erst Freitagmorgen wurden sie von der Armee gewaltsam entfernt.

Siedler-Veteran Jossi Sela sprach dazu bitter: »Der Rückzug aus Jamit ist der Fall des dritten Tempels.«

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