Zur Ausgabe
Artikel 17 / 76

BUNDESWEHR / BILDUNGSPLAN Rote Zelle

aus DER SPIEGEL 52/1970

Im Jahre 1861, als für die preußischen Offizier-Aspiranten die Schulbildung angehoben werden sollte, befürchtete der Adel, daß »statt der Döhnhoffs, Dohnas usw.« die besser ausgebildeten »Söhne reich gewordener Bankiers die Stellen der Garde de Corps-Offiziere einnehmen« »könnten (so eine Eingabe an den Chef des Militärkabinetts, General Edwin von Manteuffel).

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand die Generalinspektion für das Militär-Erziehungs- und Bildungswesen, daß viele der Nachwuchs-Troupiers »von der für einen Offizier nötigen Bildungsstufe noch weit entfernt« seien.

Zivile Bildung als Ballast zu betrachten gehörte gleichsam zur Tradition des deutschen Militärs, das nichtsdestoweniger von Politikern zur Schule der Nation hochgelobt wurde. Von diesem Dünkel blieb auch die Bundeswehr nicht frei. Als 1967 westdeutsche Offiziere im Rahmen einer wehrsoziologischen Untersuchung nach ihrem Rezept für eine militärische Ausbildungsreform befragt wurden, empfahlen die meisten: mehr Marschieren, mehr Exerzieren.

Künftig »aber soll auch mehr Bildung für die Soldaten, Insbesondere für die Offiziere, Pflicht sein. In der letzten Woche legte die im Juli dieses Jahres vom Bundesverteidigungsminister berufene »Kommission zur Neuordnung der Ausbildung und Bildung in der Bundeswehr« einen 33seitigen Empfehlungs-Entwurf vor.

Die Kommission, der zwölf Zivilisten und zwölf Militärs angehören, möchte die Ausbildungsgänge von Mannschaften und Offizieren grundlegend reformieren. Nach den Plänen soll künftig jeder Soldat, der sich für mindestens drei Jahre verpflichtet, eine Ausbildung erhalten, die ihm auch im Zivilleben von Nutzen ist. Alle Offizier-Anwärter sollen an bundeswehreigenen Hochschulen studieren.

Von diesem neuartigen Modell erhofft sich der Kommissionsvorsitzende Thomas Ellwein, 43, Professor für Politologie und Leiter des Münchner »Wissenschaftlichen Instituts für Ausbildung und Bildung in den Streitkräften«, einen dreifachen Effekt: »Ganz allgemein« soll »das Ausbildungsniveau in der Truppe« gehoben, die »berühmte Integration der Bundeswehr in die Gesellschaft« gefördert und den Soldaten auf Zeit der »Übergang ins zivile Leben möglichst bruchlos gestaltet werden«.

Ellweins Empfehlungen, die sich an den vom Deutschen Bildungsrat vorgeschlagenen neuen Schulabschlüssen orientieren -- Abitur 1 als Abschluß der zehnjährigen Hauptschule, Abitur II als Voraussetzung für den Hochschulbesuch -, sehen im einzelnen vor, > daß Bewerber für den gehobenen Dienst in der Truppe (vom Feldwebel aufwärts), die sich für mindestens acht Jahre verpflichten, einen Anspruch auf 30 Monate fachliche Weiterbildung innerhalb der Dienstzeit erwerben -- Eingangsvoraussetzung für diese militärische Laufbahn: vorerst der Hauptschulabschluß oder die mittlere Reife, künftig das Abitur 1: > daß Offizier-Anwärter, die sich für zwölf Jahre verpflichten, ein dreijähriges Fachhochschulstudium (vorzugsweise in technischen Fächern) absolvieren -- Eingangsvoraussetzung: vorerst das Abitur »alter Prägung, künftig das Abitur II; > daß Offiziere auf Zelt ein einjähriges Kontaktstudium oder entsprechende Fernstudienlehrgänge innerhalb der Dienstzeit belegen »dürfen;

* daß für Berufsoffiziere im 13. Dienstjahr eine Fortbildungsphase beginnt -- Fortbildungsstätten sind entweder die »Akademien der Streitkräfte« oder die öffentlichen Hochschulen, an denen sie zweieinhalb Jahre studieren können. Um die neue Vielfalt der Ausbildungswege vom Facharbeiter bis zum akademischen Offizier übersichtlich zu gestalten, sieht der Kommissionsentwurf für alle Soldaten auf Zeit »einen Berufsbildungspaß« vor, »der über die Ausbildungs- und Tätigkeitsphasen Auskunft gibt und die erworbenen Qualifikationen in möglichst genauer Beschreibung nachweist«.

Neben dem Qualifikationszuwachs für die Truppe versprechen sich die Reformer von ihrem Zukunftsplan auch personellen Gewinn für die Bundeswehr. Sie hoffen, den derzeitigen Mangel an Unteroffizieren und Offizieren durch bildungswillige Haupt- und Oberschüler auszugleichen, die mit der Uniform auf Zeit zugleich eine nützliche Berufsausbildung für das Zivilleben erwerben wollen.

Dennoch ist sich Ellwein heute schon sicher, »daß nichts gelernt wird, was nicht der Bundeswehr zugute käme«. An den geplanten Bundeswehrhochschulen in Hamburg und München etwa sollen -- so die Empfehlungen -- »nur solche Studienfächer angeboten« werden, »die ganz oder teilweise in der militärischen Praxis nutzbar sind und deren Grundlagen sich dort durch praktische Erfahrungen anreichern lassen«.

So umfaßt der Fächerkatalog der Bildungsstätten traditionelle militärische Disziplinen wie Bauingenieurwesen und Elektrotechnik. Vorgesehen sind aber auch Unterricht in Informatik, Organisations- und Betriebswissenschaft, Biologie und Pädagogik. Den Reformern scheint heute schon gewiß: »Das werden keine Neckermann-Hochschulen, da kommen keine Fachidioten raus« (so der Ellwein-Mitarbeiter Hauptmann Klaus von Schubert).

Schuberts Hoffnung gründet auf einem pädagogischen Novum. das die Bildungskommission an den Militärhochschulen etablieren möchte: ein »gesellschafts- und erziehungswissenschaftlich angeleitetes Fachstudium«. Ungefähr zwanzig Prozent des Stoffangebots sollen Fächern wie Soziologie, Psychologie und Politologie entstammen.

Auf dieses Studienmodell haben sich die Reformer geeinigt, damit der künftige Offizier lernt, »pädagogische Situationen überhaupt zu analysieren, daß er weiter seine künftige berufliche Situation reflektiert« und dazu angeleitet wird, »die engeren Berufsbezüge in größerem Zusammenhang zu sehen« (so der Empfehlungs-Text).

Derlei Neuerungen scheinen vielen traditionsbewußten Militärs freilich von vornherein suspekt. Ellwein und die Seinen heißen im Truppen-Jargon schon »Rote Zelle Bundeswehr«. Noch bevor sie ihr Konzept in der Öffentlichkeit präsentieren konnten, befand das Militär-Fachjournal »Wehrkunde« vorsorglich: »Jede Unruhe in den Laufbahn- und Ausbildungsbestimmungen ist schädlich, häufige Änderungen verschlechtern die Ausbildung.«

Der »Wehrkunde«-Autor fürchtete um den Offizier-Nachwuchs, weil gerade der Soldatenberuf »viele Bewerber anzieht, die ein Studium nicht reizt oder die sich der rein intellektuellen Dauerbelastung eines Studiums nicht gewachsen fühlen«. Und in der »Welt am Sonntag« warnte Springer-Kolumnist Hans-Georg von Studnitz vor einer »Verfälschung des Offiziersbildes in ein Pop-art-Gemälde«.

Reformer Ellwein ("Ich bin ein sozialistisch eingefärbter Liberaler") betrachtet die Lage derweil wie ein Militär ("Einige Geschütze sind nicht nur gerichtet, sondern auch schon geladen"), aber wie ein Wissenschaftler möchte er reagieren: »Ich habe Argumente für jeden bereit.«

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 17 / 76
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.