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Griechenland Roter Konzern

Die KP gilt als mächtigster Trust des Landes, ihr Vermögen stammt aus undurchsichtigen Geschäften mit dem Osten.
aus DER SPIEGEL 17/1991

Für Aleka Paparriga, frisch gewählte Generalsekretärin der griechischen Kommunisten, ist alles »Lüge« und »Verleumdung«, wenn sie auf die Parteifinanzen angesprochen wird.

Die gelernte Philologin, 45, hat einen schweren Stand. Nicht nur politische Gegner, auch eigene Genossen nehmen immer öfter Anstoß daran, daß die Partei des Antikapitalismus klammheimlich zum »mächtigsten Handels- und Industrietrust des Landes« wurde, wie die Athener Zeitung To Vima vermutete.

Griechenlands 1918 gegründete und über Jahrzehnte moskauhörige KP wehrt sich nach wie vor dagegen, das Scheitern des Sozialismus in Osteuropa einzugestehen. Mit Paparriga an der Spitze dominieren Konservative und Dogmatiker, die unverändert den Marxismus-Leninismus und den proletarischen Internationalismus anpreisen.

Vor allem wollen sie verhindern, daß Glasnost in der Partei einkehrt. Denn in den Jahren nach dem Ende der Obristendiktatur 1974 haben die griechischen Kommunisten ein gewaltiges Vermögen angesammelt, das ihre Organisation mit 60 000 Mitgliedern zu einer der reichsten Parteien im Westen gemacht hat.

Zur roten Holding gehören nicht nur das Parteiorgan Rizospastis, eine Großdruckerei und zwei Rundfunksender, sondern auch Industrie- und Außenhandelsgesellschaften, Baufirmen, Reisebüros und Hotels, Supermärkte, Videoklubs, Kinos und Buchhandlungen. Ein ansehnlicher Immobilienbesitz aus rund tausend Häusern, Appartements und Landgütern trägt zur Mehrung des Wohlstands bei. In der Athener Bouboulinas-Straße brachten die Kommunisten ein ehemaliges Gebäude der Sicherheitspolizei in ihren Besitz - während der Diktatur waren dort Untergrundkämpfer eingesperrt und gefoltert worden. Dort wie auch im Nachbarhaus, wo der Geheimdienst Kyp einst die Kommunistenjagd organisierte, residiert heute die KP-Bezirksorganisation Athen.

»Niemals«, so stellte To Vima fest, »wurde ein Geheimnis der Partei so streng gehütet wie ihr Vermögen.« Es blieb selbst Politbüro-Mitgliedern verborgen. Grigoris Farakos, KP-Generalsekretär bis zum jüngsten Parteikongreß im Februar, beklagte sich vor den Genossen, daß es ihm in seiner zweijährigen Amtszeit nicht gelungen sei, Einblick in die Parteifinanzen zu gewinnen.

Der Vorsitzende des KP-Prüfungsausschusses, Marinos Petrounias, verteidigte die Geheimhaltung: »Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft. Wenn wir unsere Unternehmen preisgeben, so würden wir nur unser Todesurteil unterschreiben.«

Ihre finanziellen Transaktionen tarnt die KP mit konspirativen Praktiken, die ihr aus jahrzehntelanger Illegalität vertraut sind. So fungieren drei Altgenossen, die das Vertrauen des langjährigen KP-Führers Charilaos Florakis genießen, als Vermögensverwalter. Hauptaktionäre, Manager und Besitzer der Unternehmen sind Strohmänner. Um sich gegen Komplikationen abzusichern, ruhen in Banksafes Aktien wie auch vorgefertigte, bereits unterschriebene Verkaufsverträge mit offenem Datum.

Ein erheblicher Teil der Mittel stammt aus Provisionen, mit denen sich die Partei die Anbahnung von Staatsaufträgen an Ostblockfirmen honorieren ließ. Im Handel mit ihnen genossen von der KP begünstigte oder mit ihrer Beteiligung gegründete Firmen absoluten Vorrang. Gewinne wurden meist auf Auslandskonten deponiert oder getarnt nach Griechenland transferiert.

Mit den Sowjets gründete die Griechen-KP die Transorient Shipping & Trading Company mit Sitz in Piräus. Sie läßt sowjetische Schiffe auf griechischen Werften instandsetzen, die sie anschließend unter den Billigflaggen Zyperns und Maltas chartert.

Das parteieigene Reisebüro Lev Tours organisiert den Tourismus mit Osteuropa; von der KP kontrollierte Hotels sicherten sich langfristige Verträge mit französischen Gewerkschaften, die von der Bruderpartei beherrscht werden.

Von beiderseitigem Nutzen waren auch die Geschäftsbeziehungen zwischen griechischen und ostdeutschen Kommunisten. Das enge Verhältnis zur SED entstand, als 1968 die damals illegale griechische KP ihren Sitz von Bukarest nach Ost-Berlin verlegte. Tausenden griechischen Kommunisten diente die DDR jahrelang als Zufluchtsort und zweite Heimat.

Nach der Heimkehr der Emigranten im Jahre 1974 begann eine enge finanzielle Verflechtung mit der SED, die weit über Provisions- und Gewinnbeteiligung bei der Vergabe griechischer Aufträge an ostdeutsche Firmen hinausging.

Über Athen wickelte das SED-Regime umfangreiche Waffengeschäfte, etwa mit Angola, Eritrea und Nicaragua, ab. Während des irakisch-iranischen Kriegs nahmen die Lieferungen ein solches Ausmaß an, daß sich griechische Geschäftspartner brüsteten, binnen 15 Tagen könnten sie eine ganze Division ausrüsten.

1982 nahm der kommunistische Verlag Typoekdotiki bei einer SED-Tarnfirma in Luxemburg einen Kredit in Höhe von 6,7 Millionen Mark auf, um die Ausrüstung einer Großdruckerei zu finanzieren.

Ein Teil der SED-Gelder sowie aus dem Druckereibetrieb erwirtschaftete Gewinne flossen der Finanzierung eines ehrgeizigen Bauprojekts zu: Im Stadtteil Perissos entstand ein »Haus des Volkes« mit der größten Kongreßhalle im Lande.

Die finanzielle Solidarität bewährte sich in Zeiten der Not. Athen gehörte zu den ersten Städten, die PDS-Vorsitzender Gregor Gysi nach dem Ende der SED im Juli 1990 besuchte, um »Geld zu parken«, wie ein westdeutscher Diplomat zu wissen glaubte.

Auf Einladung der griechischen KP verbrachte Gysi mit Partnerin einen Badeurlaub in einem Hotel auf der Insel Korfu. Einst pflegten dort auch SED-Spitzengenossen wie Hermann Axen neben Prominenten anderer Bruderparteien ihre Sommerferien zu genießen.

Heute müssen die Gastgeber freilich befürchten, daß ihnen die Geschäftsbeziehungen mit der ehemaligen SED Scherereien bereiten könnten. In der Chefetage im »Haus des Volkes« wird seit einiger Zeit befürchtet, die Bonner Ermittlungen über das PDS-Auslandsvermögen könnten sich auch Athener Konten zuwenden.

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