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SOWJET-UNION / PRAG-PROTESTE Roter Platz, 13 Uhr

aus DER SPIEGEL 43/1968

»Ich finde keinen Schlaf mehr. Ich weiß nicht, wie ich weiterleben soll«, schrieb Rußlands Dichter Jewtuschenko seiner Regierung einen Tag nach dem Sowjet-Schlag gegen Prag.

Wegen dieses »tragischen Fehlers« (Jewtuschenko) der Sowjetregierung schlafen einige Sowjetbürger schlecht. Zwar gibt es keine Volksbewegung, aber zum erstenmal seit Jahrzehnten wird öffentlich Kritik an der sowjetischen Außenpolitik geübt. In Charkow, im Kaukasus und in den Hauptstädten der drei baltischen Sowjet-Republiken wurde demonstriert -- wie in Moskau auf dem Roten Platz (SPIEGEL 36/1968).

Schon vor der Sowjet-Invasion begann die Geheimpolizei KGB sowjetische Bürger zu verfolgen, die mit den Prager Reformern sympathisieren. Am 29. Juli wurde deswegen der frühere Lagerhäftling Anatolij Martschenko, 29, Verfasser eines im Untergrund verbreiteten Buches über die sowjetischen Straflager, in Alexandrow (Bezirk Wladimir) erneut festgesetzt.

Verhaftet wurden die Moskauer Ingenieurin Belogorodskaja, 28, und der Mathematiker Ilja Pludnestrowitsch. In Leningrad hob die Sowjetpolizei am 2. August eine Gruppe Intellektueller aus, die für den CSSR-Kommunismus Unterschriften sammelten:

* den Juristen Jurij Gendler, dessen Wohnung als Treffpunkt diente,

* die Chemiker Nikolaj Danilow und Lew Gladschewski,

* die Ingenieure Anatolij Studenkow und Jewgenij Schadlenkow.

Prominente Prag-Freunde blieben von Gewaltmaßnahmen verschont -- wie Jewtuschenko- oder der Atom-Physiker Sacharow,

Der Generalstabschef der Warschauer-Pakt-Truppen, Kasakow, trat noch vor dem Einsatz seiner Soldaten »wegen Krankheit« zurück und wurde durch den Stalinisten Schtemenko ersetzt. Vorsichtig half Sowjetmarschall Konjew dem CSSR-Parteichef Dubcek: Er nannte ihn in der Regierungszeitung »Iswestija« einen »tapferen Kämpfer«. General Matirosian, im Krieg Befreier von Kiew, erhob in der Sowjet-Illustrierten »Ogonjok« den CSSR-Präsidenten Svoboda zum »Helden«.

Zur Beruhigung der Sowjetbürger wurden in Moskau 57 000 Agitatoren eingesetzt, in Leningrad zweitägige Massenkurse für Propagandisten veranstaltet; in der Ukraine-Hauptstadt Kiew trat das Zentralkomitee zusammen, um den Funktionären Richtlinien zur Volksaufklärung zu erteilen.

Zur Abschreckung wurden vorletzten Freitag zwei von den Moskauer Pro-Prag-Demonstranten mit Arbeitslager, drei mit Verbannung bestraft: Im Stil der Zarenzeit erhalten sie ein Zwangsexil -- »jedenfalls in keinem Kurort und nicht in der Nähe von Moskau«, erklärte Gerichtssprecher Almasow.

Vor dem Gerichtsgebäude am Silber-. schmiede-Ufer Nr. 15/17 versammelten sich etwa 150 Demonstranten, unter ihnen Ex-Generalmajor Pjotr Grigorenko, der selbst inhaftiert war, weil er in der CSSR-Botschaft ein Solidaritätsschreiben abgegeben hatte. Über hundert Polizisten und Funktionäre diskutierten mit den Wartenden und entrissen ihnen im Handgemenge eine Petition.

Im Sitzungssaal (40 Plätze) saßen als Zuhörer außer Funktionären mit Sanderausweisen zwölf Verwandte der Angeklagten, darunter die Witwe des früheren Sowjetaußenministers Maxim Litwinow, Großmutter des Angeklagten Pawel Litwinow, 29. Ihn fragte die Richterin Walentina Lubenzowa, warum er eine Freundin zu einem Rendezvous um 13 Uhr auf den Roten Platz bestellt hatte -- ob er sie zur Demonstration verleiten wollte?

Litwinow erklärte, er habe einen zusätzlichen Zeugen haben wollen, weil er mit einer Provokation rechnete. Richterin Lubenzowa: »Warum wandten Sie sich denn nicht an die Behörden?«

Im Saal brach Gelächter aus, selbst Staatsanwalt Trel mußte grinsen. Nur die Richterin blieb ernst.

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