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DDR Roter Rucksack

Bonn hat den ersten Flugzeugentführer der DDR freigekauft. *
aus DER SPIEGEL 29/1984

Kurz hinter Prag zog der Pilot seine Tupolew-134 A, Interflug Nummer 302, in eine scharfe Linkskurve. »Wir bereiten«, kündigte er den 77 Passagieren an, »alles zur Notlandung vor.« Siegfried Kühne, gebucht von Berlin-Schönefeld nach Budapest, wußte, was es mit dem plötzlichen Kurswechsel auf sich hatte: »Ich dachte, jetzt läuft die Sache ab.«

Sie lief, aber nicht nach Plan. Mit einer anonymen Bombendrohung wollte Kühne, als Programmierer selber in den Diensten von Interflug, die Maschine zur Landung auf dem West-Berliner Flugplatz Tempelhof zwingen. Die erste bekanntgewordene Entführung eines DDR-Linienjets endete jedoch wenig später auf dem Rollfeld im slowakischen Poprad, am Fuß der Hohen Tatra.

Dabei hatte Kühne, so glaubte er jedenfalls, den Coup sorgfältig vorbereitet.

Der EDV-Spezialist, der eine Mitgliedschaft in der SED ablehnte, lag schon seit 1974 mit DDR-Bürokraten und Vorgesetzten über Kreuz. Damals kaufte die Interflug-Verwaltung bei den Ungarn ihr erstes eigenes Computersystem »Videotron«. Bis dahin hatte die DDR-Fluggesellschaft, die rund 7000 Menschen beschäftigt, ihre Datenverarbeitung außer Haus abgewickelt - mal bei der Reichsbahn in Dresden, mal beim Institut für Schienenfahrzeuge in Grünau, mal beim Rechenbetrieb Binnenhandel in Leipzig.

Doch der neue Elektronenrechner brachte keine Abhilfe. Programmierer Kühne, von einem Lehrgang in Ungarn zurück, warnte seine Chefs: »Um Gottes willen, so eine Krücke kauft ihr.« Der Computer, das zeigte sich rasch, war der Dauerbelastung in der Schönefelder Interflug-Zentrale nicht gewachsen. Häufig fielen die Geräte aus. Die Start-Stop-Mechanik der Magnetbandmaschinen, die von den Sowjets zugeliefert wurden, lärmte derart, daß die Operatoren einen Gehörschutz beantragten. Kühne: »Die Tage, an denen der Rechner wirklich hundertprozentig lief, waren selten.«

Obwohl die Datenverarbeiter, durch Improvisation und in Überstunden, den Schaden nach Kräften begrenzten, wurden Pläne nicht eingehalten, Termine überschritten. Die Interflug-Spitze machte die Projektleiter für das Chaos verantwortlich, Kritik am EDV-System wurde nicht akzeptiert. Kühne: »Das war an die Wand gesprochen.«

Über den Ärger im Betrieb tröstete sich der Programmierer mit kleinen Fluchten hinweg - in sozialistische Bruderländer. Über 20mal reiste er etwa, auf Freiflug-Ticket, zu Sommerseminaren nach Bulgarien. Dort nutzte Kühne, Geheimnisträger mit Westkontakt-Verbot, nicht nur die Gelegenheit, sich auf seinem Interessengebiet Slawistik fortzubilden, sondern diskutierte auch mit Studenten aus kapitalistischen Ländern über die unwirtliche DDR.

Als die Schwierigkeiten im Betrieb überhandnahmen und auch noch seine Ehe zu Bruch ging, plante Vielflieger Kühne die große Flucht: mit Interflug nach West-Berlin.

Damit wollte er die internationale Öffentlichkeit auf Menschenrechtsverletzungen in der DDR, »diese Tragödie in Mitteleuropa«, aufmerksam machen und »auch anderen Menschen die Gelegenheit geben, die DDR zu verlassen«.

Mit einem »Markant«-Federhalter, wie ihn Technische Zeichner benutzen, und schwarzer Ausziehtusche brachte er in verstellter Handschrift eine anonyme Bombendrohung zu Papier. Die Linienmaschine IF 302 Berlin-Budapest, hieß es darin, müsse mit blinkenden Scheinwerfern den Flughafen Tempelhof ansteuern. An Bord befinde sich, »in einem roten Touristenrucksack«, ein Sprengsatz, der über einen Stromkreis und einen Höhenmesser ausgelöst werde, falls die Maschine tiefer als 120 Meter fliege. Nur in Tempelhof könne der Mechanismus, von zwei Helfern am Boden, per Funk rechtzeitig ausgeschaltet werden.

Das umständliche Verfahren hatte sich Hijacker Kühne abgeguckt: von einem amerikanischen Spielfilm, der Jahre zuvor im Westfernsehen ausgestrahlt worden war. Den Brief steckte Kühne, nebst einer Klappkarte mit der Aufschrift »Frohe Weihnachten«, in einen Umschlag, adressiert »An den Kommandanten und seine Besatzung«.

Amateur Kühne sorgte selbst dafür, daß die merkwürdige Luftpost ihre Empfänger erreichte. Am 20. Dezember 1980 checkte er in Schönefeld für den Flug nach Budapest ein und versteckte das Couvert heimlich in der Sitztasche seines Nachbarn. Der fand den Umschlag, als er sich auf seiner Streckenkarte über die Flugroute informieren wollte, übergab ihn einer Stewardeß und juxte sich: »Das ist wohl die Weihnachtsgratifikation für die Crew.«

Die guten Wünsche zum Fest kamen bei Pilot und Besatzung schlecht an. »Kreidebleich«, so Kühne, erkundigte sich eine Stewardeß bei ihm und Mitreisenden über Herkunft und Inhalt des Briefes. Nachdem auch der Copilot vergeblich recherchiert hatte, entschloß sich die Besatzung zu genaueren Untersuchungen.

Sie sammelte von allen Passagieren Tickets und Gepäckabschnitte ein und stieg, zu Kühnes Überraschung, durch eine Luke im Cockpit in den Gepäckraum: Der Besitzer des roten Rucksackes sollte ermittelt werden.

Der fand sich dann auch - ein Holländer, der von nichts wußte. Kühne selbst hatte einen grünen Koffer aufgegeben und darauf vertraut, daß sich auch diesmal, wie nach seinen Beobachtungen fast immer, ein roter Touristenrucksack an Bord befinden werde.

Noch während des Fluges wurde das ominöse Gepäckstück gefilzt, ohne Ergebnis. Kühne begriff, daß sein dilettantischer Plan gescheitert war: »Ich habe mein ganzes Gebäude immer mehr zerbröckeln sehen.«

Der Pilot wollte trotzdem sichergehen: Er änderte den Kurs und flog die Piste des slowakischen Poprad an, 718 Meter über dem Meeresspiegel. Auch dort, fast 600 Meter über der vermeintlich kritischen Höhe, hätte der angebliche Sprengsatz nicht detonieren können. Der gescheiterte Entführer: »An diesen Flughafen hatte ich gar nicht gedacht.«

Fünf Stunden lang wurde ein halbes Dutzend Passagiere in Poprad vernommen. Doch auch die aus Prag eingeflogenen Sicherheitsbeamten konnten den Täter nicht dingfest machen. Der passierte sogar, nach einem besonders ausführlichen Verhör, als letzter Fluggast unbehelligt die Gepäckkontrolle, bevor Flug IF 302 nach Budapest mit einer anderen Maschine fortgesetzt wurde.

Doch der Verdacht der Behörden richtete sich schon damals auf den Interflug-Mitarbeiter Kühne: Nur ein Insider konnte Details über eine höhenmessergesteuerte Bombe wissen. Nur ein Kenner konnte darauf vertrauen, daß man ihm das Märchen vom Sprengsatz im Rucksack abnehmen würde: Touristenrucksäcke, sperrige Gepäckstücke, werden vor Abflug, anders als Koffer, in

der Regel nicht im Röntgengerät auf Waffen untersucht.

Dennoch verbrachte Kühne unbehelligt den Jahreswechsel bei Freunden in Budapest. Nachdem er Gedanken an eine Flucht über die ungarische Grenze verworfen hatte, kehrte er nach Berlin zurück. Dort erwarteten ihn zwei Herren in Zivil, die ihn freundlich zur nochmaligen Vernehmung baten. Kühne erhielt nicht nur Kaffee und Schnitzel, sondern auch ein Zeichengerät der Marke »Scribent« und schwarze Tusche.

Immer und immer wieder mußte er Schriftproben liefern, Artikel aus dem SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« abschreiben, »so blöde Texte über Wirtschaftspolitik«. Nach siebzehn Stunden Verhör brach Kühne, am frühen Morgen des 4. Januar 1981, zusammen und gestand. Er hoffte, sein Coup werde als Bubenstück durchgehen.

Doch das Stadtgericht Berlin-Mitte ließ keine Milde walten. Die Behörden hatten zuvor schon andere DDR-Bürger ertappt, die Flugzeugentführungen vorbereiteten, um in den Westen zu fliehen - nach dem Vorbild von Polen und Tschechoslowaken. Kühne wurde, wegen eines schweren Falls von Flugzeugentführung auf der stark frequentierten Luftstraße A 4 Prag-Budapest und wegen Republikflucht, zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Die Bundesregierung kaufte ihn im Mai dieses Jahres frei. Beim Staatlichen Notariat in Karl-Marx-Stadt mußte er zuvor eine Schuldverpflichtung unterschreiben: 48 122 Mark Schadenersatz zuzüglich vier Prozent Zinsen an Interflug, dazu Gerichts- und Anwaltskosten - insgesamt 53 411,43 Mark plus 112 Mark Gebühren.

Als Pfand hat die Staatssicherheit noch das Handgepäck des Entführers: Es war vollgestopft mit Silvesterraketen und Böllern. Die wollte Witzbold Kühne, nach glücklicher Ankunft in Tempelhof, anstelle eines Sprengsatzes zünden - »als Symbol für die Freiheit«.

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