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Roter Sirup quillt aus Gelatine

Wie Maskenbildner und Tricktechniker Grusel-Effekte inszenieren *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Ganz ohne Tricks kam ein Horror-Film aus, der im Herbst 1975 Schlagzeilen machte: Nach dem Liebesakt stachen Nackte immer wieder mit einem Messer auf ihre Gespielin ein, zerstückelten und köpften sie - alles vor laufender Kamera. Der Mord geschah live, die Leiche war echt. Für 200 Dollar Eintritt wurde der in Lateinamerika gedrehte Streifen in US-Pornoklubs vorgeführt.

Ähnlich Schauerliches können deutsche Video-Fans für ein paar Mark Leihgebühr am heimischen Bildschirm erleben - klaffende Wunden, gespaltene Schädel, zerfetzte Leiber. Allerdings: Die geschundenen Körperteile sind lebensechte Imitate aus Schaumpolystyrol, das reichlich fließende Blut ist roter Sirup, die Mordgeräte sind raffiniert präparierte Requisiten.

Die Metzeleien werden für die Liebhaber solchen Nervenkitzels mit großer Liebe zum Detail in Szene gesetzt. Die Maskenbildner und Experten für »special effects« sorgen mittlerweile mit perfekter Horror-Technik dafür, daß ihre Pappkameraden dem Publikum auf den Magen schlagen.

Ob die Schauerstücke - zu 95 Prozent ursprünglich für das Kino gedreht - von Klitschen in Fernost (Japan, Hongkong) oder im südlichen Europa (Frankreich, Italien, Spanien) produziert werden oder in den Hollywood-Studios großer Produktionsfirmen wie Paramount und Metro-Goldwyn-Mayer entstehen, allemal leben die Leichen von der Fähigkeit der Make-up-Künstler, Unmögliches möglich erscheinen zu lassen.

Wenn etwa das Drehbuch, wie in dem Film »Der Wächter«, verlangt, daß sich ein Mädchen gegen einen Zombie verteidigt und der Regisseur jeden Messerstich in Nahaufnahme zeigen will, ist die Phantasie des Trick-Technikers gefragt. Für einen Hieb in die Schulter genügen ein Messer mit einziehbarer Klinge und eine Blutpumpe unter der Achsel des Schauspielers. Wenn ein Stich ins Herz zielt, wird bisweilen ein künstlicher Brustkorb aus Styropor gebastelt.

Um einen Dolchstoß in den Augapfel des Monsters realistisch vorzuführen, formen Experten den Kopf des Akteurs aus Plastik nach. In den Augenhöhlen des Kunstkopfes glibbert Gelatine, durch ein Röhrchen in der weichen Masse wird Sirup-Blut gepumpt, sobald die Messerspitze die Plastikpupille ritzt.

Wie eine Frau kinogerecht skalpiert wird, zeigt der Reißer »Maniac« in Nahaufnahme - eine Herausforderung nicht nur für die Münchner Justiz, die den Video-Film aufgrund von Paragraph 131 des Strafgesetzbuches (Gewaltverherrlichung) beschlagnahmte, sondern auch für den Maskenbildner.

Der sorgte durch geschicktes Handwerk für perfekte Illusion. So war das Skalpell zwar zu stumpf, um die Frau wirklich zu verletzen, aber doch scharf genug, um eine auf die Stirn aufgetragene Wachsschicht einzukerben und damit einen Schnitt ins Fleisch vorzutäuschen. Auf die Unterseite des Skalpells, für den Betrachter unsichtbar, waren Schläuche geklebt, aus denen Kunstblut in die Schnittstelle schoß.

Über dem echten Haaransatz der Schauspielerin hatte der Trick-Künstler aus Wachs, Make-up und Vaseline einen blutigen Schädel geformt, über den wiederum eine Perücke auf einem Latex-Skalp gestülpt wurde. Sobald das Monster Maniac nach dem Skalpell-Schnitt den Haarschopf ergriff, ihn samt Gummikopfhaut nach hinten zog und mit einem Ruck abriß, floß Sirup aus dem Trick-Skalp.

Ob einem Zombie ein Schraubenzieher durch das Ohr ins Gehirn gestoßen, einem Menschen ein Holzpflock in den Bauch gerammt oder der Kopf von Explosiv-Geschossen weggesprengt wird - stets handelt es sich um Magie des Make-up-Bildners, um optische Gaukeleien und Kniffe der Requisiteure.

Manche der »action props« genannten Spezialgerätschaften stammen aus der Trickkiste des klassischen Theaters, andere sind eigens für die Horror-Branche ersonnen worden, darunter auch der Schraubenzieher mit einziehbarer Klinge, aus dem Kunstblut quillt.

Es koste schon, sagt Zombie-Maskenbildner Tom Savini, »eine ganze Menge Zeit«, für das Kino »neue Methoden zu ersinnen, wie man Leute umbringt«.

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