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Indonesien Rotes Gespenst

Präsident Suharto läßt vermeintliche Kommunisten verfolgen - und rührt damit an ein nationales Trauma.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Schon als Grundschüler las Budiman Sudjatmiko, 27, alles, was er von seinem großen Helden finden konnte: Bücher und Reden des Staatsgründers Sukarno. Vor dem Spiegel studierte er die Gesten des 1970 gestorbenen Politikers ein.

Später hielt es den aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammenden Wirtschaftsstudenten nicht im Hörsaal. Er organisierte Versammlungen und stachelte Arbeiter mit Brandreden gegen niedrige Mindestlöhne auf. Vor zwei Jahren schließlich gründete er mit Studenten und Gewerkschaftsaktivisten die linksgerichtete Demokratische Volkspartei (PRD). Seinen Ehrgeiz muß der PRD-Chef nun teuer bezahlen.

Sicherheitskräfte verhafteten ihn mit vier Gesinnungsgenossen in Jakartas Vorort Bekasi, wo er sich in einer katholischen Gemeinde versteckt hielt. Der Vorwurf: Budimans PRD sei eine kommunistische Organisation, die versucht habe, die Regierung zu stürzen. Ihm drohen viele Jahre Gefängnis, wenn nicht sogar die Todesstrafe.

Indonesiens autoritärer Präsident Suharto, 75, macht Budiman und seine PRD für die schweren Unruhen Ende Juli in Jakarta verantwortlich. 30 Jahre nach seiner Machtübernahme läßt Suharto damit wieder das Gespenst des Kommunismus umgehen: Geheimdienstler machen Jagd auf vermeintliche Genossen, durchsuchen Wohnungen, verhören Freunde und Verwandte der Verdächtigen. Über 200 Oppositionelle sind inzwischen in Haft, unter ihnen auch der Chef einer unabhängigen Gewerkschaftsorganisation, Muchtar Pakpahan.

Staatsfeind Nummer eins wurde über Nacht Budimans kleine 300-Mitglieder-Organisation, die sich selbst als »sozialdemokratisch« bezeichnet und für das Inselreich mit seinen über 200 Millionen Menschen ein echtes Mehrparteiensystem fordert. »Die Gruppe wird völlig vernichtet werden«, prophezeit ein Regierungskritiker.

In Jakarta herrsche eine »Psychologie der Angst«, klagt Abdurrahman Wahid, 55, Führer der Vereinigung Nahdatul Ulama, der mit 30 Millionen Mitgliedern größten Moslem-Organisation Indonesiens. Bei den Indonesiern ruft die Repressionswelle ein altes Trauma wach: 1965 hatte die Armeeführung unter Generalmajor Suharto die Kommunistiche Partei Indonesiens (PKI) für einen gescheiterten Putsch verantwortlich gemacht. Über 500 000 als Kommunisten Verdächtigte wurden getötet. Noch heute sitzen einige PKI-Mitglieder im Gefängnis.

Den Befehl für die neue Verfolgung gab Präsident Suharto persönlich. Die PRD sei eine Nachfolgeorganisation der verbotenen PKI und damit »verräterisch und illegal«. Regierungspropagandisten stellten zum 51. Jubiläum des Unabhängigkeitstages am vorvergangenen Wochenende ein riesiges Plakat auf, das Särge mit Opfern des angeblich kommunistischen Putschversuchs 1965 und das Verbotsdekret der PKI zeigt.

»Die PRD muß als Sündenbock herhalten«, erklärt der Schriftsteller Goenawan Mohamad, ehemaliger Herausgeber der verbotenen Wochenzeitung Tempo. Denn der Präsident will nicht zugeben, daß der heftigste Aufruhr seit 20 Jahren soziale Ursachen hatte. Auslöser der Krawalle waren die »wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und der Widerspruch zwischen der ökonomischen und politischen Entwicklung«, sagt der Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Finanzforschung in Jakarta, Sjahrir: »Während unsere Wirtschaft sich der modernen Welt anpaßt, befindet sich unsere Politik noch im Zeitalter der Dinosaurier.«

Das soll auch so bleiben. Auf seiner Rede zum 51. Jahrestag der Unabhängigkeit erklärte Suharto zwar, »Meinungsverschiedenheiten und politischer Kampf« seien »gesund für die Demokratie«. Doch dürfe dabei die Verfassung nicht verletzt werden. Schon versucht Suharto, auch die populäre Oppositionsführerin Megawati Sukarnoputri, 49, Tochter Sukarnos und ehemalige Vorsitzende der Indonesischen Demokratischen Partei (PDI), mit den Kommunisten in Verbindung zu bringen. Nach ihrem von der Regierung inszenierten Sturz hatte Suharto Ende Juli das PDI-Hauptquartier stürmen lassen und damit die Krawalle ausgelöst.

Megawati versucht derweil auf dem Rechtsweg, sich freien Zugang zur Parteizentrale zu schaffen. Mit ihrem Gang vor Gericht will die Sukarno-Tochter demonstrieren, daß sie auf friedliche Veränderung setzt.

Ihre politische Zukunft ist dennoch ungewiß. Bei den Parlamentswahlen im nächsten Jahr darf sie nicht kandidieren. Staatsanwälte verhörten sie zweimal wegen ihrer angeblichen Kontakte zur PRD. Präsident Suharto schloß gar ihre Verhaftung nicht aus - was allerdings seinem »politischen Selbstmord« gleichkäme, wie Goenawan Mohamad prophezeit: »Dann schafft er eine große Märtyrerin des Volkes.«

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