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FRANKREICH Rotes Meer

Jährlich verbrennen Zehntausende Hektar Wald am Mittelmeer -- nicht selten wird das Feuer von Bodenspekulanten gelegt.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Von der Feuerfront an der Côte d'Azur berichteten sie wie vom Krieg: »Pierrefeu von Flammen eingeschlossen«, meldete »Nice-Matin«, »Le Point« sah »eine Landschaft im Kriegszustand«, der sozialistische Abgeordnete Gérard Delfan sprach vom »Massaker«, die kommunistische »Humanité-Dimanche« von »Mord«.

Ein »Rotes Meer« ("Le Matin de Paris") hatte sich über die französische Mittelmeerküste ergossen, 40 000 Hektar Kiefernwälder und Olivenhaine wurden von einem Feuersturm vernichtet. Auf Korsika zählte die Feuerwehr an einem Tag gleich 40 Brandherde.

In Sonderzügen rückten Feuerwehrtrupps selbst aus dem fernen Paris an, Staatschef Giscard d?Estaing, auf Urlaub in seinem Sommersitz Fort de Brégancon an der Côte d'Azur, überflog mit einem Hubschrauber die »apokalyptische Szene« ("L'Humanitè") und kommandierte danach militärische Verstärkung an die Flammenfront.

Der Verkehr auf der Bahnlinie Nizza -- Marseille wurde unterbrochen, die Autobahn zwischen Aix-en-Provence und Toulon gesperrt. Im korsischen Corte drohte das Munitionsdepot der Armee zu explodieren.

Ein Hubschrauber rettete einen Mönch und zwölf Jugendliche, die am Kloster Saint Quinis ein Gebäude restaurierten, vor den Flammen. Bei Grimaud wurde ein Campingplatz, nahe des korsischen Städtchens Calvi eine Dorfgemeinschaft evakuiert -- die bunten Hügel der Provence, vom Dichter Marcel Pagnol in seinen Werken liebevoll aufgezeichnet, verwandelten sich in eine Mondlandschaft aus verkohlten Baumstümpfen.

Die Bürgermeister, wie etwa Andre Werpin vom Flecken Gardefrenet, wußten, daß »wir auch dieses Jahr nicht verschont bleiben würden«, nur nicht, »wann und wo die Flammen züngeln«. Als der berüchtigte Rhônetalwind »Mistral« mit bis zu 100 Stundenkilometern über die Küstendépartements hinwegbrauste, »war es nut noch eine Frage der Zeit«.

Ein fahrlässiger Zelter, dessen Campingkocher von der Holzkiste stürzt, eine Zigarettenkippe, selbst ein Glassplitter reichen aus, um im Küstenwald zu zünden. Kein Zweifel besteht überdies für die Polizei, daß Pyromanen oder auch kriminelle Grundstücksspekulanten Feuer legten: Aus den sogenannten Grünen Zonen, für Neubauten gesperrt, wird in Stunden eine nutzlose Einöde, eben mögliches Bauland.

26 000 Hektar Baumbestand werden durchschnittlich jährlich am französischen Mittelmeer zerstört. Bevor ein Baum 20 Jahre alt ist, errechnete Claude Marie Vadrot in seinem Werk »Der Tod des Mittelmeers«, »wird er mit 60prozentiger Wahrscheinlichkeit brennen«. 70 Jahre aber sind erforderlich, um einen neuen Wald zu bilden -- die natürliche Mittelmeerlandschaft früherer Zeiten.

Wo auch immer Förster und Waldarbeiter die verkohlten Bäume durch Neupflanzungen ersetzen, der »Wettlauf gegen das Feuer«, so Vadrot, »ist von vornherein verloren«. Wenn der Brand mehrere Male hintereinander denselben Landstrich verwüstet, verschlechtert sieh die Qualität des Bodens derart, daß er schließlich weder Wald noch Gesträuch, Farne oder selbst Gras ernähren kann. »Das Drama der Verödung beginnt«, schreibt die kommunistische »Humanité«.

Den Gemeinden, denen Oftmals Tausende von Hektar Boden gehören, fehlt das Geld, um die Wälder vom Unterholz freizuschlagen oder Brandschneisen anzulegen. Eben in diesen Gebieten aber schlagen die Flammen meist auf. Dann helfen nur noch die Schwimmflugzeuge »Canadair«. von denen zwölf Maschinen auf dem Etang de Berre bei Marseille stationiert sind.

Es sind spezielle Löschflugzeuge, die im Flug aus Seen oder aus dem Meer durch Saugstutzen ihren Leib mit 5 Tonnen Wasser füllen. Über der Feuersbrunst leeren sie die Wasserlast mit einem Mal und ersticken die Brände allein schon durch die Macht des aufschlagenden Wassers.

Diese »Kamikazes des Feuers«, so das Magazin »Vendredi, samedi, dimanche«, sind speziell bei den Flächenbränden der für die Mittelmeergegend typischen Buschwälder wirkungsvoll. Als sie vor vier Jahren beim Waldbrand in Niedersachsen eingesetzt wurden, verdampfte das Wasser bereits in den Wipfeln, bevor es den Boden erreichte.

Züngeln die Flammen aber, wie in den letzten Wochen, an hundert verschiedenen Stellen, »kann der Krieg nicht allein mit Canadair gewonnen werden«, so Christian Gérondeaus, Chef des französischen Zivilschutzes.

Die Schuldigen, wenn es sie gibt, macht die Polizei nur selten aus. Das ist schon seit Napoleons Zeiten so. »Ich habe erfahren, daß mehrere Feuer in jenem Departement ausgebrochen sind, das ich Ihnen zur Verwaltung anvertraut habe«, schrieb Frankreichs berühmtester Gesetzgeber an seinen Präfekten am Var und erteilte den Befehl, »jene Individuen auf der Stelle zu erschießen, die Ihrer Überzeugung nach das Feuer gelegt haben«.

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