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KIRCHE Rotes Tuch

Weil der katholische Priester August Bernhard Hasler ein Buch über die dubiose Entstehungsgeschichte des Unfehlbarkeitsdogmas geschrieben hat, will der Vatikan ihn kaltstellen.
aus DER SPIEGEL 37/1979

Offiziell weiß der Kanonikus Bernhard Gemperle, Vize-Personalchef der Schweizer Diözese Sankt Gallen, von gar nichts, er hat »auch gerüchteweise von einer solchen Sache nichts gehört«. Einem Duzfreund aber verriet er s.

Der Vatikan will den in München und Rom wirkenden Schweizer Priester August Bernhard Hasler, 42, Doktor der Theologie und Philosophie (Fach Geschichte), wegen seines Werkes über die Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit zwangsweise aus seinem Priesteramt entfernen. Um das kirchenrechtlich einwandfrei abzuwickein, hat er den für Hasler zuständigen Sankt Gallener Bischof Otmar Mäder gebeten, in Rom einen Antrag auf Laisierung zu stellen. Bislang weigerte sich Mäder, den Antrag bei der vatikanischen Glaubenskongregation, dem zuständigen päpstlichen Ministerium, zu stellen.

Eine solche zwangsweise »Laisierung von Amts wegen« wäre das erste Verfahren dieser Art im deutschsprachigen Raum seit deren Einführung am 13. Januar 1971. Es kann immer dann abgewickelt werden, wenn ein Priester sich einen »besonders schweren Verstoß gegen Lebenswandel und kirchliche Lehre« zuschulden kommen läßt, oder auch aus »anderen schwerwiegenden Gründen«.

Die sind aus vatikanischer Sicht bei Hasler zu vermuten. Im Jahre 1971 hatte der Priester die römische Kurie nach viereinhalbjähriger Tätigkeit im vatikanischen Sekretariat für die Einheit der Christen wegen der dort herrschenden »einseitig restaurativen theologischen Tendenz« unter Protest verlassen, nach römischen Maßstäben eine Art Sakrileg (SPIEGEL 3/1972).

Mittlerweile ist Hasler wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Rom, von jedwedem haupt- oder nebenamtlichen Kirchendienst hat er sich freistellen lassen. Durch ein solches Leben, sagt ein führender Beamter im Sankt Gallener Bischöflichen Ordinariat, sei er »faktisch laisiert«.

Was die Kurie vor allem irritiert, ist Haslers umfängliches Werk über die dubiosen Umstände, die im vorigen Jahrhundert zur Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit geführt und dem Papsttum damit eine ungeheure Machtfülle zugeschanzt haben. Hasler promovierte mit diesem Werk 1976 am Fachbereich Geschichts- und Kunstwissenschaften der Münchner Universität zum Dr. phil. und publizierte die Arbeit 1977 in einer kleinen Auflage von 1000 Exemplaren (SPIEGEL 38/1977).

Haslers Forschungsergebnis: Pius IX. (1846 bis 1878) und seine Gehilfen übten, um die Dogmen von der päpstlichen Unfehlbarkeit in Glaubens- und Sittenfragen und der absoluten päpstlichen Autorität in der Leitung der Kirche durchzusetzen, auf die Bischöfe des Ersten Vatikanischen Konzils (1869/70) so massiven Druck aus, daß die entscheidenden Konzilsabstimmungen nicht mehr frei und Rechtens genannt werden können. Außerdem deuten verschiedene Züge dieses Papstes -- sein abstruser Mystizismus, seine despotischen Ausbrüche, sein Altersstarrsinn -- darauf hin, daß er zur Zeit des Konzils möglicherweise nicht mehr voll zurechnungsfähig war*.

Daß die Dogmatisierung der Unfehlbarkeit und des päpstlichen Primates in

* August Bernhard Hasler: »Pius IX. (1846-1878), päpstliche Unfehlbarkeit und 1. vatikanisches Konzil -- Dogmatisierung und Durchsetzung einer Ideologie. I. und II. Halbband; Anton Hiersemann Verlag. Stuttgart; 632 Seiten; 300 Mark.

** August Bernhard Hasler: »Wie der Papst unfehlbar wurde. Macht und Ohnmacht eines Dogmas«. Piper Verlag, München und Zürich; 356 Seiten;

34 Mark.

ihrer historischen Entstehungsgeschichte ein hausgemachter Schwindel gewesen sei, mußte die kirchliche Hierarchie an einer empfindlichen Stelle treffen -- am Punkt der päpstlichen Autorität. Vertreter der Amtskirche versuchten denn auch, das Werk möglichst kurz abzutun und dann totzuschweigen.

Für das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz beispielsweise enthält das Opus, in dem Hasler in neunjähriger Forschungsarbeit bis dahin noch unveröffentlichtes und teilweise unentdecktes Material aus 38 europäischen Archiven zusammengetragen hat, »lediglich alte Behauptungen«; das Buch sei »einfach schlecht oder durchtrieben perfide«.

Die beiden letztgenannten Attribute hatten die Bischöfe aus einer Rezension im »Rheinischen Merkur« übernommen. In dem von den deutschen Bischöfen mitfinanzierten Blatt hatte der Augsburger Kirchenhistoriker Walter Brandmüller? mitnichten Fachmann für die Geschichte des Ersten Vatikanischen Konzils, die Arbeit Haslers mit der Bemerkung abzuschmettern versucht, sie stamme »aus der Trödelkammer«. Der »Rheinische Merkur« weigerte sich zweimal, eine Erwiderung Haslers abzudrucken.

Auf ähnliche Barrieren stieß der Wissenschaftler in seinem Heimatland. Die Schweizer »Weltwoche«, die 1977 bei dem in der Schweiz lebenden deutschen Papst-Historiker Hans Kühner-Wolfskehl eine Besprechung des Hasler-Buches im Umfang einer ganzen Zeitungsseite bestellt hatte, veröffentlichte die -- für Hasler positive -- Rezension nicht. Grund: Die Redaktion befürchtete, das würde sie in der katholischen Innerschweiz Tausende von Abonnenten kosten.

Ebenso kirchenkonform verhielt sich der -- häufig mit kirchlichen Aufträgen bedachte -- Benziger Verlag (Sitz: Zürich und Köln). Mit diesem Verlag hatte Hasler einen Vertrag über die Herausgabe einer Art Volksausgabe des wissenschaftlichen Unfehlbarkeitswerkes abgeschlossen. Hasler hatte das Manuskript noch nicht abgeliefert, da trat Benziger vom Vertrag zurück

just in dem Moment, als die negativen Reaktionen der Amtskirche publik wurden.

Besonders unwirsch reagierte der Vatikan. Im »Osservatore Romano«, der vatikanischen Tageszeitung, Verriß Giacomo Martina, Jesuit und Kirchenhistoriker an der Päpstlichen Universität Gregoriana, das Unfehlbarkeitsbuch als unwissenschaftlich; eine Antwort Haslers wurde nicht abgedruckt.

Die weitere Verbreitung der Haslerschen Erkenntnisse jedoch vermochten auch solche Sperren nicht aufzuhalten. Anstelle des Benziger Verlages publizierte im März dieses Jahres der Münchner Piper Verlag die von Hasler vorbereitete Volksausgabe? angereichert überdies mit einem 25seitigen Vorwort des populären Tübinger Theologen Hans Küng, der Haslers Kritik am Ersten Vatikanischen Konzil stützte**.

Mehr noch: Haslers leicht lesbare Fassung wird in Kürze über den New Yorker Verlag Doubleday in der gesamten englischsprachigen Welt zu haben sein; außerdem wird das Buch in den Niederlanden, möglicherweise in Italien und Spanien erscheinen. Für die Bundesrepublik kaufte der Berliner Verlag Ullstein, eine hundertprozentige Tochter des Axel Springer Verlages, die Taschenbuchrechte. Dem Münchner Piper Verlag leistete er eine Garantiezahlung für 75 000 Exemplare.

Der Axel Springer Verlag selbst wollte es mit der Kirche nicht so ganz verderben. Einen Abdruck größerer Passagen aus dem Hasler-Buch »in unseren Zeitungen« lehnte er mit der Begründung ab: »Hasler ist für die offizielle katholische Kirche ein rotes Tuch ... Selbst eine noch so zurückhaltende Buchreportage würde zu Protesten und Interventionen der Amtskirche führen. Daran würde auch die Tatsache nichts ändern, wenn alle Behauptungen Haslers völlig der historischen Wahrheit entsprechen würden.«

Aller historischen Wahrheit zum Trotz steuern vatikanische Monsignori -- ungehalten über Bischof Mäders Weigerung, einen Antrag auf Laisierung Haslers zu stellen -- einen neuen Weg an, den Unbequemen zu isolieren: die als extremste Strafe im Kirchenrecht vorgesehene »degradatio«, die »Ausstoßung aus dem geistlichen Stand«, die Rom notfalls auch ohne Einwilligung des Ortsbischofs durchführen kann.

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