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NATURSCHUTZ Rotwild des Wassers

Die Lachse erobern die Elbe zurück. Doch Feinschmecker werden sich gedulden müssen. Noch kann, wer die Edelfische angelt, mit Bußen von bis zu 10 000 Mark bestraft werden.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Auf den wahnsinnigen Gedanken, vom sauberen Grönland ausgerechnet nach Sachsen zu schwimmen, wäre kein Lachs freiwillig gekommen. Die Reise bedeutete den sicheren Tod.

Im Meer drohten Fischernetze, Raubfische und Krankheiten, aber all das war nichts im Vergleich zu den letzten 650 Kilometern. Da hätten die Lachse durch die Elbe schwimmen müssen, den lange Zeit dreckigsten Fluß Europas. Und selbst wenn sie dem Giftcocktail von Quecksilber, Cadmium und Tausenden anderer Schadstoffe im Wasser standgehalten hätten, weit hätten sie es dennoch nicht geschafft: Spätestens bei Geesthacht nahe Hamburg endete ihr Aufstieg, denn da ragte ein von Menschen errichtetes Wehr empor, drei Meter hoch und unüberwindbar.

Seit 1947, als ein Fischer aus dem sächsischen Pirna den letzten Salm aus dem Wasser gezogen hatte, gilt der Elblachs als ausgestorben, wie alle seine einst zahlreichen Artgenossen in Weser, Ems und Oder. Nun aber ist der leckere Fisch plötzlich wieder da.

Entdeckt wurde Salmo salar, wie er auf lateinisch heißt, vor genau drei Wochen. Mit bebendem Herzen und dem Kescher in der Hand holte der sächsische Fischwirt Hans Ermisch, 52, am 26. Oktober einen aufsteigenden, 60 Zentimeter langen Lachs aus einem Nebenfluß der Elbe. Das Gewässer trägt den Namen »Lachsbach«, weil es hier vor der Industrialisierung einmal von Lachsen wimmelte - jetzt wird er seinem Namen wieder gerecht: Vor dem kleinen Wehr im Bach wurden bis Ende vergangener Woche 25 Lachse gefangen, der größte maß fast einen Meter und wog sechs Kilogramm.

Das Wehr ist für Lachse bei starker Hochwasser-Strömung schwer zu passieren, daher haben die Lachsfreunde die Fische eigenhändig über das Hindernis getragen und wieder ausgesetzt. Die Gesamtzahl der wiedergekehrten Salme, so schätzt Matthias Pfeiffer von der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft, betrage »bestimmt über 50 Stück« - bisher, denn aus Geschichtsbüchern wissen die Experten, daß die Wandersaison noch bis Dezember andauern kann.

Freilich kamen die Lachse nicht ganz von selbst. Seit 1994 ist in Sachsen das Wiedereinbürgerungsprogramm »Elbelachs 2000« angelaufen, das nun, schneller als das 1980 aufgelegte Programm für den Rheinlachs, seine ersten Erfolge zeigt. Jene Fische, die Ermisch jetzt aus dem Wasser zog, hat er vor Jahren selbst aufgezogen.

Ermisch trägt bereits den Beinamen »Lachsvater«, denn bei ihm finden die Fische ihre Kinderstube. Seit 1994 kauft er jedes Jahr im Auftrag der Landesanstalt für Landwirtschaft an die 400 000 frische Eier von schwedischem Wildlachs, das Stück für bis zu 25 Pfennig. In seinem Forellenzuchtbetrieb in Langburkersdorf zieht er in wasserumspülten Plastikkästen aus den rötlichen Eiern die Lachsbrut heran. Wenn sie daumengroß sind, setzt er die Fischlein in Sebnitz und Polenz frei, zwei Bächen der Sächsischen Schweiz, die im Lachsbach zusammenfließen.

Einmal in Freiheit, müssen die Fische selbst sehen, wie sie zurechtkommen. Die meisten gehen zugrunde - aufgefressen von Fischreihern und Raubfischen, vergiftet von Gülle, die unachtsame Bauern in die Gewässer haben laufen lassen. Aber einige wenige der ersten Sachsen-Generation, 1995 ausgesetzt, haben allen Widrigkeiten zum Trotz offenbar ein normales, faszinierendes Lachsleben führen können.

Im Alter von ein, zwei Jahren zogen sie als 15 Zentimeter lange »Smolts« in die Elbe und von dort in die Nordsee. Dann schwammen sie Tausende Kilometer weit durch den Atlantik bis vor Grönland. Zwei Jahre lang fraßen sie sich dick und rund.

Angewachsen auf stattliche Größe, paddelten sie ihrem Instinkt folgend zurück - in die Nordsee, in die Elbe, quer durch den Hamburger Hafen, an Magdeburg und Dresden vorbei. Dann bogen sie in den Lachsbach ein, den sie vor Jahren verlassen haben. Wie sie genau diesen Bach im Gewirr der Elbnebenflüsse finden, bleibt ein Rätsel: Sie sollen, so die Theorie, ihren Heimatbach mit seinen charakteristischen Mineralien einfach herausriechen können.

In Kürze laichen die ersten Wiederkehrer in Polenz und Sebnitz - auf zehn Meter genau da, wo sie einst von Ermisch ausgesetzt wurden. Diesen Platz spüren sie nicht mit der Nase auf, sondern mit dem Gedächtnis: Sie haben sich den Platz vor dem Abmarsch ins Großgewässer optisch eingeprägt. Damit aber vollendet sich ihr Schicksal. Aufgezehrt von Wanderschaft und Rogenablage, bei der sie bis zu 40 000 erbsengroße Eier in eine Kiesmulde legen, werden die meisten Lachse bald sterben.

Die geglückte Wiederansiedlung der Lachse belegt, so jubeln sächsische Umweltpolitiker, daß die Wasserqualität der Elbe sich dramatisch gebessert habe und daß die »Mär vom schmutzigen Osten endlich der Vergangenheit angehört«.

Der Zusammenbruch der DDR war dabei die größte Hilfe. Nachdem Chemiekombinate, Papierfabriken und Galvanikbetriebe ihre Tore und Abwasserkanäle schlossen, ist auch ein Großteil der Giftfracht aus der Elbe verschwunden. Viele Städte wie Dresden, die bis zur Wende die Elbe als Kloake benutzten, verfügen jetzt über moderne Kläranlagen. Der Sauerstoffgehalt der Elbe hat sich seit 1989, als er noch nahe Null lag, auf ein Maß stabilisiert, das Fischen ein Überleben gestattet.

Und bei dem großen Wehr von Geesthacht ist in diesem Sommer eine vier Millionen Mark teure Fischtreppe eröffnet worden. In dem künstlichen Wildbach können Wanderfische wie Meerforelle, Aal oder Lachs den Höhenunterschied mühelos bewältigen, in großzügigen Ruhezonen sammeln sie für jede Etappe neue Kräfte.

Der Lobpreis auf die geglückte Umweltpolitik ist dennoch verfrüht. Das Wasser ist zwar sauberer geworden, aber nach wie vor bleibt das Flußsystem Elbe eine Brühe, in der Lachse und andere Fische noch lange zu japsen haben.

In den meisten Bereichen haben die Experten den Fluß in »Gewässergüteklasse II-III« eingeordnet - die Elbe ist damit noch immer »kritisch belastet«, wenn auch mit Tendenz zu »mäßig belastet«. Die Eintragsmengen an Quecksilber und einigen organischen Verbindungen sind in den letzten Jahren dramatisch gesunken, aber Cadmium, das langlebige Insektizid DDT und viele andere Schadstoffe verursachen immer noch »gravierende Probleme«, wie die »Arbeitsgemeinschaft für die Reinhaltung der Elbe« mitteilt. Trotzdem sind die meisten Elbfische mittlerweile eßbar. Sie dürfen noch nicht vermarktet werden, aber kein Angler findet einen frühen Tod, wenn er im Monat bis zu einem Kilo Elbfisch verspeist. Zu DDR-Zeiten war das anders: Damals stank selbst frischer Fisch.

Auch der sächsische Lachs hat gleich nach seiner Ankunft kulinarische Gelüste geweckt. Einen Tag nach Ermischs Ersttat wollte sich ein Angler einen Salm schnappen. Der Lachs ist besonders geschützt, dem in flagranti ertappten Fischersmann drohen jetzt bis zu 10 000 Mark Strafe.

Weil es in Sachsen 40 000 Angler gibt und nicht alle zur Einsicht neigen, überlegt Projektleiter Gert Füllner von der Landesanstalt für Landwirtschaft, ob mehr Wachen aufgestellt werden müssen. Denn soviel ist klar: Der Lachs ist das Rotwild des Wassers; wer ihn am Haken hat, der gewinnt das Prestige des Jägers, der einen röhrenden Sechzehnender zur Strecke bringt.

Kulinarisch besehen, ist es unverzeihlich, den Elblachs erst in Sachsen zu fangen. Aus dem Ozean ins Süßwasser zurückgekehrt, stellt er das große Fressen ein und fastet. Nach der Klettertour elbaufwärts besteht der Edelfisch im Laichgebiet fast nur noch aus Haut und Gräten. Wer also künftig Elblachse braten will, müßte das an der Unterelbe tun, etwa bei Hamburg - doch auch das ist bei Strafe verboten.

Noch ist der Elblachs - in Wahrheit ein schwedischer Adoptivlachs - bei weitem nicht heimisch, sein Bestand nicht gesichert. Ungewiß ist, ob sich in den Bächen von Polenz und Sebnitz überhaupt Lachse aus den Eiern entwickeln können und ob sich das Fischvolk jemals ohne Ermischs Hilfe wird fortpflanzen können. Und immer wieder, das ist den Fischansiedlern klar, wird irgendwo einem Bauern die Gülle überlaufen; mit einem Schlag könnte dabei die ganze Population wegsterben.

Die wirtschaftliche Nutzung der Lachse ist das Ziel der Sachsen, doch daran ist erst zu denken, wenn der Fisch auch in vielen weiteren Nebenflüssen der Elbe laicht. Vom Zustand dieser Nebengewässer ist das Überleben des Lachses stärker abhängig als von der Wasserqualität der Elbe - und da bleibt für die jetzt jauchzenden Umweltpolitiker noch viel zu tun.

In vielen Nebenflüssen hat der Lachs noch lange keine Chance, sich einzubürgern. Wasserkraftwerke, Wehre und Chemikalien aus der Landwirtschaft machen ihm dort das Leben schwer. Die Mulde zum Beispiel, früher ein Tummelplatz für Salmo salar, ist so mit Wehren verbaut, daß es Millionen kosten würde, sie für Lachse überwindbar zu machen.

Dennoch hegen die Experten bereits Pläne, aus dem Lachs das investierte Geld wieder herauszuholen. Eine Tageskarte für Angler, so spekuliert Gert Füllner, könnte dereinst leicht 200 Mark kosten.

Und »in fünf Jahren oder so« möchte auch Lachsvater Ermisch nicht mehr importierten Salm in seine Räucherkammer hängen, sondern echten Elblachs: »Da weiß man wenigstens, wo er herkommt.«

MARCO EVERS

[Grafiktext]

Wanderungen der Lachse in der Elbe

[GrafiktextEnde]

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Wanderungen der Lachse in der Elbe

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