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»Rudolfo kommt mit blauen Jeans«

Neue Verbrechenswelle: Internationale Banden organisieren den Scheckbetrug im großen Stil Das Wiesbadener Bundeskriminalamt registriert ein neues Massendelikt: Horrende Mengen gestohlener oder gefälschter Eurocheque-Karten und Schecks werden von international organisierten Syndikaten zu Geld gemacht. Kreditgewerbe und Kriminalisten entwickeln neue Verfahren, die europaweite Verbrechenswelle einzudämmen - die blaue Plastikkarte, von Banken und Sparkassen als »Zahlungssystem Nr. 1« gerühmt, ist nicht mehr sicher. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Sie treten zu viert auf, ein eingespieltes Team, ihr Arbeitsplatz ist das Trottoir. In der Fußgängerzone, schildert der Stuttgarter Hauptkommissar Wolfgang Steingrüber den alltäglichen Krimi, verständigt sich das Quartett durch diskrete Zeichen, die Aufmerksamkeit gilt vor allem halbgeöffneten Damenhandtaschen.

Einer der Männer ("Mauermacher") überholt die Trägerin, zwei ("Ab-Decker") nehmen sie in die Mitte, der vierte ("Zieher") hält sich im Hintergrund. Was dann folgt, dauert nach Steingrübers Beobachtungen vier Sekunden.

Abrupt bleibt der Mauermacher stehen, die Frau läuft auf und erschrickt, die Ab-Decker machen links und rechts dicht. Diesen Moment nutzt der vierte Mann, der Passantin das Portemonnaie aus der Tasche zu ziehen.

Noch ehe die Frau den Verlust der Börse bemerkt hat, stecken ihre Schecckarte und Eurocheques im nächsten Briefkasten - in einem vorbereiteten Kuvert, das an ein Mailänder Postfach adressiert ist.

Wie auf Stuttgarts Königstraße sind die Zieher allenthalben im Einsatz. In Schwimmbädern und auf Campingplätzen gehen südländische Kinderbanden auf Beute, in Diskos, Bars und Bordellen sind es drogenabhängige Mädchen, in Intercity-Zügen oder auf den Flughäfen späht das Fußvolk italienischer und jugoslawischer Gangs nach Opfern. An Spaniens Stränden werden zur Urlaubszeit die Touristen mit Messern oder Baseballschlägern bedroht und müssen ihre Schecks nebst Scheckkarte herausrücken.

Die Maschen der Täter sind immer anders. Diebespärchen beobachten mit dem Fernglas, wo Ausflügler in ihren geparkten Autos die Papiere verstauen. Organisierte Einbrechertrupps fahren Trauerhäuser an, deren Adressen sie aus Todesanzeigen nehmen - dort stört dann keiner, wenn die Diebe jeweils zur Stunde der Beerdigung Schecks und Scheckkarten aus den Schreibtischen holen. Scheckbetrug en gros hat, nach den Beobachtungen des Düsseldorfer Kriminaldirektors Heinz Stüllenberg, eine »neue Kriminalitätswelle« ausgelöst.

Voriges Jahr wurden 150 000 Eurocheques, die Bundesbürgern abhanden kamen, von Betrügern eingelöst, rund 30 000 allein in Spanien. Den Gesamtschaden, den zu 90 Prozent die Banken und Versicherungen tragen, schätzt das _(Links: Kopien sichergestellter Schecks ) _(bei der Arbeitsgruppe »Scheck« im ) _(Frankfurter polizeipräsidium; ) _(oben: mit Phantasienummer; ) _(unten: in Ottobrunn bei München. )

Bundeskriminalamt (BKA) auf rund 60 Millionen Mark. Dieses Jahr, prophezeien Sicherheitsexperten des Bankgewerbes, müsse »mit noch viel größeren Verlusten« gerechnet werden. Die Hauptgefahr, berichtete der Frankfurter Sicherheitsexperte Ernst Peppel auf einem Kriminalisten-Symposion in Luxemburg, gehe nicht von Einzel- oder Gelegenheitstätern aus, sondern von »arbeitsteilig vorgehenden organisierten Tätergruppen«.

Das Eurocheque-System, das vor 20 Jahren installiert wurde, ist gerade wegen seiner Vorteile (Werbung: »Das Zahlungssystem Nr. 1") höchst verwundbar. An den Schaltern von Banken, Postämtern und Wechselstuben, an Ladentheken und Kneipentresen sind die blauen Zettel in 40 Ländern Europas und des Mittelmeerraumes als Zahlungsmittel willkommen. Allein die Bundesdeutschen geben jährlich gut 300 Millionen Eurocheques im Wert von rund 100 Milliarden Mark in Umlauf.

Insgesamt nehmen mehr als fünf Millionen Einzelhändler Eurocheques »genauso wie Bargeld« (Bankwerbung) an. Wer den Schein nicht höher als 400 Mark dotiert, braucht, wenn er eine passende Scheckkarte zücken kann, kaum mit Nachfragen oder Kontrollen zu rechnen. Bis die Schecks vom Konto abgebucht werden, können im internationalen Zahlungsverkehr Wochen und sogar Monate vergehen - Vorzüge, die sich Ganoven in allen europäischen Ländern zunutze machen.

Der international gesteuerte Scheckbetrug ist zur prosperierenden Sparte der Verbrechensindustrie gediehen. Binnen zehn Jahren stieg der Gewinn in diesem Gewerbezweig der Kriminalität von schätzungsweise 13,2 Millionen Mark auf 60 Millionen Mark jährlich.

Zwar sei die Schadensquote, gemessen am Gesamtumsatz im Eurocheque-System, »nicht größer als in einer Kneipe der übliche Schwund an Geschirr und Gläsern«, sagt ein Ermittler. Doch das BKA rechnet vor, daß »durch Scheckbetrug mehr Geld erbeutet wird als durch Bankraub oder durch Falschgeldkriminalität«.

Die Experten von BKA und Interpol kommen mit den Ermittlungen nicht mehr nach. Grenzüberschreitende Nachforschungen sind langwierig, den Scheckschüttlern bleibt genügend Zeit, immer wieder unterzutauchen und neue Beutezüge zu planen. »Da wird doch nur an der Oberfläche herumrecherchiert«, klagen Frankfurter Experten des Kreditgewerbes.

Wie und wo die heiße Ware zu Bargeld gemacht wird, läßt sich meist erst nach Monaten feststellen, wenn die deutschen Konten belastet werden. Manche Opfer haben bis dahin nicht einmal gemerkt, daß ihnen Schecks abhanden gekommen sind.

Scheckdiebe, Fälscher und Abkassierer arbeiten wie Spitzenkräfte straff geführter

internationaler Handelsunternehmen. So ließ das BKA Mitte September einen Frankfurter Fälscherring auffliegen, der mehr als 10 000 Eurocheque-Falsifikate (Einlösewert: 4,6 Millionen Mark) produziert und europaweit in Umlauf gebracht hatte. »Schlagartig und international organisiert«, so Interpol, hatten jeweils zehn oder zwölf Kuriere bei Banken in Frankreich, Italien und in den Niederlanden für 300 000 Mark Totalfälschungen eingelöst. Vorgelegt wurden dabei echte Scheckkarten, die bei Autoaufbrüchen im Hessischen, in Westfalen und Franken abhanden gekommen waren.

Als einer der Abkassierer im spanischen Ferienort Calella an der Costa Brava gestellt wurde, waren auch drei seiner Komplizen nicht weit: Männer aus dem westfälischen Siegen, die in einem Wohnmobil reisten. Die Spur führte zu einer Druckerei, einem Repro-Studio und einer Wohnung im Frankfurter Nordend, wo auch Berge gefälschter Personalausweise, vor allem aber manipulierte Original-Scheckkarten herumlagen.

»Große Probleme« hat das BKA gegenwärtig noch, so Siegfried Reichinger, einen anderen gigantischen Schwindel in Griechenland aufzuklären. Mit einer simplen Methode plündern Boutiquen-Besitzer und Gastwirte in Athen und Delphi die Konten ahnungsloser Westdeutscher: Sie füllen regelmäßig gestohlene Eurocheques (Höchstsumme 25 000 Drachmen, rund 308 Mark) aus - mit Phantasienamen und fingierten Schecckartennummern. Die Banken in Hellas nehmen die Falsifikate von den Geschäftsleuten anstandslos an.

Bisher wurden nur sechs Textilhändler geschnappt - sie hatten »übertrieben« (ein Ermittler) und 1,4 Millionen Mark abkassiert. Die Fahnder glauben zu wissen, wie solche Mengen gestohlener Schecks nach Griechenland kommen: Speditionsfahrer aus den Räumen Frankfurt und Köln liefern dort Woche für Woche 200 bis 300 gestohlene Eurocheques ab.

Auch in anderen europäischen Ländern, etwa in Belgien, Spanien und Frankreich, residieren regelrechte Zentralen der Scheckmafia. So wurde Mitte Juli der Kurier einer Bande, deren Hauptquartier die Ermittler in Brüssel geortet haben, an der deutsch-französischen Grenze bei Forbach nahe Saarbrücken gefaßt. Er hatte, so der Polizeibericht, 130 »taufrische Blankos« in der Tasche, die aus Wohnungseinbrüchen in Süddeutschland oder geknackten Autos in Oldenburg und Hamburg stammten.

Kurz zuvor war ein Schlafwagenschaffner des Nachtzuges Frankfurt-Paris, der als Kurier von Scheckhehlern arbeitete, aufgeflogen. Er konnte die Herkunft von 1100 gestohlenen Scheckformularen nicht erklären, die französische Drogenfahnder nach einer Durchsuchung der Abteile bei ihm gefunden hatten. Die Ausrede, »ein Unbekannter« habe ihn auf dem Frankfurter Bahnsteig gebeten, das Paket zum Gare de L''Est mitzunehmen ("Dort wird es von meinem Freund abgeholt"), nahmen die Ermittler dem Schaffner nicht ab.

In der Bundesrepublik gelten Hamburg und das Rhein-Main-Gebiet als Zentren der Scheckmafia. Rund um Frankfurt fallen vor allem jugoslawische Banden auf. Vor Gericht schilderte die Hotel-Sekretärin Jovanka Tresnicic _(Name von der Redaktion geändert. ) , 35, wie in Offenbacher Jugoslawen-Kneipen »schwunghafter Handel mit gestohlenen

Blankoschecks« getrieben worden sei. Sie selbst habe mit ihren Schreib- und Sprachkenntnissen beim Ausfüllen und Einlösen geholfen. Bei der Frau, die der Frankfurter Staatsanwaltschaft nur als »Randfigur einer im großen Stil arbeitenden Bande« gilt, fand eine Sonderkommission der Offenbacher Kripo 44 Scheckkarten und 224 dazugehörige Schecks.

Wie die Sore beschafft wird, wissen die Experten ziemlich genau: *___Drogenabhängige, auf Suche nach Bargeld für den ____nächsten Schuß, melden ihre Scheckkarte als gestohlen, ____verscherbeln sie aber in Wahrheit zusammen mit der ____vierstelligen Geheimnummer für bis zu 1200 Mark an ____einen Hehler - der bedient sich dann vorwiegend an den ____Geldautomaten, für den Schaden haftet die Bank. *___Diebe entnehmen den Scheckheften zwei oder drei ____Formulare und legen den Rest wieder in ____Schreibtischschubladen und Handtaschen zurück - die ____Bestohlenen bemerken den Verlust oft erst viel später, ____wenn ihr Konto belastet wird. *___Fälscher entfernen auf gestohlenen Formularen die ____Kontonummer und tragen mit Abreibebuchstaben eine neue ____Zahlenkombination auf - so können Schecks für beliebige ____Schecckarten passend gemacht werden.

Wie das Inkasso der großen Eurogangs abläuft, konnte die Kripo erstmals 1982 in Nordrhein-Westfalen nachzeichnen, wo 34 Täter auf einen Schlag entlarvt wurden: Diebe und Einbrecher besorgten Karten und Schecks, Fälscher machten alles passend, Abkassierer besorgten das Bare. Die Bande operierte in Österreich, Südfrankreich, Spanien, in der Schweiz und in der Bundesrepublik.

Ein Drittel des Gewinns aus 3000 Schecks ging an die Beschaffer, ein Drittel an die Aufkäufer und Fälscher, ein Drittel des Geldes blieb den Einlösern. Diese Dreiteilung verwischte die Spuren so gut, daß wahrscheinlich mancher Coup der Bande bis heute unentdeckt geblieben ist. Jedes Mitglied der Gang wußte nur so viel wie unbedingt nötig - auch der Chef des Rings, ein Essener Geschäftsmann mit Residencia in Spanien.

Kleine »Zieher« machen nur schmalen Gewinn, wenn sie ihrem Hehler etwa in der Frankfurter Szenekneipe »Hard Rock l« oder bei »McDonald''s« die tägliche Beute abliefern - zum Stückpreis von 30 oder 40 Mark. Für den Hehler allerdings lohnt es sich, Kuriere per Bahn auf die südlichen Märkte zu schicken.

Die Boten pendeln zwei-oder dreimal pro Woche zwischen Stuttgart, Frankfurt oder Brüssel und Mailand. Dort, wissen Frankfurter Ermittler, warten die Großabnehmer: »Seit mehr als sieben Jahren ist immer wieder Mailand ganz dick im Spiel.«

So hatte ein jugoslawisches Betrügerpärchen, das im Juni im schweizerischen Locarno gefaßt wurde, ein Notizbuch voller Kodezahlen bei sich, die sich als Mailänder Telephonnummern deuten ließen. Die Spur paßte zu Hinweisen eines bayrischen Privatdetektivs, der schon voriges Jahr italienischen Zöllnern in Como über Rauschgiftgeschäfte und Handel mit gefälschten Alten Meistern berichtet hatte.

Unter Bündel von 100-Dollar-Noten, mit denen die heiße Ware bezahlt werde, seien immer wieder Blüten und gestohlene Schecks gemischt worden. Schwarzgeldkuriere, so plauderten auch festgenommene Zugräuber in Chiasso aus, hätten immer wieder von einem »Marco in Milano« gesprochen.

Die Adresse, die den Zugräubern entschlüpft war ("Via Marco D''Agrate 19,

Milano"), gehörte dem Sizilianer Giovanni Aleo, 39, genannt »Ciccio« ("der Dicke"). Fast täglich, zur blauen Stunde, pflegte der gewichtige Herr in der Bar »Lux« am Mailänder Hauptbahnhof seinen Aperitif zu nehmen.

Für Kontaktleute aus der Bundesrepublik, die nach gefälschten Dollar, D-Mark, Dokumenten, Pässen und Amtsstempeln fragten, hatte Aleo stets Passendes im Angebot. Die Börse am Tresen schloß auch den organisierten Handel mit frisch gezogenen Schecckarten ein. Vor allem die tägliche Ware, die von den Zugräubern auf der Strecke Brüssel-Mailand kam, stand bei Aleo hoch im Kurs.

Daß unter seinen Kunden aus München, Hamburg, Recklinghausen oder Nürnberg auch verdeckte Ermittler waren, hatte der Sizilianer nicht bemerkt. Mädchen, die Aleos Partnern nach Geschäftsabschlüssen zur Verfügung standen, waren V-Frauen aus dem Milieu oder weibliches Kripo-Personal.

So gelang es der Polizei, Treffs des Scheckbetrüger-Rings in Mailänder Bars und auf Parkplätzen rund um den Hauptbahnhof zu photographieren, eine Reihe von Aleos Konfidenten ging ins Netz. Und die Überwachung einiger Telephonanschlüsse im Umfeld des Dicken brachte Erhellendes über die Struktur der Organisation zutage.

Der Kodesatz »Rudolfo kommt mit blauen Jeans« ließ sich zum Beispiel als Hinweis entschlüsseln, daß ein Kurier aus Frankfurt mit einer Partie gestohlener blauer Schecks eintreffen werde. Andere Gespräche ließen Verbindungen zu Vertriebszentren in Marseille und Brüssel erkennen. Aleos Adlatus Calogero Puzzo hielt Verbindung zur deutschen Kundschaft, andere Vertraute pflegten den Kontakt zu Komplizen in verschiedenen Ländern Europas und in Uruguay.

Insgesamt 17 Mitglieder des Rings wurden voriges Jahr bei einer Überraschungsaktion in Italien, vier weitere in der Bundesrepublik, auf Ibiza und in Belgien verhaftet. Original-Scheckkarten zu Hunderten, die etwa einer »Jenny van Werfeld« oder einem »Philip Schumann« gehören, Stempel deutscher Ämter ("Stadt Augsburg"), Farbfilme mit Kreditkarten-Ablichtungen und jede Menge Falsifikate wurden sichergestellt.

Beamte vom amerikanischen Secret Service, eigens eingeflogen, machten auf der Liste der Verhafteten einen alten Bekannten aus: Henry Coniti, 43, geboren in Montevideo, angeklagt wegen versuchten Totschlags im Drogenmilieu. In Conitis Appartement, im zehnten Stock eines Hochhauses im Mailänder Industriegebiet, entdeckten die Fahnder die andere Dimension des Scheckbetruges: Die Bande hatte sich nicht mit dem Diebstahl und Vertrieb horrender Mengen gestohlener Schecks und Scheckkarten begnügt, sondern Zahlungsmittel aller Art auch selber hergestellt.

Bei Coniti war eine hochgerüstete Fälscherwerkstatt verborgen: Neonröhren dienten zur Belichtung von Zinkklischees, Spezialgeräte zur Farbanalyse; eine Offset-Druckmaschine, versteckt im Schlafzimmer, produzierte alles - von Wechselformularen und Blankopässen bis hin zu Scheck- und Kreditkarten.

Die Klischees ließ Coniti in der Druckerei seines Komplizen Onofrio Franzone fertigen. Glanzstück war eine Anlage, die jegliche Farbgebung bestimmen kann. Eine kodierte Notiz, die Ermittler des Cheffahnders Andrea Caridi sicherstellten, beschreibt die Feinarbeit: »Plus 88, Gelb 520 und Rot 16 hinzufügen, Orange mehr abstimmen auf den Rest der lasurblauen Farbe« - eine Anweisung für einen bestimmten Orangeton auf einer Kreditkarte.

Die Geschäfte liefen europaweit. Während Coniti die Koordination und Aleo den Vertrieb überwachte, versorgten andere Komplizen vor allem die Absatzmärkte in den Niederlanden, in Belgien und Spanien. Auch der Draht zur jugoslawischen Mafia war intakt: Ein Angestellter der Druckerei, Ibrahim Sekic, 49, aus Dubrovnik, spielte den Mittelsmann zu einem Belgrader Fälscherring.

Nach dem Mailänder Erfolg konzentriert sich die Interpol-Fahndung auf Rotlicht-Milieus europäischer Großstädte. Acht Haftbefehle sind noch nicht vollstreckt, weitere Bandenmitglieder noch unerkannt. In diversen Brüsseler Brasserien trinken Zivilbeamte derzeit ebenso diskret ihren Espresso wie ihre Ermittlerkollegen in einschlägigen Bars am Frankfurter Kaisersack.

Noch sind andere Größen der Scheckbranche auf freiem Fuß. Insider der Schmuggler-Trupps am Comer See jedenfalls lassen einander wissen: »Die Direktionsetage der Branche ist nicht angekratzt.«

Damit wird das Eurocheque-System (Werbung: »Einfach und sicher für Banken, Handel und Kunden") derzeit gleich von drei Seiten angebohrt: Zu den Hehler- und Fälscherringen kommen noch die Einzeltäter hinzu, die mit

Tricks und Tüfteleien die europaweit rund 12 000 Bargeldautomaten jährlich um Millionensummen erleichtern (SPIEGEL 50/1986) - die Plastikkarte ist, so sieht es aus, alles andere als sicher.

Lange haben sich Banken und Sparkassen damit begnügt, ihren Kunden nur eine begrenzte Anzahl von Schecks auszuhändigen - immer versehen mit der Mahnung, »Eurocheques und Eurocheque-Karte stets getrennt aufzubewahren«. Doch nun unternehmen Kreditgewerbe und Kriminalisten verstärkte Anstrengungen, das System sicherer zu machen.

So wird das Schalterpersonal derzeit in Sonderkursen geschult, mehr faule Kunden zu erkennen. Öfter als früher verlangen Bankangestellte vom Kunden jetzt einen Ausweis, wenn beim Schrift- und Nummernvergleich etwas verdächtig erscheint. Kommt die Ausrede: »Den Ausweis hab'' ich im Auto, den muß ich erst holen«, folgt ein Angestellter diskret und notiert die Nummer. Braust der Kunde davon, ist das Kennzeichen ein erster Fahndungsansatz.

Seit einigen Monaten geben Sparkassen und Banken zudem die Scheckkarten der zweiten Generation aus. Sie können nicht mehr so leicht wie die alten Plastikstücke manipuliert oder nachgedruckt werden: Auf den neuen Eurocheque-Karten ist ein schwer zu fälschendes Hologramm aufgedruckt, das einen Beethovenkopf dreidimensional schillern läßt.

Auch der brandneuen Methode, Schecks einfach mit hochwertigen Farbkopierern zu fälschen, will das Kreditgewerbe beikommen. Die Münchner Spezialdruckerei Giesecke & Devrient zum Beispiel, Partnerin der Bundesdruckerei, hat spezielle Scheckformulare entworfen. Ein dünner aufgedruckter Strich erweist sich unter der Lupe als Mikro-Schriftzug ("Giesecke & Devrient"), den eine Photokopie, bisher jedenfalls, nicht wiedergeben kann.

Das BKA hat zudem ein Verfahren entwickelt, mit dem die Ermittler dem Massendelikt Scheckbetrug besser begegnen wollen. Wolfgang Steinke, Chef der Kriminaltechnik, bietet Computer-Hilfe an: Handschriftenproben auf faulen Schecks, zum Beispiel das Wort »vierhundert«, werden in Wiesbaden neuerdings über ein Videokamerasystem digitalisiert.

Der BKA-Rechner ermittelt die graphischen Merkmale des Schriftbildes, Eigenheiten wie Krümmungsradius oder Schräglage der Buchstaben, und setzt die Werte in Formeln um. Binnen Sekunden soll sich so ein bestimmter Scheckfälscher aus einer großen Zahl von schon erfaßten Schreibern herausfinden lassen. Das »Forensische Informations-System Handschriften« (FISH) meldet auch, wo ein Serientäter unterwegs ist, und malt Bewegungsbilder, die neue Ansätze für die Fahndung bieten können.

Früher hatten Steinkes Schriftgelehrte im Amt alljährlich 5000 bis 8000 solcher Schriften photographisch vergrößern und die Ober- und Unterlängen, die Weite und die Verbindungsstriche zwischen den einzelnen Buchstaben manuell vermessen müssen, um Werte in einen Rechner übertragen zu können. Steinke: »Wir hatten Suchzeiten von einer Woche.«

Mehrere europäische Interpol-Zentralen wollen das System übernehmen. Doch Polizeipraktiker bezweifeln, ob der FISH-Zug erfolgreich wird. Ein Frankfurter Fälschungsspezialist nach der ersten Probephase: »Das klappt in zehn Jahren noch nicht.«

Auch das Not-Telephon, das die Kreditanstalten seit Mai 1987 rund um die Uhr im Frankfurter »Zentralen Annahmedienst für Verlustmeldungen von Eurocheque-Karten« (069/74 09 87) unterhalten, bringt den Banken und Polizeibeamten nicht immer den erhofften Zeitvorsprung vor Scheckkartendieben und Betrügern. Zwar können dort die Kunden Name, Anschrift, Telephonnummer, Kontonummer, Bankleitzahl und Scheckkartennummer angeben, per Computer werden die Verlustmeldungen (täglich 200, am Wochenende 1000) an alle Kreditinstitute im Inland und im europäischen Ausland weitergegeben. Doch der alltägliche Fall geht oft im Wirrwarr der polizeilichen und staatsanwaltlichen Zuständigkeiten unter. »Bei der Sachbearbeitung«, klagen Wiesbadener Fahnder, »geht es drunter und drüber.«

Welche Zeit und Energie in den Polizeistuben verpulvert wird, zeigt ein Fall, der im BKA erörtert wurde: Ein Messebesucher, der ein Konto bei der Hypo-Bank in Passau hat, war in Hannover bestohlen worden, fünf Eurocheques hatte der Dieb in Hamburg und Bremen verbraten.

Die Akzeptanten verrechneten die Schecks mit der Hypo-Bank in Passau. Der Kunde, der sich die Belastungen auf seinem Konto zunächst nicht erklären konnte, reklamierte bei seiner Bank, die daraufhin von dem Kreditinstitut in Bremen die Originalschecks anforderte; Dauer: eine Woche.

Die Bank in Passau erstattete eine Eurocheque-Schadensmeldung und gab den Vorgang an die Passauer Kripo weiter. Auch die Hamburger Beweisstücke gingen an die Kripo in Passau und an die dortige Staatsanwaltschaft.

Die schließlich leitete den Fall über das bayrische Landeskriminalamt ans BKA weiter. Jetzt erst, nach drei Monaten, beschäftigte sich eine zentrale Stelle mit dem Diebstahl. Die Gutachter ordneten dem Täter, dessen Schrift bereits registriert war, 150 andere Scheckbetrügereien zu, die bei rund 50 westdeutschen Staatsanwaltschaften registriert sind. Das BKA versuchte dann, bei einer dieser Staatsanwaltschaften ein Sammelverfahren unterzubringen - vergeblich. Eine vage Identifizierung des Täters war erst nach sechs Monaten möglich - die Durchsuchung seiner Wohnung brachte keine Beweise.

Alle Vorkehrungen gegen die Fälscher von Schecks und Scheckkarten, glaubt denn auch ein Experte des Kreditgewerbes, könnten das Massendelikt Scheckbetrug vorerst nicht eindämmen: »Das künftige Problem bleibt der echte gestohlene Eurocheque in Kombination mit der gestohlenen Karte.«

Links: Kopien sichergestellter Schecks bei der Arbeitsgruppe"Scheck« im Frankfurter polizeipräsidium;oben: mit Phantasienummer;unten: in Ottobrunn bei München.Name von der Redaktion geändert.

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