Zur Ausgabe
Artikel 80 / 132
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

PANAMA Rückgabe unter Tränen

Die wichtigste Wasserstraße der Welt, der Kanal zwischen Atlantik und Pazifik, fällt nach 95 Jahren in heimische Hände. Nur wenige Panamaer bejubeln den Abzug der Gringos.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Darf es ein Golfplatz mit Seeblick sein? Oder eine zweistöckige Villa mit Garten, Garage und angeschlossenem Flugplatz? Auch eine Insel ist im Angebot, Gelände für Industrie- und Hafenanlagen sowie ein Öko-Dorf mit zugehörigem Dschungel. Bis zu 350 Vogelarten lassen sich von einer ehemaligen Radarstation beobachten, welche die Baumkronen überragt.

Mit leiser Stimme preist der elegante Nicolás Barletta seine Liegenschaften: Neun ehemalige amerikanische Militärbasen, 930 Quadratkilometer Dschungel und Siedlungsgebiet im Gesamtwert von über vier Milliarden Dollar, günstig gelegen an der einstweilen noch wichtigsten Wasserstraße der Welt. Barletta ist Chef der Ari, der Behörde für die Interozeanische Region. Hinter dem geheimnisvollen Namen verbirgt sich eine Art panamaische Treuhandanstalt. Über sie wickelt der einstige Staatspräsident die Hinterlassenschaften der Amerikaner am Panama-Kanal ab.

Denn am 31. Dezember mittags werden die Stars and Stripes vor dem wuchtigen Gebäude der Kanalverwaltung endgültig eingeholt. Washington übergibt sein berühmtestes Kolonialrelikt an die Einheimischen. 1904 hatten die Amerikaner mit dem Bau des Kanals begonnen, 1914 wurde er eingeweiht. Damit das Jahrhundertereignis nicht im Rummel weltweiter Millenniumsfeiern untergeht, hat die Regierung die offiziellen Festlichkeiten auf den 14. Dezember vorverlegt.

Doch nur einige lateinamerikanische Staatschefs machen sich auf den Weg nach Panama-Stadt. US-Präsident Bill Clinton bleibt zu Hause, auch sein Vize Al Gore drückt sich - die Rückgabe des strategisch bedeutsamen Schmuckstücks ist in den USA nicht besonders populär.

Ex-Präsident Jimmy Carter ist dagegen Ehrengast und wird die undankbare Aufgabe haben, mit den lateinamerikanischen Würdenträgern auf das Ende der US-Herrschaft anzustoßen. Gemeinsam mit Panamas Diktator Omar Torrijos hatte er 1977 das Vertragswerk über die Rückgabe des Kanals unterzeichnet. Das Originaldokument ist in einem Museum im historischen Zentrum von Panama-Stadt zu bewundern.

»Danke, Omar!« steht auf einem zerfledderten Plakat, das verloren über der Vía Espãna flattert, der quirligen Hauptgeschäftsstraße. Zwar feiern ein paar Paraden die Übernahme des Kanals, ansonsten fehlt aber jeder nationalistische Überschwang.

Das Mausoleum des Staatshelden Torrijos verfällt, Regen tropft durch das morsche Dach auf die Grabplatte. Der Weg zu dem Denkmal ist durch eine Baustelle abgeschnitten und von Gras überwuchert. Torrijos berühmtester Ausspruch ist in die Rückwand des Monuments gemeißelt: »Ich will nicht in die Geschichte eingehen, ich will den Kanal.«

Den haben seine 2,8 Millionen Landsleute jetzt, doch ihre Kommentare sind erstaunlich leidenschaftslos: »Alles läuft weiter wie bisher«, versichern Regierungsvertreter. Sie wollen jegliche Zweifel zerstreuen, dass die Panamaer womöglich nicht qualifiziert sind, den reibungslosen Betrieb des Kanals zu garantieren.

Die elfköpfige Kanalbehörde werde verhindern, dass Politiker sich in die Verwaltung einmischen, versichert Joseph Cornelison, derzeit noch ranghöchster Amerikaner in der Kanalverwaltung: »Vetternwirtschaft hat keine Chance.«

Doch wie hat es Ernesto Pérez Balladares, bis August Präsident, geschafft, gleich vier Familienmitglieder in die Behörde zu hieven? »Das sind alles Fachleute«, beschwichtigt der liebenswürdige Amerikaner aus Missouri. Panama sei so klein, »da sind alle miteinander verwandt«.

Viele fürchten dennoch, dass Politiker sich nach der Übergabe aus den Gebühren bedienen könnten. Bislang brauchte der Betrieb der Wasserstraße keine Gewinne abzuwerfen. Die Einnahmen wurden für die Wartung aufgewendet, nur ein Teil wurde an die panamaische Regierung überwiesen.

In Zukunft soll mit dem Kanal Geld verdient werden. Barletta will Panama in ein Dienstleistungs- und Finanzzentrum verwandeln, eine »Mischung aus Rotterdam und Singapur«. An den Endpunkten zum künstlichen Wasserweg sollen Containerhäfen und Industrieanlagen entstehen; ehemalige Militärbasen will er in Touristenzentren verwandeln.

Den Amerikanern diente der Kanal dazu, Schiffe schnellstmöglich von einem Ozean in den anderen zu befördern. Die von ihnen besetzte Zone entlang der Ufer nutzten sie kaum. So konnte sich auf beiden Seiten des Schifffahrtsweges eine prachtvolle Dschungellandschaft erhalten.

Auf dem Gelände der »Escuela de las Américas« an der Atlantikmündung des Kanals, jener berüchtigten Militärschule, wo US-Spezialisten einst lateinamerikanischen Offizieren das Foltern beibrachten, will der spanische Ferienkonzern Sol Meliá jetzt ein Luxushotel betreiben. Fort Amador an der Pazifikmündung heißt heute schon im Volksmund »Jurassic Park":

Auf dem weitläufigen Gelände entsteht ein Touristenzentrum für Passagiere von Kreuzfahrtschiffen.

Ökonomen warnen vor übertriebenen Hoffnungen. Neue Logistik-Konzepte und die Verschiebung von Handelsströmen haben die Bedeutung des Kanals für den Welthandel bereits verringert. Moderne Containerschiffe und Autotransporter sind zu groß für den Wasserweg. Der Bau breiterer Schleusen würde schätzungsweise sechs Milliarden Dollar kosten.

Überdies ist die Versuchung groß, Geld aus der Kanalkasse für andere Zwecke zu verwenden. Panamas neue Präsidentin Mireya Moscoso hat im Wahlkampf viele soziale Wohltaten versprochen, obwohl die Staatskasse leer ist.

Solche Fürsorge wäre allerdings dringend nötig. Außerhalb der ehemaligen Kanalzone verbreitet sich Elend. Colón, die zweitgrößte Stadt des Landes, sieht aus wie eine Mischung aus der Bronx und Haiti. Im Elendsviertel El Chorrillo in Panama-Stadt, das nach seiner Zerstörung bei der US-Invasion vor zehn Jahren wieder aufgebaut wurde, herrschen Drogenhändler und Straßenräuber. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 14 Prozent.

Viele Panamaer merken erst jetzt, dass die ungeliebten Gringos Millionen Dollar in die Wirtschaft gepumpt hatten. Tausende Einheimische arbeiteten in der Kanalzone für die Amerikaner. Dort verdienten sie zumeist das Dreifache des panamaischen Lohns.

Als Hilfsarbeiter in der Küche von Fort Clayton brachte Ronaldo González jeden Monat 600 Dollar nach Hause. Seit der Stützpunkt am 1. August geräumt wurde, muss er sehen, wie er seine neun Kinder durchbringt. »Ich habe nie gewollt, dass die Amerikaner weggehen«, jammert der Cuna-Indianer, der mit seiner Familie in einem Haus am Kanal wohnt. »Das war Sache der reichen Rabiblancos.«

Rabiblancos, Weißschwänze, werden die Angehörigen der meist spanisch-stämmigen Elite des Landes genannt. Sie haben bereits die Villen der Amerikaner bezogen. Zwar soll der Erlös aus dem Verkauf der ehemaligen US-Liegenschaften auch in einen Fonds für sozialen Wohnungsbau fließen. Doch erfahrungsgemäß kommt in Lateinamerika nur ein kleiner Teil des Geldes bei den wirklich Bedürftigen an.

Auch mancher Rabiblanco trauert den Amerikanern nach. Die Anwesenheit der Gringos garantierte Sicherheit. Nach der US-Invasion zur Absetzung des Diktators Manuel Noriega hatte Panama sein Militär abgeschafft. Die Polizei ist nicht einmal in der Lage, den chaotischen Verkehr von Panama-Stadt zu regeln, bei der Bekämpfung der Kriminalität ist sie überfordert.

Immer häufiger greift auch der kolumbianische Bürgerkrieg nach Panama über. Kolumbianische Guerrilleros, Drogenhändler und Paramilitärs decken sich im Nachbarland mit Waffen ein und versenden ihr Kokain über die riesige Freihandelszone von Colón. Im November entführten kolumbianische Gangster zwei zivile panamaische Hubschrauber und setzten die Besatzung auf einer Insel aus.

Der Dschungel von Darién, das Grenzgebiet zu Kolumbien, gilt als Niemandsland. Carlos Castaño, der Chef der berüchtigten Paramilitärs des Bürgerkriegsstaats, drohte Panamas Sicherheitskräften mit Anschlägen, weil er sie verdächtigte, die Guerrilla zu unterstützen.

Am liebsten hätten die abziehenden Amerikaner einen Stützpunkt in Panama behalten, um von dort den Luftraum über Kolumbien und der Karibik zu kontrollieren. Doch der Plan scheiterte am Widerstand der panamaischen Regierung.

Eine Hintertür haben sich die Gringos jedoch offen gehalten. Wenn die Sicherheit des Kanals bedroht ist, dürfen sie in Panama intervenieren, so sehen es die Verträge vor. Falls nötig, könnten die Truppen innerhalb von Stunden wieder am Kanalufer stehen. JENS GLÜSING

* Oben: bei der Unterzeichnung der Rückgabeverträge 1977 inWashington; unten: Theodore Roosevelt auf einem Dampfbagger, 1906.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 80 / 132
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.