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Israel Rückkehr ins Getto

Fünf Jahre nach dem Juni-Krieg hat sich Israel auf dem eroberten arabischen Territorium endgültig festgesetzt. Sinai, Golan, Westjordanien und Jerusalem sollen israelisch bleiben.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Am fünften Jahrestag des Juni-Kriegs von 1967 erteilte Masche Dajan, Israels oberster Verwalter der eroberten Gebiete. dem arabischen Bürgermeister und dem arabischen Stadtrat der westjordanischen Stadt Hebron einen Langzeit-Auftrag: Sie sollen Entwicklungspläne für die nächsten 15 Jahre aufstellen. Dajan zu den Notabeln, die ihre Zukunft immer noch lieber daheim im jordanischen Reich sähen: »Ich kann Ihnen nur raten, alle Illusionen über die Zukunft abzulegen.«

Zur gleichen Zeit erinnerte Dajans Kollege, General i. R. Eser Weizman, ein Führer der rechtsextremen Gachal-Partei, seine Landsleute an die Kraft der Tradition: »Seit fast einem Jahrhundert hat Israel jüdische Siedlungen auf ehemals arabischem Gebiet errichtet.«

Und Motke Ren Jaakow, der getreu dieser Tradition einen neugegründeten Kibbuz in der -- eigentlich ägyptischen -Sinai-Wüste nahe El-Arisch leitet, versichert Besuchern offen: »Es ist völlig ausgeschlossen, daß wir hier je wieder weggehen.«

Israel, das im 67er Sechs-Tage-Krieg zu seinen 20 756 Quadratkilometern Staatsgebiet 68 546 Quadratkilometer jordanisches, syrisches und ägyptisches Land hinzueroberte, hat sich in den seither vergangenen fünf Jahren an diesen neuen Lebensraum gewöhnt -- so sehr, daß der Jerusalemer Dozent für moderne Geschichte, Professor Talmon, einen Rückzug auf die alten Vorkriegsgrenzen eine »Rückkehr in ein territoriales Getto« nennen konnte. Israel, das scheint heute festzustehen, will überhaupt nichts mehr von dem räumen, was es 1967 erobert hat.

Ursprünglich war der Landhunger eher bescheiden gewesen, jedenfalls in den offiziellen israelischen Äußerungen: Gleich nach dem Krieg wurde lediglich Ost-Jerusalem annektiert und zum unverzichtbaren Bestandteil Israels erklärt. Wenig später entwarf Vize-Premier Jigal Allon einen Friedensplan, der israelische Wehrsiedlungen entlang dem Jordan vorsah. Sie sollten nach einer -- damals noch unterstellten -- Rückgabe großer Teile des Westufers an Jordanien einen Sicherheitskordon im Nachbarland bilden. Anfangs mußte dieser Plan noch geheimgehalten werden, weil er selbst Falken in der Regierung zu weit ging.

Doch bald verweigerte Verteidigungsminister Dajan jeden Rückzug aus Scharm-el-Scheich an der Südspitze der Sinai-Halbinsel und siedelte auch das besetzte Westjordanien »im Herzen der jüdischen Geschichte« an. Golda Meirs Henry Kissinger, der Minister ohne Portefeuille Israel Galili, nannte in der Knesset mehrmals den Gaza-Streifen israelisch.

Inzwischen entstanden in der Jordan-Senke, 200 Meter unter dem Meeresspiegel, neun jüdische Dörfer, 1800 Meter höher auf den früher syrischen Go-Jan-Höhen 16, im Gazastreifen und im Nordsinai acht sowie zwischen Jerusalem und Hebron drei. Elf weitere Siedlungen, fünf auf dem Golan, drei am Jordan und drei am Gazastreifen, sind geplant.

Der Allon-Plan, seit einigen Wochen offen diskutiert, scheint der Regierungschefin Golda Meir heute nur noch »eine Minimalforderung«, und sie steht damit nicht allein: Nach dem Sieg von 1967 waren die Israelis euphorisch, heute sind sie selbstsicher und überheblich.

Nur noch 33 Prozent der Bevölkerung halten die Sicherheit Israels für ein dringendes Problem. 96 Prozent sind fest überzeugt, auch einen vierten Krieg gegen die Araber zu gewinnen, 72 Prozent glauben, dazu nicht einmal die finanzielle Hilfe des Weltjudentums zu benötigen, und 76 Prozent sind sogar sicher, ohne amerikanische Hilfe zurechtzukommen.

Zwar ist das Land einem Friedensschluß kaum nähergekommen. doch auch ohne Friedensvertrag leben die Israelis sehr gut: Die staatlichen Devisenreserven verdreifachten sich seit 1970 auf 900 Millionen Dollar, das Bruttosozialprodukt steigt Jahr für Jahr um sieben, der Export um zehn Prozent.

Andererseits hält gerade die Tatsache, daß der Krieg noch nicht formell beendet ist, die gefährlichen Gegensätze zwischen orientalischen und europäischen Juden, Neueinwanderern und Alteingesessenen, armen und reichen Bürgern in Grenzen.

Das Land der einst idealistischen Kibbuz-Sozialisten mißt heute Erfolg am Konsum, freut sich an Statistiken über die Zahl der Kühlschränke, Waschmaschinen, Autos. Geschulte Fachkräfte wandern regelmäßig aus der Sowjet-Union ein. Die schwere Arbeit tun 40 000 Araber aus den besetzten Gebieten, Fremdarbeiter in der eigenen Heimat. Die Mehrheit der Israelis fühlt sich stark, satt und sicher.

Diese satten Bürger wollen nicht mehr mit Pioniergeist eine neue Gesellschaft bilden, sondern ihren Besitzstand wahren -- auch den territorialen. Nur noch vier Prozent der Israelis befürworten einen Rückzug auf die Grenzen von 1967; vor einem Jahr waren es immerhin noch sechs Prozent. Simultan stieg die Zahl jener, die gar nichts aufgeben wollen, von 21 auf 29 Prozent.

Die Politiker bestärken ihr Volk in seiner nationalistischen Selbstgefälligkeit. Zwar bieten sie den Arabern regelmäßig »bedingungslose Verhandlungen« an. Doch haben Minister und Parteien inzwischen so viele Essentials für diese Gespräche aufgestellt, daß »Time« spottete: »Verhandelbar ist nur noch der Suezkanal.«

Golda Meir selbst faßte im Januar dieses Jahres Israels Mindest-Forderungen zusammen: die Golan-Höhen, Scharm-el-Scheich und einen Zugang dorthin. Jerusalem, Grenzkorrekturen mit Jordanien.

Wie dennoch Friedensgespräche ohne Vorbedingungen möglich sein sollen, erläuterte die Premierministerin so. »Wenn Jordanien Jerusalem auf den Verhandlungstisch legt, werden wir nicht aufstehen und sagen 'Nein, wir gehen jetzt heim'. Aber Israel hat endgültig beschlossen, daß Jerusalem nicht wieder geteilt wird -- es ist ein Teil Israels und dessen Hauptstadt.«

Israelische Maßnahmen lassen kaum mehr Zweifel daran -- nicht nur im Fall Jerusalem. Im arabischen Teil der Stadt wurden Wohnungen für über 25 000 Juden gebaut. In der Sinai-Wüste wurden Beduinen von der israelischen Armee vertrieben, damit weitere Juden siedeln können. Bei einer Volkszählung des israelischen Kernlands im Mai wurden die Golan-Höhen stillschweigend mit erfaßt. Aus ehemals ägyptischen Öl feldern in Abu Rodeis, Sinai, fördert Is rad täglich 18 000 Tonnen Erdöl.

Nur wenige Israelis wie Meir Jaari, Chef der linkssoziaiistischen Mapam-Partei, wagen noch, der Kolonisation der besetzten Gebiete zu widersprechen. Jaari: »Wir brauchen ein jüdisches Hebron so nötig wie ein Loch im Kopf,« Die Mapam war die einzige Partei. die gegen die Beduinen-Vertreibung in Sinai protestierte. Die Intellektuellen Gruppe »Schalom ve-Bitachon« ("Frieden und Sicherheit"), knapp tausend Mitglieder stark, warnte vor »nationalistischen Desperados«.

Die wenigen Mahner müssen sich von den großen nationalistischen Parteien wie Gachal als »Defätisten und Verräter« beschimpfen lassen.

Israels Regierungs-Politiker setzen sich solchen Vorwürfen gar nicht erst aus. Sie reden weiterhin von Sicherheit und verstehen darunter vorgeschobene Grenzen. Sie berufen sich dabei auf die Kriegsreden arabischer Führer -- obschon gerade die Israelis immer wieder betonen, wie rhetorisch Araber-Reden zu werten seien.

Der israelische Literat Ephraim Kishon: »Die aufgeklärte Welt erwartet, daß wir allerlei Dokumente mit diesen Jublern unterzeichnen und uns dann auf Grenzen in Reichweite von (Palästinen ser-Führer) Habbaschs Mördern zurückziehen. Den Teufel werden wir!«

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