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»Rückschläge treffen Jimmy hart«

Von Leonie Wild, Valeska von Roques und Hans Hielscher
aus DER SPIEGEL 34/1979

SPIEGEL: Mr. Carter, trinken Sie ein Bier?

CARTER: Nein, aber ich kann Ihnen eins bringen.

SPIEGEL: Verlockt Sie nach Ihrer Entziehungskur nicht einmal mehr die feine Blume Ihres »Billy Beer« -- niemals mehr?

CARTER: Ich würde nicht sagen niemals. Ich werde wieder trinken, wenn ich möchte, aber im Moment möchte ich nicht. Ich trinke Coke oder Wasser oder sonstwas.

SPIEGEL: Trinken gehört aber doch zum Wesen eines » Redneck«. Würden Sie für deutsche Leser mal definieren, was das ist -- und wie man das sein kann, ohne zu trinken?

CARTER: Rednecks sind Leute, die den Kragen offen tragen und nie einen Schlips umhaben. Man nennt sie Rednecks, weil sie immer einen Sonnenbrand im Nacken haben. Ich würde sagen, ich bin immer noch ein Redneck, auch ohne zu trinken.

SPIEGEL: Und politisch ist ein Redneck ein Bollwerk konservativer Gesinnung?

CARTE)?: Ja, ich bin noch immer ungeheuer konservativ.

SPIEGEL: Wir haben gelesen, ein Redneck sei auch noch, wer im Auto herumführt, Bier trinkt und die Dosen aus dem Fenster wirft, im Gegensatz zum Typ des »Good ole boy«, der das gleiche tut, aber die leeren Dosen in den Mülleimer wirft. Paßt irgend etwas davon eigentlich auf Ihren Bruder?

CARTER: Na, ich glaube, ihm würde das Image des »Good ole boy« schon entsprechen, wenigstens bevor er nach Washington ging.

SPIEGEL: Man liest sagenhafte Zahlen über Ihren früheren Bierkonsum -- bis zu vierzig Dosen am Tag. Was war der Durchschnitt, und was war der Rekord?

CARTER: Ich kam vielleicht auf einen Durchschnitt von 13 bis 14 Dosen am Tag. Wenn ich aber hart getrunken habe, schaffte ich vierzig bis fünfzig Dosen am Tag.

SPIEGEL: Da Sie nun nicht mehr trinken, sind Sie denn auf dem Weg, ein ebensolcher Heiliger zu werden wie Ihr nichtrauchender, nichttrinkender hochdisziplinierter Bruder, der Präsident?

CARTER: Ich bin kein Heiliger, ich bin nicht mal fromm, überhaupt nicht. Mich verlangt nicht danach. Ich bin kein auf die Bibel starrender Nichttrinker.

SPIEGEL: Anerkanntermaßen ist Alkoholismus Ausdruck eines psychischen Konflikts. In Ihrem Fall wurde (ler angeblich durch den überragenden Schatten Ihres älteren Bruders ausgelöst. Der war immer der Beste, der ist dank seiner Willenskraft Gouverneur von Georgia und schließlich Präsident der USA geworden.

CARTER: Ich habe mich niemals in seinem Schatten gefühlt und schon lange getrunken, bevor er überhaupt Gouverneur wurde, seit meinem achtzehnten Lebensjahr. Jimmy ist schließlich auch vierzehn Jahre älter als ich, wir haben zwei ganz verschiedene Leben geführt.

SPIEGEL: Sie waren nicht nur der kleine Bruder, Sie haben in der Schule auch nur den 25. Platz von 26 Schülern erreicht, während Jimmy immer vorneweg war. Wurde er Ihnen von Ihren Eltern nicht als leuchtendes Beispiel vor Augen geführt?

* Mit SPIEGEL-Redakteuren Wild, Valeska von Roques, Hielscher.

CARTER: Eigentlich nicht. Ich war ja auch ein leuchtendes Beispiel. Meine Mutter hat immer gesagt, ich sei der Schlaueste in der Familie. Ich stimme ihr zu.

SPIEGEL: Herr Cater ...

CARTER: Nennen Sie mich doch einfach Billy.

SPIEGEL: Gut. Billy, Ihr Vetter Hugh schreibt in seinem Buch über den Carter-Clan, Ihr Bruder sei von Ihrem Vater als Kind von Zeit zu Zeit durchgeprügelt worden, während Sie als der Kleine verschont wurden. Hat das den Lebensweg von Jimmy und Ihnen vielleicht unterschiedlich beeinflußt?

CARTER: Mein Vetter Hugh Carter weiß über die Familie Carter so wenig wie all die anderen. Offen gesagt, Hugh Carter ist ein Scheißkerl, sein Buch richtige Scheiße. Er hat es nur geschrieben, um Geld zu machen.

SPIEGEL: Während Jimmy Berufsoffizier werden sollte, waren Sie Ihre ganze Kindheit hindurch darauf vorbereitet worden, das Geschäft zu übernehmen. Jimmy für die Navy, Billy für den Acker, hatte Ihr Vater gesagt. Als Ihr Vater dann aber 1953 starb, kam Ihr Bruder zurück und übernahm das Geschäft. War das nicht ein harter Schlag für Sie?

CARTER: Nicht wirklich. Ich wußte ja, daß ich damals mit 16 noch zu jung dazu war. Später übernahm ich das Geschäft ja dann doch, obwohl nur als Manager, damit Jimmy die Hände für die Politik frei hatte.

SPIEGEL: Sie wollten zu Ihrem Fünfzehn-Prozent-Anteil mehr hinzukaufen, doch man hat es Ihnen abgeschlagen. War das nicht eine neue Enttäuschung für Sie?

CARTER: Eine große Enttäuschung. Weil es mir verweigert wurde, zog ich mich aus dem Betrieb zurück.

SPIEGEL: Gingen Sie deshalb ins Show-Geschäft?

CARTER: Ja, mir blieb keine andere Wahl. Ich brauchte einfach Geld.

SPIEGEL: Warum hat Jimmy Sie wohl so ungerecht behandelt?

CARTER: Na, er hat es ja nicht entschieden, sondern sein Generalbevollmächtigter, Mr. Kirbo.

SPIEGEL: Als Ihr Bruder sich entschied, in die große Politik zu gehen und dann Präsident zu werden, haben Sie eine Art Gegenkarriere begonnen: die des hart trinkenden, ausfallenden Clowns. Stimmen Sie dieser Interpretation zu?

CARTER: Eigentlich nicht. Nachdem er Präsident geworden war, habe ich mich nicht anders verhalten als zuvor. Die Presse hat sich nur mehr um mich gekümmert.

SPIEGEL: Glauben Sie, daß die Leute sich da erst der Unterschiede zwischen ihnen beiden bewußt wurden? Sie haben mal gesagt: »Ich habe eine Mutter, die mit 68 noch ins US-Friedenskorps gegangen ist, eine Schwester, die Wanderpredigerin wurde, eine andere, die auf ihrem Motorrad herumrast, und auch noch einen Bruder, der glaubt, Präsident werden zu können. Ich bin offenbar der einzig Normale in der Familie.«

CARTER: Das glaube ich immer noch.

SPIEGEL: Als eine Art Gegentyp zu Jimmy sind Sie doch eigentlich, ohne es zu wollen, Teil seiner Wahlkampf-Strategie geworden. Denn viele Menschen fühlten sich durch Jimmys Heiligen-Attitüde abgestoßen.

CARTER: Ja, so war es wohl. Nicht am Anfang, aber später hat ihm das im Wahlkampf geholfen. Ich ziehe eben einen anderen Typ Mensch an als er. Ich habe das Image der Familie wieder auf ein menschliches Maß gebracht.

SPIEGEL: Als Jimmy schließlich gewählt wurde, erfuhr eine erstaunte Welt, daß Amerika nun einen Präsidenten hatte, der behauptete, er würde niemals lügen und bis zu 20mal am Tag beten. Haben Sie diese hochtrabenden Beteuerungen eigentlich geglaubt?

CARTER: Er glaubt daran, obwohl ich noch niemanden erlebt habe, der niemals lügt. Das mit dem Beten weiß ich nicht. Wie schon gesagt, er ist religiös, meine Schwester auch. Ich bin es überhaupt nicht. Ich war in den letzten 25 Jahren viermal in der Kirche.

SPIEGEL: Sie sind schon ein seltsames Brüderpaar: Der eine behauptet, er lüge niemals, der andere bekennt frohgemut, er könne mit dem unschuldigsten Gesicht die tollsten Lügen erzählen. Spricht da vielleicht der letztere die Wahrheit, während der erstere lügt? CARTER: (lacht) Kann schon sein. SPIEGEL: Nach dem Präsidenten des Vietnamkrieges und dem Präsidenten des Watergate-Skandals sah sich die Welt mit einem völlig anderen amerikanischen Präsidenten kontrontiert: einem, der in fernen Ländern einen Kreuzzug für die Menschenrechte führen wollte. Allerdings, Länder, die für die USA wichtig sind, wollte er nicht abstrafen, und das schmeckte stark nach Scheinheiligkeit. Wie fand das der einzig normale Carter?

CARTER: Ich weiß nicht recht. Ich habe schon öfter erklärt, daß ich mit vielem übereinstimme, was Jimmy tut, und mit vielem nicht. Aber worin ich mit ihm übereinstimme, möchte ich nicht ausplaudern. Denn dann wüßte man auch, worin ich nicht mit ihm übereinstimme. Ich versuche aber immer noch, mich aus seiner Politik herauszuhalten. Er ist der Präsident, ich nicht. Er tut viele Dinge, denen ich nicht zustimme, doch vermutlich versteht er davon mehr als ich. Manchmal bin ich mir dessen nicht so sicher, aber ich glaube schon.

SPIEGEL: Hat es Sie denn nicht verblüfft, daß er mit so was Erhabenem wie den Menschenrechten kam, und das auch noch in den fernsten Ecken der Welt?

CARTER: Ich glaube persönlich, daß wir anderen nicht dreinreden sollten. Ich bin in etlichen Ländern gewesen, in denen die Menschen angeblich sehr unglücklich sind. Aber als ich sie dann sah, wirkten sie eigentlich ganz zufrieden. Wir beziehen die meisten unserer Informationen ja aus der amerikanischen Presse, aber 90 Prozent von dem, was gedruckt wird, sind Lügen.

SPIEGEL: Glauben Sie nicht, daß es gute und schlechte Journalisten gibt wie gute und schlechte Anwälte oder gute und schlechte Präsidenten?

CARTER: Sagen wir mal so: Es gibt schlechte und noch schlechtere.

SPIEGEL: Sie haben gesagt, daß Sie die Politik Ihres Bruders nicht kommentieren wollten, aber ein paar böse Bemerkungen haben Sie doch gemacht. Sie haben zum Beispiel gesagt: »Unsere Landwirtschaftspolitik ist versauter als jemals zuvor.« Ist sie es immer noch?

CARTER: Ja, jedenfalls in dieser Gegend hier. Ein paar Sachen sind so versaut, wie sie immer waren, ein paar so versaut wie noch nie. Mit der amerikanischen Landwirtschaftspolitik wird wohl keiner fertig

SPIEGEL: Sie stecken doch nicht etwa hinter dem großen Schild, das wir an dem Highway nach Plains gesehen haben? Darauf stand: »Die Farmer von Georgia entschuldigen sich bei den Farmern der USA dafür, daß sie Jimmy Carter ins Weiße Haus gebracht haben.«

CARTER: Nein, damit habe ich nun wirklich nichts zu tun.

SPIEGEL: Sie haben auch schon ganz schön hart über Carters Mitarbeiter und Minister geredet, die er als »superb« anpreist. Sie haben gesagt, der Präsident habe zu viele Typen um sich, die ihm in den Hintern kriechen. Stimmt das immer noch?

CARTER. Na, einen Teil von ihnen ist er ja jetzt losgeworden.

SPIEGEL: Waren's denn die richtigen?

CARTER: Ich weiß nicht, ob er die richtigen losgeworden ist oder die falschen. Einige jedenfalls, die er entlassen hat, hätten schlechter nicht sein können.

SPIEGEL: Was nun Sie betrifft, hat Ihr Bruder gesagt, daß Sie sicher sehr scharf reagieren würden, wenn er versuchen sollte, Sie an die Leine zu legen.

CARTER: Ja, ich würde wirklich scharf reagieren.

SPIEGEL: Sie haben sich auch recht abfällig über Gruppen geäußert, auf die der Präsident angewiesen ist, zum Beispiel über die Juden. Sie haben öffentlich erklärt, daß es verdammt viel mehr Araber auf der Welt gebe als Juden.

CRRTER: Das stimmt doch, oder? SPIEGEL: Sind Sie Antisemit?

CARTER: Ich bin kein Antisemit. Ich bin vielleicht Antizionist. Das ist etwas völlig anderes

SPIEGEL: Während Ihr Bruder mit aller Kraft versuchte, das Nahost-Abkommen zustande zu bringen, haben Sie demonstrativ mit den feindseligsten aller Araber, den Libyern, fraternisiert. Warum eigentlich?

CARTER: Nein, ich besuchte Libyen im Oktober 1977. also bevor mein Bruder mit seinen Nahost-Bemühungen überhaupt angefangen hatte. Ich bin mit den Libyern befreundet.

SPIEGEL: Gerade die Libyer sind doch so puritanisch, etwa in Sachen Alkohol. Woher haben Sie denn in Libyen Ihr Bier bezogen? Damals tranken Sie doch noch.

CARTER: Ja, habe ich. Wir waren auf ein paar Partys in der US-Botschaft, und dort gab es Alkohol. Als die Libyer dann in Amerika waren, habe ich sie eben nach Atlanta und zu mir nach Hause eingeladen. Sie sind auch prompt gekommen. Tod und Teufel hätten mich nicht dazu bringen können, die Einladung zurückzuziehen. Auch wenn ich der Bruder des Präsidenten bin, kann ich doch in mein Haus einladen, wen ich will.

SPIEGEL: Akzeptiert denn Ihr Bruder diese Ihre Sicht der Dinge? CARTER: Wenn Amerika so sehr gegen Libyen ist, warum bezieht es dann eigentlich zwölf Prozent seines Importöls aus Libyen? Warum hören wir nicht einfach auf, 01 aus Libyen zu importieren? Offenbar haben wir da doch zwei Gesichter.

SPIEGEL: Schwierigkeiten machten sie Ihrem Bruder auch mit Äußerungen über die Schwarzen, eine Gruppe, die ihn gewählt hat und die er für seine Wiederwahl dringend braucht. Sie aber sagen zum Beispiel, Sie würden Ihrer Tochter nicht erlauben, einen Schwarzen zu heiraten.

CARTER: Das habe ich nie gesagt. SPIEGEL: Aber Sie sähen doch eine solche Heirat nicht gern?

CARTER. Nein, das täte ich nicht. Ich sähe es vielleicht auch nicht gern, wenn sie einen Katholiken, Juden oder Moslem heiraten wollte oder sonstwen.

SPIEGEL: Einen Deutschen?

CARTER. Einen Deutschen, verdammt noch mal, oder einen Italiener. Aber ich würde ihr doch nicht das Recht bestreiten, es zu tun.

SPIEGEL: Sie sollen einmal gesagt haben, Sie würden Ihrem Sohn nicht erlauben, mit einer Emanze nach Hause zu kommen. Stimmt das?

CARTER: Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich habe zwar einiges gegen die Emanzipationsbewegung gesagt, aber ...

SPIEGEL: Warum sind Sie gegen die Emanzipationsbewegung?

CARTER: Weil ich auf keinen Fall möchte, daß die Frauen noch mehr Rechte bekommen, nachdem sie schon 90 Prozent haben. Kriegten sie noch mehr, hätten wir hier einen Sauladen.

SPIEGEL: Sie sollen auch noch gesagt haben, Frauen seien dümmer als Schweine.

CARTER. Schweine sind sehr intelligent.

SPIEGEL: Ist Ihre Schwägerin Rosalynn Carter, die für die Gleichberechtigung der Frau kämpft, in Ihren Augen eine Emanze?

CARTER: Ich glaube schon. Ich schätze Rosalynn. Wir kommen prima miteinander aus.

SPIEGEL: Rosalynn ist neuerdings politisch sehr einflußreich. Einige bezeichnen sie sogar als stellvertretenden Präsidenten. In Abwesenheit von Vizepräsident Mondale sitzt sie bei Kabinettsitzungen auf dessen Stuhl, wie denken Sie über ihre starke politische Stellung?

CARTER: Ich habe für Jimmy und für Mondale gestimmt, nicht für Rosalynn.

SPIEGEL: Warum liegt Ihnen eigentlich soviel daran, den Präsidenten zu kritisieren? Sie haben doch von seinem Amt für Ihr Showbusiness nur profitiert?

CARTER: Ja, das habe ich. SPIEGEL: Sie treten als besondere Attraktion bei Bauchflipp-Bewerben* auf, bei Weltmeisterschaften im Fahnenstangen-Klettern und Schönheitswettbewerben in der Provinz. Ist es nicht immer der Bruder des Präsidenten, nach dem die Leute fragen und den sie feiern?

CARTER. Es war früher so, jetzt nicht mehr. Jetzt bin ich mein eigner Mann geworden. Wenn ich auftrete, sagen die Leute nicht mehr: »Der Bruder des Präsidenten«, sondern »Billy Carter kommt«. Ich trete jetzt sogar vor Gruppen auf, die gegen Jimmy Carter sind.

SPIEGEL: Können Sie uns dafür ein Beispiel geben?

CARTER: Es war vor einem Jahr oder so, vor einem republikanischen, konservativen Publikum im Norden. In dem betreffenden Landkreis hatte Jimmy weniger als 400 Stimmen bekommen. Ich aber zog Massen an, 3000 Menschen.

SPIEGEL: Aber von denen wurden Sie wahrscheinlich doch gefeiert, weil Sie der Bruder mit dem Anti-Jimmy-Image sind.

CARTER: Schon möglich.

SPIEGEL: Ihr aufsehenerregendstes Anti-Jimmy-Unternehmen war Ihre Entscheidung, den Familiennamen des Präsidenten der USA auf Bierdosen zu bringen, zum ersten Mal in der Geschichte. Was war der Grund dafür? CARTER. Geld.

SPIEGEL: Wieviel hat es Ihnen eingebracht?

CARTER: Einiges.

SPIEGEL: Außerhalb von Plains wird »Billy Beer« kaum mehr angeboten.

CARTER: Aber es kommt wieder. SPIEGEL: Als Plains eine Touristenattraktion wurde, haben Sie darüber geklagt, obschon Sie davon profitierten. Jetzt bleiben die Touristen weg.

CARTER: Das läßt mich kalt. Ich habe die Tankstelle noch, sie ist an meinen Schwiegersohn verpachtet. Der Tourismus in in der Tat entschieden zurückgegangen. Aber Plains wird niemals wieder das alte sein.

SPIEGEL: Sie sollen Ihren großen Bruder, der als Präsident 200 000 Dol-·

* Beleibte Personen federn sich auf den Bäuchen um die Wette vorwärts.

lar im Jahr verdient, an persönlichem Einkommen überholt haben. In Zeiten der größten Nachfrage nach Ihnen sollen Sie sogar zwei- oder dreimal soviel verdient haben wie er. Stimmt das?

CARTER: Das ist ein bißchen hoch gegriffen. Ich würde sagen: Vielleicht habe ich anderthalbmal mehr verdient als er.

SPIEGEL: Man hat Sie als Manager des Carter-Lagerhauses schlampiger Buchführung bezichtigt und sogar den Verdacht geäußert, daß Geld aus der Lagerhaus-Firma illegal in den Präsidentschaftswahlkampf Ihres. Bruders geflossen sei. Was war da eigentlich los?

CARTER: In den Wahlkampf ist überhaupt kein Geld gegangen. Die Bücher sind in Ordnung. Jetzt befaßt sich eine Grand Jury damit. Sie hat alle meine persönlichen Unterlagen, die Unterlagen meiner Frau, meine Geschäftspapiere und sogar die Bankkonten meiner Kinder. Ich habe dreimal vor der Grand Jury ausgesagt. Aber das ganze Verfahren ist sowieso ein Revolverunternehmen, das politisch motiviert war.

SPIEGEL: Was meinen Sie mit politisch motiviert?

CARTER: Die Grand Jury wurde einberufen, nachdem ein paar republikanische Senatoren eine Untersuchung durch den Senat von Georgia beschlossen hatten. Eingerührt hat das alles ein Artikel von ... ich weiß gar nicht mehr von wem, von irgendeinem Idioten beim »Washington Star«. Der Präsident und ich werden makellos daraus hervorgehen.

SPIEGEL: Im Juni 1976, noch bevor er gewählt war, sagte Jimmy, daß er der größte Präsident in der Geschichte der USA werden würde. Das war doch wohl sehr gewagt. Wie finden Sie es denn?

CARTER: Persönlich habe ich keinen Grund, daran zu zweifeln noch nicht, obschon ...

SPIEGEL: ... Obschon doch seine Popularitätskurve selbst unter Parteifreunden auf 22 Prozent herunter ist, auf einen Tiefstand, den nicht mal Nixon in seinen dunkelsten Tagen erreicht hat. Manche Amerikaner sehen sogar voraus, daß sich seine fallende Popularitätskurve eines Tages mit der steigenden Inflationskurve der USA schneiden wird. Wie erklären Sie sich denn, daß Jimmy so unpopulär geworden ist?

CARTER: Ach, wissen Sie, Meinungsumfragen werden in den USA vor allem für die Zeitungen gemacht. Nach einer Meinungsumfrage soll mein Bruder zum Beispiel nur ein Jahr vor seiner Wahl zum Präsidenten nicht mal einem Prozent des Volkes bekannt gewesen sein. Er wurde dennoch gewählt, und ich glaube, er schafft es wieder.

SPIEGEL: 1976 haben Sie 22 000 Dollar auf Jimmys Wahl gewettet. Würden Sie denselben Betrag jetzt auch auf seine Wiederwahl wetten? CARTER: Ja.

SPIEGEL: Ist das nicht leichtsinnig? Wenn man den strahlenden Jimmy von 1976 mit dem grüblerischen, ausgezehrten, unglücklichen Gesicht vergleicht, das er heute hat, bekommt man doch Zweifel an einem neuen Sieg. Auf jeden Fall hat er sich sehr verändert, finden Sie nicht?

CARTER: Er hat sich ein bißchen verändert, ja. Heute lastet aber auch mehr Druck auf ihm als 1976. Im übrigen billige ich überhaupt nicht, was Sie über sein Gesicht gesagt haben. Jeder behauptet, er sei gealtert, dabei hat er nur eine andere Frisur und ist grauer geworden. Zum Teufel, er braucht gar nicht zu altem. Er ist doch schon ganz schön alt.

SPIEGEL: Sicher finden Sie aber auch, daß er in den letzten Monaten schwere Rückschläge einstecken mußte. Da Sie ihn besser kennen als die meisten seiner Landsleute: Wie verkraftet er Rückschläge?

CARTER: Wie jeder andere auch. Sie treffen ihn hart. Aber man muß dabei berücksichtigen, daß die amerikanische Presse jeden amtierenden Präsidenten jagt.

SPIEGEL: In seiner Fernsehansprache vom 15. Juli sagte der Präsident, daß die Amerikaner das Vertrauen in ihr Land verloren hätten und tief pessimistisch in die Zukunft sähen. Da Sie nicht in der Washingtoner Isolierung leben und die Leute hier kennen -- empfinden Sie die Stimmung im Land auch so?

CARTER: Ich glaube, das Land ist in Ordnung. Ich glaube nicht, daß die Menschen ihr Vertrauen in das Land verloren haben, wirklich nicht. In diesem Punkt stimme ich mit Jimmy nicht überein. An dem Abend, an dem er seine Fernsehansprache hielt, kam ich gerade aus Las Vegas zurück, wo ich als Gast bei den Astronauten eingeladen war, die als erste den Mond betreten hatten. Es war brechend voll, die Menschen hatten 150 Dollar für ein Abendessen gezahlt. Menschen aus allen Teilen der USA. Ich glaube, das hat etwas gezeigt -- Patriotismus.

SPIEGEL: Billy, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Billy Carter

ist das Enfant terrible Washingtons geworden, das der Familie Carter war er schon immer. Während der ältere Bruder Jimmy aufstieg, lernte Billy vieles, aber nichts richtig, bis auf Trinken. Während Jimmys Frau Rosalynn und selbst Mutter Lillian in politischen Missionen für Jimmy aufgehen, wurde Billy, 42, sechs Kinder, in der kleinen Welt des Carter-Geburtsorts Plains in Georgia eine Art Volksheld. Dort verteilt er in seiner Tankstelle mit Ausschank an glückliche Touristen Handschläge und Autogramme, von dort startet er zu seinen landesweiten Schau-Auftritten, bei denen er den Namen Carter vermarktet, typisch amerikanisch, wenn es nicht der Familienname des Präsidenten wäre. Dazu stört Bully gelegentlich die erhabenen Kreise seines Bruders durch politische Apercus, die den ungetrübten Weltblick von »Middle America« widerspiegeln.

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