Zur Ausgabe
Artikel 15 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Entwicklungshilfe Rüde Vorfälle

Trotz skrupelloser Verhaftungen und Verhörmethoden der bolivianischen Behörden will Entwicklungshilfeminister Erhard Eppler seine Helfer aus dem südamerikanischen Rechts-Staat nicht abziehen.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Unauffällig folgte Werner Breuer, Sicherheits-Beamter der deutschen Botschaft in La Paz, dem Wagen des päpstlichen Nuntius. Im Dienst-BMW und mit schußbereiter Maschinenpistole sicherte der Deutsche am vorletzten Donnerstag die Fahrt des Nuntius-Gehilfen Monsignore Luigi Travaglino zum Flughafen der bolivianischen Hauptstadt.

Sein Geleit galt der Beifahrerin des geistlichen Herren: Beatrice Merrem. G roßnichte des bolivianischen Außenministers Mario Gutiérrez und Ehefrau des Bonner Entwicklungshelfers Gerd Merrem, sollte den Lufthansa-Flug LH 491 La Paz-Frankfurt erreichen.

»Rüde Vorfälle« (Entwicklungshilfeminister Erhard Eppler) hatten die außergewöhnlichen Sicherheitsvorkehrungen für die Ausreise der Bolivianerin erzwungen. Denn auch vorsichtige Diplomaten befürchteten. daß Frau Merrem in letzter Minute gewaltsam am Abflug gehindert werden könnte.

Zwei Wochen zuvor. Beatrice Merrem war zu Besuch auf der Rinderfarm ihres Bruders in Guirapembi, hatte die Hatz begonnen. Der Präfekt der Provinz Santa Cruz, Widen Razuk. und der Staatssekretär im Innenministerium, Chicho Elio, verhafteten die Frau des Beauftragten des deutschen Entwicklungsdienstes (DED) und flogen sie nach La Paz.

Gleichzeitig inhaftierten Geheimpolizisten in Santa Cruz neun deutsche Entwicklungshelfer mit der Begründung, sie hätten einen Mordanschlag auf den bolivianischen Staatspräsidenten Hugo Banzer vorbereitet. Wenige Tage später freilich mußte das Innenministerium seine Anschuldigungen auf den Vorwurf reduzieren, man habe bei einigen DED-Helfern subversive Literatur gefunden.

Anstoß nahmen die Staatsspitzel insbesondere an einem »Life«-Artikel über den französischen Südamerika-Revolutionär Regis Debray und einem »Playboy«-Heft, die sie in der Wohnung des Merrem-Kollegen Hermann Mahler sicherstellten.

»Unter Androhung einer kollektiven Vergewaltigung« (Ehemann Gerd Merrem) suchten Innenstaatssekretär Elio und seine Sicherheitsbeamten aus der verhafteten Merrem Auskunft über die Projektarbeit ihres Mannes. über Kontakte des Entwicklungsdienstes zum katholischen Klerus und Einzelheiten über DED-Kollegen zu erpressen.

Und auch Elio-Chef Adet Samura. Innenminister des Landes, erpreßte: In seinem Ministerium gäbe es genug Beamte. die sie durch Notzucht zum Reden bringen würden. Elio brachte sie zum Reden.

In dem von seinen Polizisten bewachten Hotel »Copacabana« gestand die Außenminister-Nichte schließlich: DLD-Helfer Mahler sei im Besitz einer blonden Perücke und eines blonden Bartes Utensilien. die ein Kollege für eine Theatergruppe in Peru angefordert hatte ---. rind ihr Mann habe im September des vergangenen Jahres in seinem Privatflugzeug den Rektor der Universität in Santa Cruz in das südliche Department Tarija mitgenommen.

Sechs tage nach ihrem Arrest konnte Beatrice Merrem entfliehen. Deutsche Botschaftsbeamte. die sich für die bolivianische Ehefrau des DED-Beauftragten nicht zuständig fühlten, verwiesen die Schutzsuchende an den Botschafter des Vatikans.

Flieger Merrem und Perücken-Besitzer Mahler, die ebenso wie die anderen DED-Helfer nach einer Intervention des Außenministers freigelassen worden waren. wurden abermals sistiert. Konsterniert telexte Botschafter Georg Graf zu Pappenheim nach den hektischen Verhaftungsaktionen an das Bonner AA, er habe den Eindruck, die Festnahmen der Entwicklungshelfer beruhten »auf mangelnder Koordination des bolivianischen Verwaltungs- und Regierungsapparates«.

Daran wird es kaum gelegen haben. Denn unter dem faschistischen Regime des Staatspräsidenten Hugo Banzer sind Denunziationen und ungerechtfertigte Verhaftungen längst schlechter Brauch. Nach den Ermittlungen der bolivianischen Bischofskonferenz wurden seit Banzers blutigem Umsturz im August letzten Jahres 1800 Menschen in die Militärgefängnisse und Konzentrationslager des Landes gesteckt.

Auch Pappenheim registrierte in einem anderen Telegramm an das AA den Unterschied »zwischen dem anfänglichen Vorwurf der Vorbereitung des Präsidentenmordes und der Fluchthilfe für verfolgte »Linke«, die keine Chance eines rechtmäßigen Verfahrens hatten, sondern unter Umständen mit der Erschießung rechnen mußten«.

Selbst der Vorwurf der Fluchthilfe war schließlich nicht mehr zu halten. Denn DED-Merrem ist allenfalls anzulasten, daß er am 3. September 1971 einem »bolivianischen Bürger, gegen den kein Haftbefehl vorlag« (Merrem). in seiner viersitzigen »Meta Sokol« einen Freiflug nach Tarija gewährte.

Dennoch lag für Walther Leisler Kiep, CDU-Schattenminister für Entwicklungshilfe, der Fall sofort klar. Von seiner Hochseejacht in der Ostsee ortete er die Schuldigen für die südamerikanischen Vorfälle: Die »Vorgänge in Bolivien« --- so Urlauber Kiep -- bewiesen. »daß der Deutsche Entwicklungsdienst in seiner Praxis mehr und mehr nach links abzurutschen droht«.

DED-Dienstherr Eppler will sich freilich weder von Kiep noch von Banzer beirren lassen.

Zwar werden 25 DED-Helfer von einem Ansiedlungsprojekt für 2400 Hochland-Indios in der Provinz Santa Cruz abgezogen. Doch ein Teil von ihnen und die übrigen 15 DEDler sollen auch künftig das Banzer-Land entwickeln helfen. Eppler: »Wir wollen eine Regierung nicht dadurch bestrafen, daß wir die arme Landbevölkerung im Stich lassen.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 15 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.