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Bundeswehr Rühes Schwindeleien

aus DER SPIEGEL 8/1994

Es ist nicht schade drum, daß die Bundeswehr jetzt nach einigen Monaten Kriegs-Spiel aus der somalischen Steppe abzieht: Alles daran war Schwindel. Schon das deutsche Camp - es wirkte so groß wie die Stadt Belet Huen. Es war besser bewacht und bewaffnet als die Bewacher, die - um dem Grundgesetz Genüge zu tun - den »Schutz der Bundeswehr« übernommen hatten.

Jeder wußte doch, daß die indische Kampf-Brigade nicht kommt, für die das gesamte Logistik-Camp mitsamt dem riesigen ZDF-Medien-Camp und der Deutschen Welle eingerichtet wurde. Jeder wußte: Die Bundeswehr macht eine große Übung, die erste transkontinentale, die sie auf Grund der Gunst der weltpolitischen Stunde machen darf. Sie kann das noch mit einer Großmacht-Aspiranz verbinden. Der Sitz im Sicherheitsrat mit Veto-Qualität, so mögen sich manche Bonner gedacht haben, den bekommen wir nur, wenn wir hier nicht herumeiern.

Jetzt beim Abzug scheint es so, als habe man - um eine Verwicklung in innersomalische Kämpfe zu vermeiden - die Scheichs vor Ort bestochen, mit ihren häufigen Streitereien so lange zu warten, bis die Bundeswehr ihre Übung abgeschlossen hat. _(Neudeck, 54, ist Gründer des Komitees ) _(Cap Anamur/Deutsche Notärzte. )

Als die 4000 Inder nicht kamen, für die das ganze Logistikzeug samt Fernmeldern, Pionieren, Instandsetzern, Sanitätern aufmarschiert war, wurde der tiefe Sinn der militärischen Übung deutlich. »Macht nichts«, sagte der Minister Volker Rühe: »Dann machen wir eben humanitäre Hilfe.«

Das war der Schwindel Nummer zwei. In den Worten der Vorsitzenden der »Welthungerhilfe«, Helga Henselder-Barzel: Die Belet-Huen-Operation wird am Ende 500 Millionen Mark kosten, für humanitäre Hilfe wurden bisher lediglich 2,3 Millionen ausgegeben, »die gewaltigen Ausgaben stehen im krassen Mißverhältnis zu den erbrachten Leistungen für Wiederaufbau in Somalia«.

Der dritte Schwindel: Die deutschen Soldaten wurden von anderen Soldaten beschützt und bewacht, damit ihnen kein Haar gekrümmt werde. Vor dem deutschen Riesencamp war ein kleines Spielzeugcamp - das vorgeschaltete Lager der Nigerianer, die die Deutschen bewachen sollten. Wozu denn eigentlich die deutschen Panzerfäuste, Schützenpanzer vom Typ »Fuchs« und Spähpanzer vom Typ »Luchs«?

Die amerikanischen Marines, die da am frühen Morgen des 9. Dezember 1992 in Somalia Eroberung spielten, haben genau das nicht getan, was die einzige essentielle Aufgabe gewesen wäre - die Entwaffnung und Abrüstung der Einheimischen. Schon am 22. Juli 1992 hatte Butros Butros Ghali dem Sicherheitsrat geschrieben: »Einige somalische Älteste haben uns gebeten, die Bevölkerung zu entwaffnen. Einige haben uns gebeten, diese Waffen zu zerstören, andere haben gemeint, wir sollten sie für eine reguläre Polizeitruppe zurückhalten und lagern.«

Dann erklärten die Amerikaner, Entwaffnung sei im Mandat nicht vorgesehen (was falsch war). Und: »Die Somalier meinen, sie hätten ein Recht, Waffen zu tragen. Das ist nicht in ihre Verfassung geschrieben, aber in ihre Seelen.« Tatsächlich war Entwaffnung die zentrale Frage. Sie wurde nicht gelöst.

Auch die Bundeswehr war eine Enttäuschung. Gefragt, ob sie denn nicht wenigstens Minen großflächig räumen könne, antwortete Rühe, »daß die Bundeswehr gar nicht in der Lage wäre, großflächige Minensuche und Räumung zu betreiben«. Das ist die neue deutsche Bescheidenheit.

An anderer Stelle wird sie zum Unfug. Schubweise wurden Plastikflaschen mit Trinkwasser von Dschibuti (Paletten a 7000 Kartons mit zwölf 1,5-Liter-Plastikflaschen Vittel) in teuren Transalls nach Belet Huen eingeflogen, obwohl die Bundeswehr von den Kanadiern eine teure Wasseraufbereitungsanlage übernommen hatte. Diese Anlage sollte täglich bis zu 460 000 Liter aus einem Fluß pumpen. Das Wasser war gut genug für Italiener, Somalier, nicht für die Deutschen.

Dabei könnten deutsche Soldaten in dieser Weltgegend wirklich helfen. Anfang September 1993 bat der Präsident von Somaliland, Mohammed Ibrahim Egal Helmut Kohl um Hilfe - um die Beseitigung einer Gefahr für die Bevölkerung der Hafenstadt Berbera. Dort lagern seit Anfang der siebziger Jahre mehr als 200 SA-5-Raketen sowjetischer Bauart mit einer Vorstufe vom Nervengas Sarin. Diese Raketen seien schon leck. Wenn sie losgehen, gibt es nicht mehr die Stadt noch die sie bevölkernden 70 000 Menschen. Bis heute hat Präsident Egal keine Antwort.

Es wäre an der Zeit, daß wir die Dankbarkeit für die Geiselbefreiung der Lufthansa-Maschine Landshut (1977) und unsere humanitäre Verbindlichkeit zeigen. Im Norden Somalias kann die Bundesrepublik mit ihrem guten Namen sofort zu arbeiten beginnen. Y

Neudeck, 54, ist Gründer des Komitees Cap Anamur/Deutsche Notärzte.

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