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Ägypten Ruf der Finsternis

Napoleons Truppen brachten vor 200 Jahren die Moderne an den Nil - für Fundamentalisten auch heute noch ein Ärgernis.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Ihr zieht den Ruf unseres großen Vaterlandes in den Schmutz«, klagte Faruk el-Bischri. Der prominente Literat warnte die »irregeleiteten Intellektuellen« seiner Heimat: »Hört auf mit der Geschichtsverfälschung, die euch das Ausland vorschreibt.«

Scheich Jussuf el-Badri, Vertreter einer strengen islamistischen Gruppe, erkannte gar einen »Anschlag auf die Religion Gottes, den Islam«. Der Prediger warnte die Gläubigen vor dem »Versuch, unsere Gehirne zu leeren«. Die von Fundamentalisten kontrollierte Wochenzeitung El-Schaab konstatierte »akute Gefahr« für die Selbstachtung der Ägypter.

Die Aufregung gilt dem Beschluß des Kulturministers Faruk Husni, aus Anlaß des 200. Jahrestages der Ägypten-Expedition Napoleon Bonapartes von 1798 ägyptisch-französische Festwochen zu veranstalten, die bereits demnächst beginnen sollen. Nationalistische und islamische Eiferer wittern in den geplanten Feierlichkeiten einen geistigen Tribut des volkreichsten arabischen Landes an den kulturellen Einfluß des Westens.

Tatsächlich soll die Wiederbesinnung auf Ägyptens ersten Kontakt mit der Moderne dazu beitragen, die Öffnung zum Westen zu bekräftigen. Für die fanatischen moslemischen Fundamentalisten stellt der Versuch, die Ankunft des nach Weltmacht strebenden Mamelucken-Bezwingers aus Paris zum Meilenstein in der ägyptischen Geschichte zu machen, eine schwere Provokation dar.

Ministerpräsident Kamal el-Gansuri nannte die drei Jahre dauernde französische Präsenz (1798 bis 1801) »die wichtigste Wasserscheide in unserer Geschichte«. Napolen eroberte damals mit erstaunlicher Leichtigkeit ein Land, das unter dem Joch der osmanisch-türkischen Herrscherkaste ausgeblutet und auf einen wirtschaftlichen wie zivilisatorischen Tiefpunkt gefallen war.

Die aus dem Kaukasus stammenden Mamelucken preßten ihre ägyptischen Leibeigenen schändlich aus und waren untereinander in ständige Machtkämpfe verwickelt. Seuchen hatten die Bevölkerung des einstigen Großreichs auf zwei Millionen schrumpfen lassen. Regierung und Armee blieben den Einheimischen verschlossen. Die Diskriminierung der koptischen Christen empfanden die Franzosen als »menschenunwürdig«.

Die technisch und strategisch überlegenen Truppen Napoleons bauten eine für Ägypten revolutionär-fortschrittliche Verwaltung auf. 163 Wissenschaftler aller Fachrichtungen, die sich im Troß der französischen Armee befanden, gründeten das »Institut d''Egypte«, verordneten eine moderne westliche Gesetzgebung sowie die Bildung eines »Diwans«, einer Art ratgebender Versammlung.

Diwan-Mitglied Abd el-Rahman el-Dschabarti, islamischer Schriftgelehrter und Chronist der Franzosenzeit, lobte das von den Fremden praktizierte Gleichheitsprinzip vor Gericht als »atemberaubend«. Respekt nötigte auch die bahnbrechende Entzifferung der Hieroglyphen ab, die dem Franzosen Champollion dank des von Napoleons Soldaten gefundenen »Steins von Rosette« gelang.

Zwar respektierten die Besatzer den Islam und seine religiösen Würdenträger, auf ausdrücklichen Befehl des taktisch klugen Napoleon. Doch die Allgegenwart der Franzosen und ihre Eingriffe in viele Lebensbereiche führten zu blutig unterdrückten Volksaufständen, die von islamischen Predigern geschürt wurden. Zu dramatisch war der Kulturschock; so stieß das Verbot, Verstorbene in den Häusern ihrer Angehörigen zu begraben, auf harten Widerstand.

Engländer und Türken erzwangen 1801 den Abzug des napoleonischen Heers. Doch die Nachwirkungen der »drei befruchtendsten Jahre in der Geschichte Ägyptens«, so der Filmemacher Jussuf Schahin, hielten an. Der in osmanischen Diensten stehende albanische Offizier Mohammed Ali, der Jahre nach dem Ende des französischen Abenteuers das faktisch unabhängige Vizekönigreich Ägypten gründete und heute als Schöpfer des modernen ägyptischen Staats gilt, baute auf den Reformen auf.

Als erstes Land der islamischen Welt war Ägypten daher in der Lage, eine vergleichsweise effiziente Verwaltung zu errichten und das Bildungswesen zu modernisieren. Französisch wurde zur Sprache der Oberschicht.

Die Umgestaltung des Landes nach westlichem Vorbild, die im wesentlichen auf den frühen französischen Einfluß zurückgeht, kam erst in den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts zum Stillstand. Damals ließ Präsident Anwar el-Sadat ultraorthodoxe islamische Politiker frei, die sein Vorgänger Gamal Abd el- Nasser inhaftiert hatte. Darunter befanden sich militante Anhänger der Moslembruderschaft, eines 1928 gegründeten Bundes, der sich eng an den rigiden saudiarabischen Beduinen-Islam der Wahhabitensekte anlehnt. Jeden Neuerungsversuch prangern die Brüder noch heute als Ketzerei an.

Mohammed Abd el-Kaddus, ein Sprecher der Moslembruderschaft, denunzierte die geplanten Gedenkfeiern denn auch als »Kampfansage an Religion und nationale Ehre«.

Das Plädoyer des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac für eine ägyptisch-französische Kulturpartnerschaft veranlaßte glühende Nationalisten zu dem Kommentar: »Ägypter, die so etwas beklatschen, sollten lieber gleich betteln: Kommt zurück und besetzt uns wieder.«

Der Schriftsteller Kamal el-Suheiri, mit der Vorbereitung der Gedenktage betraut, erwiderte daraufhin, »Rufe zur Rückkehr in die Finsternis« verbauten Ägypten den Weg in die Zukunft: »Vergeßt nicht: Die Franzosen nahmen ihre Kanonen wieder mit, doch sie ließen ihre Druckerei zurück.«

In der Tat: Arabiens erste Zeitung erschien in Kairo - erstellt auf Napoleons mitgebrachter Druckerpresse. Nur eine Neuerung - im modernen Ägypten immer noch in Kraft - verschweigt Paris gern: Auch der erste Zensor war ein Franzose.

* Gemälde von Jean Antoine Gros.

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