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USA Ruf einmal farbenblind

Die Burgerrechtsbewegungen setzten einst Gesetze zum Schutz der Schwarzen durch. Jetzt werden Weiße diskriminiert.
aus DER SPIEGEL 43/1977

Nach allem, was seiner Nation hoch und heilig ist, hätte Alan Bakke Erfolg verdient.

Im College war er ein Musterstudent. Seinem Land hatte er im Vietnamkrieg als Hauptmann hei der Marineinfanterie gedient. Er führte eine gute Ehe und arbeitete als Nasa-Ingenieur zu aller Zufriedenheit.

1973 entschloß sich Bakke, umzusatteln und Arzt zu werden. Er bewarb sich an der medizinischen Fakultät der Universität von Kalifornien in Davis. Bei der Aufnahmeprüfung schnitt er besser ab als die meisten seiner 2663 Mitbewerber.

Dennoch wurde Bakke abgewiesen. Zusammen mit einem Beamten aus dem Zulassungsbüro fand er heraus, daß mehrere Kandidaten mit weitaus geringerer Punktzahl als er angenommen worden waren.

Sie hatten ihren Platz in einem gesonderten Zulassungsverfahren erobert, das die Universität für Angehörige »wirtschaftlich und kulturell benachteiligter Gruppen« eingerichtet hat -- für Schwarze insbesondere und für Amerikaner mexikanischer und asiatischer Herkunft. Jeweils 16 von 100 jährlichen Neuzulassungen hatte die Universität in Davis für sie reserviert.

Für sie galten leichtere Prüfungsbestimmungen. Während reguläre Bewerber einen Notenschnitt von 3.49 für die Zulassung aufweisen mußten, genügte für die Sonder-Kandidaten ein Durchschnitt von 2.88 (Bakkes Wert: 3.51). Die Chance der normalen Bewerber für einen Studienplatz betrug eins zu 29, die der anderen eins zu zehn.

Nachdem er auch im darauffolgenden Jahr von insgesamt elf Hochschulen abgewiesen worden war, zog Bakke vor Gericht: Er sei wegen seiner Rasse benachteiligt worden, und das sei »eine umgekehrte Diskriminierung«.

Dabei berief er sich auf den 14. Verfassungszusatz, der jedwede rechtliche Benachteiligung von Amerikanern auf Grund ihrer Rasse verbietet. Er war 1868 erlassen worden, um die Rechte jener schwarzen Minderheit zu schützen, deren Nachfahren er jetzt, wie Bakke meint, weichen muß.

Sein Fall, der in der vergangenen Woche vor dem Supreme Court verhandelt wurde, erregt die Nation wie kaum einer seit den Stürmen der Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahren.

»Newsweek« verglich ihn mit dem Fall des Farbigen Brown, dessen Kampf gegen die US-Erziehungsbehörde 1954 die Aufhebung der Rassentrennung an den amerikanischen Schulen einleitete. Das kalifornische Magazin »Change« sah voraus, daß der Fall Bakke gar »den Kurs der Geschichte« ändern werde.

Der Fall Bakke berührt in der Tat Grundfesten des amerikanischen Credos: Dürfen, wenigstens zeitweise, die Chancen für Weiße vermindert werden, um das bisherige Chancendefizit für Schwarze und andere Minoritäten auszugleichen?

Die Verteidiger des doppelten Zulassungsstandards boten ein Gleichnis an: Um einem Baum, dessen Zweige am Boden festgebunden waren, ein normales Wachstum zu ermöglichen, genüge es nicht, ihn loszubinden, er müsse auch in die andere Richtung gebogen werden. Um das Unrecht wieder gutzumachen, müßten die Weißen Wiedergutmachung zahlen und wenigstens temporär Nachteile auf sich nehmen.

Die USA hätten eine besondere Verantwortung, den Diskriminierten jetzt zu helfen, argumentierte zum Beispiel Jack Greenberg von der Bürgerrechts-Organisation NAACP. Die Schwarzen seien wirklich ein Sonderfall: »Ich weiß von keiner anderen Gruppe, die Opfer von Sklaverei gewesen wäre.«

William Raspberry, schwarzer Kommentator der »Washington Post": »Jetzt auf einmal Farbenblindheit zu verlangen, nachdem die Weißen einen unfairen Vorteil hatten, heißt nichts anderes als die Benachteiligung der Schwarzen zu institutionalisieren.«

Für die Anhänger Bakkes wiederum ist jede Bevorzugung von Minderheiten umgekehrter Rassismus. Nathan Lewin, Professor für Verfassungsrecht an der Georgetown University: »Gesetze, die eine bestimmte Rasse bevorzugen -- sei sie Minderheit oder Mehrheit -- geben eben jenen rassistischen Unterscheidungen, die wir als Gesellschaft zu überwinden versuchen, das Siegel der amtlichen Zustimmung.«

Auch andere ethnische Gruppen haben sich auf die Seite Bakkes geschlagen. »Man kann doch nicht von einzelnen verlangen, für die Sünden eines Systems zu zahlen, das in der Vergangenheit Juden und Italiener genauso ausgeschlossen hat wie die Schwarzen«, argumentierte Paul J. Asciolla, Direktor der Italian-American Foundation.

Die Kontroverse hat zu seltsamen Bündnissen geführt: Während die alte Koalition von Liberalen, Juden und Schwarzen an ihr auseinanderzubrechen droht, sehen sich Liberale plötzlich in einem Lager mit den rechten »Young Americans for Freedom«.

Präsident Carter, der erst gegen ein starres Quotensystem war, änderte vermutlich auf Druck von schwarzen Politikern und Bürgerrechtlern seine Meinung. Ein von ihm veranlaßtes Gutachten des Justizministeriums sprach sich bei Hochsehulzulassungen für »besondere Berücksichtigung« von Studenten aus Minderheitsgruppen aus, ohne sich freilich ausdrücklich auf Quoten festzulegen.

Die meisten Amerikaner stehen hinter Bakke. In einer Gallup-Umfrage lehnten über 80 Prozent der Befragten Sonderrechte für Minderheiten ab.

Daß die Probleme eines abgewiesenen Studenten eine ganze Nation bewegen, liegt nicht zuletzt daran, daß die USA das klassische Land der Minderheiten sind. Durch zahlreiche Gesetze, die im Gefolge der Bürgerrechtsdemonstrationen der 60er Jahre ergingen, sollte die Diskriminierung der Farbigen und anderer Minderheiten auf allen Gesellschaftsgebieten abgeschafft werden.

Arbeitnehmer können sich bei der »Equal Employment Opportunity Commission« (EEOC), einer Bundesbehörde in Washington, beschweren, wenn sie meinen, aufgrund von Rasse, Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder nationaler Herkunft benachteiligt worden zu sein.

Die EEOC kann Beförderungen oder auch Lohnnachzahlungen für Arbeitnehmer einklagen. Sie kann verlangen, daß Firmen Programme zur Förderung von Minderheiten entwickeln, andernfalls würden sie ihre Bundes-Aufträge los. Mehr als 100 000 solcher Fälle hat die EEOC schon erledigt.

Als 1973 die amerikanische Telephongesellschaft A.T. & T. von der EEOC dazu verdonnert wurde, diskriminierten Arbeitnehmern einen Schadenersatz von 38 Millionen Dollar zu zahlen, war das ein spektakulärer Sieg für die Anti-Diskriminierungsbehörde. Freilich: Von 40 000 Firmen, die seither wegen Diskriminierung angeklagt wurden, verloren nur 15 ihre Bundes-Aufträge.

Viele amerikanische Arbeitnehmer glauben, ein bürokratisches Monster in Washington verderbe strebsamen Arbeitern das Fortkommen, indem es ihnen einen Schwarzen oder eine Frau vorsetzt. Hinzu kam in letzter Zeit die Angst um den Job. Denn Frauen und Schwarze, die als letzte geheuert worden waren, durften nicht mehr automatisch als erste gefeuert werden.

Allan Bakke ist keinesfalls der erste, der wegen umgekehrter Diskriminierung vor den Kadi gezogen ist. um Brunetti, ein Feuerwehrmann aus Berkeley, Kalifornien, klagte um einen besseren Job, der an einen Schwarzen aus seiner Truppe gegangen war, obwohl dieser bei einer Prüfung für den Posten schlechter abgeschnitten hatte.

Und an derselben Universität, an der sich Bakke vergeblich um einen Studienplatz bemüht hatte, studiert die 22. jährige Rita Greenwood Clancy, eine Weiße russisch-jüdischer Herkunft. Sie hatte, wie Bakke, wegen umgekehrter Diskriminierung geklagt, nachdem ihr trotz guter Zensuren ein Studienplatz verweigert worden war.

Zwar ist die Entscheidung über ihren Fall aufgeschoben worden, bis der Supreme Court im Falle Bakke seine Entscheidung veröffentlicht hat. Auf gerichtliche Anordnung durfte Rita Clancy jedoch bereits mit dem Medizinstudium anfangen.

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