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FRANKREICH / LECANUET Ruhe im Bistro

aus DER SPIEGEL 41/1966

Er lächelt wieder für Frankreich, wenn auch gebremst. Ein ernst gewordener Jean Lecanuet, 46, blickte erstmals seit neun Monaten wieder von den Schirmen des staatlichen französischen Fernsehens. In den Bistros an den Pariser Boulevards und den Dorfcafés in der Provinz verstummte der Lärm - wie wenn de Gaulle spricht.

15 Millionen Fernseh-Franzosen sahen nicht mehr den hurtigen Springinsfeld Lecanuet, der seinem Staatschef im Dezember 1965 bei den Präsidentschaftswahlen mit dem Siegerlächeln Kennedys fast vier Millionen Stimmen abjagte und ihn damit zur Stichwahl verurteilte (SPIEGEL 51/1965). Sie sahen die zerfurchte Stirn eines gefaßten, aber um so dynamischer wirkenden Mannes.

70 Minuten lang versuchten drei Journalisten, den gelernten Philosophie -Dozenten aus Rouen auf dem Bildschirm in die Enge zu treiben. 70 Minuten lang brannte Fernsehstar Lecanuet ein Feuerwerk an Schlagfertigkeit, Präzision und Überzeugungskraft ab.

Es war ein, Trompetenstoß zur Entscheidungsschlacht mit de Gaulle, die in den kommenden Monaten zu schlagen ist: Im März 1967 wird die französische Nationalversammlung neu gewählt.

Im jetzigen Parlament hat de Gaulles Staatspartei UNR 233 von 482 Sitzen, also nicht die absolute Mehrheit. Sie regiert nur mit Hilfe ihres Koalitionspartners, der »Unabhängigen Republikaner« des Ex-Finanzministers Giscard d'Estaing, der 35 Abgeordnete einbrachte und dafür drei Mann (Industrieminister Marcellin, Außen-Staatssekretär de Broglie und Verkehrs-Staatssekretär Bettencourt) ins Kabinett Pompidou entsenden durfte.

Giscard hat Wahlsorgen, die gleichen wie Mende in Bonn: als Regierungspartei Opposition zu machen, aber nicht zu viel. Ihm vor allem, aber auch der UNR, hofft Lecanuet Sitze für sein »Demokratisches Zentrum« abzujagen: »Mit 85 Mandaten ist es ein Erfolg, mit 90 ist es ein Sieg.«

Dann könnte Charles de Gaulle nur noch mit Jean Lecanuet regieren - eine Hypothese, die auch de Gaulles Mann in der Fernsehrunde, Frédéric Grendel, Chefredakteur des gaullistischen Wochenblatts »Notre République«, nicht ausschloß.

Lecanuet münzte diese Hypothese - daß er das Zünglein an der Waage sein werde - sogleich in ein unabwendbares Naturereignis um; der unbedachte-Gaullisten-Grendel hatte ihm einen Trumpf zugeschoben. Siebenmal trommelte Lecanuet mit dem Tenor: »Sie haben selbst gesagt: Morgen gibt es eine neue Mehrheit, ein neues Parlament, eine neue Politik.«

Und: »Der General muß die Konsequenzen ziehen.« In der letzten Woche bot Lecanuet de Gaulles Premier Pompidou bereits einen Koalitionsvertrag an.

Stöhnte der linke, Lecanuet nicht wohlgesonnene »Express": »Wenn dieser Mann, sobald er auftritt, gefährlich wird, so weil er glaubt, was er sagt.«

De-Gaulle-Gegner Lecanuet

Gebremstes Lächeln

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