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FRANKREICH Ruhe und Rehe

Historische Schlösser und Herrensitze stehen zu Hunderten zum Verkauf. Deutsche Interessenten blieben bislang zurückhaltend.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Millionär muß man nicht sein«, behauptet Immobilienhändler Pierre Lefrancois, »um in Frankreich fürstlich zu residieren.«

»Kleines Schloß, 90 Kilometer von Paris, 500 000 Francs«; Nièvre, Schloß Ludwigs XVI., 55 000 Quadratmeter Land, 850 000 Francs«; »Fünf Kilometer von Dieppe, Schloß und 60-Hektar-Besitz, 2,1 Millionen Francs«; »Chateau de La Celle-Guénand, 15. Jahrhundert, 2,2 Millionen Francs« -- das alles bieten französische Makler-Firmen in ihren Prospekten feil.

Auch im Wirtschaftsblatt »Le Nouvel Economiste«, dem Frauen-Magazin »Jours de France, im »Vieilles Maisons Francaises« wie dem alle 14 Tage gedruckten Immobilienführer »Indicateur Bertrand« nickt Frankreichs Adel zunehmend Anzeigen ein, die häufig wirtschaftlichen Abstieg dokumentieren.

Da ist etwa ein Bauwerk mit 100 Pferdeboxen zu verkaufen, stehen Schlösser im Angebot. in denen Napoleons erste Ehefrau Josephine oder die Nachfahren des Marquis de Sade residierten -- alles preisgünstig mit Blick auf Baustil und erlauchte Vergangenheit, aber kostspielig, was den Unterhalt der Gemäuer betrifft.

»Nur widerwillig«, weiß Schloß-Experte Claude de La Fontaine aus dem südwestfranzösischen Périgord, »trennen sich die alten großen Familien von ihrem Besitz, und auch nur dann, wenn"s finanziell überhaupt nicht mehr geht oder sie dem Preis nicht widerstehen können.«

500 der 2200 als »historisches Monument« registrierten und geschützten Residenzen wurden bereits von den Besitzern für Touristen geöffnet und vom Staat dafür durch erhebliche Steuervergünstigungen und Zuschüsse belohnt.

Dutzende der Schloßherren quartieren zahlende Gäste ein. 45 Paläste lassen sogar Campingwagen auf ihrem herrschaftlichen Besitz zu. Im Fachblatt der Schloßelite, dem »Vieilles Maisons Francaises«. klären Experten darüber auf, wie die Residenzen vorteilhaft zu isolieren sind und Heizung gespart werden kann.

Die Mehrheit der Eigentümer von kostenträchtigen Herrensitzen aber kann nicht einmal auf die Touristen hoffen. Ihre »besten Möbel und Gemälde haben sie in ihre Stadtwohnungen geschafft«. sagt Graf de Vogüé, Herr von Schloß Vauxle-Vicomte bei Paris. Den Prachtbau hatte Nicolas Fouquet, Finanzminister. Ludwigs XIV., errichten lassen, doch der König fand den Pomp so beleidigend. daß er den Bauherrn nach einem Fest lebenslang ins Gefängnis steckte. Jetzt öffnet Graf Vogüé die berühmte Residenz dem Publikum. Eintrittspreis: acht Francs.

Andere, meist alte Adelige, weigern sich laut Vogüé, ihren Besitz vernünftig auszunutzen, etwa einen Job daraus zu machen.

An den mehr als 4000 Schlössern, für die der Staat keinerlei Hufen leistet, bröckelt die Schönheit von gestern zunehmend ab. Nach den Parlamentswahlen 1978, fürchten zudem viele potentielle Käufer, könnten Staatschef Giscard d"Estaing und seine Minister (deren Familien oft in Schlössern leben) Macht und Einfluß an die Volksfront verlieren, die dann die Zuschüsse für die Denkmäler aus feudaler Vergangenheit drastisch kürzen dürfte.

Marcel Dassault, Chef der gleichnamigen Flugzeugwerke, der Modeschöpfer Hubert dc Givenchy (Motto: Der Luxus steckt in jedem Detail des Lebens), der Maler Bernard Buffet und Ex-Minister Andre Malraux werden in ihren Schlössern auch nach einem Sieg der Linken wohl noch leben können. Wer aber soll etwa das während des Zweiten Weltkrieges von den Deutschen besetzte Schloß von Condé-en-Brie (Preis 3,6 Millionen Francs) noch kaufen, »wenn nicht ein Amerikaner, Araber oder Deutscher?« fragt ein Makler in Tours.

Die Deutschen aber haben sich bisher »sehr zurückgehalten«, klagt Immobilienhändler Claude de La Fontaine. »Sie wollen immer viel Wald und möglichst Rehe.«

Schloßexperte Pierre Lefrancois, der sich vergebens bemühte, seine Adelsquartiere über Anzeigen in deutschen Zeitungen abzusetzen, sieht gar sein Deutschen-Bild gefährdet. Er fragt: »Sind die Deutschen nicht mehr romantisch?«

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