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BERLIN / BESTATTUNGSNOTSTAND Rund um die Uhr

aus DER SPIEGEL 5/1970

Wo einst unter den Glasdächern der Wilmersdorfer Bezirksgärtnerei Stiefmütterchen. Studentenblumen und Fleißige Lieschen sprießten, stehen jetzt -- bei Eis und Schnee, nachts von zwei Hundeführern der Polizei bewacht -- Särge samt Leichen in Reih und Glied.

Im Gewächshaus des Gartenbauamtes Wedding in den Nordberliner »Rehbergen« werden die Särge gar -- weniger pietätvoll, aber aus Platzmangel -- einfach übereinandergestapelt. Und wo sonst Rasenmäher und Gartenschlepper in Garagen des Bezirksressorts Grünwesen« überwintern, fahren jetzt Leichenwagen ein und aus.

»1700 Särge stehen noch in Lagerräumen«, meldete am vorletzten Wochenende der West-Berliner »Tagesspiegel«. Und wann die »Probleme um das Sterben in West-Berlin« ("Hannoversche Allgemeine Zeitung") aus der Welt geschafft sein werden, ist noch nicht abzusehen. Denn seit Weihnachten herrscht -- Folge der Grippewelle und des Kälteeinbruchs -- Bestattungs-Notstand an der Spree.

Selbst wenn von heute an, so kalkulierte der Leiter des »Krematoriums Wedding«, Rudi Sicher, 50, am Mittwoch vergangener Woche, »niemand mehr sterben würde, dann hätte die Misere erst Mitte Februar ein Ende«. Doch weil weiter gestorben wird, kann es -- so Sicher -- »Frühling werden«, ehe die Krise überwunden ist. Der Grund: Fast die Hälfte aller West-Berliner Toten -- pro Jahr rund 40 000 -- werden in den beiden Berliner Krematorien (Wedding und Wilmersdorf) eingeäschert.

Und da im Dezember 1969 die Berliner Sterbeziffer (3000) um die Hälfte höher war als im Dezember 1968 (2000), reicht die Kapazität der beiden Verbrennungsanstalten nicht aus, obschon sie im Drei-Schichten-Betrieb -- so ein Feuerbestatter -- »rund um die Uhr arbeiten«.

Am Mittwochmorgen letzter Woche zum Beispiel registrierte das Krematorium Wedding einen »Bestand« von 707 nicht eingeäscherten Toten (normale Stellkapazität 194), verteilt auf das Krematorium selbst (433), ein Gewächshaus« eine Garage und drei andere Notquartiere.

Auch im Wilmersdorfer Krematorium -- die West-Berliner lassen lieber im vornehmeren Wilmersdorf als im einstmals roten Wedding einäschern (Verhältnis 1968: 10 847 zu 8364) -- füllen Särge jeden Winkel des weithin sichtbaren »Kuppelbaus«. Bestand Mitte Januar: 352 bei regulär 260 Einstellplätzen« 167 in der Gärtnerei. Der Direktor, Amtsrat Günther Schütz, 58 ("Wir stapeln hier nicht übereinander"), ist gleichwohl zuversichtlich: »Das war genauso, wenn die Oder Hochwasser hatte. Da gerieten erst einmal alle in Panik, und dann floß das Wasser doch wieder ab.«

Schuld an der Krise trägt freilich nicht nur die Grippe-Welle. Als Gründe für die Verzögerungen bei der Bestattung führen die beiden Krematoriums-Direktoren zudem bürokratische Hemmnisse wie technische Mängel an.

So müssen die Hinterbliebenen für jede Feuerbestattung fünf amtliche Papiere

Außerdem verzögerte sich die Reparatur des dritten Ofens im Krematorium Wedding um acht Wochen; das geplante dritte Krematorium in Ruhleben soll erst Mitte der siebziger Jahre betriebsbereit sein.

Gartenbaudirektor Norbert Schindler, Leiter der Abteilung »Grünwesen« beim West-Berliner Bausenat und zuständig für die Hauptfriedhofsverwaltung, mochte dennoch von einer Krise nichts wissen:« Wir haben einen ge-

*In der Bezirksgärtnerei Wedding.

wissen Engpaß.« Bei Tauwetter, zum Beispiel, könnten die Särge aus den ungekühlten Notquartieren ohne weiteres von einer Leichen-»Leitstelle« in einen stillgelegten, kühleren U-Bahn-Tunnel in Neukölln oder in geeignete Räume der Polizeikaserne Spandau umdirigiert werden.

Der Wilmersdorfer Bezirksstadtrat Hans-Joachim Schwarze hingegen ist besorgt über die Unruhe in der Bevölkerung. Schwarze: »Man muß sich das einmal vorstellen, da rufen alte Mütterchen an und fragen: »Wenn ich morgen sterbe, stehe ich dann wochenlang im Gewächshaus?"«

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