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KERNENERGIE Russisches Atom-Roulette

Moskau will den Atommüll des Westens importieren. Dabei wird die russische Nuklearindustrie zur Beute politischer Interessengruppen - und mit Schlamperei und Leichtsinn auch zur Gefahr für die Sicherheit der Nachbarländer.
Von Fritjof Meyer
aus DER SPIEGEL 7/1999

Mit angespanntem Gesicht sitzt Grigorij Pasko, 34, auf der Anklagebank, an Rußlands östlichem Ende - in Wladiwostok. Wird er vom Militärtribunal verurteilt, erwarten ihn bis zu 20 Jahre Haft wegen Landesverrats.

Der Fregattenkapitän und Redakteur der Militärzeitung »Kampf-Wacht« hatte vor sechs Jahren per Video gefilmt, was Matrosen von einem russischen Kriegsschiff in den Stillen Ozean verklappten: radioaktives Material. Eine lokale TV-Station strahlte Paskos Streifen aus, ebenso ein japanischer Fernsehsender. Damit kam ans Licht, was in Moskauer Sicht unbedingt geheim bleiben sollte: Rußland bedroht die Außenwelt mit atomarem Müll.

Seine Bomben und Raketen bergen trotz emsiger Weiterentwicklung der Waffen kaum noch Gefahren, denn das Risiko eines Gegenschlags zügelt jeden Übermut. Doch von Atomkraftwerken, -fabriken, -lagern und Abfallhalden droht Unheil, das die Erinnerung an die Tschernobyl-Katastrophe vor 13 Jahren heraufbeschwört: ein ungewollter, durch Fahrlässigkeit verursachter Angriff auf die Gesundheit der eigenen Bürger, Gefahr auch für andere Länder.

Nichts vermag die Urheber von Schlamperei und Leichtsinn abzuhalten - allenfalls viel Geld, das freilich in aller Regel nicht bei seinen Adressaten ankommt. Die Sanierung der russischen Atomindustrie, die schon in Sowjetzeiten überfällig war, gerät zu einer Existenzfrage für den Erdball.

Ganze Landstriche in Rußland verkommen zu Müllhalden, die massiv strahlen. Nun könnte das finanziell ruinierte Rußland auch noch für Bares zur nuklearen Müllkippe des Westens absteigen. Die Dreck-Importe aus Deutschland, der Schweiz, Spanien, Südkorea, Taiwan und Japan sollen zehn Milliarden Dollar einbringen. Minister Jewgenij Adamow, 59, bot am 23. Dezember auch den USA die Entsorgung von Brennstäben »auf kommerzieller Basis« an.

Das ist nach dem russischen Umweltschutzgesetz zwar verboten. Doch am 23. Januar hat Duma-Chef Gennadij Selesnjow der Regierung mitgeteilt, die wichtigsten Fraktionen könnten schon im Laufe der dritten Februarwoche einer Gesetzesänderung zustimmen, wenn es Rußland zum »wirtschaftlichen Vorteil« gereicht.

Radioaktive Abfälle werden in Rußland vielerorts fast wie Kompost vergraben. Sie verseuchen selbst die Umgebung Moskaus, etwa nahe dem von Touristen vielbesuchten Kloster Sergijew Possad, dem früheren Sagorsk. In Teilen des Kurganer Gebietes östlich von Tscheljabinsk - dort stehen große Atomfabriken und eine 22 Jahre alte Wiederaufarbeitungsanlage - ist die Strahlenbelastung höher als in der verseuchten Ödnis um Tschernobyl. Ärzte haben dort geballtes Auftreten von Krebserkrankungen und Mißbildungen bei Säuglingen geortet.

Um Murmansk am Eismeer rotten Atom-U-Boote der russischen Nordflotte, Restbestände der einst gefürchteten Seemacht der Sowjetunion, vor sich hin. Dorthin reiste vorigen Mai eine Regierungskommission unter Atomminister Adamow und protokollierte, die radioaktive Belastung in den Atomobjekten der Nordflotte verlange »unverzügliche Maßnahmen«. Dabei blieb es. »Ein Unglück wie in Tschernobyl«, urteilt die »Iswestija«, könne dort »jeden Moment passieren«.

An Zwischenfällen und Sicherheitsproblemen auf russischen Nuklearstationen registrierte der Washingtoner Knight-Ridder News Service allein im September:

* Ein Matrose in Murmansk tötete sieben Leute an Bord eines Atom-U-Boots und drohte, das Schiff samt Reaktor zu sprengen;

* ein Polizei-Unteroffizier erschoß zwei Kameraden im geheimen Atomzentrum Majak, wo 30 Tonnen Plutonium lagern;

* fünf Posten im Atomtestgelände Nowaja Semlja erschossen einen Kollegen, nahmen einen weiteren als Geisel und versuchten, ein Flugzeug zu kapern;

* 100 Kilo hoch angereichertes Uran, genug für mehrere Atombomben, lagerten unbewacht im Moskauer Kurtschatow-Institut, das den Lohn für einen Schutzmann (300 Mark im Monat) nicht aufbringen konnte;

* in vielen anderen Nukleareinrichtungen entfielen die Sicherheitsmaßnahmen, weil die Wachleute ihren Posten verlassen hatten, weil sie ohne Winteruniformen nicht patrouillieren mochten oder weil der Strom für Alarmanlagen und Kontrollkameras nicht bezahlt wurde;

* 47 000 Angestellte von Betrieben, die dem Atomministerium unterstehen, traten in den Streik, weil sie seit Monaten keinen Lohn bekommen hatten.

Das russische Atom-Roulette im Oktober: Ein Offizier von der Basis der neuen Topol-Interkontinentalrakete klagte, er habe seit Juli keinen Sold empfangen. Der Zoll beschlagnahmte gestohlene Transport-Hubschrauber, die Offiziere zu einem Zehntel ihres Werts nach Nordkorea verschieben wollten. 20 Soldaten der strategischen Raketentruppen wurden wegen psychischer Störungen entlassen.

Im Krasnojarsker Gebiet in Sibirien wird flüssiger Atommüll durch Rohrleitungen in Gesteinsformationen unter die Erde gepreßt - und sickert von dort zum Jenissej-Strom. Der Bürgermeister der geschlossenen Stadt Krasnojarsk-45 warnte vor einer sozialen Explosion als Folge der staatlichen Lohnschulden in der Atomwirtschaft. Auch Alexander Lebed, Gouverneur am Ort, schlägt Alarm: 11 von 29 russischen Atomreaktoren sind Anlagen vom Typ Tschernobyl. Das Problem der Lagerung ihres Atommülls aber sei »völlig ungelöst«, für eine verantwortliche Entscheidung sei es »höchste Zeit«.

Die Lösung, die die Pazifikflotte für die Probleme der Endlagerung fand, sollte um jeden Preis geheim bleiben. Vom Prozeß gegen den Verräter Pasko ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Die Ermittlungen führte der Föderale Sicherheitsdienst (FSB), Nachfolger des einst allmächtigen KGB.

Im Atomministerium sind rivalisierende Clans zum Kampf um Einfluß und Pfründe angetreten. Es geht auch um die neue Devisenquelle des atomaren Kehrichts aus dem Westen.

Das Ministerium, das sowohl zivil wie militärisch genutzten Anlagen Befehle erteilt, residiert in einem elfgeschossigen Stalinbarockbau an der Großen-Ordynka-Straße im Zentrum Moskaus. Im dritten Stock, umrahmt von einer Weltkugel und einer goldbrokatgesäumten Staatsflagge, kommandiert Minister Adamow ein Wirkungsfeld, in dem sich sowjetischer Staatskapitalismus samt seiner Mentalität so zäh hat halten können wie sonst nirgendwo im russischen Reich. An den Wänden verstrahlt die Ahnengalerie sowjetischer Atomminister Ehrfurcht, ein krönendes Porträt des Physikers Igor Kurtschatow symbolisiert Kontinuität: Er baute die sowjetische Atombombe.

Dem Ministerium unterstehen neun Kernkraftkomplexe, die zwölf Prozent des russischen Stroms liefern, außerdem zehn Städte an der Wolga, in Sibirien und am Polarkreis, die noch immer nur mit Sondergenehmigung betreten werden dürfen. Rund 130 000 Wissenschaftler und Ingenieure entwickeln dort Atomwaffen, bauen Reaktoren, gewinnen Plutonium und entsorgen Atommüll.

Adamow empfahl sich vor mehr als zwei Jahren für das Ministeramt mit einer aufregenden Erkenntnis: »Der Rummel um Tschernobyl hatte nur den Zweck, die russische Atomindustrie als ernsthaften Konkurrenten für den Westen auszuhebeln.«

Adamows Vorgänger und jetziger Stellvertreter Wiktor Michailow, einst Manager in der geheimen atomaren Rüstungsschmiede Arsamas-16 bei Nischni Nowgorod, widersetzte sich mit Unterstützung des Präsidenten Boris Jelzin lange Zeit erfolgreich allen Versuchen, den Atomstaat im Staate politischen Seilschaften oder Finanzgruppen zu überantworten.

Doch seit Jelzins Favorit Michailow, der seine Memoiren »Ich bin Falke« betitelte, im vorigen März zum Vize degradiert wurde, tobt im Ministerium ein Kampf um die Kasse: Die Atomenergie verheißt nicht nur Macht, sondern auch Profit. Das landeseigene Nuklearstromgeschäft bringt 17 Milliarden Rubel (1,3 Milliarden Mark).

Minister Adamow hatte es in der Kernenergiebranche zuvor bis zum Direktor jenes Instituts gebracht, das sich mit Forschung und Atomexport befaßt und wegen des Verdachts einer Kooperation mit dem Iran auf der schwarzen Liste der US-Regierung steht. Im Januar gab Vizepremier Jurij Masljukow im russischen Fernsehen zu, die nukleare Technologie im Iran stamme aus dem russischen Waffenhandel. Es ist auch nicht strittig, daß Rußland im iranischen Buschehr einen Leichtwasserreaktor baut.

US-Außenministerin Madeleine Albright drohte im Januar bei ihrem Besuch in Moskau für den Fall einer andauernden russisch-iranischen Technologie-Kooperation mit Abbruch des russisch-amerikanischen Weltraumsatellitenprogramms. Dadurch würden den Russen einige hundert Millionen Dollar verlorengehen. Tatsächlich kann Rußland derzeit weder an einer Verschlechterung der Beziehungen zu den USA gelegen sein noch an der Rolle einer atomaren Schutzmacht für die islamistischen Bewegungen in den früheren mittelasiatischen Sowjetrepubliken, dem »nahen Ausland«.

Mit westlichen Ländern wollen es sich die Chefs der russischen Atomwirtschaft noch aus einem anderen Grund nicht verderben. Die Atomkraftwerke in Rußland sind veraltet, ein Großteil der Anlagen ist reparaturbedürftig, und die Stromkunden - verarmte Städte und Betriebe - zahlen schlecht oder gar nicht.

Den um Lohn Streikenden erklärte Adamow, die Regierung schulde seinem Ministerium, das zwei Monate lang keinen einzigen Rubel erhalten habe, Überweisungen im Wert von fast 300 Millionen Mark. Der Minister braucht eine stabile Einnahmequelle, er glaubt sie nun mit der Lagerung von Atommüll aus dem Westen gefunden zu haben.

Für Unmut in seiner eigenen Behörde sorgte bereits eine Vereinbarung, die Adamow im Juli vergangenen Jahres mit den USA traf. Danach zahlen die Amerikaner 25 bis 30 Millionen Dollar für den Erhalt von Arbeitsplätzen, vor allem in den bislang geschlossenen Städten. Dafür erhalten US-Forscher das Recht, sich ständig an den Geheimplätzen aufzuhalten und zu arbeiten.

Kritiker im Ministerium werfen Adamow vor, damit nationale Interessen zu opfern. Er gebe auch leichtfertig die Forschungsvorsprünge preis, über die das Vaterland verfüge. Zudem sei nicht gesichert, daß der Löwenanteil der Dollarspende nicht schon für den Unterhalt der amerikanischen Spezialisten draufgehe.

Gegner Adamows monieren vor allem den Entschluß des Ministers, den gelernten Elektriker und studierten Ökonom Leonid Melamed, 37, zum Finanzchef aller Atomkraftwerke zu befördern. Derzeit noch geschäftsführender Direktor des Atomkonzerns »Rosenergoatom«, hat sich Melamed seit Ende der achtziger Jahre in Nowosibirsk als Gründer einer Vielzahl kurzlebiger Exportfirmen und Versicherungen einen zweifelhaften Ruf erworben.

Melamed erscheint, auch bei seinem Eintritt in die hochgeheime Atomwelt, als Mann ohne Biographie. Auf wundersame Weise schaffte er es bis hin zur Position des obersten Kassenwarts der russischen Atomwirtschaft, zu dem ihn Minister Adamow freilich »nicht ohne Bedenken« ernannt haben will.

Und auch nicht ohne politische Folgen. In der Energiebranche hat Melamed einen Partner, der politische Ambitionen mit wirtschaftlichen Privatisierungsprojekten verbindet: Anatolij Tschubais, 43, Ex-Vizepremier und Ex-Minister für Privatisierung. Heute Chef des russischen Stromversorgungsunternehmens JES-AG, leitet er zusammen mit Ex-Premier Sergej Kirijenko und Ex-Vizepremier Boris Nemzow die neue Mitte-Rechts-Partei »Gerechte Sache«.

Die Wirtschaftsliberalen, die mit dem Zusammenbruch der Regierung Kirijenko im vergangenen August ihren Platz an der Krippe verloren und beim Wahlvolk ihren Nimbus als Reformer eingebüßt haben, suchen fast verzweifelt wirtschaftliche Schützenhilfe für ein politisches Comeback. Der Zugriff auf die Elektrizitätsbranche, die Atomwirtschaft und den Müllimport, so argwöhnen altgediente »Atomschtschiki«, könnte sehr wohl dazu dienen, sich flugs Finanzquellen für den Wahlkampf zum Parlament in diesem Jahr zu sichern.

Kaum lösen ließen sich damit die Probleme der Mitarbeiter im Atomkraftwerk Sosnowy Bor bei St. Petersburg. Dort ist ein 35jähriger Physiker wegen zu hoher Strahlenbelastung inzwischen zur Betreuung von Besuchern abgestellt. Er glaubt den Verlautbarungen aus dem Atomministerium, die Kernkraftwerke seien sicher, ebensowenig wie viele seiner Kollegen. Und was er sagt, ist kein Landesverrat: »Wenn es hier mal kracht, sind wir als erste dran.« UWE KLUSSMANN, FRITJOF MEYER

Uwe Klussmann
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