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»Russland ist unberechenbar«

Tschetscheniens Präsident Aslan Maschadow über die Gefahr eines neuen Kaukasus-Krieges
Von Jörg R. Mettke
aus DER SPIEGEL 39/1999

SPIEGEL: Aslan Alijewitsch, die ersten Bomben sind auf Grosny gefallen. Sie haben die allgemeine Mobilmachung der Tschetschenen verfügt. Wird Moskau erneut in Ihre Republik einmarschieren?

Maschadow: Russland kennt leider nur eine Methode, den Knüppel. Statt einer vernünftigen Politik im Kaukasus fällt Moskau nichts anderes ein als rohe Gewalt.

SPIEGEL: Hat Russland aus dem blutigen Tschetschenien-Feldzug, den es nicht gewinnen konnte, nichts gelernt?

Maschadow: Es scheint so. Obwohl dieser Feldzug eine Schande für die russische Armee war, ist die Kriegsgefahr heute genauso groß wie im Herbst 1994. Nehmen Sie nur die Erklärung des russischen Premiers Putin, unsere Waffenstillstandsvereinbarung von 1996 müsse einer Neubewertung unterzogen werden ...

SPIEGEL: ... worauf Bomben- und Raketenangriffe folgten.

Maschadow: Die Öffentlichkeit wird betrogen, wenn es heißt, dort sollten Terroristenstützpunkte getroffen werden. Nicht ein einziger Kämpfer ist bislang dabei getötet worden, wohl aber kamen über 200 Zi-

Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur Jörg R. Mettke.

vilisten bei den barbarischen Artillerie-Überfällen ums Leben. Gerade heute starben im Dorf Meskety vier Menschen - drei Frauen und ein kleines Kind.

SPIEGEL: Viele russische Generäle behaupten, sie hätten den letzten Tschetschenien-Krieg leicht gewinnen können, wenn Politiker sie nicht daran gehindert hätten.

Maschadow: Nichts als Selbstbetrug. Ich habe damals die Operation zur Befreiung von Grosny geleitet und kann mich noch gut an ein Treffen mit dem russischen General Pulikowski erinnern. Der Mann war hysterisch, aufgelöst, vernichtet, völlig am Ende. Manche Politiker in Moskau hätten schon gern noch weiterkämpfen lassen. Aber ihre Militärs hatten begriffen, dass sie keine Chance mehr hatten.

SPIEGEL: Hätten sie heute größere?

Maschadow: Nur in ihrer Einbildung. Wir sind weitaus stärker als 1994 und besser gerüstet für einen Überfall.

SPIEGEL: Premier Putin will von Armee und Polizei einen Cordon sanitaire um Ihre Republik ziehen lassen.

Maschadow: Wir leben unter solchen Quarantäne-Bedingungen schon seit 1997. Alle Verpflichtungen, die Russland nach dem Krieg übernommen hat, blieben Papier: Es gab keine Wiedergutmachung der angerichteten Schäden, keinen reibungslosen Transport unseres Öls, keinen Ausbau unseres Flughafens für den internationalen Luftverkehr.

SPIEGEL: Sind Ihre Bürger auf eine totale Blockade vorbereitet?

Maschadow: Ich habe ihnen immer gesagt: Russland ist unberechenbar, es wird zu allen denkbaren Druckmitteln greifen - richtet euch darauf ein.

SPIEGEL: Sie können nicht bestreiten, dass Ihre Republik zu einem Hort radikal-islamischer Terroristen zu werden droht. Geiselnahmen und Lösegeld-Erpressungen nehmen in beängstigendem Maße zu.

Maschadow: Ich sehe diese Gefahr. Wir werden bereits seit Beginn der neunziger Jahre als Brückenkopf des Terrorismus, Extremismus, Fundamentalismus angeprangert. Russland hat versucht, alle Tschetschenen in der Meinung der Welt als Banditen abzustempeln. So etwas bleibt nicht folgenlos. Dabei ist unseren Traditionen, unserem Verständnis des Islam jeder Radikalismus im Denken wie im Handeln fremd.

SPIEGEL: Die Entführungsfälle der letzten Jahre sind doch nicht von Moskau inspiriert und eingefädelt.

Maschadow: Gewiss, aber wir wissen auch, wer während des Krieges damit angefangen hat. Damals begannen russische Offiziere, die Leichen der Häftlinge, die in Internierungslagern gestorben waren, an deren Angehörige zu verkaufen, später auch Gefangene gegen Lösegeld freizulassen. Erst dadurch haben solche Verbrechen einen quasi-legalen Anstrich erhalten.

SPIEGEL: Haben Sie nicht etwas zu viel Verständnis für Ihren Landsmann und früheren Premier Schamil Bassajew, der in Dagestan einen kleinen Krieg anzettelt?

Maschadow: Bassajew hat bei uns durch diese Freischärler-Aktionen stark an Ansehen verloren. Unser Volk ist kriegsmüde und verurteilt solche Provokationen.

SPIEGEL: Warum gelingt es Ihnen dann nicht, Bandenführer wie Bassajew, Radujew oder Chattab zu verhaften, ihnen wenigstens die Operationsbasis in den tschetschenischen Bergen zu entziehen?

Maschadow: Was diese angeblichen Ausbildungslager für Terroristen angeht, so wird ebenfalls viel übertrieben. Wir haben internationale Beobachter eingeladen, um zu überprüfen, was daran wahr und was russische Propaganda ist. Und dann kann ich Bassajew auch nicht einfach als Banditen festnehmen lassen, die Menschen hier würden das nicht verstehen. Wir haben schließlich gemeinsam für die Unabhängigkeit unseres Landes gekämpft.

SPIEGEL: Würde eine vollständige, von Moskau anerkannte Souveränität Tschetscheniens Ihnen ein schärferes Durchgreifen gegen Extremisten ermöglichen?

Maschadow: Ganz sicher. Dann könnte ich diesen Leuten sagen: Nun haben wir die Souveränität, für die wir gekämpft haben. Was wollt ihr noch mehr? Nun lasst uns daran gehen, unseren Staat aufzubauen.

SPIEGEL: Wer steht nach Ihren Informationen hinter den Bombenanschlägen auf Wohnhäuser in Russland?

Maschadow: Ich schließe kategorisch aus, dass sie das Werk von Tschetschenen sind. Selbst im Krieg, als die Russen auf die barbarischste Weise gegen uns vorgegangen sind, haben wir niemals zu solchen verachtungswürdigen Methoden gegriffen. Das entspricht nicht unserem Nationalcharakter. Wir kämpfen nicht gegen Wehrlose und Unschuldige. Kein russischer General, keine Mutter eines gefallenen russischen Soldaten wird uns etwas anderes nachsagen können.

SPIEGEL: Auch Bassajew, der Geiselnehmer von Budjonnowsk 1995, wo es 150 Tote gab, ist Tschetschene. Von wem werden die Anschläge denn organisiert und finanziert?

Maschadow: Wenn in Russland Wahlen vor der Tür stehen, wird immer die tschetschenische Karte gespielt, besonders jetzt, wo Jelzins engere Umgebung befürchten muss, vom nächsten Präsidenten ins Gefängnis gesteckt zu werden für alles, was sie im Namen Jelzins angerichtet hat - von der Verelendung des Landes bis zum Krieg in Tschetschenien. Deswegen wird nun alles Mögliche unternommen, um einen Ausnahmezustand mit Verschiebung der Wahlen zu rechtfertigen. Und keine Region ist dafür besser zum Experimentierfeld geeignet als der Nordkaukasus.

SPIEGEL: Sie halten russische Geheimdienste wirklich für fähig, Unschuldige in die Luft zu sprengen und falsche Fährten in Richtung Kaukasus zu legen, um so das Land in den Notstand zu treiben?

Maschadow: Ich halte das durchaus für möglich. Die Kriegspartei in Moskau ist sehr mächtig und sehr heimtückisch.

SPIEGEL: Russlands Ex-Premier Tschernomyrdin, die Präsidenten Ihrer Nachbarrepubliken Nordossetien und Inguschien haben ein unverzügliches Treffen zwischen Ihnen und Jelzin angeregt, um den drohenden Krieg zu vermeiden. Eine solche Begegnung fordern Sie seit langem. Warum kommt sie nicht zu Stande?

Maschadow: Schon 1994 hat unser damaliger Präsident Dudajew vergeblich um ein Vier-Augen-Gespräch mit Boris Jelzin gebeten. Damals gab es den Verteidigungsminister Gratschow, der mit einem Fallschirmjägerregiment in zwei Stunden alles regeln wollte. Und genauso gibt es heute in Moskau Politiker, die Blockade und Quarantäne empfehlen, damit Maschadow auf Knien im Kreml erscheint.

SPIEGEL: Jelzin selbst trauen Sie zu, mit Ihnen gemeinsam einen Ausweg zu finden?

Maschadow: Ich glaube, dass er das kann und auch möchte. Als wir 1997 den Friedensvertrag unterschrieben, hat ihm seine Umgebung ganz aufgeregt davon abgeraten. Aber Jelzin ist festgeblieben und hat gesagt: Ich bin der Präsident, ich übernehme die Verantwortung.

SPIEGEL: Wenn Sie Jelzin morgen treffen könnten ...

Maschadow: ... bin ich hundertprozentig davon überzeugt, ihm klar machen zu können, wie er von seinen so genannten Beratern erneut hinters Licht geführt wird.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt dabei der russische Multimilliardär Boris Beresowski?

Maschadow: Eine sehr wichtige.

SPIEGEL: Ist er der gute oder ein böser Geist für die Völker des Kaukasus?

Maschadow: Für Tschetschenien ein ausgesprochen böser. Er treibt ein intrigantes Spiel und liiert sich dabei mit Oppositionellen wie Bassajew und Udugow. Er bezahlt ihnen ihr Fernsehen, ihre Internet-Zugänge, ihre Satellitentelefone. An allen großen Lösegeld-Aktionen sind seine Unterhändler beteiligt.

SPIEGEL: Warum denn?

Maschadow: Vielleicht hat er einen Auftrag, Russlands Position im Kaukasus zu schwächen. Vielleicht hat er hier eigene Öl-Interessen. Jedenfalls ist sein Ränkespiel für die ganze Region hoch gefährlich.

SPIEGEL: Wäre Ihr liebster Verhandlungspartner der General a. D. Alexander Lebed, mit dem Sie vor drei Jahren erfolgreich den Waffenstillstand ausgehandelt haben?

Maschadow: Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Einerseits achte ich Lebed hoch. Andererseits zeigen jüngste Äußerungen von ihm, dass er unser damaliges Abkommen durchaus mit dem Hintergedanken unterschrieben hat, zunächst einmal Zeit für Russland zu gewinnen. Und wenn es wieder stark genug sei, werde es sich im Kaukasus zurückholen, was ihm nie gehört hat.

SPIEGEL: Wenn Sie selbst vom Friedensstifter Lebed nichts mehr erwarten, wer dann in Russland soll den Tschetschenen ihre Unabhängigkeit geben?

Maschadow: Ich denke, diesen Schritt müsste noch Jelzin machen, wenn er etwas verstanden hat von der Schändlichkeit und Aussichtslosigkeit dieses Kriegs. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich von seiner Umgebung so weit betrügen lässt, in die Geschichte als Blutsäufer vom Kaukasus eingehen zu wollen.

SPIEGEL: Herr Präsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur Jörg R. Mettke.

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