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Rußland: »Schleppnetz« gegen Ölklau

aus DER SPIEGEL 38/1992

Rußland will seine Ölpipelines und Treibstofflager unter polizeilichen Schutz stellen, denn der wertvollste Rohstoff des Landes versickert zunehmend in dunklen Kanälen. Allein im Gebiet rund um St. Petersburg bohrten Unbekannte seit Jahresbeginn an 27 Stellen staatliche Pipelines an. Hektoliterweise wurde Treibstoff abgezapft.

Knapp eine Million Tonnen Erdöl, so fand eine Kommission des Moskauer Sicherheitsministeriums heraus, sei zur gleichen Zeit über die russische Grenze ins Baltikum geflossen - vorbei an Zoll und Polizei. Im Zuge der landesweit gestarteten Aktion »Schleppnetz« nahmen die KGB-Nachfolger mehrere Manager des Ölverarbeitungskombinates in Nowokuibyschewsk fest: Die hatten 2000 Tonnen Benzin illegal nach Murmansk verbracht und dafür mehrere Autos zum Privatgebrauch kassiert.

Die Bosse der alten Staatskonzerne, stellten Regierungsfahnder nach einem Besuch im westsibirischen Fördergebiet Tjumen fest, horten Öl in stillgelegten Pipelines und verkaufen es über zwielichtige Joint-ventures und Strohmänner auf dem westlichen Markt. Der Gewinn werde bei Geldinstituten im texanischen Ölzentrum Houston oder auf Konten der Deutschen Bank deponiert.

Selbst für jede offiziell exportierte Tonne Öl, so das Innenministerium in einer Bilanz, zahlen ausländische Geschäftsleute jetzt 2 Dollar Bestechungsgeld - rund 100 Millionen Dollar pro Jahr, die ebenfalls auf westlichen Banken versteckt werden. Grund für den nahezu zum Gesellschaftssport geratenen Ölklau: Noch immer ist der wertvolle Rohstoff so billig wie in Zeiten sowjetischer Planwirtschaft. Während die Preise für andere Produkte seit Januar bis auf das 30fache kletterten, kostet die Tonne Erdöl nicht mehr als 300 Rubel, gut 2 Mark nach dem derzeit in Moskau geltenden Kurs. Selbst wer den an den Börsen üblichen Preis zahlt - rund 2000 Rubel (gut 14 Mark) -, macht auf dem Weltmarkt noch immer stattlichen Gewinn: Dort wird die Tonne für das 12- bis 15fache gehandelt, das sind bis zu 199 Mark Reingewinn.

Nicht nur der Staat selbst benutzt deswegen das Öl als eine Art Goldersatz. Auch seine Beamten kassieren nebenbei fleißig mit: Zwar hat das zuständige Ministerium den Ölexport offiziell auf 60 Millionen Tonnen begrenzt, doch die Staatsdiener erteilten gleichzeitig für die dreifache Menge Ausfuhrlizenzen - ein unglaublicher »Bestechungssumpf«, fand ein Moskauer Wirtschaftsblatt.

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