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SCHULEN S 22/menge 1

Die Schule der Zukunft wurde in Dortmunds Westfalenhalle vorgesteilt: Computer, richtig programmiert, können in fast allen Fächern den Lehrer entlasten.
aus DER SPIEGEL 21/1971

Schüler Karl, 10, begann mit Mathematik. Er setzte sich in seiner Klasse an einen grauen Kasten. der knapp einen Meter hoch war und halb wie eine Schreibmaschine, halb wie ein Fernsehgerät aussah.

Karl drückte einen Knopf, der Kasten summte und ließ ein Signallämpchen leuchten. Der Sextaner tippte seine Schülernummer -- ein großes S, zweimal die 2, einen Schrägstrich und das Kürzel »menge 1 ». Auf dem Bildschirm erschien es in grünen Buchstaben: »S 22/ menge 1.«

Sogleich füllte sich der Bildschirm mit grünen Zeilen: »Guten Morgen, Karl. Du möchtest also heute etwas über Mengenlehre erfahren. Können wir anfangen?«

Der Gefragte nickte zuerst automatisch, besann sich dann aber und antwortete mit dem Finger. Er tippte »ja und die nächsten Zeilen auf dem Schirm erschienen: »Dann will ich dir diesen Begriff, den du aus der Umgangssprache bereits kennst, an einigen Beispielen erläutern ...«

Der Zehnjährige lernte an einem sogenannten Datensichtgerät. Es war über eine Telephonleitung mit einem Computer verbunden, der wenige Kilometer entfernt im Rathaus stand. Bis auf Leibesübungen läßt sich mit diesem Verfahren jedes Fach lehren und lernen: Englisch wie Physik, Kunstgeschichte

* Auf der »Interschul '71« vergangene Woche in Dortmund.

wie Mittelhochdeutsch. Der Lernerfolg hängt weitgehend von der Qualität des Programms ab, das dem Computer von Pädagogen eingetrichtert wird. Eines der Hauptprobleme: Der Schüler darf nicht entmutigt werden und soll auch aus falschen Antworten noch lernen. Um diesen Effekt zu erreichen, muß der Programm-Produzent bei jeder Frage möglichst alle denkbaren falschen Antworten vorhersehen, speichern und für jede jeweils eine angemessene und weiterführende Erwiderung parat halten.

Deshalb verzagte der Sextaner Karl nicht, als er sich nach seinem Mathematik-Debüt im Fach Geschichte von seinem elektronischen Lehrmeister überfordert sah.

Der grünte auf den Bildschirm: »1835 verkehrte in Deutschland die erste Eisenbahn. Welche Strecke befuhr sie?« Der Schüler riet falsch: »Von Hamburg nach Berlin«.

Doch da reagierte der Computer fast nach dem »lm-Prinzip-richtig«-Schema von Radio Eriwan: »In Berlin baute Borsig zwar die erste Lokomotive, es wurde aber nach der ersten Eisenbahnverbindung gefragt.«

Schüler: »Augsburg -- München?« Computer: »Noch ein Hinweis. Schon 200 Jahre früher wurde der Nürnberger Trichter in der Gegend entdeckt ...«

Schüler: »Nürnberg -- Fürth.« Der Dialog zwischen Schüler und Computer wurde in der letzten Woche geführt, freilich nicht in einer Schule« sondern auf einem Stand der IBM in der Dortmunder Westfalenhalle. Dort breiteten auf der »Interschul '71« (Schirmherr: Nordrhein-Westfalens Kultusminister Jürgen Girgensohn) 442 Aussteller aus der Bundesrepublik, acht anderen europäischen Ländern einschließlich der Tschechoslowakei und aus den USA ihre Erzeugnisse aus: von Bleistiften über Büchern und staubfreier Kreide bis hin zu Sprachlabors und Lehrküchen.

Weitaus am meisten Zulauf hatten die Apparate, mit denen der internationale Goliath IBM und der nationale Computer-David, die Nixdorf AG, ratternd die Zukunft des deutschen Bildungswesens markierten.

Angesichts der Schulgegenwart mochte die Ausstellung manchem Besucher wie ein Stück Utopie scheinen: In vielen Schulen können derzeit nicht einmal Lichtbilder vorgeführt werden, weil sich die Klassenräume mangels Vorhängen nicht verdunkeln lassen.

Den Aachener Professor Johannes Zielinski« einen der namhaftesten Computer-Anhänger unter den Pädagogen, stimmte es deshalb schon hoffnungsvoll, »daß bei Schulneubauten -- auch in kleineren Ortschaften -- mindestens an die Installation von Sprachlehranlagen und an die Verkabelung für Fernsehanschlüsse gedacht wird«.

Die Experten warteten in Dortmund den ihnen seit längerem vertrauten Einwand, Computer seien für Schulen zu teuer, gar nicht erst ab. Die IBM Einladung an die Presse begann fast mit einem Vorwurf: »Muß man unbedingt in jede Schule einen Computer stellen. wie es jüngst wieder zu lesen war?«

Doch auch der »bessere und billigere Weg«, den die Computer-Firma vorschlägt. läßt sich nur in Stufen verwirklichen: die Schulen per »Datenfernverarbeitung« -- so der Branchen-Terminus -- an Großrechner anzukoppeln.

Der erste, noch relativ preiswerte Schritt ist hier und da schon getan; So hat Bayern unlängst in 40 Gymnasien das Wahlfach »Informatik« im Rahmen des Mathematik-Unterrichts eingeführt. Dort werden schon heute Schüler mit den Grundbegriffen der Kybernetik und mit den mathematisch-physikalischen Grundlagen der Computerwissenschaften vertraut gemacht. Im Vordergrund stehen Übungen an Rechenanlagen.

Dabei lernen die Schüler. dem Computer einfache Programmierbefehle wie »read« dies), »write« (schreib) und »if ... then« (wenn ... dann) zu geben. Die Kurse in einer solchen leicht erlernbaren »höheren Programmiersprache« lassen sieh bei relativ niedrigen Kosten realisieren, wenn sich die Schulen eines Ortes mit jeweils einer Datenstation (Monatsmiete rund 500 Mark) an ihr kommunales Rechenzentrum anschließen. Zugleich können sich an diesen Datenstationen auch Lehrer in einer Autorensprache üben und beispielsweise Nachhilfekurse für schwächere Schüler programmieren.

Fortschrittliche Pädagogen freilich wollen mehr. Sie halten es für ideal. wenn jeder Schüler eines Gymnasiums täglich eine halbe Stunde an einer Datenstation lernt. Diese Schule müßte dann allerdings monatlich 16 000 Mark aufwenden: Soviel etwa kostet die Miete von 30 Datenstationen. die für 600 Schüler erforderlich wären.

Daß diese Summen den Kultus-Bürokraten derzeit noch astronomisch vorkommen, beunruhigt die Computer-Hersteller nicht sonderlich. Sie wissen, daß die Zeit für sie arbeitet: Ständig wachsende Schülerzahlen, sich ständig komplizierende Unterrichtsstoffe und eine schon jetzt überforderte Lehrerschaft lassen dem Staat auf weite Sicht nur die Alternative. einen Bildungsrückschritt in Kauf zu nehmen oder teure Lehrmaschinen zu mieten.

Die Auswahl ist reichlich: Neben dem Verfahren, bei dem der Computer zum Lehrer-Stellvertreter programmiert wird und mit dem Schüler im ständigen Dialog steht, bietet sich noch eine weitere Unterrichtsform an, in der die Maschine den Unterricht lediglich organisiert: Die Programme dieses Verfahrens stellen dem Schüler einzelne Aufgaben -- schriftlich (über Bildschirm oder Fernschreiber), mündlich (über Kopfhörer) oder kombiniert (Kopfhörer und Bildschirm). Dabei werden geeignete Schulbücher oder audiovisuelle Unterrichtsmittel empfohlen.

Der Schüler arbeitet dann allein und setzt sich erst mit der fertigen Lösung wieder an die Datenstation (auch »Terminal« genannt). Der Computer gibt ihm umgehend Bescheid: Bei richtigen Resultaten lobt er. Bei Fehlern erläutert er, was falsch war, und hilft weiter, wobei seine Hilfe individuell auf den jeweiligen Schüler abgestimmt ist.

Hat der Computer beispielsweise bei einem Schüler relativ viele Schwächen registriert, so weicht er auf einen leichteren, aber damit auch längeren Lehrweg aus, der jedoch ebenfalls zu dem ursprünglich gesteckten Ziel führt.

Die übermenschliche Geduld der Rechner preist Professor Zielinski so: »Ich kann jederzeit vom Terminal auf. stehen und die Maschine sich selbst überlassen. Der Computer erhebt kein Zeter- und Mordgeschrei über mein individuelles Pausenmachen, sondern er wartet geduldig und stur so lange, bis ich mich wieder an die Arbeit mache.«

Der Computer entlastet die Lehrer nicht nur vom Unterrichts-Einerlei. Da er ständig registriert, wie gut oder wie schlecht der Schüler vorankommt, hält er präzise fest, was sonst nur unvollkommen im Lehrer-Notizbuch steht.

Auf Kommando gibt der Computer jederzeit preis, wie es um den Leistungsstand bestellt ist, ganz gleich ob Schüler, Lehrer oder Eltern es wissen wollen. Er macht sich auch sonst noch vielfach nützlich: Er gliedert Stundenpläne, schreibt Zeugnisse, erledigt zeitraubende Büroarbeit in Sekunden und kann sogar Hausaufgaben bewerten: Der Schüler trägt seine Resultate nicht mehr in das Heft ein, sondern kreuzt sie auf einer Lochkarte an.

Daß ein Lehrer, den heute drei Dutzend Schüler in einer Klasse an den Rand seiner Leistungskraft bringen, auch 120 Schüler ohne allzu große Anstrengungen betreuen kann, wurde mittlerweile bei vereinzelten Versuchen bereits festgestellt -- mittels »FCGU«. Dieses Kürzel signalisiert »Film- und Computerunterstützten Gruppen-Unterricht«. bei dem gewöhnlich acht Schüler in einer Gruppe zusammen an einer Lektion arbeiten, die nahezu jedem Unterrichtsfach entnommen werden kann.

Der Computer ist dabei in einen sogenannten Medienverbund integriert. Soll also zum Beispiel der Umgang mit Rechenschiebern gelernt werden, so beginnt die Lektion mit einer Filmvorführung über die mathematischen Grundlagen des Stabrechnens, etwa die Zurückführung der Multiplikation von Zahlen auf die Addition von Strecken.

Die Gruppen können den Film beliebig oft laufen lassen, in Ausschnitten oder in ganzer Länge. Sie ziehen Bücher heran, befragen den Computer, diskutieren miteinander und einigen sich schließlich auf eine Lösung. Ob sie stimmt, erfahren sie auch wieder über die Datenstation. Bei falscher Lösung wartet der Computer mit Hinweisen auf, wie es richtig gemacht wird.

Ungleich schwerer als Schüler sind freilich Lehrer an die elektronischen Assistenten zu gewöhnen. Vor allem ältere Pädagogen schrecken schon vor Schulversuchen mit Computern zurück.

Der 56jährige Erziehungswissenschaftler Zielinski vermutet, die gleichaltrigen Kollegen würden nicht zuletzt durch »neuhumanistische Ideologien« an der Einsicht gehindert, daß die Bildungsmisere ohne Computer-Einsatz nicht zu überwinden sei.

Zielinski: »Die Verbesserungen in der Unterrichtssituation sind so offenkundig. daß nur eine verträumte geistige Trägheit auf sie verzichten könnte.«

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