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INDIEN Sack und Messer

Die Malaria breitet sich aus, die Reisernte ist gefährdet - Folge des Massenexports indischer Froschschenkel. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Die Frösche müssen wieder um ihre Schenkel fürchten, die scharfen Messer der Jäger sind gewetzt - die fangfreie Brutzeit des Lurchen-Volks ist dieser Tage beendet.

Im letzten Jahr mußten Indiens Frösche 2778 Tonnen Schenkel lassen, 16,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Nachfrage kommt vor allem aus Frankreich, Holland und den USA. Doch jetzt will das Gesundheitsministerium in Neu-Delhi den Fang grundsätzlich verbieten.

Zwar wehren sich die Exporteure und das um Devisenerträge besorgte Handelsministerium gegen das Ansinnen der Gesundheitsexperten, aber die haben gute Argumente: Jeder tote Frosch fehlt im Kampf gegen die Malaria.

Die Stechmücken, die den Malaria-Erreger transportieren, sind inzwischen gegen die meisten Bekämpfungsmittel resistent. Immer stärkere Pestizide werden eingesetzt - oft erfolglos.

»95,7 Prozent der indischen Bevölkerung leben in Malaria-Gebieten«, ermittelte die Weltgesundheits-Organisation. Allein in den Städten erkrankten im vergangenen Jahr mindestens 1,6 Millionen Inder an Sumpffieber.

Gegen die weitere Ausbreitung dieser Infektionskrankheit, so glauben Ärzte, Wissenschaftler und Gesundheitsbehörden, helfen vor allem Frösche. Ihnen munden nicht nur die Malariamücken, sondern auch die Larven der Moskitos.

»Nur Frösche können uns noch vor dem drohenden Desaster retten«, mahnt ein Arzt in Neu-Delhi, der täglich 30 Malaria-Patienten zu behandeln hat. Und G. M. Oza von der »Internationalen Vereinigung zur Erhaltung der Natur« rechnet vor, daß die in einem Jahr getöteten Frösche innerhalb von nur 90 Tagen 810 000 Tonnen Insekten vertilgen würden, hauptsächlich Moskitos und ihre Larven.

Der südindische Staat Andhra Pradesch verbot bereits vor drei Jahren die Jagd auf die nützliche Spezies - ohne sonderlichen Erfolg. Das vormals legale Geschäft blüht heute als illegales weiter. Die Exporteure bestechen Bahn- und Zollpersonal und machen bessere Geschäfte denn je.

Geschockt von den grausamen Fangmethoden, hatte die indische Regierung schon einmal, in den sechziger Jahren, versucht, den Frosch zum »geschützten Tier« zu erklären; ebenfalls vergebens.

So tummeln sich während der Saison, die von August bis November dauert, allnächtlich Zehntausende von Fängern in den zahlreichen Sumpf- und Wassergebieten des Subkontinents, ausgerüstet mit einer Kerosinlampe, einem Sack aus Zelttuch und einem Küchenmesser.

Geblendet vom Licht der Laterne, lassen sich die Tiere leicht greifen. Dann »nimmt man den Frosch in die eine Hand«, schilderte Kundschumon, ein erfahrener Jäger, die Schlächterei, »und mit dem Messer in der anderen schneidet man ihm die Hinterbeine ab. Die Schenkel werden sofort auf Eis gelegt, der Rest wird weggeworfen.«

Der »Rest« lebt noch stundenlang und stirbt qualvoll. »Wenn ich die Frösche vorher töten müßte«, entschuldigt sich Kundschumon, »dann hätte ich nachher kaum etwas im Sack.« Jede Nacht sammelt er 200 bis 300 Froschschenkelpaare, die er für 15 Rupien das Kilo verkauft.

Da die Bestände der Insektenvertilger in vielen Gebieten schon weitgehend dezimiert sind, »müssen wir immer tiefer in die Reisfelder eindringen«, beschreibt Kundschumon die Folgen der intensiven Jagd.

Während die Frösche immer weniger werden, nimmt die Zahl der schädlichen Insekten alarmierend zu. Besonders die »Mundscha«, eine kleine, grüne, reisnagende Fliege, so klagen die Bauern, sei zu einer wahren Geißel geworden.

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