Zur Ausgabe
Artikel 20 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

GEMEINDEN Sack und Rute

Hessen-Premier Holger Börner trägt nach begonnener Helaba-Sanierung eine weitere Hypothek der Osswald-Ära ab. Die Retorten-Stadt Lahn soll wieder von der Landkarte verschwinden.
aus DER SPIEGEL 43/1977

Kein Dorffest ist ihm zu klein, kein Dienstjubiläum zu nichtig -- Holger Börner fährt überall hin, wo Hände verdienter Hessen zu schütteln sind.

Nur in der jüngsten Großstadt des Landes, der aus Gießen, Wetzlar und 14 umliegenden Dörfern zusammengeschusterten Kunst-Kommune Lahn, blieb der Regierungschef bislang dem Wahlvolk fern. »Da geh' ich nicht hin«, hatte er den SPD-Terminplanern schon vor der Kommunalwahl im März gesagt. »Da muß ich doch lügen oder unseren Genossen in den Rücken fallen.«

Jahrelang hatten sich sozialdemokratische Territorial-Reformer, wahrlich wie blinde Hessen, über Heimatgefühle und Historisches hartnäckig hinweggesetzt, löschten alte, traditionsreiche Städtenamen aus, »als seien dies rasch wechselnde Bezeichnungen für Waschpulver« (so der Gießener Regionalplaner Professor Winfried Moewes).

Bei der Kommunalwahl büßte die SPD für reformsüchtige Unvernunft. Ihr Stimmenanteil in Lahn sackte von 50,9 auf 35,3 Prozent. Börner: »Die Genossen gingen erstmals in ihre Kellerlöcher und sagten: Die Wähler haben nichts kapiert.«

Inzwischen ist den hessischen Sozialdemokraten klar geworden, daß sie über die Gebietsreform auch noch bei der Landtagswahl im nächsten Jahr ins Stolpern geraten könnten. Von Börner gedrängt, einigten sich führende SPD-Politiker schon Ende September in der Wiesbadener Dienstvilla des Ministerpräsidenten darauf, den Reformkritikern nachzugeben. »Da haben Technokraten über die Köpfe der Leute hinweg gehandelt«, so einer aus der SPD-Beratungsrunde, »deshalb müssen wir das wieder rückgängig machen.«

Der Name Lahn, soviel steht fest, wird wieder verschwinden, die historischen Städtenamen Gießen und Wetzlar bleiben erhalten. Seit letzter Woche grübelt eine Arbeitsgruppe, Kommunalexperten und Juristen aus Staatskanzlei und Innenministerium, über ein neues regionales Stadt-Land-Modell. Südhessens SPD-Chef Rudi Arndt: »Das Spiel wird nochmal aufgemacht.«

Die Offensive der Genossen, die letztes Wochenende in Fulda mit der Wahl Börners zum SPD-Landesvorsitzenden schon frühzeitig den Wahlkampf eingeläutet haben, paßt der Union nicht so recht ins Konzept. Den CDU-Antrag im Landtag, die Stadt Lahn wieder aufzulösen, Gießen und Wetzlar bestehen zu lassen und das Umland »nach dem Bürgerwillen« neu zu ordnen, hatten die Sozialdemokraten vor Monaten noch abgelehnt. Auch der Regierungschef tat den CDU-Antrag, entgegen eigener Auffassung, als »Dokument der Hilflosigkeit« ab. Börner zur Opposition: »Sie können damit Kommunalwahlen gewinnen, aber regieren können Sie damit nicht.«

Das war freilich von Anfang an nicht die Absicht der Union. Nur widerwillig setzten sich Christdemokraten in Lahn auf die Sessel der vom Wähler verjagten SPD- und FDP-Kommunalpolitiker, verwalteten mißmutig eine Mammutgemeinde, deren Auflösung sie gleichzeitig betrieben. »Wenn ich den Auftrag habe, die Stadt kaputtzumachen«, stellte SPD-Landtags-Fraktionschef Karl Schneider verbittert fest, »dann kann ich mich nicht um die Neuordnung bemühen.«

Die Union versuchte, beides zu verbinden. CDU-Planer entwickelten fünf -- bislang unveröffentlichte -- Modelle für die Lahnstadt, über die noch in diesem Jahr die Bürger abstimmen sollen -- eine Art Volksentscheid, der politisch bedenklich erscheint.

Nach dem Urteil ortsansässiger Regionalplaner ließen sich im Raum Gießen-Wetzlar »auf beste Weise ländliche Elemente, große Grün- und Wasserflächen mit städtischen Strukturen verflechten« (Moewes). Billiges Bauland in wohnklimatisch günstiger Gegend steht bei geschickter Planung ebenso zur Verfügung wie verkehrsgünstig gelegene Gewerbefläche. Wer aber Wähler ohne ausreichende Sachkenntnis entscheiden läßt, so befürchten die Wissenschaftler, erhält eher ein Sammelsurium unerfüllbarer Wünsche von Bürgern, die aus trotzigem Lokalpatriotismus auf der Selbständigkeit ihrer Gemeinde beharren.

So steht der Bevölkerung in den nächsten Monaten erst mal ein langer Parteien-Streit ins Haus. Die SPD, die Wahl vor Augen, drängt auf eine Lösung, die CDU, aus dem gleichen Grund, erst mal auf Auflösung.

»Die Wiesbadener Koalition kann machen, was sie will«, kündigt der Wetzlarer CDU-Stadtverordnete Manfred Gebhardt-Euler schon jetzt an. »wenn die SPD wie ein Weihnachtsmann auftreten und eine Bescherung veranstalten möchte, werden wir von der CDU diesem Weihnachtsmann vorher Sack und Rute klauen.«

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.