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SPANIEN Sackgasse der Gewalt

Blutiger als zuvor will die Eta den eigenen Basken-Staat herbeibomben. Doch auch der Widerstand gegen die Terroristen wächst. Der Graben zwischen den Lagern wird tiefer.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Punkt acht entrollen die Menschen auf der von Linden begrünten Plaza de Guipúzcoa in San Sebastián ihre Plakate und Spruchbänder. Um die Terroristen als Nazis zu brandmarken, haben sie ein S durch SS-Runen ersetzt: »Eta asessina« steht da, Mörder-Eta.

Die Demonstrationen, zu denen Hunderttausende in allen Städten Spaniens zusammenströmen, sind dieses Jahr bereits zum düsteren Ritual geworden. Schon 19 Mordopfer gingen auf das blutige Konto der militanten Separatisten von »Euskadi ta Askatasuna«, Baskenland und Freiheit. Zuletzt starben in Madrid ein Militärrichter, sein Leibwächter und sein Chauffeur, als Terroristen eine Autobombe explodieren ließen. Ein Bus ging in Flammen auf, über 60 Personen wurden verletzt, 400 Wohnungen beschädigt. Zwei Tage später, am vorigen Mittwoch, zündeten die Extremisten einen Sprengsatz in Barcelona.

Bei den Mahnwachen im baskischen San Sebastián, einer Hochburg der Terroristen, ist Cristina Cuesta bisher jedes Mal in der ersten Reihe zu finden. Mit ihren Freunden hält sie ein Transparent hoch: »Eta raus«. Die Frau mit den roten Haaren unter der Baskenmütze ruft: »Es lebe die Freiheit.«

Die Bürgerrechtlerin Cuesta, 38, ist Präsidentin der Bewegung ¡Basta ya! (Es reicht!). Zusammen mit Intellektuellen und Künstlern hatte sie im Februar die Gruppe ausgerechnet in der Provinz des Baskenlandes gegründet, die sich durch eine besondere Häufung von Gewalttaten, aber auch von Befürwortern der Unabhängigkeit auszeichnet. Gerade hat das Europaparlament ¡Basta ya! den Sacharow-Preis für Menschenrechte verliehen.

Die Frauen und Männer, die sich an diesem Herbstabend versammelt haben, um dagegen anzukämpfen, dass die baskische Gesellschaft in angststarre Lähmung verfällt, klatschen ausdauernd Beifall für die Opfer. Auch den Lebenden gilt die Ovation, all denen, die sich trauen, die selbst ernannten Freiheitskämpfer als Mörder zu entlarven.

In San Sebastiáns Altstadt, dort, wo Touristen gern Tapas essen, sind Wände mit »Gora Eta«, es lebe Eta, beschmiert und dazu mit dem Signum der Terrororganisation, der um eine Axt gewundenen Schlange. Wer sich öffentlich gegen ein souveränes Baskenland ausspricht, wird bedroht.

Viele Abgeordnete, Sozialisten wie Konservative, aber auch Journalisten, Hochschulprofessoren und Künstler haben sich in diesem blutigen Sommer entschlossen, die Heimat zu verlassen. Bürgerrechtlerin Cuesta und andere zum Bleiben entschlossene Eta-Gegner wie María San Gil, Vizebürgermeisterin von San Sebastián, werden auf Schritt und Tritt von Leibwächtern begleitet. Sie müssen Schutz suchen vor den Freunden von Esther Agirre, einer Spitzenpolitikerin von Euskal Herritarrok (Wir baskischen Bürger), dem politischen Arm der Eta.

Die Menschenrechtlerin, die konservative Bürgermeisterin und die radikale Politikerin - Frauen in den Dreißigern - stecken beispielhaft das Spektrum der Gesellschaft im Baskenland ab. Sie lassen jene tiefen Gräben erkennen, die Demokraten von Terroristen, aber auch Nationalisten von jenen trennen, die sich sowohl als Basken wie auch als Spanier verstehen.

Esther Agirre, 30, hält sich von den Demonstranten der Plaza de Guipúzcoa fern. Bei einer Cola in der Szenekneipe der Separatisten im Zentrum ihres Wohnorts räumt sie ein, sie sei »betrübt« über die neue Welle der Gewalt. »Aber« - sie wischt ihre langen hellblonden Haare mit der Hand aus der hohen Stirn - »hier herrscht ein bewaffneter Konflikt, deshalb gibt es viele Menschenrechtsverletzungen, auch von der anderen Seite.«

Mit der anderen Seite meint Agirre den spanischen Staat und seine Verfassung, die dem »ältesten Volk Europas aufgezwungen wurde«. Auch das Autonomie-Statut, das den Basken nach dem Ende der Franco-Diktatur eigene Polizei, baskischen Unterricht an den Schulen und das Privileg gab, selbst die Steuern einzuziehen, kann überzeugte Nationalisten wie Agirre nicht zufrieden stellen. Sie beharren auf dem eigenen Baskenstaat, der auch das benachbarte Navarra und das französische Pays Basque umfassen soll.

Gegen die »Besatzungsmacht Spanien« rufen Agirre und ihre Partei angeblich nur zum zivilen Ungehorsam auf, »ganz im pazifistischen Geist von Gandhi«. Hinter dem rechtlich Zulässigen versteckt sich die Anwältin gern. Doch in der Region zogen ihre Genossen bereits von Haus zu Haus, um selbst gemachte baskische Pässe zu verteilen und ein Register der wahren Basken anzulegen.

Ein Untersuchungsrichter am Nationalen Gerichtshof ließ jetzt einige ideologische Mitstreiter verhaften. Er glaubt beweisen zu können, dass sie nach Plänen der Eta handeln, um »den Staat verrückt zu machen«. Die Justiz kriminalisiere jetzt schon Ideen ganz wie einst Franco, meint dagegen Agirre, die sich von den Terroristenjägern in Madrid persönlich bedroht fühlt.

Denn der Richter hat auch die Auslandsbeauftragte und 15 Mitarbeiter von Euskal Herritarrok angeklagt: Er wirft ihnen vor, dem Apparat der Eta anzugehören und das Untertauchen von Attentätern außerhalb Spaniens zu organisieren. Dafür gebe es keine Beweise, wehrt sich Agirre. Bislang schützte sie die Immunität als Abgeordnete des baskischen Parlaments vor einer Verhaftung.

Die radikale Baskin empört sich über den spanischen Ministerpräsidenten José María Aznar. Seine Drohung, die Leute der Eta-nahen Partei müssten »zu Bett gehen, ohne zu wissen, ob sie hinter Gittern wieder aufwachen«, bezieht sie auf sich. Auch ihr Mann Joseba Permach gehört als Sprecher der Partei an. Was soll aus ihrer einjährigen Tochter werden, wenn »beide Eltern im Gefängnis landen«, fragt sie sich und, an die Adresse des Regierungschefs gerichtet, wie viele Tote er noch in Kauf nehmen will, bis er endlich das Grundrecht auf Selbstbestimmung anerkennt.

Am Rand des Demonstrationsplatzes, unter den Arkaden des Verwaltungsgebäudes, sind junge Burschen in Springerstiefeln aufgezogen. Feindselig starren sie auf das Heer der Eta-Gegner. Besonders eine magere hoch gewachsene Frau im Schottenrock, die sich ganz vorne neben einem Protestplakat aufgestellt hat, erregt ihr Missfallen.

Es ist María San Gil, 35, die Vizebürgermeisterin des noblen Seebads. Ihre konservative Volkspartei hat dieses Jahr schon vier Gemeinderäte begraben müssen. Das reicht auch ihr.

San Gil hat eine elf Monate alte Tochter und einen dreijährigen Sohn. Sie ist Baskin wie Agirre und wuchs in San Sebastián als Tochter eines Schreibwarenhändlers auf. Doch weil sie der in Madrid regierenden Volkspartei angehört, so die blutige Logik ihrer Heimat, kann sie nie mit ihren Kindern spazieren gehen. Ihren Weg ins Rathaus ändert sie täglich, acht Leibwächter begleiten sie, oft muss sie sogar unterwegs noch Kleider oder den Wagen wechseln, um mögliche Verfolger abzuschütteln. Doch selbst an ihrem Arbeitsplatz droht Gefahr.

Im Büro gegenüber residiert die Fraktion von Euskal Herritarrok. Zwei Parteigenossen, Kollegen im Stadtrat, führten unlängst eine Demonstration an, in der sie María San Gil mit dem Tod bedrohten. Die Bürgermeisterin klagte.

Dass ihre Parteifreunde der Bürgermeisterin das Leben zur Hölle machen, findet die radikale Anwältin Agirre nicht weiter verwunderlich. Gegenwärtig herrsche eben eine »politische Konfrontation« mit den Leuten von der Volkspartei.

Warum aber greifen junge Gesinnungsgenossen zur Gewalt? Die Politiker hätten es eben nicht geschafft, der Jugend Lösungen anzubieten, behauptet Agirre. Für die Gewaltbereitschaft sucht sie Erklärungen aus einer noch weiter zurückliegenden Vergangenheit: »Angenommen, ein Junge, der heute bei der Eta ist, stammt aus Guernica und sein Großvater kam um, als die Nazis im Auftrag Francos die Stadt bombardierten ...« Auge um Auge, Zahn um Zahn bleibt auch in der neuen Generation die Losung der Separatisten.

In den 25 Jahren seit Francos Tod drehte sich die Spirale der Gewalt ohne Unterbrechung weiter. Über 700 Menschen brachten die Terroristen in dieser Zeit um, etwa 5000 Basken kamen in Haft, meist fern der Heimat. Dies nennt Agirre Menschenrechtsverletzung und setzt Polizeiaktionen mit Eta-Anschlägen gleich. Der Hass zwischen den Familien der Opfer und Täter, zwischen angeblichen »Verrätern« der baskischen Sache und den »Patrioten« wächst noch immer.

Jugendliche können Heldenstatus in ihren Cliquen erwerben, wenn sie Molotowcocktails gegen die Autobusse, Geldautomaten oder Läden von vermeintlichen »españolistas« schleudern. Sollte andererseits die Regierung in Madrid ihre Reform der Terrorismusgesetze durchbringen, könnten künftig schon Minderjährige ab 14 bis zu zehn Jahre fern der Heimat eingesperrt werden.

Seit dem Ende eines 14-monatigen Waffenstillstands vor einem Jahr folgen die Eta-Morde in immer kürzeren Abständen aufeinander. »Die Menschen gewöhnen sich an die immer gleichen Reaktionen der Politiker auf die Attentate«, stellt die Aktivistin Cuesta bitter fest, das stumpft ab. »Zum Heulen« findet sie diese Sackgasse.

Sie hatte einst Journalistin werden wollen, um von den Kriegsschauplätzen der Erde zu berichten, wie die berühmte Oriana Fallaci. Doch als die Eta vor 18 Jahren ihren Vater umbrachte, musste sie feststellen, dass sie »zur Zeugin des Kriegs im eigenen Land« geworden war. Anstatt die Heimat nach dem Mord an ihrem Vater zu verlassen, gründete sie 1986 mit 20 Gleichgesinnten eine erste schüchterne Friedensbewegung. Seither zog sie für jedes Opfer des baskischen Konflikts auf die Straße, auch für jene, die in den achtziger Jahren von den Todesschwadronen staatlicher Sicherheitskräfte umgebracht wurden.

»Die Angst lastete wie ein Stein auf uns«, erinnert sich Cuesta. Viele baskische Familien behandelten Angehörige von Eta-Opfern wie Aussätzige. Mütter erzählten ihren Kindern lieber, der Vater sei bei einem Unfall gestorben, nur um sie vor ihren Mitschülern nicht zu brandmarken.

Seit Cuesta als Sprecherin von ¡Basta ya! auch politisch Position bezogen hat, ist sie zum Freiwild geworden. Den eigenen Staat, in dessen Namen die Bande tötet, lehnt sie ab. Denn solange Eta mordet, dürften Demokraten kein gemeinsames Ziel mit den Terroristen verfolgen.

Nach einer halben Stunde haben die Demonstranten ihre Transparente eingerollt. Cuesta schüttelt ihren Rotschopf und zündet sich eine Zigarette an. »Heute ist kein besonders optimistischer Tag«, sagt sie und lacht heiser wie zum Trotz. Wer weiß, wie lange sie der ständigen Bedrohung noch standhalten kann.

Es reicht! Warum, so fragt sie sich, können die Töchter der radikalen Baskin Agirre und der Baskin San Gil, die sich zugleich als Spanierin bekennt, nicht endlich friedlich zusammen aufwachsen?

Eine solche Zukunftsvision hält Esther Agirre allerdings für total unrealistisch. Es ist doch Krieg. HELENE ZUBER

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