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USA »Saddam kann nicht bleiben«

Der US-Sicherheitsexperte Richard Perle über Amerikas Feldzug gegen Bin Laden und die nächsten Kriegsziele der internationalen Koalition gegen den Terrorismus
aus DER SPIEGEL 43/2001

SPIEGEL: Mr. Perle, schon im Jahr 1997 hatte jemand eine böse Vorahnung: »Eines Tages wird ein Anschlag wie der auf das World Trade Center Erfolg haben, und danach werden wir alle Vorsicht fahren lassen.« Wer war's?

Perle: Ich weiß es nicht.

SPIEGEL: Sie.

Perle: Tatsächlich? Wir wussten ja schon lange, dass die Terroristen über ein globales Netzwerk verfügen und dass sie zu wüsten Anschlägen im Stande sind. Uns ist zum Beispiel nach dem Bombenattentat auf das World Trade Center 1993 nichts Adäquates eingefallen, und diese Schwäche hat die Terroristen ermutigt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie einen ihrer ehrgeizigeren Pläne verwirklichen würden.

SPIEGEL: Haben die Vereinigten Staaten im Krieg gegen Afghanistan alle Vorsicht fahren lassen?

Perle: Das glaube ich nicht. Der Feldzug in Afghanistan soll die Grundlagen von al-Qaida zerstören. Wenn uns das gelingt, kennen die anderen staatlichen Sponsoren terroristischer Gruppen das Risiko, das sie eingehen, wenn sie ihnen Geld, den Geheimdienst, ihr Territorium und ihre Logistik zur Verfügung stellen.

SPIEGEL: Aber ist es nicht eine Illusion zu glauben, dass der Terrorismus durch einen Krieg eliminiert werden kann?

Perle: Natürlich lässt sich der Terrorismus ebenso wenig wie Drogen oder andere Verbrechen aus der Welt schaffen. Wir können aber die Bewegungsfreiheit der Terroristen aufs Äußerste einschränken, so dass sie nie wieder Anschläge wie am 11. September ausführen können. Sobald wir die Zahl der Terroristen erheblich verringert haben, können sich unsere Polizei und unser Geheimdienst um sie kümmern. Bleibt die Zahl der Terroristen aber so groß wie derzeit, werden wir überwältigt werden.

SPIEGEL: Die Taliban-Regierung zu stürzen ist offenbar nur eine Frage der Zeit. Eine Ersatzhandlung, weil Osama Bin Laden nicht zu fassen ist?

Perle: Nein, sondern das funktionale Gegenstück für das Ergreifen Bin Ladens, allerdings ohne die psychologische Befriedigung, seiner habhaft werden zu können. Sobald eine neue Regierung in Afghanistan die Herrschaft übernommen hat, wird Bin Laden zum Flüchtling und seine Handlungsfreiheit eng begrenzt. Momentan ist er noch ein Ehrengast, der Schutz genießt und den erforderlichen Nachschub erhält. Er ist praktisch ein Mitglied der Taliban-Regierung.

SPIEGEL: Wäre es aus Ihrer Sicht eine Niederlage, wenn die Vereinigten Staaten Bin Laden nicht aufspüren könnten?

Perle: Es wäre ein Fehler, den Erfolg von seiner Person abhängig zu machen. Ein großer Fortschritt bestünde schon darin, die terroristische Gefahr entscheidend zu verringern. Wenn Bin Laden künftig keine Anschläge mehr planen und organisieren kann, kommt das fast seiner Ergreifung gleich. Nur auf die psychologische Befriedigung müssten wir verzichten.

SPIEGEL: Aber es wäre auch eine Wiederholung des Golfkriegs von 1991: Wie damals Saddam Hussein würde auch diesmal Amerikas Feind Nummer eins überleben.

Perle: Damals sind Präsident George Bush Senior und Colin Powell, seinerzeit Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs, davon ausgegangen, dass Saddam den Krieg politisch nicht überleben würde. Sie haben mit amerikanischen Augen eine völlig andere Kultur betrachtet, denn in Amerika würde kein Politiker eine krachende Niederlage im Krieg überstehen. Sie lagen falsch, und ich glaube, sie wissen es heute. Kaum zu glauben, dass wir diesen Fehler wiederholen werden.

SPIEGEL: Heute besteht das amerikanische Dilemma darin, dass Kabul so lange nicht erobert werden kann, wie es noch keine neue Regierung für die Nachkriegszeit gibt.

Perle: Ich halte es für einen Irrglauben, dass wir eine Regierung für Afghanistan aus dem Hut zaubern können. Das ist kein Land mit einer richtigen Hauptstadt und einer ausgeformten politischen Struktur. Afghanistan zerfiel zu allen Zeiten in viele verschiedene Teilgewalten. Die lokalen Herrscher waren immer von größerer Bedeutung als die so genannte Zentralregierung in Kabul. Wer glaubt, dass er Afghanistan ein eng umgrenztes politisches System auferlegen kann, ist töricht.

SPIEGEL: Außenminister Colin Powell hält es für möglich, dass moderate Taliban-Fraktionen einer neuen Regierung angehören könnten.

Perle: Na ja, ich habe noch keine moderaten Taliban kennen gelernt. Ich habe aber keinen Zweifel daran, dass es mittlerweile Risse in der Führung gibt. Dabei sollten wir nicht die Rolle des Geldes unterschätzen. Viele Millionen sind von den Terroristen an die Taliban-Führung und den Geheimdienst geflossen, Bin Laden hat im Grunde die Taliban gekauft. Und ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass einige Regierungsmitglieder mit neuen Augen auf die Verhältnisse in Afghanistan schauen, seit wir Krieg mit ihnen führen.

SPIEGEL: Sie meinen, die suchen neue Geldgeber?

Perle: Ja.

SPIEGEL: Wird die internationale Koalition gegen den Terrorismus den Krieg in Afghanistan überleben?

Perle: Der Sieg hat heilende Kräfte. Das ist ja eine ungewöhnliche Koalition. Jeder kann ihr beitreten, ein Land kann heute dazugehören und morgen schon nicht mehr, wenn es ihm einfällt. Einige Länder wiederum sind begierig, in die Koalition einzutreten, weil sie selbst Terroristen unterstützt haben oder sogar noch unterstützen. Ich würde der Koalition nicht so viel Bedeutung beimessen. Sie ist nicht so wichtig wie die 1991 im Golfkrieg.

SPIEGEL: Was ist dann diesmal der Zweck der Koalition?

Perle: Sie ist kein Mittel zum Zweck, sondern nur Selbstzweck. Am Ende aber ist es ohnehin die Aufgabe der Amerikaner, Amerika zu verteidigen.

SPIEGEL: War die Begrenzung des Krieges auf Afghanistan ein Kompromiss, um die Koalition nicht zu gefährden? Hatten die Vereinigten Staaten die Absicht, in mehreren Ländern gleichzeitig zuzuschlagen?

Perle: Diese Möglichkeit bestand, und wir hätten auch genügend Rückhalt für diese weiter gefasste Strategie gefunden. Am 11. September hat Amerika einen Angriff erlitten. Psychologisch und moralisch mag sich die gesamte westliche Welt angegriffen fühlen, physisch aber hat Amerika einen schweren Schlag hinnehmen müssen. Wir, und wir alleine, müssen deshalb die Verantwortung für unsere Verteidigung übernehmen. So willkommen Verbündete in so einer Situation sein mögen - wir wären Tölpel, wenn wir die Entscheidung zum Kampf gegen den Terrorismus und die Strategie dafür anderen überließen.

SPIEGEL: Was ist die Wurzel allen Übels, der Irak?

Perle: Das Regime Saddam Husseins hat Hunderttausende getötet, es hat Giftgas eingesetzt. Saddam selbst hat viele Menschen mit seinen eigenen Händen ermordet. Eine üblere Figur als ihn kann ich mir schwer vorstellen.

SPIEGEL: Für die Kriegsstrategie spielte 1991 auch eine Rolle, dass das Land ohne Saddam hätte zerfallen können. Wollen die Vereinigten Staaten jetzt nachholen, was damals unterblieb?

Perle: Wenn Saddam Hussein nicht besiegt würde, wäre der Kampf gegen den internationalen Terrorismus ein Fehlschlag. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir sein Regime bestehen lassen.

SPIEGEL: Haben Sie Hinweise auf eine Zusammenarbeit zwischen Bin Laden und dem Irak? Einer der mutmaßlichen Attentäter vom 11. September, Mohammed Atta, soll irakische Geheimdienstagenten in Prag getroffen haben.

Perle: Das ist schon Beweis genug, aber es gibt jenseits der Prager Treffen weitere Beweise. Wir wissen, dass der Irak viele Terroristen aus unterschiedlichen Ländern ausgebildet hat, wozu die Entführung von Flugzeugen gehört, die an Attrappen geübt wird. Es gibt berechtigte Sorge, dass Saddam, der im Besitz von Milzbranderregern und anderen biologischen Waffen ist, die Terroristen aus seinen Beständen versorgt hat. Wir wissen, dass er den damaligen Präsidenten George Bush Senior umbringen wollte. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Saddam eine große Gefahr darstellt.

SPIEGEL: Wenn die Anthrax-Briefe tatsächlich von Terroristen verschickt worden sein sollten, bedeutet das, dass sie bisher immer einen Schritt voraus waren. Während die US-Regierung nach dem 11. September noch über schärfere Kontrollen auf den Flughäfen nachdachte, bereiteten sie schon den nächsten Eskalationsschritt vor.

Perle: Den Terroristen kommt das Überraschungsmoment zugute. Hätten wir am 11. September gewusst, dass sie Flugzeuge in Bomben verwandeln wollten, hätten wir alle Anschläge verhindert. Die Piloten glaubten an eine konventionelle Flugzeugentführung, und so gestatteten sie den Hijackern den Zugang zum Cockpit, ein verhängnisvoller Fehler. Die Verteilung der Anthrax-Sporen per Post ist ein weiteres Beispiel dafür, wie einer offenen Gesellschaft Wunden geschlagen werden können. Deshalb hat Verteidigungsminister Rumsfeld auch gesagt, dass es nur eine Alternative gibt: Entweder schränken wir ihre Aktionsfreiheit ein, oder sie verändern unsere Lebensgewohnheiten.

SPIEGEL: Wie lange dauert der Krieg?

Perle: Wir müssen die Terroristen dort bekämpfen, wo sie ihre Stützpunkte haben. Es ist so ähnlich wie im Kalten Krieg: Wir wollten gegen die Sowjetunion nicht mitten in Europa kämpfen, nicht in Deutschland. Wir waren darauf bedacht, die Kommunisten auf Distanz zu halten. Deshalb bestand unsere Strategie in der Abschreckung. Wir wollten nicht einen Krieg auf unserem eigenen Gebiet führen müssen. So weit müssen wir jetzt erst wieder kommen. INTERVIEW: GERHARD SPÖRL

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