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NATO Säbelhiebe

aus DER SPIEGEL 16/1952

Ich wette einen Schilling gegen ein englisches Pfund, daß die Europa-Armee nicht zustande kommt«, knurrte dieser Tage NATO-Generalsekretär Ismay den US-Brigadegeneral Frank Camm an.

Camm, 57, gehört zu der amerikanischen Berater-Gruppe für militärische Hilfe (MAAG) in Lissabon. Er war von Ismay nach Paris gerufen worden, um zu hören, was eine Vernehmung des französischen Generalleutnants Paul Ely, Vertreters der französischen Stabschefs bei der NATO-Standing-Group in Washington*) ergab.

Für Frankreichs ruhmreiche Armee sah dabei das Ergebnis so aus:

* Es stimmt, daß Frankreichs Offiziers- und Unteroffiziers - Nachwuchs zu schwach ist, um die Blutverluste in Indochina auszugleichen und außerdem noch die Kader für die geplante Aufrüstung herzugeben.

* Es läßt sich nicht leugnen, daß Frankreich sein NATO-Soll von 12 Divisionen unmöglich erfüllen kann. Weder Mannschaften, noch Unteroffiziere, noch Offiziere sind dafür vorhanden.

* Es ist aber andererseits auch richtig, daß Frankreich 42,4 Millionen Einwohner hat. Nach den gültigen Maßstäben des militärischen Ersatzwesens müßte Frankreich damit ohne große Schwierigkeiten 120 Divisionen aufzustellen in der Lage sein.

Die Vernehmung hatte sich so abgespielt, daß seine Lordschaft fragte, wie Generalleutnant Ely den Widerspruch zwischen den militärischen Realitäten Frankreichs und seinen Möglichkeiten erkläre. Der Franzose drehte nervös sein vor ihm liegendes goldbesticktes Käppi. Der Blick der anwesenden NATO-Delegierten drehte sich von Ely weg auf Ismay zu. Der zog gemächlich aus seiner schweinsledernen Diplomaten-Mappe einen blauen Aktendeckel hervor. »Französische Streitkräfte« stand da mit großen roten Buchstaben oben.

Ismay las vor. Wie Säbelhiebe prasselten seine Argumente auf die armen anwesenden französischen Delegierten herunter:

General Juin habe als Generalinspekteur der französischen Armee den Versuch gemacht, den Augias-Stall auszumisten. Juin sei gescheitert. Hunderte von Deputierten und Tausende von guten Freunden seien ihm in den Arm gefallen. Inzwischen liege der Mist im Augias-Stall noch höher.

Dann legte Ismay der NATO-Kommission Zahlen vor:

* Vor der Aktion Juins beschäftigte jede französische Division 900 Köche. Nach der Reinigung 800, heute 930.

* Im Veterinär-Dienst sind 1680 Personen eingesetzt. Kommentierte Ismay: die französische Armee unterhält keine Kavallerie - Einheiten und keinen pferdebespannten Troß mehr.

* In den beiden nordafrikanischen Kommandos der Marineflieger - Schule (CIOA) in Arzew und Oran sind 967 Offiziere und Unteroffiziere mit Verwaltungsaufgaben betraut.

* In den verschiedenen Kriegsschulen sind insgesamt über 10 000 Mann Verwaltungspersonal eingesetzt. Allein 360 Köpfe in der »Ecole speciale militaire interarmes«. Diese Schule bildet nur die Creme höchster Truppenführer heran.

*) Seine beiden Kollegen in diesem Gremium sind der britische Luftmarschall Sir William Elliot und der US-Vizeadmiral Jerauld Wright. * In insgesamt 37 militärischen Komitees sitzen 41 Generäle, 307 Stabsoffiziere und 468 Subalternoffiziere. 326 Unteroffiziere und 2254 Mannschaften sind ihnen zugeteilt.

Die Aufzählungen Ismays dauerten etwa eine halbe Stunde. Dann kam endlich der NATO-Generalsekretär zu seiner Forderung: Rund 65 bis 70 Prozent des militärischen Verwaltungsapparates können entlassen oder in den Truppendienst gesteckt werden. Sofort würden die Divisionen mehr als genug Führungspersonal erhalten. General Lattre de Tassigny hätte mit einigem Erfolg das gleiche in Indochina exerziert.

Der ehrenwerte Lord blickte von seinen Unterlagen auf: »Wenn Paris aber nicht will, dann dürfen wir nicht mehr mit Samthandschuhen vorgehen, sondern müssen hart zupacken!« Sofort alle Dollarhilfe für Frankreich einstellen, und das so lange, bis Frankreich geneigt ist, seine Bürooffiziere in die Truppe zu stecken, verlangte der NATO-Generalsekretär von dem Delegierten der amerikanischen Berater-Gruppe für militärische Hilfe.

Nicht nur Ismay bot einen Schilling gegen ein Pfund, daß die Europa-Armee ein Fehlschlag werden würde. Unter den jungen französischen Generalstäblern stehen die Wetten Zehn zu Eins, daß in der Armee alles beim alten bleibt. Und der amerikanische Brigade-General Camm zischte vor den Ohren des NATO-Lords Ismay: »Frogeaters"*).

*) »Froschfresser« nennt der amerikanische Slang die Franzosen.

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