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Türkei SÄUBERN UND ZERSTÖREN

Ankaras Invasion im Nordirak hinterläßt verbrannte Erde. Türkische Soldaten zerstören Häuser, verschleppen Bewohner und treiben Tausende von Kurden zur Flucht. Während die Generäle die eroberten Gebiete am liebsten unbewohnbar machen würden, versucht der neue Außenminister Erdal Inönü, die Verbündeten zu besänftigen.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Die Siedlung bei Sacho im Nordirak sollte für Halil Berk zur zweiten Heimat werden. Aus seinem ostanatolischen Dorf, einer vermeintlichen Hochburg der separatistischen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), hatten ihn türkische Soldaten erst unlängst verjagt. Vorige Woche trieben sie den Familienvater ein weiteres Mal zur Flucht.

Aus Furcht vor den anrückenden Invasionstruppen Ankaras räumten Berk und mehrere tausend weitere türkische Kurden ihre Häuser im äußersten Norden des Irak. Unter dem Schutz des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen zog ein kilometerlanger Treck - überwiegend Frauen, Kinder und ältere Männer - tiefer ins Landesinnere.

Der Flüchtlingskonvoi aus Uno-Lastern und Pritschenwagen, der über holprige Pisten in das vorerst sichere Notlager Atrusch rollte, ist das bislang drastischste Beispiel für die verheerenden Folgen des Einmarsches. Denn entgegen allen Beteuerungen schonen die türkischen Militärs die kurdische Bevölkerung, die sie zu beschützen vorgeben, offenbar nicht.

Zahlreiche Häuser haben die Soldaten niedergebrannt oder zerschossen; etliche Männer und Frauen wurden verschleppt. Sogar schwerer Mißhandlungen werden die Truppen bezichtigt. »Die Türken«, berichtete ein Flüchtling der Hilfsorganisation Kurdischer Roter Halbmond, »sind noch barbarischer als die Soldaten Saddam Husseins.« Der irakische Diktator hatte die Kurden jahrelang erbittert verfolgt und ganze Dörfer ausgerottet.

Die Schreckensnachrichten, die trotz des Einreiseverbots für unabhängige Journalisten aus dem Krisengebiet drangen, verstärkten den internationalen Druck auf Ankara. In Washington, wo US-Präsident Bill Clinton anfangs noch »Verständnis« für die Militäroperation geäußert hatte, rügte das Außenministerium nunmehr die »negativen Auswirkungen« auf die Bevölkerung. Aus Bonn hatte Bundesarbeitsminister Norbert Blüm den Nato-Partner bereits zuvor scharf verwarnt (siehe Seite 22).

Sogar im eigenen Land regen sich Bedenken gegen die blindwütige Gewalt. Der schmutzige Feldzug, warnen Gegner einer militärischen Lösung des Kurdenproblems wie der Schriftsteller Orhan Pamuk, »vergiftet die Seele der Nation« (siehe Seite 148). Wenn die Presse nicht ausgesperrt bleibe, »könnten wohl Bilder auftauchen, die an Szenen aus afrikanischen Bürgerkriegen erinnern«, mutmaßte die Tageszeitung Milliyet.

Der bisherige Verlauf der »Operation Morgengrauen« scheint schlimme Befürchtungen zu bestätigen: Hat die Regierung in Ankara womöglich die Kontrolle über die Invasion verloren? Soll die Militäraktion gegen die PKK zu einem Vernichtungs- und Vertreibungskrieg gegen die kurdische Bevölkerung ausarten?

Jedenfalls wird die Aktion nicht so schnell beendet sein, wie Ministerpräsidentin Tansu Ciller den Verbündeten anfangs bedeutet hatte. Ihr Amtsvorgänger und mächtiger Gegenspieler, Staatspräsident Süleyman Demirel, erklärte vergangene Woche, daß die Besetzung auch »ein Jahr dauern« könne. Der Leiter des Einsatzes, General Hasan Kundakci, drohte Ciller verhohlen mit einer Machtprobe.

Offen plädierte der Kommandeur für die Errichtung einer dauerhaften »Schutzzone«, wie sie Israel im Südlibanon errichtet hat. Die Militärs scheinen bereit, eine Okkupation notfalls auch gegen den Willen der Regierung durchzusetzen. Denn, so Kundakci, es gebe nun mal »bestimmte strategische Punkte, an denen wir bleiben müssen«. In ihrem Troß führen die 35 000 Soldaten gleich jede Menge Fertighäuser mit.

Ungeachtet aller internationalen Proteste erstreben die türkischen Militärs die Vorherrschaft über ein Gebiet, das unter internationalem Schutz steht. Seit der Niederlage Saddams im Golfkrieg garantiert die Anti-Irak-Allianz den Kurden im Nordirak bis zum 36. Breitengrad eine Art Sicherheitszone, die sie vor Angriffen Bagdads schützen soll.

Interne Machtkämpfe zwischen den Kurdenführern ließen die Autonomieprobe scheitern. Der Streit zwischen den Erzrivalen Dschalal Talabani von der eher linken Patriotischen Union Kurdistans (PUK) und Massud Barsani von der mehr traditionalistischen Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) führte zu einem Machtvakuum.

Das suchte der PKK-Führer Abdullah Öcalan, genannt »Apo« (Onkel), zu nutzen; der will vor allem die zwölf Millionen Kurden in der Türkei »befreien«. Das irakische Autonomiegebiet dient der PKK dabei als Hinterland für Anschläge in der Türkei.

Befürchtungen, Ankara könne sich den Nordirak einverleiben, wenn Saddam erst einmal besiegt sei, waren bereits während der Golfkrise aufgekommen. Sein Land werde nach dem Krieg »besser dastehen als zuvor«, hatte der damalige Staatspräsident Turgut Özal dunkel angedeutet. Schon 1991 soll das Militär Pläne entwickelt haben, Teile des Nachbarlandes zu annektieren.

Im Nahen Osten schürte der völkerrechtlich umstrittene Einmarsch denn auch alte Ängste vor türkischen Großmachtansprüchen. Immerhin hatten die Osmanen die arabische Welt jahrhundertelang fast vollständig beherrscht. »Wenn der Türkei die Handlungsfreiheit gegeben wird, in arabischen Ländern nach eigenem Gutdünken vermeintliche oder echte Feinde zu jagen oder umzubringen, werden wir Araber wohl alle gefordert sein«, mahnte das Staatsfernsehen der Vereinigten Arabischen Emirate. »Reicht nicht schon die Wahnsinnssituation im Libanon?«

Ähnlich wie die Israelis im Süden des Levantestaats könnten auch die Türken ihre Verteidigungslinien vorverlegen, um das Heimatterritorium gegen Anschläge zu sichern. Jerusalem drängte so das Aufmarschgebiet der militanten schiitischen Friedensgegner von der Hisb Allah 15 Kilometer zurück. Den Raketenangriffen der Milizen ist der Judenstaat dennoch weiter ausgeliefert.

Und auch die PKK dürfte selbst bei einer dauernden Besetzung ihres Rückzugsgebiets keine Ruhe geben. Einige tausend Partisanen stehen ohnehin in der Türkei bereit.

Ihre Gegner können die türkischen Soldaten schwer greifen. Kalaschnikow und Patronengurt tragen auch die Anhänger der mit Ankara halbherzig verbündeten Kurdenführer Massud Barsani und Dschalal Talabani. Die Barsani-Truppe, die bisher das Grenzgebiet kontrollierte, beklagt bereits den Tod von zahlreichen eigenen Leuten. Weil sich ihre Kämpfer geweigert hatten, die Waffen abzulegen, sollen die Türken sie als mutmaßliche Öcalan-Soldaten erschossen haben.

Hinweise auf die Verstecke der verhaßten Freischärler versuchen die Soldaten aus der Bevölkerung herauszupressen. »Schwangere Frauen wurden über den Boden geschleift«, berichteten Augenzeugen dem Kurdischen Roten Halbmond; auch seien »Menschen gruppenweise mit militärischen Fahrzeugen weggebracht« worden.

Nach Augenzeugenberichten, die sich allerdings nicht überprüfen lassen, hat sich der Frust der Türken über die angebliche Ahnungslosigkeit der Einheimischen in blinde Zerstörungswut gesteigert. In Derkare etwa gingen etliche Unterkünfte in Flammen auf, Gebäude wurden mit Panzern und Raketen zusammengeschossen. »Vielen Frauen wurde ihr Goldschmuck weggenommen«, berichtete ein Betroffener der Hilfsorganisation: »Als sich die Bevölkerung dagegen wehrte, haben sie mit Gewehrkolben auf uns eingeschlagen.«

Die Göttinger Gesellschaft für Bedrohte Völker, die in Telefonkontakt mit dem Nordirak steht, hat von »Hetzjagden« der türkischen Soldaten auf Menschen erfahren, »die unter geringstem Verdacht stehen, mit der PKK zu sympathisieren«. Die ziellose Bombardierung von Dörfern habe Panik und Massenflucht ausgelöst. Vermutlich sind im türkischen Feldzug mehr Zivilisten als PKK-Kämpfer getötet worden.

Die Zerstörung der Flüchtlingsregion, in der internationale Hilfsorganisationen nach dem Golfkrieg umfangreiche Aufbauprogramme begonnen hatten, scheint zum Schlachtplan zu gehören. Kommandeur Kundakci jedenfalls will das Gebiet nicht nur von Partisanen »säubern«. Der Generalleutnant: »Wir werden diese Region unbewohnbar machen.«

In ihrem Verfolgungseifer verletzten einige Einheiten Ende voriger Woche sogar die syrische Grenze. Ministerpräsidentin Ciller bemüht sich derweil, den Ansehensverlust ihres Landes bei den Nato-Partnern zu begrenzen. Der neu ernannte Außenminister Erdal Inönü wird diese Woche bei den wichtigsten Verbündeten vorsprechen. In Bonn, wo er am Montag erwartet wird, wird der Ciller-Gesandte wohl neue Versicherungen geben, daß kein Kriegsgerät aus Beständen der ehemaligen Nationalen Volksarmee gegen Kurden eingesetzt wird.

Die US-Regierung will der Physikprofessor, so verlautet aus Ankara, für einen möglichen Kompromiß gewinnen: Die türkischen Truppen sollen im Nordirak bleiben, könnten aber in die Schutztruppe der Alliierten für die Kurden integriert werden. Das käme den Vorstellungen Ankaras von einer international überwachten Pufferzone an der Grenze noch am nächsten.

Und auch die Menschenrechte sollen bei der Invasion nicht mehr mit Stiefeln getreten werden. In der nordirakischen Grenzstadt Sacho eröffnete das Außenministerium eine Beschwerdestelle für Opfer militärischer Übergriffe.

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Kurdische Autonomiezone

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