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SALZSTÖCKE Saftet schon

Ob der von dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht benannte Salzstock bei Gorleben sich tatsächlich für die Ablagerung von Atommüll eignet, ist noch offen.
aus DER SPIEGEL 12/1977

Heil und Segen hat die Zeiten hindurch das Salz der Welt gestiftet. Und wieder soll es nun Gutes tun: Tief im Salz der Erde sollen die todbringenden radioaktiven Abfälle der Kernkraftwerke ein für allemal und gefahrlos verschwinden.

Nirgends, so die einhellige Meinung der Experten, kann der strahlende Müll so verhältnismäßig sicher deponiert werden, weder im Eis der Pole noch auf dem Grund des Ozeans, nicht einmal auf der Sonne, wohin der Stoff mit Raketen zu schießen wäre.

Denn im Untergrund das Salz ist vor Urzeiten, vor mehr als 200 Millionen Jahren, entstanden und hat sich seither wenig gewandelt, und nichts spricht dafür, daß sich in kommenden Jahrmillionen daran etwas ändern könnte.

So durabel, so naht- und fugenlos sind pure Salzlager in der Regel auch. Durch Druck von oben und allen Seiten ist das Salz, geschmeidig wie Kitt, zu einer plastischen Masse ohne Spalten und Klüfte zusammengepreßt und undurchlässig für Flüssigkeit und Gase geworden. Und weil Salz, anders als anderes Gestein, zudem Wärme besonders gut leitet, scheint es als Endlager auch für hochaktiven Atomabfall, der

außer den Strahlen -- noch 450 Grad Hitze abgibt, schlechthin ideal.

Damit freilich wird der Schatz im Boden zur Last. Wo kein Salz lagert, steht auch kein Atommüll ins Haus. In Niedersachsen, dem einzigen Bundesland mit geeigneten Vorkommen, wünschte man sich nun am liebsten das Salz vom Hals. Verdrossen bekannte Ernst Albrecht, Ministerpräsident in Hannover: »Wir leugnen nicht, daß wir die besten Salzstöcke haben.«

Diesen neuerdings fatalen Umstand hat Albrecht, haben die Niedersachsen einem Erdzeitalter zu verdanken, in dem es noch keine Vögel und keine Säugetiere, nicht einmal Schildkröten gab und gerade die ersten Nadelhölzer zu wachsen begannen: die Zeit des Zechsteins, dem jüngsten Abschnitt des geologisch so genannten Paläozoikums, ein Wort, das die griechischen Bezeichnungen für »alt« und »Lebewesen« zusammenfügt.

Damals vollzogen sieh auf der Erdoberfläche wahrhaft umwälzende Änderungen. Nördlich einer Linie, die in der heutigen Geographie etwa von Wesel an der holländischen Grenze nordostwärts über Osnabrück und dann in südöstlicher Richtung quer durch Thüringen bis Jena verlief, sank das Grundgebirge, das im Harz noch jetzt zutage ansteht, immer tiefer ab, und in diesem Trog, dem Germanischen Becken, brach von der Arktis und über die heutige Nordsee her immer wieder das salzige Meer herein.

Das Meer kam, so ist nachgezählt worden, viermal. Das Klima war warm, die Verdunstung hoch, und da in den zwanzig bis dreißig Millionen Jahren, in denen das passierte, die Verbindung zum Ozean auch mal wieder unterbrochen war, gab es Phasen, in denen die Wasser im Germanischen Becken stehenblieben -- »da konnte«, wie der Geologe Gerhard Richter-Bernburg sagt, »die dicke Brühe nicht mehr ablaufen«, sie schwappte in der Salzfalle und wurde eingedampft.

So lagerten sich, nach und nach, vier Salzformationen übereinander ab, Zechstein eins bis vier, auch Werra-Sene, Staßfurt-Serie, Leine-Serie und Aller-Serie geheißen, jede ein paar hundert Meter mächtig, »insgesamt runde tausend Meter«, wie Richter-Bernburg, Professor und ehemals Präsident der hannoverschen Bundesanstalt für Bodenforschung, erläutert.

Was damals oben lag, liegt mittlerweile unten. Jüngere geologische Prozesse schippten immer neue Gesteinslagen über die Salzserien, erst waren es 1000 Meter Buntsandstein, dann 200 Meter Muschelkalk und 400 Meter Keuper, schließlich fast 1000 Meter Jura und darüber noch 500 Meter Kreide, insgesamt mal 2000, mal 4000 Meter mächtige Schichten, die sich als Decke über das Salz breiteten.

Aber dabei blieb es nicht, dazu war, was da übereinander zu liegen gekommen war, physikalisch allzu verschieden: unten das Salz, leicht und locker wie eine Torte, darüber dick und schwer das Deckgestein. »Nun setzen Sie sich mal auf eine Torte«, schlägt Richter-Bernburg, 70, vor, hebt sich aus dem Sessel, läßt sich zurückfallen und blickt entsetzt auf seine Hose: »Die kommt Ihnen zwischen den Beinen hoch.«

Genau das hat die Salztorte auch gemacht. Als irgendwann der Deckpanzer oben in Bewegung kam und die Torte unten mobil wurde, »da fegte das Salz nach oben«, so Richter-Bernburg; »beinahe vulkanisch« schoß es in den Verwerfungsspalten aufwärts. Zwar: »Man konnte sich nicht danebenstellen und zusehen«, aber »geologisch war es ein momentaner Vorgang«, ein paar zehntausend Jahre mag es wohl gedauert haben.

Diese mechanische Reaktion des Salzes, die bei hoher Belastung der einer breiigen Flüssigkeit ähnelt, heißt Diapirismus, was von griechisch hindurchlaufen stammt, und das Ergebnis der eruptiven Salzwanderung treppauf aus dem Keller der Erde sind die Diapire. Über zweihundert solcher salzenen Pfropfen« solcher Salzdome. Salzstöcke stecken im Niedersächsischen.

Manche sind weniger hoch aufgestiegen, manche sind, wie Richter-Bernburg formuliert. »rausgequetscht wie Zahnpasta« und pilzförmig übergequollen, manche sogar, so bei Lüneburg und Segeberg, »sind noch immer am Kommen, die bewegen sich noch«, und bei manchen, da »wissen wir"s nicht«.

Kaum ein Diapir sieht aus wie der andere, charakteristisch ist lediglich, daß sie desto tiefer stecken, je weiter nördlich sie liegen. In Schleswig-Holstein stecken einige tiefer als 1200 Meter, da lassen die Geologen und da läßt wohl auch die Atommüllabfuhr die Hände von.

Gemeinsam haben die meisten Diapire allerdings, daß sie am Top« oben also, vom Grundwasser derart abgeleckt worden sind, daß sich ein Salzspiegel gebildet hat, der fast ebenso eben wie ein Wasserspiegel ist, und in dem porösen Hut aus Gips und verwitterten Stoffen darüber zirkuliert weiter das Grundwasser -- Spruch der Salzbergwerker: »Es grüne die Tanne. es wachse das Salz, Gott halte uns allen das Wasser vom Hals.«

Denn zwar ist das Salz plastisch und drückt alle Poren zu, auch frißt das Wasser nicht mehr, wenn es satt von Salz ist, aber bei seiner Wanderung bis unter und teilweise an die Erdoberfläche hat das Salz sich so »wild gefaltet« wie eine Serviette, die durch einen Ring gezogen worden ist -- Kulissenfaltung, sagen die Bergleute, »außerordentlich kompliziert«, nennt Professor Richter-Bernburg. was da mitunter entstanden ist.

Beim Falten ist nämlich zwischen das Steinsalz nicht nur leichter lösliches Kalisalz. etwa Carnallit, mit verknetet worden, sondern auch Gestein, das als Wasserleitung wie geschaffen ist. Daß in derartigen Fällen »ganz große Vorsicht geboten« ist, wie Richter-Bernburg fordert, hat sich 1975 im Kalibergwerk Ronnenberg bei Hannover erwiesen; da ist das Wasser vom Salzspiegel plötzlich bis auf eine Tiefe von 650 Meter durchgelaufen, und solchermaßen »ersoffen« sind schon viele Kalischächte.

Es ist nicht die einzige Gefahr, die im Salz droht. Auch das Salz selber kann zu schmelzen und zu fließen beginnen. Das Kalisalz Carnallit saftet schon bei normaler Grubentemperatur, pures Steinsalz wird desto beweglicher, je tiefer es heruntergeht und je wärmer es damit wird.

Zunächst wird das Salz nur unruhig, bei 800 Grad aber -- einer Temperatur, auf die radioaktive Substanzen das Gebirge theoretisch aufheizen könnten -schmilzt es. Die Reaktion auf Wärme ist laut Richter-Bernburg »jedenfalls unter Tage noch nicht so erforscht, wie wir gern wollten«, soviel steht aber fest: »Unterhalb 2000 Meter kann man im Salz keinen Raum mehr bauen, der würde bald eingedrückt sein.

So gut wie gefahrlos für die Ausspülung von Kavernen oder den Bau unterirdischer Lager ist eigentlich nur das Salz des Zechsteins 2, ein sauberes, ordentliches Material, das bis zu 600 Meter dick in der Erde aufgetürmt sein kann -- nur muß man erkunden, wo genau es so schier liegt, wie es sein muß.

Durch gravimetrische Messungen und durch seismische Untersuchungen ist die präzise Lage aller Salzstöcke zwar festgestellt worden. So ist bekannt, daß der Diapir von Gorleben, der auf der Suche nach Erdöl sogar schon durchbohrt wurde, die Form einer Gurke hat, daß seine Obergrenze bei 350 Meter und seine Untergrenze bei 3000 Meter liegt.

Aber um Gewißheit über die Beschaffenheit zu haben, reichen Messungen und Laboruntersuchungen von Bohrproben nicht aus. Da hilft nur eins, so Salzexperte Richter-Bernburg: »Schacht runter, Strecken auffahren.« Denn: »Wie es da unten wirklich aussieht, läßt sich mit letzter Sicherheit nur da unten feststellen.«

Wie entscheidend es sein könnte, daß man sich auch in Gorleben, »am Ort der Handlung, wo man deponieren will«, gründlich umsieht, zeigt das Schicksal, das der »Schacht Rudolf« im Salzstock von Wustrow, direkt neben Gorleben, erlitt: Im April 1950 brach über dem stillgelegten Bergwerk in weitem Umkreis plötzlich die Erde ein -- ein Carnallit-Sack im Steinsalz war vom Wasser allmählich weggefressen worden und hatte einen Hohlraum gebildet.

»So etwas«, gibt Professor Gerhard Richter-Bernburg zu bedenken, »kann uns überall, auch in Gorleben, in die Quere kommen.« Und: »Politisch bedingter Zugzwang trägt nicht immer zur Sicherheit bei. So auf Rosen gebettet sind wir also auch nicht.«

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