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AFGHANISTAN Salto ohne Netz

Um ihre Haut zu retten, liquidieren die alleingelassenen Kommunisten in Kabul die letzten Reste der Revolution. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

In Kabul steht der Kommunismus kopf. Alles, was roten Revolutionären bislang heilig war, soll nun, da die Sowjets sich so jäh entschlossen haben, ihr mißglücktes Afghanistan-Abenteuer zu beenden, nicht mehr gelten.

So gründlich hat keine Konterrevolution mit dem Sozialismus wieder aufgeräumt, wie es die kommunistische Demokratische Volkspartei Afghanistans in diesen Tagen eigenhändig tat: Sie beging das Dezennium ihrer April-Revolution mit einer umfassenden Demontage revolutionärer Errungenschaften.

Die Agrarreform wurde rückgängig gemacht. Bauern, selbst Großgrundbesitzer, bekommen ihre Ländereien wieder. Flüchtlinge, die aus den Lagern in Pakistan oder dem Iran heimkehren, erhalten alles Eigentum zurück, das sie vor ihrer Flucht im Land besaßen, ob Häuser, Betriebe oder gar Banken.

Erst dieser Tage hat die Regierung eines ihrer offiziellen Gästehäuser, den Palast Nummer vier, seinem heimgekehrten Eigentümer wieder ausgehändigt, prächtig renoviert dazu.

Den Amerikanern boten die Kommunisten an, sie möchten doch das feinste Hotel am Platz, das Interconti (vorübergehend war es Mailmah Pall getauft worden), bitte wieder zur Hälfte übernehmen, so wie es früher war; auf jeden Fall sollten sie es wieder managen. Im April empfing die Regierung dort ein paar Dutzend Geschäftsleute aus dem Westen, um sie für Investitionen in Afghanistan zu gewinnen.

Kabuls Basaris, die während all der Jahre kommunistischer Herrschaft ohnehin kaum behelligt wurden, haben in ihren Geschäften nun völlig freie Hand. Diese traditionell gewieftesten Händler Südasiens können kaufen und verkaufen, importieren und exportieren, was sie wollen. Keine bürokratischen Vorschriften, keine lästigen Devisenbestimmungen hemmen Handel und Wandel. Die Afghani-Währung wird praktisch konvertierbar, weil alle Geschäfte zum Schwarzmarktkurs getätigt werden. Die Wechselstuben im alten Basar am Kabulfluß haben längst wieder den staatlichen Banken den Rang abgelaufen.

An Häuserwänden und in den Amtsstuben hängen keine Bilder des Parteichefs mehr. Der nennt sich jetzt wieder Nadschibullah wie früher. In seinen revolutionären Jahren hatte er seinen Namen auf Nadschib verkürzt, die an Allah erinnernden Silben einfach weggelassen.

Überhaupt ist Allah wieder allgegenwärtig. Sein Wille wird im Parteiorgan beschworen. Über 20 000 Mullahs werden vom Staat besoldet. Zur Untermauerung des Glaubens haben Kabuls Kommunisten sogar eine islamische Universität geschaffen - die Afghanistan in all den Jahrhunderten moslemischer Herrscher nie hatte. Der Staat bezahlt Mekkapilgern die Reise.

Die neue Verfassung - in der ausdrücklich Parteienpluralismus verankert ist - verbietet Gesetze, die »heilige Prinzipien des Islam verletzen« könnten. Die Vielehe ist nicht mehr verboten, jeder Moslem kann vier Frauen freien. Für den Fastenmonat Ramadan, der bis zum 17. Mai dauert, hat die Regierung Funktionäre angehalten, auf die Gefühle der Gläubigen Rücksicht zu nehmen, tagsüber weder zu essen noch zu trinken.

Will sich das Regime schon in seinem Kampf um die Seelen der Gläubigen von keinem islamischen Eiferer übertreffen lassen, so nimmt sich das Buhlen der Roten um die politische Reaktion noch seltsamer aus: Die Regierung macht dem abgehalfterten König Avancen. Sie bemüht sich um die Rückkehr der greisen Ex-Majestät Sahir Schah, die schon fünf Jahre vor der Revolution ins römische Exil geschickt worden war. Der Monarch könnte, so hofft die KP, als Integrationsfigur auch Konservative dazu bringen, die Kommunisten zu dulden. Für den Erhalt der Macht - oder auch nur fürs schiere Überleben - ist die Partei bereit, allen ideologischen Ballast über Bord zu werfen.

So seltsam sich die Wende der Kabuler Genossen ausnimmt - der mehrfache Salto ohne Netz, den die sozialistische Vormacht Sowjet-Union in Afghanistan schlägt, ist noch atemraubender.

Der in dieser Woche beginnende Abzug sowjetischer Streitkräfte ist nicht nur der erste Rückzug der Russen aus einem besetzten Gebiet seit der Räumung Österreichs und des finnischen Flottenstützpunktes Porkkala-Udd vor nunmehr 33 Jahren. Er markiert nicht allein das unrühmliche Ende der größten, längsten und kostspieligsten sowjetischen Militäroperation seit dem Zweiten Weltkrieg.

Dieser Rückzug vor zerlumpten, fanatisch-frommen Partisanen besiegelt die erste Niederlage der glorreichen Sowjetarmee, die Hitlers Wehrmacht bezwang und jetzt ihrem Land als letzter Großmacht jene bittere Erfahrung beschert, die alle anderen schon lange hinter sich haben: Frankreich in Indochina und Algerien, England in Suez und Amerika in Vietnam.

Es ist auch eine ideologische Bankrotterklärung: In den Bergen des Hindukusch beweist Gorbatschow vor aller Welt, daß er willens ist, die Sowjet-Union im achten Jahrzehnt ihres Bestehens von der Zentrale der Weltrevolution zu einem ganz normalen Land zu machen.

Zum erstenmal verurteilt der Reformer damit ein Mitglied des sozialistischen

Lagers zu der rabiaten Konsequenz seiner Perestroika: entweder zu reüssieren oder pleite zu gehen.

Die afghanischen Genossen, die ihre eigenen Querelen und Fraktionskämpfe nicht einmal beenden konnten, während Sowjetsoldaten für sie bluteten, hätten sich der internationalistischen Solidarität nicht würdig erwiesen, flüstern sowjetische Funktionäre in Kabul. Nun müßten sie selber schwimmen lernen oder untergehen.

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