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PROGRAMM Salzkörner und Wasserflöhe

aus DER SPIEGEL 7/1952

Falls es sie hindrängt, kann in diesen Wochen jede Berlinerin vor die Fernsehkamera: Der Fernsehsender des NWDR Berlin sucht ohne hemmende Auslesebedingungen eine neue Ansagerin Auch die sechzigjährige Fürsorgerin, die wie ein weiblicher Erich Ponto aussieht, auch die wuchtige Hausfrau von fünfzig, die sich nicht mehr ausgelastet fühlt, werden im Tempelhofer Studio erprobt.

An vier Abenden der Woche präsentiert ein Fernsehreporter dem (vorläufig noch) kleinen Berliner Fernsehpublikum je zehn Anwärterinnen. Er fragt nach Namen, Beruf und Interessen und läßt die Damen dann ansagen. Die Beste soll zwar nicht angestellt, aber doch fest für den Berliner Fernsehsender verpflichtet werden.

»Ich brauche eine Dame«, sagt Heinz Riek, der 33jährige Leiter des Fernsehprogramms. Als unbedingte Voraussetzung für den Beruf der Fernseh-Ansagerin verlangt er Bildung, oder besser »gesellschaftliche Kultur«, ein sympathisches, »lebendes« Gesicht und gute Zähne. Für eher entbehrlich hält er schauspielerische Ausbildung, gute Figur (ins Bild kommt doch nicht viel mehr als der Kopf) und glatte Haut. Auf einen »Typ« will er sich aber keinesfalls festlegen. Unter diesen Erfordernissen mußte zum Beispiel Miß Berlin ausscheiden, so strahlend sie stumm den Bildschirm auch verschönte. Sie hatte zuviel Berlin in der Stimme.

Die Ansagerinnen, die bisher dem Publikum und den Fernsehleuten gefielen (die Eindrücke sollen sich ziemlich decken), sind um dreißig Jahre alt. »Gesichter von Abiturientinnen sagen noch nichts aus«, meint Fernsehmann Riek.

Knapp 23 dagegen ist das Ansagerinnen-As beim Hamburger NWDR-Fernsehfunk, die grazile, kleine (1,60 m) Irene Koss, die sich der besseren Bildwirkung wegen die Locken abschneiden ließ. Fernsehspielleiter Hanns Farenburg engagierte die Naiv-Sentimentale des Theaters vor einem Jahr, nachdem sie ihm das Pony Hütchen aus »Emil und die Detektive« vorgesprochen hatte.

Farenburg gesteht seinen Anfängern eine längere Anlaufzeit zu: »Man braucht ein halbes Jahr, bis man endgültig sagen kann, ob es jemand vor der Fernsehkamera schafft. Die Koss war erst ganz steif und stur, aber für sie sprach ihre Jugend und ihr Charme. Sie war an sich photogen, und heute hat sie auch die Sicherheit, die man braucht.«

Daß der Film für Ansager und Darsteller nicht unbedingt Vorstufe zum Fernsehen ist, bewies die gefeierte Nachwuchs-Schauspielerin Cornell Borchers bei zwei Versuchen vor der Fernsehkamera. Sie war so hilflos, daß es auf die Zuschauer peinlich wirkte. Deswegen auch sucht Farenburg seine zukünftigen Fernsehstars nicht in der Masse der Filmschauspieler.

»Die Sache ist ähnlich wie mit dem Mikrofon des Rundfunks«, erklärt Farenburg, »es entlarvt die unechte Stimme. Die Fernsehkamera braucht den Menschen. Das Bildfeld ist nur klein, und so muß vor der Kamera auch die Kleinigkeit zum Ausdruck kommen, eben die persönliche Note. Der Sprechstil, wie ihn Bühne, Film und Rundfunk haben, wirkt hier nicht.«

Und Irene Koss, seit ihrem ersten Ansage-Erfolg zu Silvester 1950 schon einigermaßen routiniert, meint: »Spielen ist beim Fernsehen leichter als Ansagen. Beim Ansagen muß ich ganz privat, ganz Irene Koss sein. Es ist eine Sache der Persönlichkeit - die muß dahinterstehen.«

Spielleiter Farenburg kennt die Schwierigkeit der Ansage vor der lautlosen Fernsehkamera: »Die meisten sprechen nicht mit den Augen, sondern nur mit dem Mund. Der gute Fernseh-Ansager muß aber schon vorher mit dem Gesicht zum Ausdruck bringen, was kommt.« Der Spielleiter erklärt seinen Leuten immer wieder, daß die Ansage im Fernsehsender nichts mit der Rundfunk-Ansage zu tun habe. Sie gleiche eher der Conférence. »Der Ansager muß zum Thema plaudern, muß improvisieren können und über Pannen hinweghelfen. Pannen wird es nämlich immer geben.«

Seit Frühjahr 1951 kommt jede Hamburger Fernsehsendung aus dem 6,5 X 11 Meter kleinen Studio im sogenannten Fernsehbunker, das bereits bei seinem Bau zu klein war. Die Techniker und Mitwirkenden geraten dort bei den zweistündigen Sendungen unter der intensiven Scheinwerferbestrahlung in sanftes Kochen. Eine Klima-Anlage ist nicht vorhanden. Ein Kameramann tritt dem anderen auf die Füße. Umbauten sind nur durch Pausen möglich. Die Voraussetzungen für Pannen sind also gegeben. Und noch müssen die NWDR-Leute lernen, ihre bescheidenen »Versuchssendungen« (wöchentlich dreimal zwei Stunden) zu einem halbwegs passenden Programm auszubauen.

»Beim Fernsehen muß man eine Sekunde schneller schalten als beim Film«, komprimierte NWDR-Programmdirektor Pleister - der in Kürze zum Fernseh-Intendanten des NWDR ernannt werden soll - die ersten Fernseh-Erfahrungen. Aber der alte Fernsehmann Farenburg, der schon vor dem Kriege Spielleiter beim Fernsehsender Berlin war, klagt: »In Berlin ging das alles ruck-zuck. Hier in Hamburg fehlt es an der momentanen Reaktion und an der selbstverständlichen Improvisation.«

Daran können auch die drei »alten« Berliner Kameraleute Sester, Reimers und Grack wenig ändern. Erst seit Dezember haben sie für Fernsehspiele etwas mehr Bewegungsraum: Vom Pontus-Film wurde im benachbarten Skala-Bunker ein 700 qm großes Studio übernommen und für Fernsehzwecke notdürftig hergerichtet.

Wenn es Vorwürfe gegen das Programm hagelt, muß seit einem Jahr Oberspielleiter Hanns Farenburg herhalten, obwohl er die wenigste Schuld hat. Laufend wird er überfordert. Sein eigentliches Gebiet ist das Fernsehspiel. In Hamburg ist er Programmdirektor, Sendeleiter und Regisseur in einem. Mit zehn Mann vom alten Berliner Stamm und 131 Fernseh-Anfängern versucht Farenburg in dem kleinen Bunker-Studio, in dem sich die Fernsehleute gegenseitig auf die Nerven treten, aus der Not einen annehmbaren Programmbetrieb zu machen.

Ihm schwebt eine Unterteilung des Sendebetriebs in sechs Abteilungen vor. Abteilung 1: Ansage. Außer Irene Koss sind in Hamburg schon zwei weitere Damen als Ansagerinnen tätig. »Es ist jedoch sehr schwer, einen Mann zu finden.« Und die Gage von 350 bis 400 DM, die der Fernsehsender zahlen kann, verlockt nicht. Immerhin: Wer hier Fuß faßt, dürfte mit dem Zeitalter des Fernsehens eine ausbaufähige Zukunft vor sich haben. »Der Ansager des Fernsehsenders wird die populärste Erscheinung der Zukunft sein«, prophezeit auch Farenburg.

Abteilung 2 des Fernsehsenders: der Aktuelle Dienst. Ein Filmtrupp in Gestalt von Kameramann Rudolf Kipp und einem Assistenten mit einer Bild- und Tonkamera ist bereits unterwegs. Klagt Farenburg: »Es gibt so wenig Leute, die eine Vorstellung in Bildern umsetzen können.« Der Aktuelle Dienst soll später einmal das Bild des Tages, Außenreportagen, Sportübertragungen, eine Tagesschau nach Art der Wochenschau und den illustrierten Nachrichten- und Kommentardienst bringen. Fernseh-Reporterstar ist heute Jürgen Roland, früher beim Rundfunk, dann beim Film und dann als all-round-Reporter tätig, der in allen Sätteln gerecht sein will und in zu vielen reitet.

Diese Abteilung hat - wenn man amerikanische Fernseh-Erfahrungen als Maßstab nehmen will - eine große Zukunft. Seit in den Staaten der Fernsehbetrieb einigermaßen eingelaufen ist, zeigt sich, daß der Abendnachrichtendienst um 18 Uhr die populärste Sendung ist. Routinierte Fernsehzuschauer schalten ihren Apparat oft erst um diese Zeit ein.

Der amerikanische Nachrichtendienst ist eine gut gemischte und flott ablaufende Sendung: Man sieht den Nachrichtensprecher, der von seinem Schreibtisch aus die neuesten Meldungen scheinbar ohne Konzept spricht (tatsächlich liest er sie aber von einer Tafel neben der Kamera ab). Sein Bild wechselt dann mit eingeblendeten Wochenschauaufnahmen und Standphotos von den Geschehnissen, die der Sprecher gerade meldet. Bei Nachrichten aus Korea werden also Aufnahmen von der Front eingeblendet, bei Meldungen über den Oelkonflikt sieht man Demonstrationen in Teheran, Bilder von Mossadeq und dem Schah usw. Von einem so lebendigen Nachrichten-Bilderbogen ist der deutsche Versuchsbetrieb allerdings noch weit entfernt.

Kunst und Wissen ist die dritte Abteilung nach der Farenburgschen Konzeption. Als Paradepferd des Fernsehens soll diese Abteilung allen Bildungsbeflissenen deutlich machen, daß das deutsche Fernsehen keine Gefahr für die Kultur sein kann. Hier müht sich bereits Dr. Ostkamp, z. B. zum 430. Todestag des Weltumseglers Magalhaes einen kulturgeschichtlichen Vortrag mit Erklärungen an historisch getreuen Schiffsmodellen zu organisieren.

Die Abteilung 4, Fernsehspiel und Dramaturgie, ist das künstlerische Herz des Fernsehsenders. Die Zahl der Fernsehspiele, die bis 1944 in Deutschland gesendet wurden, liegt zwischen 50 und 100, darunter so »respektable« Fernsehbearbeitungen wie Lessings »Minna von Barnhelm«, Halbes »Strom«, Gogols »Revisor«, Curt Götzens »Ingeborg« und Dutzende von veritablen Fernsehspielen. Farenburg mußte den »Versuchsbetrieb« allerdings mit Goethes »Vorspiel auf dem Theater« beginnen, eine (unglückliche) Lieblingsidee von Rundfunk-Programmchef Pleister, die bewies, daß klassisches Theater in historischen Kostümen nicht gut zu der realistischen, technisch nüchternen Atmosphäre des Fernsehens paßt.

Die Dramaturgie des Fernsehspiels hat ihre eigene Note. Die Schwierigkeit: Es kann nur »life« gesendet werden. Das heißt, das Bild muß in der Sekunde, in der es aufgenommen wird, auch schon gesendet werden. Eine Korrektur, ein Wiederholen einer verpatzten Szene - wie beim Film - ist nicht möglich.

Ein großes Fernsehspiel, das verschiedene Kulissen, unterschiedliche Beleuchtung und Aufnahmetechnik verlangt, muß also sorgfältig geprobt und dann von dem Regisseur so geschickt durch eine raffiniert ausgetiftelte Szenenfolge gefahren werden, daß in der Sendung keine Pausen für das Umkleiden der Stars und für Umbauten der Bühne sichtbar werden. Um Studioszenen bildhaft zu ergänzen oder Umbau- und Umkleidepausen zu »überspielen«, kann der Regisseur entsprechende Filmaufnahmen einblenden, wie z. B. Gewitterhimmel, leere Straßen, Pferderennen.

Eine solche Arbeit erfordert natürlich einen eingespielten Aufnahmestab und mindestens drei Kameras. (Ein Fernsehbetrieb mit einer einzigen Kamera ist nahezu unmöglich, weil der Zuschauer immer nur ein und denselben Bildausschnitt aus der Einstellung dieser Kamera zu sehen bekäme.) Jeder der drei Kameramänner nimmt laufend einen bestimmten Bildausschnitt aus einer bestimmten Perspektive auf, so wie es der Regisseur vorschreibt. Durch Kopfhörer erhält der Kameramann zusätzliche Anweisungen vom Regieraum.

Am Mischpult, wo alle drei Bilder nebeneinander laufen, entscheidet der Regisseur, welcher Bildausschnitt jeweils über den Sender gehen soll. Das Mischpult, sozusagen das Gehirn des Fernsehspiels, ermöglicht alle Ueberblendungen, wie sie auch der Film kennt. Nur - daß sie im Augenblick der Sendung aus dem Handgelenk gezaubert werden müssen.

Das kleine Bildfeld der normalen Fernsehempfänger zwingt den Fernseh-Regisseur, Großaufnahmen zu bevorzugen. Das wiederum bedingt eine besondere Qualität des Tons, der beim Fernsehspiel durchweg weniger subtil ist als beim Hörspiel, in dem man auf die Klangfarben der Räume mehr Rücksicht nehmen kann als bei den Hallenräumen normal proportionierter Fernsehstudios. Hier nähert sich das Fernsehspiel mehr den Verhältnissen des Theaters, und das führt im hochgezüchteten Lautsprecher des auf Ultrakurzwelle arbeitenden Fernsehgerätes zu einer schwer lösbaren Diskrepanz.

Bei der 5. Abteilung des Fernsehsenders, der Musik, klafft augenblicklich noch die größte Lücke. Immerhin steht seit dem Sommer dem Fernsehsender wenigstens ein Magnetophon zur Verfügung. Die Hamburger hoffen, später einmal ein eigenes Orchester benützen zu können. Die letzten beiden Abteilungen, Bühnenbildner und Kabarett und Unterhaltung, sind schon in Betrieb.

Als der Hamburger Fernsehsender vor einem Jahr zu arbeiten begann, verfügte in der Hansestadt nur der NWDR über ein Dutzend Empfänger. Heute schätzt Verwaltungschef Heßling die Zahl der in Hamburg aufgestellten Empfangsgeräte auf 800.

Aber auch wenn man nicht so optimistisch ist wie Heßling und sich mit der Hälfte begnügt, so gibt es in Hamburg bei (erfahrungsgemäß mindestens) fünf Zuschauern an jedem Empfänger doch durchschnittlich 2000 Zuschauer. Das ist viel für den Anfang, rechtfertigt aber kaum den Optimismus der Industrie. Philips-Chef Graf Westarp: »Ich rechne für 1952 mit dem Absatz von rund 60 000 Fernsehempfängern durch die Industrie.«

Selbst mit dieser rosaroten Schätzung ist Graf Westarp noch bescheidener als der Plan, den Lorenz-Ingenieur Urtel schon Anfang letzten Jahres aufstellte. Dieser sogenannte »Industrieplan«, von der Industrie lange als »Gekdos« behandelt, geht vom Beispiel Englands aus und versucht, die englische Fernseh-Entwicklung (heute 1 Million Teilnehmer) auf deutsche Verhältnisse zu projizieren. Danach wären für Fernsehempfänger folgende Produktions- und Absatzzahlen zu erwarten:

1952: 65 000 Stück

1953: 220 000 Stück

1954: 440 000 Stück

1955: 475 000 Stück

1956: 500 000 Stück

1957: 500 000 Stück

In fünf Jahren würden nach dieser Schätzung also über zwei Millionen Geräte in Betrieb sein. Fernsehempfänger sind aber nur abzusetzen, wenn die Sender schon stehen. Hier tippt der Industrieplan auf den Bau folgender Sender:

3 Sender 1952: Hamburg, Ruhrgebiet/Köln, Frankfurt

3 Sender 1953: Stuttgart, Berlin, München

4 Sender 1954: Bielefeld, Bremen, Hannover, Nürnberg

2 Sender 1955: Schleswig, Kassel

Durch diese Sender würden erfaßt werden:

1952: 17 Millionen Menschen

1953: 24,2 Millionen Menschen

1954: 32,2 Millionen Menschen

1955: 35,1 Millionen Menschen

Nach dieser Schätzung würden also in vier Jahren 71 Prozent der westdeutschen Bevölkerung einen Fernsehsender empfangen können. Und wenn alles so läuft, wie es sich die Industrie vorstellt, dann hätte schon Ende 1957 jeder 21. Westdeutsche - das heißt jede 7. Familie - einen Fernsehempfänger.

Der Industrieplan gab damals auch Schätzungen über die voraussichtliche Abwärtsentwicklung der Empfängerpreise:

1951: 1300 DM

1952: 1150 DM

1953: 1075 DM

1954: 1000 DM

1955: 960 DM

1956: 935 DM

1957: 920 DM

Diese Schätzungen, die schon für 1951 um 200 DM zu niedrig gegriffen waren, zeigen immerhin, daß selbst bei steigender Massenproduktion ein Fernsehempfänger in fünf Jahren im Vergleich noch wesentlich teurer wäre als der 1939 entwickelte Fernseh-Einheitsempfänger. (Der Einheitsempfänger, den der Krieg vom Markt hielt, sollte 650 RM kosten.) Dabei haben aber die Rundfunkgeräte heute wieder die Preislage der Vorkriegszeit erreicht. Deswegen auch haben die westdeutschen Sender Preise zur Schaffung eines billigen Einheitsgerätes ausgeschrieben.

Verglichen mit den horrenden Kosten für den Aufbau eines akzeptablen Sendebetriebs und eines umfassenden Fernsehnetzes nehmen sich die Industrieprognosen recht unbekümmert aus. Allein jeder der beiden 10-kW-Sender, die der NWDR Hamburg in Auftrag gegeben hat, kostet 1,8 Millionen DM. Das geplante Fernsehstudio in Stellingen wird über 4 Millionen DM verbrauchen. Jede Fernsehkamera kostet runde 100 000 DM.

Nach Hamburg und Berlin wollen aber auch die Funkhäuser in West- und Süddeutschland noch im Laufe des Jahres 1952 einen Fernsehbetrieb aufbauen. So sehen es jedenfalls die Pläne vor, an denen augenblicklich überall gearbeitet wird. Beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart will Intendant Dr. Fritz Eberhard die für einen Funkhausneubau zurückgelegten Gelder mutig in die Fernsehentwicklung stecken. Er rechnet für Fernsehzwecke mit rund 10 Prozent seines Rundfunk-Etats. Drei Fernsehkameras, lieferbar im August, hat Intendant Eberhard bereits bei der Darmstädter Fernseh-GmbH bestellt.

Der Intendant des Bayerischen Rundfunks dagegen hat einen Vier-Etappen-Plan aufgestellt und einen vorbereitenden Fernseh-Ausschuß eingesetzt. Die bisher für Fernsehen bewilligten 800 000 DM wurden bereits durch Ausgabe von 50 000 DM für zwei Fernsehfilme eines Mr. Rosen leicht angekratzt. Ueberhaupt sieht von Scholtz, der Münchener Intendant, die Zukunft des Fernsehens in einer Ehe mit dem Film.

Was im ersten Fernsehjahr (vom 27. November 1950 bis 27. November 1951) auf dem Bildschirm der wenigen deutschen Fernsehempfänger erschien, hat Fernseh-Experte Dr. Kurt Wagenführ, der an den Universitäten Hamburg und Münster als Lehrbeauftragter Studenten mit dem Fernsehen vertraut macht, studiert und berechnet. Ergebnis:

An 103 Tagen ist 195 Stunden gesendet worden - davon 4000 Minuten »life« (Direktsendungen), 7300 Minuten Film und 300 Minuten Diapositive. Das Programm enthielt: ein Fernsehspiel, das insgesamt viermal gesendet wurde, 7 Tanzabende, 28 Kabarettsendungen, 10 Kinderstunden und 60 aktuelle Sendungen.

Auf der Berliner Industrie-Ausstellung schaffte es der NWDR, vierzehn Tage hintereinander täglich rund acht Stunden, insgesamt 120 Stunden, zu senden.

In Berlin wurde auch, nach dem unglücklichen »Vorspiel auf dem Theater« Goethes, das erste deutsche Nachkriegs-Fernsehspiel gezeigt. Unter dem Titel »Es war der Wind« gab es sich teils seelenkundig, teils gruselig: Ein nicht näher identifizierter Mann wünscht sich von einer abgehackten, »zauberkräftigen« Affenpfote 200 englische Pfund. Er bekommt die sehnlichst gewünschte Summe tatsächlich, und zwar von einem Boten, der im nächsten Augenblick erscheint und ihm im Auftrag der Firma den Tod seines Sohnes mitteilen muß. Der Wind heult furchtbar.

Er heult auch noch, als der Mann, der sich wegen seines Wunsches am Tod des Sohnes unheimlich beteiligt fühlt, den Sohn von der Affenpfote wieder zurückerbittet. Da springt die Tür auf. Die unglückliche Mutter stürzt ins Freie. Sie denkt, der Sohn kommt zurück. Aber: Es war der Wind, der Sohn wird nicht wieder lebendig. Und der Vater atmet auf. Er hat also doch nicht durch seinen Wunsch nach Geld das Unglück des Sohnes verschuldet. Ende.

Das nach 1938er Muster aufgezogene Berliner Programm mit seinen vielen ermüdenden Tanzgruppen, seinen »Kultur«-Sendungen, seinen populär-wissenschaftlichen Salzkörnern und 800fach vergrößerten Wasserflöhen machte jedem Kritiker die verblüffende Einfallslosigkeit des deutschen Fernsehens deutlich (und verständlich, weil man sah, mit welchen unzureichenden Mitteln die deutschen Fernsehleute arbeiten müssen). Trotzdem war das Publikum, das keine Vergleichsmöglichkeiten mit ausländischen Programmen hat und dem Reiz des Neuen erlag, vom Berliner Fernsehen begeistert.

Die Berliner NWDR-Leute zogen die Konsequenz: am 22. Oktober 1951 eröffneten sie mit einem 1-kW-Sender und einem Monats-Etat von 7000 DM ein tägliches Programm, das »billigste der Welt« und bisher das einzige in Deutschland. Die Berliner haben es bis heute durchgehalten, auch wenn man in Hamburg dieses »Aus-der-Reihe-tanzen« nicht eben mit Vergnügen sah.

»Fernsehen muß Volkssache werden«, hatte zwar der Vorsitzende des NWDR-Verwaltungsrats, Professor Dr. Emil Dovifat, beim Beginn in Berlin gesagt. Demgegenüber aber schreckte NWDR-Programmdirektor Dr. Werner Pleister zurück: »Die Teilnahme des Publikums in Berlin am Fernsehen auf der Industrie-Ausstellung war über alle Erwartungen hinaus groß - fast zu groß, fast bedrohlich.«

Vorläufig sind aber für das Abrollen der Fernsehlawine die Preise noch zu hoch. Einige Beispiele:

Firma Philips:Tischgerät1500 DM
Truhe
für Heimprojektionen2100 DM
Firma Schaub:Tischgerät1550 DM
Truhe1850 DM
Firma Krefft:Tischgerät »Aladin«1350 DM
Truhe »Fantom«1650 DM
Truhe »Morgana«1800 DM
Firma Blaupunkt:Tischgerät1595 DM

Die verhältnismäßig sehr hohen Preise gehen darauf zurück, daß die ersten Empfänger durchweg nicht in Serienfabrikation, sondern in handwerklich-technischer Einzelarbeit gefertigt wurden. Aber nicht nur die hohen Preise, auch die mangelhaften Programme erschweren den Absatz von Geräten.

Der Leiter des Rundfunk-Einzelhändlerverbandes, Röglin, Hamburg, rechnet mit 90 Hamburger Rundfunkhändlern, die an den drei Sende-Abenden (Montag, Mittwoch, Freitag) die Programme ihren Kunden vorführen. Der Absatz ist noch immer bescheiden. »Fest verkauft«, sagt Röglin, »sind vielleicht bisher 100 Geräte. Weitere 50 sind zwar ausgeliefert, aber erst zur Probe. Das Geschäft ist deshalb so schleppend, weil das Programm völlig indiskutabel ist. Die Leute stehen selbst beim besten Empfänger nach einer Stunde wieder auf und erklären: 'Dafür ist mir die Zeit zu schade!'.«

Um den Absatz zu steigern, müßte nicht nur das Programm verbessert, sondern auch das Sendenetz ausgebaut werden. »Wir lassen uns nicht drängen«, sagt aber beharrlich der technische NWDR-Direktor Professor Nestel, dem man - sicher zu Unrecht - nachsagt, er habe Sorge, daß die von ihm lancierte Ultrakurzwelle ins Hintertreffen gerate, wenn das Fernsehen allzufrüh komme.

Der »Arbeitskreis für Rundfunkfragen« läßt, jedenfalls ermutigend vernehmen, »daß die Voraussetzungen für einen regelmäßigen Programmdienst gegeben sind. Der seit einem Jahr durchgeführte Versuchsbetrieb des NWDR könnte in kürzester Frist in einen täglichen Programmdienst übergeleitet werden.«

Einen solchen regelmäßigen Programmdienst will der NWDR im Anschluß an die Düsseldorfer Funk- und Fernseh-Ausstellung (August 52) anlaufen lassen. Das Programm soll aber vorläufig auf eine tägliche Sendezeit von drei Stunden (eine Stunde am Nachmittag, zwei am Abend) beschränkt bleiben. Keinesfalls soll es zu einer »Fernseh-Dauerberieselung« wie in Amerika kommen.

Eine Kommission, die alle Fernseh-Anstrengungen der einzelnen Rundfunksender koordinieren könnte, besteht schon seit einem Jahr. Ihr gehören unter dem Vorsitz des Frankfurter Intendanten Eberhard Beckmann, der gern von »television«, »screen«, »transmitter« und »high-definition« spricht, seit er in den USA war, noch NWDR-Professor Nestel und Südwestfunk-Justitiar Professor Haensel an. Alle drei sind Neulinge im Fernsehen. Es ist ihnen noch nicht gelungen, eine einheitliche Planung des Fernsehens auf Bundesebene zustandezubringen. Bisher geht jeder noch eigene Wege.

Der Münchener Intendant von Scholtz träumt z. B. von einem europäischen Fernsehnetz, Intendant Beckmann, operiert mit dem Schlagwort der »Fernseh-Sammelmaschine«, die alle lokalen Fernsehsender zusammenschließen soll.

Immerhin hat der erste Direktor Schmidt vom NWDR Hamburg einen Dreijahresplan für die Fernsehentwicklung dieses »reichsten« deutschen Senders aufgestellt. Nach diesem Plan sollen in den nächsten beiden Etatjahren (52/53 und 53/54) je 8,5 Millionen DM, im dritten Etatjahr (54/55) 5 Millionen DM für das Fernsehen ausgegeben werden.

Aber die hohen Investitionskosten für die technische Ausrüstung lassen nur einen Bruchteil dieser Summen für die Programmgestaltung übrig. So steht für 1952/53 kaum eine Million DM für das Programm zur Verfügung. Das ist selbst für das geplante Drei-Stunden-Programm zu wenig, wenn man bedenkt, daß also für eine Sendestunde 900 DM ausgegeben werden können, die Fernseh-Experten aber für ein gutes Programm schon mit einem Minimum von 150 DM für eine Fernsehminute rechnen.

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