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BILDERSCHECKS Sammelwut der Kundschaft

aus DER SPIEGEL 16/1952

Wenn ich gemein sein wollte«, bohrt Hans Zimmer, Geschäftsführer und Gesellschafter der von ihm erdachten »informator GmbH« für Wirtschaftsorganisation und Propaganda, Frankfurt, »dann könnte ich den westdeutschen Einzelhändlern erklären: ich kündige euch die Abonnements auf meine Bilderschecks und verkaufe meine ganze Bildertauschzentrale nebst Organisation euren schärfsten Konkurrenten, den Kaufhauskonzernen, die mich immer wieder darum gebeten haben.«

Zimmers platonische Drohung an den westdeutschen Einzelhandel ist die Antwort auf den Vorwurf, sein neues Werbesystem mit der Ausgabe der Bilderschecks an Ladenkunden und Kinder sei unlauterer Wettbewerb und verstoße gegen die Zugabeverordnung.

Schon in den ersten Wochen hat das »informator«-System unter den Einzelhändlern gleicher Stadtteile zu teilweise erbitterten Existenzkämpfen geführt. Denn Geschäfte, die Zimmers Bilderschecks für das »Olympia-Sammelalbum 1952« nicht ausgeben, sind für große Käuferkreise plötzlich tabu geworden. Und die »informator GmbH« schließt ihre Abonnementsverträge innerhalb bestimmter Umkreisgrenzen nur mit einem Geschäft einer Branche ab.

Die Bilderschecks sind der vorläufig neueste Clou einer Reihe wieder auferstandener oder neuer Methoden der Kundenwerbung, die an Stelle der Mangelware unter den westdeutschen Tresen getreten ist. Ihre Wirksamkeit im weiteren Konkurrenzkampf läßt sich leicht an den Zahlen der, nach Abklingen der Korea-Hamsterwelle, sinkenden Einzelhandelsumsätze ablesen (1949 = 100):

* Monatsdurchschnitt 1951 = 128,

* Februar 1952 = 114.

Hans Zimmer kam mit seiner Methode im richtigen Moment. Drei Jahre lang hatte er mit Ehefrau Gerlinde seine kleine Organisationsfirma mit Wirtschaftsberatungen und Werbung hochgepäppelt, nachdem der artistische Unternehmer Zimmer 1949 als völlig ruinierter Mann von einem Gastspiel aus Frankreich heimgekehrt war. ("Meine Truppe war nämlich mit einer Million Mark Vermögen nach Frankreich gegangen, aber deutsche Unternehmer waren damals noch Freiwild in Frankreich, und zurück kam ich allein, ohne Gerät und Wagen mit einer leeren Aktentasche. Und alles war futsch«.)

Am 1. März 1952 konnte die »informator GmbH« unter der Handelsregistereintragung B 2408 dann mit 20 000 DM Barkapital gegründet werden. Pate stand Hans Maier, Inhaber der Frankfurter Schumann-Theater-Betriebe. Dem hatte Hans Zimmer 1935 »das Schumann-Theater aufgeschwatzt«.

Zimmer hält sein System für eine gute Sache: der tiefere Sinn des »informator« ist der Wirtschaftsdienst für den Einzelhändler. Denn der Einzelhändler, der womöglich noch in der Vorstadt sein Geschäft hat, ist praktisch ausgeschlossen von den Werbemöglichkeiten, wie sie der Große hat. Er bekommt keine Information über Markt- und Betriebsforschung, Verkaufspraxis usw. Er ist also jeder Filiale eines Konzerns unterlegen, der durch den billigeren Einkauf eine überwältigende Konkurrenz für den Einzelhandel darstellt.

Hier will Zimmer eingreifen. Mit seiner Hilfe kann es der Einzelhändler den großen Firmen und Konzernen gleichtun und selbständig Bildergutscheine ausgeben, um damit - besonders über die Sammelleidenschaft der Jugend - einen größeren Kundenkreis zu werben.

»Damit die Sache nun System hat«, erklärt Zimmer, »sind die Gutscheine in drei Sorten gestaffelt«, entsprechend dem Wert der verkauften Ware:

* Einer-Schecks beim Verkauf von Waren bis zum Preise von einer Mark,

* Zehner-Schecks beim Verkauf bis zum Warenwert von 10 bis 20 Mark,

* Fünfziger-Schecks bei einem Verkauf von 100 Mark.

Je nach Nummernzahl der Schecks wird für sie ein Fotobild in entsprechender Größe ausgegeben*). Sammelalben zum Einkleben dieser Fotos kosten zwei Mark das Stück. Der dem System angeschlossene Einzelhändler zahlt an Zimmer für den Einer-Scheck 0,6 Pfennig, für den Zehner-Scheck 6 Pfennig und für den Fünfziger-Scheck 60 Pfennig.

Damit ist das Einzelhandelsgeschäft gleichzeitig ohne weitere Kosten auch in den Werbedienst der Firma »informator« eingeschlossen, wie z. B. in Großanzeigen mit den Adressen der dem System beigetretenen Firmen, die Zimmer in den wichtigsten Tageszeitungen veröffentlicht; in die Verteilung von Flugblättern an die Schuljugend und in den Umtausch-Dienst der Schecks gegen Fotos von Nurmi, Ritter v. Halt, der Akropolis und der dicken Bob-Sieger von Oslo.

*) Für zehn Einer-Schecks gibt es ein Bild der Größe 7,2x10 cm. Zwei Zehner-Schecks bringen ein Bild 10x14,5 cm und ein Fünfziger-Scheck bringt ein Bild der Größe 13,4x18,6 cm. Bis zum 10. April 1952 hatte die »informator GmbH« über 10 000 Einzelhandelsgeschäfte zu Kunden geworben, die insgesamt 100 Millionen Gutscheine ausgegeben haben. Darunter auch vierzig westdeutsche Tages- und Wochenzeitungen, die den Einer-Gutschein ein- oder mehrmals in der Woche abdrucken. Einzelne Zeitungen haben schon Sonderdrucke mit ganzseitigen Aufforderungen in Rekordauflagen herausgebracht, um durch die Gutscheine neue Leser zu werben. »Da bricht mancher Kampf auf Leben und Tod aus, wenn ich der Konkurrenzzeitung das Abonnement verweigern muß!« berichtet Zimmer.

Bei täglich steigendem Umsatz kommandiert er schon jetzt sechzehn Generalagenten. Darunter so illustre Leute wie den ehemaligen Generalleutnant Hans Georg v. Zanthier, einst Generalfeldmarschall Kesselrings rechte Hand in Italien, und den ehemaligen General-Intendanten des Weimarer Nationaltheaters, Staatsrat Dr. Hans Severus Ziegler.

Unter den sechzehn Generalagenten arbeiten wiederum sechzig Bezirksagenturen, von denen jede 50 bis 300 Einzelhandelsgeschäfte bearbeitet. Immer mehr Einzelhändler müssen der Sammelwut ihrer Kundschaft und der Abwanderungsgefahr zur Konkurrenz Rechnung tragen.

Große Teile des Einzelhandels aber wehren sich erbittert, darunter besonders die Geschäfte innerhalb der »Bannmeile« eines »informator«-angeschlossenen Ladens. Zimmer berichtet: »Als wir ungefähr 6000 Kunden hatten, da rauschte es plötzlich von Rundschreiben der örtlichen Einzelhandelsverbände an ihre Mitglieder: Unser System sei unlauter und verstoße gegen die Bestimmungen der Zugabeverordnung"*).

Wie dieses Rauschen aussah, verrät das April-Rundschreiben der »informator«-Zentrale an ihre Agenturen: ... »Professor Dr. Bußmann aus Hamburg, anerkannter Gutachter für Wettbewerbsfragen, und unser Rechtsanwalt Dr. Keller beraten augenblicklich darüber, wie sie den Vorsitzenden der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs e. V., Hauptgeschäftsführer Dr. Greifelt in Frankfurt-Main, auf Schadenersatz und Beleidigung verklagen können«.

Gegen den ebenfalls aufsässigen Verband des Norddeutschen Textileinzelhandels e. V., Hamburg, hat Hans Zimmer am 27. März bereits eine einstweilige Verfügung erzielt. Ebenso wurde der Duisburger Kaufmann Wilhelm Börries zur Rücknahme seiner Zweifel an der Zulässigkeit der »informator«-Methode veranlaßt. Weitere Klagen und Klageandrohungen laufen gegen die Einzelhandelsverbände München, Coburg, Nürnberg und gegen einige Fachzeitungen auf Berichtigung.

Zimmer fühlt sich juristisch und geschäftlich in starker Position. Er weiß selbst: »Es gibt schon Mütter, die mit ihren Kindern in der Tür der Konfektionsgeschäfte umkehren, wenn es dort zu dem Anzug-Kauf keine Bilderschecks gibt.«

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