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Tschechoslowakei Samtene Revolution

Die Neuauflage einer Bürgerzeitung von 1892 wurde nach der politischen Umwälzung zum Publikumsschlager.
aus DER SPIEGEL 7/1990

Miklos Chadima, Prager Musiker, hat ein Problem: »Um die Zeitung zu kriegen, muß man morgens um sechs Uhr aufstehen. Und wann komme ich als Musiker schon mal vor drei Uhr ins Bett?«

Wenn in Prag die Menschen frühmorgens Schlange stehen, dann nicht vor Lebensmittelgeschäften, sondern bei den Zeitungsverkäufern von Lidove noviny (Volkszeitung).

Das neue Erfolgsblatt, zweimal in der Woche gedruckt, greift auf eine große Tradition zurück: In der ersten tschechoslowakischen Republik war eine Zeitung dieses Namens das angesehenste Presseorgan des liberalen, aufgeklärten Bürgertums gewesen - und das soll die Neuauflage wieder werden.

Zu den Gründern gehörten der neue Staatspräsident Vaclav Havel und dessen Außenminister JirI Dienstbier - aber zu einer Zeit, als die Volkszeitung noch auf Xerox-Maschinen vervielfältigt wurde, im Untergrund.

Gleich nach der »samtenen Revolution«, wie Literat Havel die antikommunistische Umwälzung vom November vorigen Jahres nennt, kam die erste Ausgabe in der gewaltigen Auflage von 600 000 Exemplaren aus der Druckerei - noch zu wenig, um alle Interessenten zu befriedigen.

Die Redakteure sind eine Sammlung jener tschechischen Intelligenz, die von den Kommunisten seit 1968 als »unzuverlässig« aus Universitäten, Verlagen, Konzertsälen und Politik auf Hilfsarbeiterjobs vertrieben worden war.

Es gibt wohl keine Zeitung in Europa, deren Redaktion mehrheitlich aus berufserfahrenen Heizern, Fensterputzern, Würstchenverkäufern, Bulldozerfahrern und Lagerarbeitern besteht.

»Ich habe 20 Jahre lang eine Planierraupe im Böhmischen Wald gefahren«, erzählt der jetzige Wirtschaftsredakteur Jan Hun, »den Wohnwagen, in dem ich während der Woche schlief, teilte ich mit unserem heutigen Direktor Vlada PrIkazky.« Der gab neben seiner Arbeit auf dem Bulldozer ein kleines Untergrundblättchen für Wirtschaft heraus.

Beide stehen stellvertretend für die Generation der 50- bis 60jährigen unter den Redakteuren, die - ganz im Sinne der Tradition - den eher nachdenklichen als anklagenden Stil der neuen Lidove noviny bestimmen.

Ihre Blüte hatte das 1892 gegründete Blatt zwischen den beiden Weltkriegen erlebt. Als die Nazis Prag besetzten, war eine ihrer ersten Amtshandlungen, den Freigeist Josef Capek, der mit seinem Bruder Karel der Lidove noviny ihr intellektuelles Profil gab, in ein KZ zu sperren, wo er entkräftet starb.

1948 übernahmen die Kommunisten die Zeitung und wirtschafteten sie in wenigen Jahren so herunter, daß sie eingestellt werden mußte.

1968, im Prager Frühling, sollte sie wiederbelebt werden. Der Schriftsteller AntonIn Liehm war als Chefredakteur vorgesehen, die Redaktion sollte in den Räumen der aufgelösten Zensurbehörde unterkommen. Mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen im August 1968 fand der Plan ein vorzeitiges Ende, Liehm emigrierte nach Paris.

Die Idee aber blieb. Bürgerrechtler aus dem Kreis der Oppositionsgruppe »Charta 77« beschlossen im Herbst 1987, das Traditionsblatt vorerst im Untergrund erscheinen zu lassen. Havel und Dienstbier zeichneten als Herausgeber, die Oppositionellen JirI Ruml und Rudolf Zeman waren die Chefredakteure. 400 Exemplare konnten an geheimem Ort hergestellt und in Umlauf gebracht werden. Die Prager Geheimpolizei, so geht aus jetzt gefundenen Unterlagen hervor, rechnete mit 10 000 Lesern pro Nummer.

Aus Protest gegen die aufgezwungene Illegalität gaben die Chefredakteure im Impressum ihre richtigen Adressen an, die Autoren ihre richtigen Namen. Bis in den Sommer 1989 mußte Ruml für jede Nummer eine Geldbuße wegen »staatsfeindlicher Veröffentlichung« zahlen.

Als sich die politische Lage zuspitzte und auch die Prager, von den Leipzigern angesteckt, gegen den bankrotten Realsozialismus auf die Straße gingen, ließ der damalige KP-Chef Milos Jakes beide Chefredakteure verhaften.

Aber Lidove noviny kam trotzdem heraus. »Ausgerechnet jetzt wollten wir doch nicht nachgeben«, sagt Jaroslav Kusy, der die Not-Nummer organisierte und inzwischen Rektor der Universität Bratislava ist.

Ruml und Zeman, unter dem Druck der täglichen Massen-Demonstrationen aus dem Gefängnis befreit, wurden auf dem Prager Letna-Platz von einer riesigen Menschenmenge gefeiert.

Seither bereitet sich die Redaktion auf das für April geplante tägliche Erscheinen vor. Doch es fehlt an Geld und Büroausstattung, die Maschinen sind veraltet, das Papier ist kontingentiert.

Ein ausländischer Investor, die Gruppe des britischen Medienriesen Robert Maxwell, hat sich bereits gemeldet, wollte aber aus der Zeitung ein seichtes Boulevard-Blatt machen. Die Redaktion sperrte sich, und Maxwell begriff, daß mit Anzeigen in der derzeitigen Mangelgesellschaft der CSSR nichts zu verdienen ist.

Die nächstliegende Lösung, die moderne Druckerei der kompromittierten KP-Zeitung Rude pravo mit ihrem neuesten Computersystem der westdeutschen Firma Linotype einfach zu übernehmen, verbieten die Rechtsgrundsätze der neuen Regierung: »Enteignungen darf es nie wieder geben.«

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