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Sandstrand am Kohleloch

Deutschlands dreckigstes Industrierevier soll zum Öko-Modell werden: Kein Land im Osten wird so radikal umgebaut wie Sachsen-Anhalt. Trotz der milliardenverschlingenden Sanierung sehen jedoch viele Menschen ihre Zukunft düster - mit der Industrie werden auch die Arbeitsplätze abgeräumt.
aus DER SPIEGEL 39/1995

Liebevoll streicht Klaus Martschenko über den Fahrschalter im Führerstand der Bergbau-Lokomotive. Nur eine kleine Drehung an dem metallenen Rad, und die schwere Maschine ruckt an. Die Kupplungen zwischen den Loren klirren, der Boden vibriert, der viele hundert Tonnen schwere Zug setzt sich in Bewegung. »Dieses Geräusch«, sagt Martschenko, »das ist wie Musik in den Ohren.«

Der gelernte Schlosser und Lokführer kennt die Handgriffe aus dem Effeff, findet den abgegriffenen Bremshebel und den roten Knopf für die Warnhupe, ohne hinzuschauen. Er kennt den holprigen Lauf der Gleise, die sich durch die Halbwüste des Tagebaus Mücheln bei Merseburg schlängeln. Und er weiß genau, wo er die Elektro-Lok abbremsen muß, damit die Loren nicht aus den Gleisen springen.

Mit seinen Kumpels von der Brigade »Fahrt frei« ist Martschenko 22 Jahre lang jeden Tag in die zerklüftete Grube hinabgerollt. Selbst in den schwersten Wintern hielten sie den Bahnbetrieb am Laufen. »Auf unsere Kohlenzüge war immer Verlaß«, sagt Martschenko.

Der Mann fährt noch immer auf den alten Lokomotiven. Doch statt Kohle haben die Loren heute Sand und Kies geladen. Der wird an die Böschungen der verlassenen Grube gekippt, damit die Häuser droben nicht irgendwann in den Abgrund stürzen.

Am 30. Juni vor zwei Jahren hatten Martschenkos Leute den letzten Zug Kohle aus der Grube gefahren. Dann wurde der Tagebau gestoppt. Die Kohle war zu schwefelhaltig, der Abbau zu unwirtschaftlich. Von einstmals 7000 Arbeitern blieben 800 übrig. Die bauen jetzt die Brikettfabriken und Maschinenhäuser ab, sammeln Gleise ein und verschrotten ihre Bagger.

In den Dörfern ist die Stimmung gedrückt, der alte Bergmannsgruß »Glück auf« ist immer seltener zu hören. »Der Stolz der Leute hier«, erzählt ein Kumpel, »hat einen großen Knacks bekommen.«

Bald werden auch die letzten Reste des Bergbaus verschwunden sein: Die Ingenieure wollen einen Stollen zur 15 Kilometer entfernten Saale bohren und das Flußwasser in die Grube umleiten. Spätestens im Jahr 2002 soll die Grube von Mücheln, derzeit das größte Sanierungsprojekt in Ostdeutschland, in den Fluten versinken.

Wo Bergmänner seit fast 300 Jahren Kohle aus der Erde kratzten, wo bis zur Wende Baggerketten kreischten, täglich Hunderte von Güterzügen entlangrumpelten und Brikettfabriken ihren braunen Qualm in den Himmel bliesen, soll in 25 Jahren das zwölftgrößte Gewässer Deutschlands plätschern: der Geiseltal-See, Sachsen-Anhalts schönstes Bade- und Segelrevier, wie die Sanierer versprechen.

Wie im Geiseltal werden derzeit überall in Sachsen-Anhalt Fabriken, Kraftwerke und Chemieküchen abgeräumt. Noch nie ist in Deutschland eine Region derart radikal umgebaut worden wie der Landstrich zwischen Harz und Elbe.

Was die Kumpel im Ruhrgebiet in Jahrzehnten nicht geschafft haben, sollen ihre ostdeutschen Kollegen nun im Rekordtempo erledigen: Geht es nach dem Willen der Politiker, wird Ostdeutschlands größtes und am schlimmsten belastetes Industrierevier ein Öko-Modell für ganz Europa.

In den Industriewüsten um Bitterfeld, Merseburg und Mansfeld sind Tausende von Arbeitern damit beschäftigt, ganze Fabrikstädte einzuebnen. Allein in den einstigen Groß-Kombinaten Buna und Leuna rissen die Sanierer bis heute über 500 Gebäude ab. Und noch immer winden sich rostige Rohre über die Gelände, ragen Backsteinruinen und stillgelegte Schornsteine in den Himmel.

Allerorten beeilen sich Kommunalpolitiker, das Schmuddel-Image von ihren Städten und Dörfern abzustreifen. In Wernigerode, Quedlinburg oder Halberstadt putzen die Bewohner ihre alten Fachwerkhäuser heraus.

»Nach der Wende fielen hier die Fernsehteams ein, um das Elend zu filmen«, erinnert sich der Halberstädter Wirtschaftsdezernent Ralf Abrahms, ein aus Bad Harzburg übergewechselter Grünen-Ratsherr: »Außer Mitleid hatten wir gar nichts.«

Nun sind schon ein Drittel der Häuser in dem historischen Harzstädtchen instand gesetzt oder werden gerade renoviert. Stolz zeigt Abrahms auf die Hallen und Baustellen im Gewerbegebiet: »Das füllt sich hier.«

Von Bitterfeld bis Merseburg haben sich die beißenden Qualmschwaden aus Ammoniak, Schwefeldioxid oder Kohlestaub verflüchtigt. Die Luft ist wieder unsichtbar, die Leute klagen seltener über Erkältungen, Husten und Bronchitis. »Was wollt ihr eigentlich«, fragt an Bitterfelds berüchtigter »Straße der tausend Düfte« eine Rentnerin, »das ist hier doch schon wie im Sanatorium.«

Über 140 Quadratkilometer Braunkohlerevier werden demnächst der Natur zurückgegeben. In den Abbau-Löchern entstehen Dutzende neuer Seen, die gesamte Fläche größer als der Chiemsee. Weiße Sandstrände werden die Ufer säumen, die Landschaftsarchitekten legen Wiesen, Sumpfstreifen und Wälder an.

In den benachbarten Dörfern rangeln Investoren und Spekulanten bereits um die künftigen Seegrundstücke. »Wir können nicht den Urzustand wiederherstellen«, sagt die sachsen-anhaltinische Umweltministerin Heidrun Heidecke von den Bündnisgrünen, »aber wir werden eine neue Landschaft schaffen.« Etwa in Bitterfeld. Noch vor zwei Jahren fragte die Berliner BZ: »Lebt das Drecksnest noch?« Nun planen die Stadtväter, die Chemiestadt zum Seebad umzubauen.

Im Osten von Bitterfeld, am stillgelegten Braunkohleloch Goitsche, werfen Kettenbagger bereits eine 61 Kilometer lange Uferböschung auf. »Unsere Uferpromenade wird so ähnlich wie in Lindau am Bodensee«, schwärmt Bürgermeister Werner Rauball. Bald, so träumen die Planer, könnten Erholungssuchende aus Leipzig, Halle und sogar Berlin nach »Bad Bitterfeld« strömen.

Nur noch blitzsaubere Chemiebetriebe will sich die Stadt leisten, solche wie das Bayer-Werk, das seit Ende August ausgerechnet in der Kopfschmerzmetropole der einstigen DDR Aspirin-Tabletten produziert.

Wo einstmals das Chemiekombinat Bitterfeld seine giftigen Dämpfe in die Luft entließ, haben sich mehr als 200 neue Firmen angesiedelt, vom Ingenieurbüro bis zum Konzern. Das Bundesumweltministerium will die Region im Rahmen der Weltausstellung Expo 2000 als »Musterbeispiel für eine ökologische und wirtschaftliche Umgestaltung in Deutschland« präsentieren.

Schon heute sind große Flächen um die einstige Giftstadt als Naturschutzgebiete ausgewiesen. Am nahen Muldestausee tummeln sich Kormorane und Fischreiher. Und es nisten sogar drei Fischadler, wie Umweltdezernent Günther Eckstein stolz berichtet.

Am Flußlauf der Mulde, früher nur ein stinkender Abfluß des Chemiekombinats, treiben sich Dutzende von Biberfamilien im Unterholz herum. »Das Bitterfelder Paradoxon« (Eckstein) ist freilich nicht neu. Schon zu DDR-Zeiten wunderten sich die Experten, wie die Tiere in dem schwermetallhaltigen Sumpf überleben. Anwohner beobachten zuweilen leichte Verhaltensstörungen: Einige Biber torkeln ziellos über Fahrwege oder legen sich auf befahrenen Straßen zum Schlafen nieder.

Auch der Truppenübungsplatz Colbitz-Letzlinger Heide im Norden Sachsen-Anhalts, der vier Jahrzehnte lang von russischen Panzern und Granaten durchpflügt wurde, soll, so will es das Umweltministerium, zum Erholungsgebiet werden. Noch liegt das Gelände arg zerfurcht, möchte die Bundeswehr das Areal zu einem der größten Truppenübungsplätze Europas ausbauen.

Demnächst werden wohl die Gerichte entscheiden müssen, ob hier, am Rande des größten zusammenhängenden Lindenwaldes Europas, die Naturfreunde einrücken dürfen. »Das könnte wie die Lüneburger Heide oder das Wendland werden«, stellt sich Gunter Schulze vor, Abteilungsleiter im Magdeburger Sozialministerium und zuständig für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen: »Ein Platz für Aussteiger aus Berlin und Hamburg.«

Rund 20 000 Menschen werkeln in staatlich geförderten Sanierungsgesellschaften an der schönen neuen Öko-Welt. Für den Umbau sind Milliardensummen nötig. Rund 350 Millionen Mark im Jahr verschlingt die Sanierung der Braunkohlegruben bis 1997. Die Aufräumarbeiten in der Chemiewüste von Bitterfeld werden etwa 2,5 Milliarden Mark kosten, die Beseitigung der Schäden durch das Buna-Werk bei _(* Bei der Eröffnung des Bitterfelder ) _(Bayer-Werkes im August. )

Magdeburg etwa eine Milliarde Mark.

Oft kommen die Arbeiter nur mühsam voran, weil die Anlagen lebensgefährlich verseucht sind. Im Harzstädtchen Ilsenburg etwa zerlegen in Spezialanzüge vermummte Gestalten mit Preßlufthämmern und Schweißgeräten die Schmelzöfen der alten Kupferhütte - früher eine der schlimmsten Giftschleudern des Landes.

Hier verbrannte die DDR bis zur Wende Kupferkabel und Elektronikschrott - Sondermüll aus der Bundesrepublik, für dessen Beseitigung Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski begehrte Westmark kassierte. »Wir mußten auch Fässer in die Öfen kippen«, erinnert sich ein früherer Arbeiter, »niemand durfte fragen, was da drin war.«

Erst nach der Wende wurde bekannt, was die Hütte täglich aus ihren Schornsteinen schleuderte: Die gesamte Umgebung ist mit Schwermetallen und krebserzeugenden Dioxinen verseucht. Nun klopfen Arbeiter jeden Ziegelstein im Werk ab, Tausende von blauen Fässern haben sie schon mit Giftstaub gefüllt.

Was noch auf die Sanierer in Sachsen-Anhalt wartet, läßt sich nur ahnen. »Die eigentliche Arbeit liegt noch vor uns«, sagt Umweltministerin Heidecke.

Bis in die Endtage der DDR entsorgten die Betriebe ihren Müll kaum anders als zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Sie stopften giftige Abfälle in ungesicherte Bergwerksstollen, kippten rund 50 Milliarden Kubikmeter Chemiemüll in stillgelegte Braunkohlegruben und leiteten die Abwässer in den nächsten Bach. Allein aus dem Chemiekombinat Bitterfeld flossen am Tag soviel ungeklärte organische Abwässer in die Landschaft, wie die Einwohner von Ost-Berlin und Dresden in der gleichen Zeit produzierten.

Über 17 000 mögliche Altlastflächen ermittelte das Umweltministerium in den Jahren seit der Wende - Benzin-Pumpstellen aus den zwanziger Jahren, Munition und Altölgruben der Roten Armee, Giftgruben der Chemiekombinate oder wilde Industriemüll-Deponien aus Honeckers Endzeit. Knapp 3000 davon werden als gefährlich eingestuft: Hier lagern Tausende Tonnen von radioaktiver Schlacke, sickern krebserregende Chemikalien ins Grundwasser oder gären Gifte vor sich hin.

Viele der Umweltlasten sind älter als die DDR. Sachsen-Anhalt war bereits ein geschundenes Land, bevor die SED die Macht übernahm.

»Halle ist eine winklige, schmutzige, übelriechende Stadt«, schrieb 1837 der Schriftsteller Arnold Ruge: »Nicht nur der Geruch von dem Braunkohlentorf, auch das Wasser, welches die Stärkefabrikanten von Glaucha in offenen Gossen durch die Straßen ihres Stadtteils senden, verpestet die Atmosphäre.«

Bei der Ostharzstadt Hettstedt türmt sich eine riesige Halde mit Strahlenschlacke auf den Feldern (siehe Kasten Seite 166). Das Zeug stammt aus einem alten Kupferbergbaustollen, dessen Wasser von der ersten Dampfmaschine Deutschlands, die 1785 in Betrieb genommen wurde, an die Oberfläche gepumpt wurde.

Andernorts kriecht plötzlich Gift aus dem Untergrund hervor. Im Süden von Sachsen-Anhalt, bei dem Ort Osterfeld, spürten Geologen kürzlich Grundwasser auf, das mit Chlorkohlenwasserstoffen, Phenolen und anderen Chemikalien verseucht ist. Die Schadstoffe sickern aus einem alten Stollensystem, vermuten die Wissenschaftler. Das Bergwerk wurde bis in die dreißiger Jahre mit Abfällen aus einer Schwelerei gefüllt.

Schlacken, Staub und Gifte sind das traurige Erbe von zwei Jahrhunderten Industriegeschichte in einem der wichtigsten Reviere Deutschlands. Hier errichteten Ingenieure 1915 die größten Braunkohlekraftwerke der Welt, zogen die gewaltigsten Chemiefabriken Europas hoch und schrieben mit neuentwickelten Maschinen und Flugzeugen - etwa der legendären Ju-52 - Technikgeschichte.

In den Labors von Bitterfeld, Buna und Leuna entwickelten Chemiker eine Weltneuheit nach der anderen: 1936 den ersten Farbfilm, 1938 den revolutionären Kunststoff PVC. Selbst eine Kleinstadt wie Halberstadt hatte eine direkte Zugverbindung nach London.

Schon im vorigen Jahrhundert war die Region um Halle und Bitterfeld ein bedeutendes Chemiezentrum. Es gab drei wichtige Grundstoffe: Salz, Wasser und Kohle.

Den Aufschwung in den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts verdankt die Gegend vor allem den Kriegsstrategen. Die Nazis wollten Deutschland autark machen, koste es, was es wolle. Chemiker sollten die Materialien entwickeln, die das Reich unbesiegbar machen würden.

Milliarden von Reichsmark flossen in den Ausbau der Chemieanlagen, die seit 1925 unter dem Dach der IG Farben vereint waren. Auf dem bei Buna entwickelten Kunstkautschuk rollte die Wehrmacht bis an die Wolga. Salpeter aus den Leuna-Werken steckte in deutschen Granaten, die Braunkohleschwelereien versorgten Panzer mit Öl und Treibstoff.

Später übernahm die DDR die »Kinder des Krieges« (der sachsen-anhaltinische Wirtschaftsminister Klaus Schucht). »Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit«, lautete die Losung der Propaganda-Poeten der SED. Doch die Politbürokraten richteten die schlimmste Öko-Katastrophe auf deutschem Boden an.

»Investitionen mit strategischem Hintergrund gab es überall in der Welt«, erklärt Schucht, »aber nirgendwo sind diese Strukturen so lange erhalten geblieben wie hier.«

Bis 1989 köchelten Bitterfelder Chemiker in hoffnungslos zerschlissenen Chlorbaracken, als hantierten sie in einem Heimlabor. Einige Hallen, etwa die Aluminiumschmelze, waren nur unter Lebensgefahr zu betreten - und dennoch ließen die Sozialisten in Berlin die Giftküchen weiterbetreiben.

»Annähernd die Hälfte der im Kombinat beschäftigten Werktätigen ist gesundheitlichen Schädigungen ausgesetzt«, berichtete die Stasi 1987 in einem erst kürzlich entdeckten Geheimpapier an das Politbüro. 4000 Arbeiter würden unter »gesundheitsgefährdenden Bedingungen« an Maschinen eingesetzt, »die bereits im gesetzlosen Zustand weiterbetrieben werden«.

Vier Gebäude seien akut einsturzgefährdet, berichtete die Stasi. Täglich könne es zu Kurzschlüssen kommen, bei stärkerem Wind dürften 22 Gebäude aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten werden. Selbst die Hochspannungsleitung, die das Kombinat mit Strom versorgte, sei so verrottet, daß »die Gefahr von Mastbrüchen« bestehe.

Die Versäumnisse der roten Funktionäre rächten sich grausam. Keines der neuen Länder erlebte einen derart kompletten Zusammenbruch der DDR-Planwirtschaft wie Sachsen-Anhalt.

Von den einstmals 75 000 Chemiearbeitern verloren 56 000 ihren Job. In Braunkohlegruben und Brikettfabriken sind von 20 000 Beschäftigten 4300 übriggeblieben. Von den 77 000 Arbeitnehmern im Maschinenbau ist gerade mal ein Viertel noch beschäftigt. Mit einer Arbeitslosenquote von 15,6 Prozent ist Sachsen-Anhalt trauriger Spitzenreiter in Deutschland.

Ein Großteil der Arbeiter im Land ist derzeit vor allem damit beschäftigt, die alten Arbeitsplätze abzureißen. Wenn sich der Staub über dem Industrieschutt verzogen hat, die letzte Chemieanlage einplaniert, die letzte Schrotthalde abgetragen ist, bleibt für viele Menschen nur noch das Nichtstun.

Mühevoll versucht die Landesregierung in Magdeburg, Investoren ins Land zu holen. Bei Leuna baut der französische Mineralölkonzern Elf Aquitaine für mehr als fünf Milliarden Mark die modernste Raffinerie Europas. Gleich daneben errichtet der amerikanische Konzern Dow Chemical eine brandneue Chlorfabrik für vier Milliarden.

Wieder müssen Milliardensubventionen helfen, um überhaupt einen Konzern an die Saale zu locken. Allein das Dow-Werk kostet den Steuerzahler fast zehn Milliarden Mark, jeder vertraglich zugesicherte Arbeitsplatz wird mit 4,4 Millionen Mark subventioniert.

Blühende Landschaften? Die Bürger in Sachsen-Anhalt sehen ihre Zukunft pessimistischer als anderswo im Osten. Den Umbruch im Land verfolgen 57 Prozent der Menschen mit Sorge, wie eine Infas-Studie ergab, in Thüringen sind es nur 35 Prozent.

Streit zwischen dem Land und der Treuhand-Nachfolgeorganisation BVS um die Finanzierung der Altlastenbeseitigung lähmt allerorten die Aufräumarbeiten. »In den ersten Jahren waren die Geologen unsere wichtigsten Helfer«, sagt Bitterfelds Umweltdezernent Eckstein, »heute sind es die Anwälte.«

Wenn die Braunkohlegruben dereinst geflutet werden, drohen neue Umweltprobleme: Das steigende Grundwasser könnte Schadstoffe an die Oberfläche spülen, die bisher noch im Untergrund verborgen sind.

Wie kein anderes ostdeutsches Land wurde Sachsen-Anhalt auch von politischen Skandalen geschüttelt. Der erste Ministerpräsident des Landes, Gerd Gies (CDU), stolperte über eine Stasi-Affäre, sein Nachfolger, der westdeutsche Christdemokrat Werner Münch, gewährte sich und seinen Westkollegen zuviel Gehalt.

Auch aus Protest gegen die Profitgier der Westler wählten bei der letzten Landtagswahl 19,9 Prozent der Sachsen-Anhaltiner die PDS. Nun regiert, einmalig in der Bundesrepublik, eine rot-grüne Minderheitsregierung unter Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD) mit ausdrücklicher Tolerierung der SED-Nachfolgepartei.

Die fragile Regierung steht einem in sich nicht geschlossenen Land vor. Sachsen-Anhalt ist noch immer ein Kunstgebilde, eine Verwaltungseinheit, 1945 aus Teilen der Provinzen Sachsen und Anhalt geformt. Was den Winzer an der Unstrut, den Chemiearbeiter in Leuna und den Bauern in der Altmark miteinander verbinden soll, weiß so genau keiner.

Der Versuch des ersten Ministerpräsidenten Gies, dem Land eine Hymne zu verpassen, scheiterte kläglich: Text und Melodie des 1991 mit großem Pomp vorgestellten Werkes sind längst in Vergessenheit geraten.

»Wir mußten denen in Magdeburg erst mal mitteilen, daß wir auch dazugehören«, erinnert sich Dieter Kmietczyk (SPD), Bürgermeister der Stadt Zeitz.

Ruhig sitzt der bärtige Bürgerrechtler in seinem weitläufigen Zimmer im historischen Rathaus. Die großen Betriebe seiner Stadt sind entweder zusammengebrochen oder auf Zwergengröße geschrumpft: das Kinderwagenwerk, mit dessen Karren selbst Mütter in der Mongolei ihre Kinder schoben; die Kosmetikfabrik, in der die Bleichmittel für russische Blondinen hergestellt wurden. »Wir warten immer noch auf den Großinvestor«, sagt Kmietczyk.

Dann gibt sich der Mann einen Ruck: »Wir werden es schon schaffen«, hofft der Bürgermeister: »Die Ostdeutschen haben noch immer die Utopie des Gemeinsamen im Sinn - ich hoffe, mehr als im Westen.«

[Grafiktext]

Das Land Sachsen-Anhalt in Zahlen

Sachsen-Anhalts Wirtschaft

Ausstoß von Schadstoffen in Sachsen-Anhalt

[GrafiktextEnde]

* Bei der Eröffnung des Bitterfelder Bayer-Werkes im August.

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