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WAHLKAMPF Sanfte Töne

Helmut Schmidt fällt es schwerer als erwartet, sich auf seinen Herausforderer Franz Josef Strauß einzustellen.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Wenn Helmut Schmidt vor Freunden und Vertrauten auf Franz Josef Strauß zu sprechen kommt, dementiert er sich neuerdings gern selbst. Es sei falsch, versicherte der Kanzler erst jüngst wieder seinem Finanzminister Hans Matthöfer, daß er den Bayern schon immer als seinen »Wunschgegner« gesehen habe.

Der sozialdemokratische Regierungschef möchte am liebsten nicht mehr wahrhaben, was er im März vergangenen Jahres -- eine Kanzlerkandidatur des CSU-Vorsitzenden schien ausgeschlossen -- in einem Interview mit der Illustrierten »Quick« zu Protokoll gegeben hatte: »Es hat sich eindeutig gezeigt ... daß Herr Strauß in der Opposition mehr zu sagen hat als Herr Kohl. Im Sinne der politischen Hygiene wäre es deshalb wünschenswert ... dies auch dem deutschen Bürger durch die Aufstellung eines Kandidaten Strauß klar zu erkennen zu geben.«

Der Wunsch ist in Erfüllung gegangen, doch aus dem Kanzlerfavoriten von einst wurde inzwischen ein gefürchteter Herausforderer der sozialliberalen Koalition.

Im kleinen Kreis gesteht der sonst stets selbstsichere Schmidt, daß auch er noch nicht weiß, wie er Strauß nehmen soll. Keinesfalls dürfe der CSU-Chef unterschätzt werden, wenn er jetzt »sehr sanfte Töne« anschlage, um sich bei unzufriedenen SPD- und FDP-Wählern einzuschmeicheln. Der rechte Anhang des Bayern werde sich durch das staatsmännische Gehabe seines Lieblings ohnehin nicht im Glauben an den harten Kern des FJS irremachen lassen.

Vize-Kanzler und FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher pflichtet bei: »Man muß ihn sehr ernst nehmen. Ich bin nicht der Vorgarten-Optimist, der glaubt, man brauche nur Strauß zu rufen, und dann kommen die erschreckten Wähler gelaufen und füllen uns den Wahlschein aus.« Und auch der Staatssekretär im Kanzleramt, Manfred Schüler, warnt: »Das wird kein Sonntagsspaziergang für Helmut Schmidt.«

Aus der Traum, daß die Union unter den Folgen der von den Bayern und ihren CDU-Gehilfen rücksichtslos durchgeboxten Kandidatur zerbrechen werde. Nach der Rückkehr aus den Sommerferien machen sich die Wahlkampfplaner von SPD und FDP irritiert daran, ihr Feindbild neu zu justieren.

Die Sozialliberalen haben, so scheint es, nicht mehr den radikalen rechten Raufbold vor sich, der mit Krawallparolen und unbeherrschten Temperamentsausbrüchen stets genügend Wahlkampfstoff frei Haus lieferte. Schon bei seinem ersten Auftritt als bayrischer Ministerpräsident im Bonner Bundestag enttäuschte Strauß alle, die den alten Kämpfer erwartet hatten. Piano und langweilig verbreitete sich Staatsmann Strauß über die Statistik des Weltenergieverbrauchs und ähnlich drängende Probleme.

Zudem übt sich der Kanzlerkandidat in christlicher Nachsicht gegenüber all jenen in seinen Reihen, die dem neuen Unionsimperator passiven oder aktiven Widerstand leisten. Selbst wenn sich sein geschlagener Rivale, der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, endgültig weigern sollte, Seite an Seite mit Strauß die Geschäfte des katholischen Südstaatlers im protestantischen Norden zu besorgen, will Strauß Milde walten lassen. Statt Albrecht soll dann eben der erklärte Strauß-Feind und Kohl-Freund Richard von Weizsäcker als liberale Symbolfigur ins Schattenkabinett gelockt werden.

»Strauß wird«, prophezeit sein Bonner Statthalter Fritz Zimmermann, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag, »sich in jeder Beziehung moderater verhalten, als es seine Gegner wünschen. Das gilt schon jetzt, und das gilt für die Zukunft.«

Als erster hatte der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner vor der Versuchung gewarnt, im Wahlkampf nur »über das skandalreiche Leben eines alternden Machiavellisten zu reden«. Den Genossen schärfte er ein: »Den Kraftprotz weder hochjubeln noch emporschmähen.«

Der Devise des erfahrenen Strategen getreu, rät denn auch ein erstes Wahlkampfpapier der SPD-Zentrale von Frontalangriffen gegen die Person Strauß ab. Statt dessen wollen die Sozialdemokraten mühsam versuchen, im Streit um die Sachpolitik dem Wolf den Schafspelz wieder auszuziehen. Zunächst bei den Landtagswahlen, dann bei der Bundestagswahl hängt das Überleben der SPD/FDP-Regierung davon ab, ob es gelingt, Strauß bei Arbeitern und arrivierten Fachkräften als einen Politiker vorzuführen, der -- allen lockenden Worten zum Trotz -- nicht ihre Interessen vertritt, sondern für ein stramm konservatives Unionsprogramm steht.

SPD und FDP müssen einen Strauß entzaubern, dem CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber eine einzigartige Begabung nachsagt: »Er hat eine viel höhere Anziehungskraft auf Taxifahrer und Putzfrauen als jeder CDU-Politiker, auf Leute also, die ohne Strauß nie CDU wählen würden.«

Das Putzfrauenidol tut sich zuweilen noch schwer mit der neuen Rolle, etwa wenn Strauß in einem Interview verächtlich von »Dienstmädchengeschwätz« redet. Aber er hat erkannt, wo die kleinen Leute am leichtesten zu packen sind: bei ihrer Angst vor der Zukunft. Der Bayer will dem Bundesbürger den Kleinmut nehmen, daß »der Zenit des Wohlstandes bereits überschritten, das Erreichte nicht mehr zu halten ist« (Stoiber). Er möchte dem Wähler einreden, unter einem Kanzler Strauß werde es auch in den achtziger Jahren wirtschaftliche Zuwachsraten wie in früheren Zeiten geben.

Um die Wachstumspessimisten Lügen zu strafen, müßten nur die Investitionen der Unternehmer forciert und das Energieangebot vergrößert werden. Stoiber: »Wir werden klar und deutlich sagen, daß die Lücke in der Energieversorgung zwischen 1980 und 1990 nicht mit Einsparungen, sondern nur durch Kernenergie geschlossen werden kann.«

Die sozialdemokratischen Wahlkampfplaner setzen darauf, den Heilsbringer Strauß mit seinem Wohlfahrtskonzept als Gaukler und Schönredner entlarven zu können. Helmut Schmidt müsse, so verlangen seine Berater, sich selbst energisch fürs Energiesparen engagieren, wolle er die bayrischen Verheißungen unglaubwürdig machen. Wenn sich der Kanzler für Geschwindigkeitsbegrenzungen und den Ausbau der Radwege einsetze, wenn er verlange, aus Erdöl hergestellte Plastikbehälter mit einem Strafgroschen zu belegen, dann zeige er mit solchen Symbolhandlungen auch den Grünen, daß er die Zeichen der Zeit besser verstanden habe als sein Rivale.

Finanzminister Hans Matthöfer hat eine andere Schwachstelle des christsozialen Wirtschafts-Wunderheilers ausgemacht. »Es ist falsch«, so Matthöfer, »wenn Strauß meint, man brauche nur mehr Investitionen, und schon ist alles gut.« Die Sozialdemokraten sollten im Wahlkampf gemeinsam mit den Gewerkschaften dafür werben, Wachstum auch über die steigende Massenkaufkraft der Arbeitnehmer zu fördern.

Gar nicht gut aussehen aber werde der Arbeitervertreter Strauß, so hoffen die Sozialdemokraten, wenn sie erst einmal das Geschenkpapier vom Sozialpaket des Bayern lösten. Denn hinter der Ankündigung von Strauß, er wolle für eine Bestandsaufnahme des sozialen Netzes sorgen, verberge sich nichts anderes als soziale Demontage,

* Fahrzeug der Sicherheitsbeamten, das beim Sprengstoffanschlag auf General Haig am 25. Juni beschädigt wurde.

hinter seiner Absage an kollektivistische Lösungen und seiner Vorliebe für individuelle Vorsorge stecke die Absicht, beispielsweise den kompletten Krankenversicherungsschutz zu streichen und Kranke wieder an den Kosten der Behandlung zu beteiligen.

Doch so viele Widersprüche die SPD-Experten zwischen den Wahlparolen und wirklichen Absichten des Münchners auch aufdecken, ihre Abwehrvorbereitungen werden durch unkalkulierbare Risiken im eigenen Lager erschwert.

So wollen namhafte Sozialdemokraten nicht ausschließen, daß der liberale Koalitionspartner, der beim großen Duell nicht bloß Sekundant spielen will, die Nerven verliert. Auch Kanzler Schmidt fürchtet, daß die Freidemokraten ihre schon über lange Zeit gepflegte Rolle als Opposition in der Koalition überziehen und sowohl in der Wirtschafts- als auch in der Sozialpolitik auf Strauß-Kurs einschwenken könnten.

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