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IRAN Satan bleibt Satan

Je länger die Geiseln in Teheran festgehalten werden, desto länger können sich die Supermächte aus dem irakisch-iranischen Krieg heraushalten.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Ronald Reagan, künftiger Präsident der USA, warnte Amerikas Feinde. »Die Führer anderer Staaten«, sagte er vergangenen Donnerstag auf seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahl, »müssen endlich mal wieder merken, daß der Präsident immer noch der Präsident ist.«

Und: In Verhandlungen um die Freilassung der Geiseln werde er »nicht einfach hineinstürmen«.

Irans Parlamentarier und Ajatollahs hatten offenkundig zu hoch gepokert und vor allem zuviel Zeit verstreichen S.162 lassen. Vor allem ihre Forderungen, die in den USA eingefrorenen acht persischen Ölmilliarden sofort freizugeben und das Schah-Vermögen, dessen Umfang noch immer umstritten ist, zu überweisen, konnten wegen der damit verbundenen schwierigen Rechtsfragen nicht noch vor den Präsidentschaftswahlen erfüllt werden.

Aber nur eine Freigabe der Geiseln unmittelbar vor den Wahlen hätte den Wahlausgang vielleicht noch beeinflussen können. Jetzt haben es die Amerikaner nicht mehr eilig. Es sind jetzt die Mullahs, die unter Zeitdruck geraten.

Jeder Tag im Krieg gegen den Irak kostet viele Millionen Dollar. Der Ajatollah-Staat, derzeit ohne Einnahmen, muß praktisch von der Substanz leben, und die reicht nicht mehr lange.

Die iranischen Reserven an Gold und Devisen sind, so schätzen Experten, auf rund zwei Milliarden Dollar zusammengeschrumpft. Jeder Tag bringt Verluste an Menschen und Material, die sich der Ajatollah nicht auf unbegrenzte Zeit leisten kann.

Nacht um Nacht landen, fast pausenlos, »Hercules«-Transportmaschinen auf dem Teheraner Flughafen, voller Verwundeter von der Front. Es sind überwiegend junge Freiwillige, die oft noch nicht einmal über militärische Grundkenntnisse verfügen, aber an der Front aufopferungsvoll kämpfen. Den Familien der Gefallenen gratulierte Parlamentspräsident Rafsandschani zum »süßen Tod« ihrer Angehörigen.

Auf den jungen Männern, die von den Mullahs an den Moscheen ihrer Heimatorte für den Waffendienst ausgewählt werden, ruht die Hauptlast des iranischen Widerstands gegen die Iraker. Denn die Mullahs, so wird in Teheran erzählt, lassen die Infanterie ihrer regulären Armee lieber in den Kasernen im Hinterland, anstatt sie in den Einsatz zu schicken -- aus Angst, die ausgebildeten Soldaten könnten, vom Kriegsschauplatz zurückgekehrt, ihre Waffen gegen die eigene Regierung richten.

Wenn aber der Nachschub an Waffen und Ersatzteilen aus den USA weiterhin ausbleibt, geraten die amerikanisch bewaffneten revolutionären Heißsporne immer mehr ins Hintertreffen gegenüber den besser versorgten Irakern, die auf Hilfe etlicher arabischer Staaten zählen können.

Auch der Mangel an Treibstoff macht den Iranern zu schaffen. Denn beim Vorrücken in die Ölprovinz Chusistan gelang es den Irakern inzwischen, sämtliche Pipeline-Verbindungen ins Hinterland zu zerstören.

Iranische Militärs in Teheran erzählen, daß die Zahl ihrer bisher recht wirkungsvollen »Phantom«-Einsätze drastisch reduziert werden mußte, weil der Treibstoff für die Düsenjäger knapp geworden ist.

Doch die seltsame Art, in der die Iraker Krieg führen, zwingt die Perser geradezu, ihre Menschen zu opfern und ihre materiellen Reserven zu verbrauchen. Denn bisher rückten Bagdads Truppen, ohne die operativen Möglichkeiten moderner Waffen für einen Bewegungskrieg voll zu nutzen, auf den Gegner zu. Sie setzen geballte Feuerkraft ein und beweisen wenig strategisches Geschick.

Von keiner Seite um Hilfe gebeten, blieben die Supermächte in diesem Konflikt auf den Ölfeldern eisern neutral. Das könnte sich aber mit dem Augenblick ändern, in dem die Geiseln freigelassen sind.

Denn Jimmy Carter hatte den Iranern bereits versprochen, die noch seinerzeit vom Schah bestellten und schon bezahlten Waffen dann sofort zu liefern. Damit könnte der Krieg, der bisher gewissermaßen arabisch-persische Privatsache war, plötzlich unkontrollierbare Dimensionen annehmen.

Davor hat auch Bagdad Angst. Die von den Irakern zu Beginn des Krieges verbreitete Falschmeldung, die Geiseln seien freigelassen, diente Test-Zwecken. Die Iraner antworteten dann auch prompt, alle Geiseln seien und blieben weiterhin im Land. Iraks Saddam Hussein konnte weitermachen, ohne Supermacht-Hilfe und -Abhängigkeit.

Amerikanische Waffenhilfe für den Ajatollah-Staat könnte aber auch die Sowjets veranlassen, nun ihrerseits dem Irak, der ihnen ohnehin durch einen Freundschaftsvertrag verbunden ist, militärische Unterstützung anzutragen.

Zudem würde jede Form westlicher Hilfe für den Iran -- auch die EG, so hieß es unlängst auf der Luxemburger Ministerrats-Tagung, werde nach Freilassung der Geiseln ihre Handelsbeschränkungen aufheben -- den Widerstand der meisten arabischen Länder hervorrufen.

Denn außer Syrien und Libyen haben sich fast alle arabischen Länder mehr oder weniger offen auf die Seite des Irak gestellt. Vor allem Saudi-Arabien, der wichtigste Öllieferant und wichtigste strategische Alliierte des Westens, tritt mit Worten und Hilfssendungen für den Irak ein.

Bagdad-freundlich zeigen sich auch die Golf-Staaten und Jordanien. Ägyptens Sadat bot den Amerikanern sogar Stützpunkte im eigenen Land an für Aktionen gegen den Iran. Möglich auch, daß der ägyptische Präsident, verärgert durch Reagans pro-israelische Haltung, wieder zurück ins arabische Lager strebt, wenn die USA etwa den Iran aufrüsten.

Die Freilassung der Geiseln könnte mithin nicht nur die militärischen, sondern auch alle politischen Fronten im Nahen Osten in Bewegung bringen und den persisch-irakischen Krieg doch noch zum gefährlichen Flächenbrand machen.

Daß dies sogleich geschieht, brauchen die Amerikaner freilich nicht zu fürchten. Der iranische Abgeordnete Mohammed Chamenei, Mitglied des siebenköpfigen Ausschusses, der die Freilassungs-Bedingungen für die USA ausarbeitete, sprach in einem Interview von »Monaten«, bis die 52 Amerikaner in ihre Heimat zurückkehren dürften.

Zwar übergaben die Geiselbewacher in der US-Botschaft in Teheran pro forma die Verantwortung für die gefangengehaltenen Amerikaner an die Regierung, wurden aber sogleich beauftragt, die Bewachung fortzusetzen.

Die amerikanischen Wahlen, so Iran-Premier Radschai, hätten keine Auswirkung auf die Freilassung der Geiseln. Und die iranische Zeitung »Asadegan« kommentierte die unversöhnliche Haltung des Iran: »Der große Satan bleibt der große Satan.«

Ein westlicher Iran-Experte meinte: »Der Ajatollah ist in Wahrheit jetzt der beste Verbündete Amerikas, wenn er die Geiseln noch recht lange behält.«

S.162Für jeden Tag der Geiselhaft wird in Hermitage, Pennsylvania, eineUS-Fahne aufgestellt.*

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