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Briefe

Satanische Eingebung
aus DER SPIEGEL 16/1987

Satanische Eingebung

(Nr. 12/1987, SPIEGEL-Titel: »Volkszählung '87 - Flucht vor dem Erfassungsstaat") *

Aus welchem Geist die Volkszählungen geboren werden, steht schon in der Bibel (1. Chronik 21,1): »Und Satan stand wider Israel und reizte David, daß er Israel zählen ließe.«

Dieser satanischen Eingebung entsprang also die Idee der Volkszählung. Trotz vielfacher Warnungen setzte König David sie durch; in vollem Unrechtsbewußtsein übrigens. Joab, ein entschiedener Gegner dieses Vorhabens, wurde als Zähler zwangsverpflichtet. Aber auch damals wurde schon boykottiert: die Leviten (das Priestergeschlecht) und die Benjaminiter ließen sich nicht erfassen.

Erst nach Bekanntgabe des Ergebnisses wurde David die Tragweite seiner Gotteslästerung bewußt, aber es war zu spät. Gott strafte Israel mit der Pestilenz, und siebzigtausend Einwohner mußten sterben. Erst dann sah der König sich genötigt, Buße zu tun; »Siehe, ich habe gesündigt, ich habe die Missetat getan...« (2. Samuel 24,17; 1. Chronik 21,17. Da hatte Gott Erbarmen mit David und Israel - die siebzigtausend wurden aber nicht wieder lebendig.

Hamburg FRANK L. LUDWIG

Aus den »Definitionen« von Karl Kraus: »Volkszählung ist, wenn nichts Gescheites zu tun ist.«

Rodgau (Hessen) REGINA NEUWIRTH

Es gibt inzwischen Zähler erster, zweiter und dritter Klasse. So wurde zum Beispiel Landesbediensteten (wie etwa Lehrern) drei Tage Sonderurlaub angeboten, falls sie sich für die geplante Volkszählung zur Verfügung stellen, während städtische Angestellte mit dem Hinweis auf das Volkszählungsgesetz (Jeder kann zum Zähler verpflichtet werden ...) abgespeist worden sind. Die Krönung dieser ganzen Entwicklung stellt zur Zeit die Bundeswehr mit fünf Tagen Sonderurlaub dar.

Wer bietet mehr?

Beverungen (Nrdrh.-Westf.) UWE SUERMANN

Die Fragestellung ist so mißverständlich, daß man besten Gewissens »unkorrekt« antworten kann: man hat's halt einfach nicht verstanden.

Schwetzingen (Bad.-Württ.) CAROLINE STRACK

Unsere Datenschutzgruppe Vaihingen/Enz plante einen Informationsstand in Sache Volkszählung. Dieser wurde vom Oberbürgermeister und der Stadtverwaltung abgelehnt. Dies bedeutet, daß eine Gemeinde durch die von ihr selbst als wenig nutzbringend erklärte Volkszählung »eingeschüchtert« wurde. Dies bedeutet eine klare Einschränkung der Demokratie. Information, in welcher Form auch immer ist ein Grundrecht, das jedem einzelnen Bürger zusteht. Die Datenschutzgruppe wird trotzdem jeden Mittwochabend einen Informationsabend durchführen.

Vaihingen (Bad.-Württ.) IRENE HITT

Sehr problematisch ist die Erfassung von »Ordnungsnummern«, aus denen man rückschließen kann, mit wem Sie in einem Haushalt wohnen. Es ist nicht ganz unproblematisch für den Schutz der Intimsphäre, wenn bekannt wird, wer mit wem nicht nur eine Wohngemeinschaft bildet, sondern auch einen gemeinsamen Haushalt führt. Zwei Männer, die einen gemeinsamen Haushalt führen, könnten unter Herrn Gauweiler automatisch in ein Register von Aids-Verdächtigen überstellt werden.

Hamburg DR. JÖRG GRAFF

Das Forum Informatiker für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e.V., eine Gruppe von über 600 Informatiker/ innen, stellt fest, daß die bei der Volkszählung erhobenen Daten ihre Bedeutung erst im Zusammenhang einer konkreten Planungsentscheidung erhalten. Sie bedürfen einer Interpretation, auf die der Befragte keinen Einfluß hat.

Dazu ein Beispiel: wenn die Mehrzahl der Befragten in einem Gebiet angibt für den Weg zur Arbeitsstätte das Auto zu benutzen, so läßt sich daraus, je nach den Intentionen der Planer, sowohl die Notwendigkeit eines weiteren Straßenbaus ableiten, als auch Maßnahmen zur Entlastung der Straßen wie die Verbesserung des Radwegenetzes oder die verstärkte Subventionierung öffentlicher Verkehrsmittel begründen. Ähnlich vielfältige Interpretationen lassen auch die Angaben zur Wohnungssituation zu. Die

Volkszählung markiert nicht nur einen weiteren Meilenstein auf dem Weg einer Verschlechterung des Datenschutzes, sondern leistet vor allem einem Konzept politischer und ökonomischer Planung Vorschub, das den Bürger nur als verplanbare Größe sieht. Eine an den Bedürfnissen der Menschen orientierte und von diesen mitgestaltete Planung stellt andere Anforderungen, als sie von einer Volkszählung zu befriedigen wären.

Hamburg MICHAEL HUSSMANN Dipl.-Informatiker

BRIEFE *KASTEN

Dringender Verdacht

(Nr. 14/1987, SPIEGEL-Titel »Die Plutonium-Wahl") *

Sehr geehrter Herr Dr. Wallmann,

Ihr leichtfertiger Umgang mit Plutonium gibt Anlaß zu größter Sorge.

Plutonium ist nach Pluto benannt, dem Herrscher über das Reich der Toten. Plutonium mehrt das Totenreich wirkungsvoll, natürlich nicht innerhalb einer Wahlperiode, aber in Jahrzehnten. Die Natur hatte gute Gründe, Plutonium nur in äußerst geringen Spuren vorkommen zu lassen. Bei den Plutonium-Mengen, die Sie und andere der Atomenergiewirtschaft glauben genehmigen zu können, hätte eine Evolution der Arten nicht stattgefunden oder ein sehr rasches Ende genommen.

Plutonium wirkt nicht nur krebserregend im Körper des Menschen, sondern schädigt auch sein Erbgut. Können Politiker dies überhaupt verstehen, wenn sie sich nur auf die nächste Wahlurne konzentrieren? Sogar die US-amerikanische Atomenergie-Kommission (AEC) gibt zu, daß »die Menge Plutonium, die Lungenkrebs verursacht, so gering ist, daß sie nicht ermittelt werden kann«. Sie liegt für den gesunden Erwachsenen weit unter einem Mikrogramm. Das heißt, ein Gramm Plutonium reicht - rechnerisch - aus, um mehr als eine Million Menschen an Lungenkrebs qualvoll sterben zu lassen ...

Im Stadtgebiet von Hanau werden durch die Firma Alkem zur Zeit fast 500 Kilogramm Plutonium pro Jahr verarbeitet. Wissen Sie nicht, daß die dort arbeitenden Mitmenschen - und deren Familien - bereits im »Normalbetrieb« durch Plutonium-Kontamination extrem gefährdet sind? Erst nach und nach werden Zwischenfälle bekannt, die Dunkelziffer dürfte erheblich sein.

Sie wollen der Firma Alkem die Genehmigung für Plutonium auf zweieinhalb oder sogar auf sechs Tonnen (!) pro Jahr erhöhen? Und Sie steigern diese nur noch als infernalisch zu bezeichnende Menge weiter, um ein Vielfaches, durch den Bau der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf? Sie garantieren, daß die Firma Alkem nicht geschlossen wird. Dürfen Sie das überhaupt?

Sogar die Nuklearindustrie gesteht einen ständigen, technologiebedingten »Schwund« von ein bis zwei Prozent bei der Plutonium-Verarbeitung. Der wahre Schwund dürfte jedoch viel größer sein. Jeder weiß, daß Plutonium sich nicht in Nichts auflöst, sondern auch in 24000 Jahren noch immer die Hälfte davon vorhanden ist. Und ein Millionstel Gramm tötet einen Menschen ...

Eine massive Plutonium-Freisetzung in Hanau würde weite Teile Europas unbewohnbar machen und deren Bevölkerung innerhalb weniger Jahre an Lungenkrebs sterben lassen. Meinen Sie denn, die fehlende Sicherheitstechnologie wird uns schon zuwachsen?

Plutonium läßt sich vom Menschen nicht beherrschen. Es muß 250000 Jahre, das heißt 10000 Generationen lang, mit größtem Aufwand absolut sicher bewacht werden. Kann das eine Demokratie überhaupt leisten? Überwachung, Geheimhaltung und Polizeigewalt für die Durchsetzung nuklearer Interessen haben jetzt schon ein unerträgliches Ausmaß angenommen. In wessen Interesse geschieht dies alles?

Sie können nicht mehr behaupten, Sie hatten von der extremen Gefährdung durch Plutonium nichts gewußt. Daher setzen Sie sich mit der Förderung der Plutonium-Produktion dem Vorwurf vorsätzlichen Handelns aus ...

Ich fordere Sie, Herr Minister, mit dem gebotenen Ernst auf, die hochriskanten Betriebe Alkem und Nukem sofort zu schließen, die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf nicht zu bauen und die derzeitigen Plutonium-Bestände unter größtmöglichen Sicherheitsbedingungen an geeignetem Ort endzulagern.

Wenn Sie sich zu diesen Maßnahmen nicht entschließen können, so sollten Sie aus der Politik ausscheiden, da Sie Ihren Amtseid gebrochen haben, der Sie verpflichtet, »Schaden vom Volke abzuwenden«, und der dringende Verdacht besteht, daß Sie nicht wissen, was Sie tun.

Kiel PROF. DR. OTMAR WASSERMANN Direktor der Abteilung Toxikologie am Klinikum der Christian-Albrechts-Universität

BRIEFE

Eigentümer bleibt Eigentümer

(Nr. 14/1987, Immobilien) *

Leicht zu klauen? Nein, doch nicht so leicht zu klauen!

Der bisherige Eigentümer verliert sein Eigentum nicht durch Grundbuchfälschung. Und wer vom Fälscher kauft, erwirbt von diesem nicht - auch nicht gutgläubig - Eigentum. Auch wenn es so in dem Artikel steht, darf er das Haus nicht behalten - der rechtmäßige Eigentümer hat nicht das Nachsehen. Der gute Glaube auf einen nach öffentlichem Recht nichtigen Grundbucheintrag ist nach herrschender Meinung nicht geschützt. Das hat der Bundesgerichtshof bereits 1952, BGHZ 7 S. 64, entschieden.

Gefährdet ist also nicht der rechtmäßige Eigentümer, sondern vielmehr der gutgläubige Käufer.

Dieser allerdings ist in Gefahr, nämlich in der Gefahr, sein Geld zu verlieren, ohne etwas dafür zu bekommen. Ihm hilft hier nicht das Vertrauen auf ein gefälschtes Grundbuch, ihm hilft nur Vorsicht beim Vertragsschluß: Aufmerksamkeit hinsichtlich der Person des Verkäufers, Bestehen auf zweckmäßigen Regelungen der Kaufpreisfälligkeit und Bedenken bei unüblichen Modalitäten der Kaufpreiszahlung.

München DR. RÜDIGER GRAF VON STOSCH

BRIEFE

Alter Mann wird ausgestellt

(Nr. 14/1987, Gesellschaft: SPIEGEL-Redakteurin Marion Schreiber auf der Suche nach dem neuen Mann) *

Man(n) könnte sich bei der Autorin bedanken, daß sie den Abgesang des neuen Mannes« anstimmt und es uns so leicht macht. Einige halbherzig teilzeitarbeitende »neue Väter«, ein bißchen Kosmetik, viele bewegte Bücher, aufrichtig-witzige Songs und Filme. Das war's. Sonst bleibt alles beim Alten.

Ganz so einfach scheinen mir die Dinge nicht zu liegen. Die Autorin verfällt in den Fehler, zu heftig nach dem ganz anderen Mann zu suchen und nur die leicht zu karikierenden Überzeichnungen, Verstrickungen und modischen Aufgüsse des sogenannten neuen Mannes wahrzunehmen. Unter der mediengerechten Aufbereitung des Themas verbergen sich eine ganze Reihe von Fragen, Problemen, Irritationen, Havarien und Ängsten von Männern.

Vielleicht reicht es erst einmal, sich die »alten Männer« genauer anzuschauen: wie sie waren, wie sie sind, wie sie sich in Pose und Szene setzen, womit sie gerne »spielen«, welchen Mythen sie nachhängen.

Vornehmlich dem »alten Mann« wird sich im Spätsommer 1987 in Hamburg die Ausstellung »Männersache« annehmen. Hamburg HANS-HERMANN GROPPE

Museumspädagogischer Dienst der Kulturbehörde

BRIEFE

Hungertod eine Legende

(Nr. 14, 15/1987, Serie: SPIEGEL-Redakteur Andreas Lorenz über den Alltag in Moskau) *

Der Maler Heinrich Vogeler wurde schon vor dem Überfall auf die Sowjet-Union in der »Sonderfahndungsliste UdSSR Band 1«, zusammen mit seiner Frau unter V 42 und V 43 ausgeschrieben. Er starb nicht in Kornejebi, sondern im Krankenhaus des Kolchos Budjonny, Poststation Kornejewka. Dort wurde er auch beigesetzt. Der Dimitrower Dorf-Sowjet bescheinigte den Tod und mit Datum vom 8. Juli 1942 wird Vogelers Tod »durch Krankheit« auch vom NKWD des Kreises Woroschilow bestätigt und die Angehörigen um eine Verfügungsanweisung über sein Vermögen und Dokumente gebeten. Im Herbst 1985 faßte der Sowjet des Kreises Uljanowski den Beschluß, Heinrich Vogeler durch ein persönliches Grabmal auf seiner letzten Ruhestätte zu ehren. Aufgrund schriftlicher Bekundungen von Zeitgenossen und Mitpatienten aus dem Karagandagebiet muß die Vogeler-Forschung die Version vom Hungertod des Malers in das Reich der Legende verweisen.

Wallenhorst (Nieders.) WERNER HOHMANN

BRIEFE

Strauß nichts gesteckt

(Nr. 13/1987, CSU) *

Sie zitieren eine angebliche Behauptung aus der CSU-Landesgruppe, ich hätte dem bayerischen Ministerpräsidenten »Vertrauliches aus der Geheimdienstkommission des Bundestags gesteckt«. Ich habe niemandem, auch nicht dem bayerischen Ministerpräsidenten, vertrauliche Informationen aus der Geheimdienstkommission des Deutschen Bundestages übermittelt. Ich bin auch niemals

von Ministerpräsident Strauß gebeten worden, ihm derartige Informationen mitzuteilen.

Bonn DR. ERICH RIEDL, MdB/CSU Parlamentarischer Staatssekretar beim Bundesminister für Wirtschaft

BRIEFE

Bitte um Gnade

(Nr. 15/1987, Agenten: Unter den in der vorvergangenen Woche zwischen der Bundesrepublik und der DDR ausgetauschten Spionen befand sich nicht die Ärztin Christa-Karin Schumann. Sie war wegen Spionage für den Westen zu 15 Jahren Gefangnis verurteilt worden. Ein mitangeklagter DDR-Konteradmiral wurde hingerichtet) *

Zur Erlangung sonst nicht durchsetzbarer Menschenrechte muß jedem ein »übergesetzlicher Notstand« zugebilligt werden. Nur so kann man die Fluchtvorbereitungen aus der DDR (mit allen Mitteln) und die Verstrickung meiner Schwester in den Fall des DDR-Konteradmirals Winfried Baumann sehen.

Doch jetzt nach siebeneinhalb Jahren Haft geht es doch gar nicht mehr um die Fragen »Agentin oder nicht«, »Erpressung der DDR«, »übergesetzlicher Notstand oder nicht«. Es geht auch nicht um die Frage nach der Glaubwürdigkeit der DDR-Justiz, wenn der in demselben Fall zu »lebenslang« verurteilte Kurier des Bundesnachrichtendienstes, Horst Hering, nach zweieinhalb Jahren freigelassen wird und Frau Dr. Schumann mit 15 Jahren Strafe noch nach siebeneinhalb Jahren nicht begnadigt wird. Jetzt geht es nur noch um eine Frage: Soll hier ein Mensch zerstört werden - physisch und psychisch? Über 2500 furchtbare Tage in der Zelle und 2500 noch schlimmere Nächte liegen hinter dieser gebrochenen Frau. Für ihre Rettung stehen wir seit November 1985 am Checkpoint Charlie und bitten um Gnade.

Heidelberg PROF. DR. MED. WOLF-DIETER THOMITZEK

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