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SCHEIDUNG Satyr und Nymphe

Richter entscheiden demnächst, wann ein Ehemann auch noch für die Schulden seiner verstorbenen Ex-Frau einstehen muß. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Weder Tod noch Gericht konnte die Ehe von Jürgen Weber endgültig beenden. Der Braunschweiger Bildhauer und Kunstprofessor soll, geht es nach den Gläubigern, für nach der Scheidung aufgenommene Kredite seiner Ex-Frau, die vor eineinhalb Jahren gestorben ist, haften.

Frau Weber hatte von ihrem Mann bereits 315000 Mark sogenannten Zugewinnausgleich kassiert - nach dem Scheidungsfolgenrecht sind Werte, die von den Partnern während der Ehe gemeinsam geschaffen wurden, bei einer Scheidung aufzuteilen. Kurz vor ihrem Tod kam die Ex-Frau des Künstlers dann auf die Idee, ihr stehe auch noch die Hälfte vom Barwert der Skulpturen und Graphiken zu, die Weber zwar während der Ehe vollendet, aber nicht verkauft hat.

Deshalb strengte sie wegen der Skulpturen und anderer Vermögenswerte einen zweiten Zugewinnprozeß an. So sicher war sich die geschiedene Professorenfrau ihrer Sache, daß sie schon vor Abschluß des Verfahrens ihre Forderungen an die West-Berliner Bank für Handel und Industrie abtrat. Das Geldinstitut räumte Webers Ex-Frau, auf den möglichen Prozeßerfolg hin, einen Kredit von 80000 Mark ein - und will sich jetzt am künstlerischen Lebenswerk des Bildhauers schadlos halten.

Das Familiengericht in Braunschweig muß nun einen Präzedenzfall klären: lassen sich unverkaufte Kunstwerke wie Skulpturen, Gemälde, Kompositionen oder Manuskripte überhaupt zuverlässig bewerten? Und kann ein geschiedener Ehepartner seinen höchstpersönlichen Anspruch auf Zugewinnausgleich wie einen Wechsel an Dritte weiterreichen?

Webers Fall ist ein typisches Beispiel für die Tücken des unausgegorenen Familienrechts. Er hatte schon im Scheidungsprozeß die Geschäftsfähigkeit seiner Frau, die er der Verschwendungssucht bezichtigte, angezweifelt - ohne Erfolg.

In den vier Jahren zwischen Scheidung und Tod hatte seine Ex-Frau dann, wie Weber vorrechnet, außer dem Zugewinn von 315000 Mark noch 80000 Mark Unterhalt bezogen, selbst mehr als 80000 Mark verdient und dennoch 120000 Mark Schulden hinterlassen.

Die Bank für Handel und Industrie hätte die 80000 Mark verlorenen Kredit am liebsten von den Erben zurückgefordert. Doch die drei Kinder schlugen

die Erbschaft der Mutter aus. Die Banker gaben trotzdem nicht auf: Der Professor soll nun einstehen. Bank-Anwalt Arnold Heidemann drohte, er wolle »in jedem Fall den anhängigen Rechtsstreit auf Zugewinnausgleich weiterverfolgen

So liegt nun auf dem Richtertisch die noch von der Professorenfrau aufgestellte Liste mit 85 Graphiken und Skulpturen aus Bronze oder Stein von Professor Weber. Die Wert-Schätzungen reichen von 150 Mark für »Satyr und Nymphe als Graphik« bis zu 60000 Mark für »Andreas« Kreuzigung in Steinguß.

Insgesamt, so addierte der Anwalt der Ex-Frau, sei Webers unverkauftes OEuvre mit 491650 Mark zu veranschlagen - 40 Prozent für des Professors Betriebskosten schon abgerechnet. Rund 295000 Mark seien als Zugewinn zu betrachten, der eigentlich Webers Ex-Frau noch zugestan-den hätte.

Weber machte, stellvertretend für die ganze Künstlerzunft, eine andere Rechnung auf. Der Fiskus, argumentierte er, sehe Kunstwerke im Besitz des Urhebers und seiner unmittelbaren Erben nicht als Vermögen an und verlange deshalb auch keine Steuern dafür. Weshalb also solle im Familien anderes gelten als im Steuerrecht?

Zudem, so Weber, gebe es zwischen materiellen und immateriellen Werten schließlich Unterschiede: »Natürlich ist ein Kunstwerk, welches ich geschaffen habe, für mich ein geistiger Gewinn, aber es kann trotzdem ein wirtschaftlicher Verlust sein.«

Paul Cezanne etwa, argumentierte Weber, habe »in seinem ganzen Leben ein einziges kleines Werk an seinen Kolonialwarenhändler an der Ecke verkauft«. Seine Werke, später Millionenwerte, seien am Todestag des Künstlers keinen Pfifferling wert gewesen.

Kein Zweifel: Die Richter müssen juristisches Neuland betreten. Der Kunstmarkt zeigt, daß eine Umrechnung von Bildern, Skulpturen oder Texten in Heller und Pfennig kaum möglich ist.

Er selbst habe, so der Professor, seine freiberuflichen Nebeneinkünfte ausschließlich durch bildhauerische Auftragsarbeit erzielt, etwa beim Hauptportal St. Jacobi in Hamburg, beim Ehebrunnen in Nürnberg und bei den Kennedy-Reliefs in Washington.

Dagegen besäßen die Skulpturen in Bronze und Stein, die auf der Liste des gegnerischen Anwalts stünden, keinen Marktwert. Mit diesen Objekten habe er vor seiner Scheidung eine Wanderausstellung durch vier Städte, zuletzt beim Kunstverein in Bayreuth, bestritten und nicht ein einziges Stück verkauft. Die Arbeiten hätten, am Stichtag für die Berechnung des Zugewinns, daher keinen nachweislichen Vermögenswert gehabt.

Obendrein sei die Kalkulation des Anwalts von keiner Sachkenntnis getrübt. Ein Drittel vom Endpreis einer Skulptur, so die Erfahrung Webers, bekomme in der Regel der Gießer, ein weiteres Drittel bis die Hälfte der Händler. Der Künstler müsse mit dem Rest vorliebnehmen - und diesen Erlös obendrein versteuern, er zum Beispiel mit 50 Prozent. Webers Fazit: Für einen etwaigen Zugewinnausgleich stünden nur »ein Sechstel bis ein Achtel zur Disposition«.

Selbst wenn die Richter grundsätzlich entscheiden, daß der individuelle Anspruch auf Zugewinnausgleich an die Bank übertragen werden kann, bleibt die Festsetzung der Summe deshalb problematisch. Schwierigkeiten mit der Bewertung des Weberschen Kunstschaffens haben selbst die Gläubiger.

Bei der Dresdner Bank, der Muttergesellschaft der West-Berliner Bank für Handel und Industrie, machte Webers zweite Frau die Probe aufs Exempel. Sie hatte bei der Dresdner Bank in Braunschweig für die Gründung eines Wandertheaters 200000 Mark Kredit beantragt. Die Banker nahmen jedoch angesichts der »uns angebotenen Sicherheiten Abstand«.

Die angebotenen Sicherheiten waren Webers Skulpturen.

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