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SCHWEINERENNEN Sau los

Schweine rennen um die Wette - tierisch oder unmenschlich? *
aus DER SPIEGEL 36/1984

Das Geläuf ist abgesteckt und mit Drahtzäunen gesichert, damit die Galopper nicht aus der Bahn geraten. In einem Hänger werden die Renntiere zur Strecke gebracht. Die Startbox öffnet sich, die Sau ist los.

Kaum noch ein norddeutsches Wochenende, an dem nicht irgendwo zwischen Harz und Küste zu einem Schweinerennen geblasen wird. Paarweise geht es über die Strecke. Den Rekord der Saison hält »Klöten-Joe II.« aus einem Saustall bei Diepholz mit 11,1 Sekunden über hundert Meter, elektronische Zeitmessung.

Kaum eine Woche allerdings auch ohne Proteste von Tierschützern. In Nordrhein-Westfalen, wo die Laufmasche auch schon Mode geworden ist, will Landwirtschaftsminister Klaus Matthiesen (SPD) prüfen lassen, ob nicht das Tierschutzgesetz verschärft werden sollte, um »den Unsinn mit den Tieren« zu beenden.

In Schleswig-Holstein urteilte der Vorsitzende des Tierschutzvereins Dithmarschen: »Hier wird wieder einmal das Tier zur Volksbelustigung mißbraucht.« In Niedersachsen erstattete Georg Fruck, Landtagsabgeordneter der Grünen, Strafanzeige und fragte die Landesregierung, ob sie in Schweinerennen »einen

Verstoß gegen eine tierwürdige und artgemäße Behandlung« sieht.

Daß Pferde von Natur aus über die Savanne stieben, ist ebenso landläufige Vorstellung wie die, daß Schweine im Koben zu stehen und zu grunzen haben. Aber, fragt Gerhard Beecken, Vorsitzender der »Norddeutschen Schweinerennsport-Gemeinschaft e. V.": »Was machen denn die Wildschweine im Wald, wenn sie blitzschnell über die Lichtung huschen?«

Tierischen Sport gibt es schließlich auch sonst genug. Hähne werden, mit Rasierklingen am Bein, in den Ring gehetzt, Stiere, ole, um die Wette erstochen, Schildkröten krauchen um den Sieg, auf Jamaika lassen sie Krabben krabbeln - warum, so Beecken, sollen da Schweine nicht in die Arena dürfen?

Als niederdeutsches Brauchtum ist das schon um 1895 in der Wesermarsch im Schwang gewesen. Nach anderen Berichten hat, gleichfalls zur Jahrhundertwende, ein Gisbert von Romberg in der Gegend von Dortmund seine Schweine über eine Strecke von 4300 Metern gegen ein Rennpferd starten lassen. Das Pferd, heißt es, wurde Siebter.

Und jüngst erst sind Schweine auch im Odenwald um Sieg und Platz gerannt, wie ein Nachbar des Heidebewohners Beecken im Urlaub dort erlebte. Was er davon erzählte, gab Beecken vergangenes Jahr den Anlaß zur Gründung seiner Rennsport-Gemeinschaft, der unterdes vierzehn sogenannte Rennställe zwischen Hildesheim und Kiel und 120 fördernde Mitglieder angehören, darunter Rundfunkschwadronair Carlo von Tiedemann.

Was dem einen Tiedemann, ist dem andern Dieter Thomas Heck: Eine »Ich steh auf« Original Schweinerennen GmbH in Dortmund verzeichnet den Schnellmoderator in einer Liste ihrer Gesellschafter. »Als vor einem Jahr«, so zitierte die »Westdeutsche Allgemeine« den Geschäftsführer Manfred Andexer, »über 22 000 Menschen zu unserem ersten Schweinerennen nach Dortmund kamen, merkten wir, daß damit 'ne Mark zu verdienen ist.«

Dem niedersächsischen Schweinerenner Beecken geht es um Geld nur nebenbei. Sein eingetragener Verein hat das »Ziel, die sportlichen und kameradschaftlichen Interessen der Mitglieder zu fördern«, zehn Mark beträgt die Aufnahmegebühr, zehn Mark lediglich auch der Jahresbeitrag, und dafür gibt es sogar einen »Ausweis mit Lichtbild«.

Die Schweinezüchter freilich, die bei Beecken organisiert sind, verfügen über laufende Einnahmen. Willi Seiker aus Ströhen zum Beispiel, dessen Team zum Rennen stets »eigene T-Shirts« überstreift, ist mit seinem Tierpark »jedes Wochenende« dabei und hat »zuletzt über tausend Mark Siegprämie« kassiert.

Seiker läßt bei den Rennen hauptsächlich Wildschweine starten, die er zwar »auch zum Verzehr« im Gehege hält, die ihm im Alter von erst einem Jahr aber noch »zu schade zum Schlachten« sind.

Obwohl die Wildschweine »von Haus aus reine Lauftiere« sind, wie Beecken weiß, müssen sie wie die freilebenden Hausschweine, die in einer anderen Klasse starten, von den Züchtern auf einer »Rennbahn hinterm Haus« erst ausgiebig trainiert werden, bevor sie in den Wettkampf eingreifen dürfen.

Die Annahme, daß dabei mit Peitschen oder gar Elektrostäben hantiert wird, bezeichnet Beecken als »Spekulation und Gerüchte«. Vielmehr erfolge das Training durch eine »Lockmethode mit Futter im Eimer«, durch Pfeifsignale oder den simplen Lockruf »foit, foit, foit«. Beecken war selber dabei, wie auf »foit« hin im Training gleich 29 Tiere »angesaust« kamen. Nur eines blieb stehen. Das war der Eber. Er hörte auf ein anderes Kommando.

Schweine »aus irgendwelchen Ställen« bekommen bei Beecken keine Starterlaubnis, da, wie er findet, »die derzeitige Stallhaltung auf engstem Raum« nur »schwerlich« zuläßt, »daß die Schweine spontan Höchstleistungen im Rennen erbringen, hier sind eher gesundheitliche Folgen zu befürchten«.

Wildschweine sind, was das angeht, pflegeleicht; aber auch wegen des übrigen Sauhaufens ist Sorge überflüssig:

Die Tiere sind eingekreuzt worden aus ungarischen Wollschweinen, die laut Beecken beinahe »wie Schafe« aussehen, lange Beine und starke Herzen haben, und dem amerikanischen Duroc-Schwein, das als besonders laufstark gilt.

Im übrigen hat Beeckens Verein »tierschutz- und tierseuchengerechte Reglements« aufgestellt, die verhindern sollen, daß sich die Schweine beim Meeting eine ansteckende Krankheit holen. Amtstierärztliche Bescheinigungen müssen mitgebracht werden, der Transport hat »tiergerecht« zu sein, und den Laufpaß bekommt ein Tier nur, das vom Tierarzt vorher »abgenommen« wurde.

Wenn es dann losgeht im Schweinsgalopp, läuft ein »Schweinestarter« hinter dem Teilnehmer her, »um ihn bei Bedarf durch das Ziel zu lenken«. Dabei darf das Schwein allenfalls »mit einer Hand angetrieben oder gesteuert werden«. Die Anwendung etwa einer Hupe führt zur Disqualifikation.

Am Rennverlauf zeigt sich denn auch, daß es für die Schweine keinesfalls unmenschlich und nur für die Treiber tierisch zugeht - die manchmal keuchend schon auf halber Strecke in die Knie gehen, während beispielsweise das Schwein »Emilie« nach seinem Siegeslauf in Braunschweig, zu dem es erst geweckt werden mußte, sich im Zwinger auf die Seite legte und weiterschlief.

So hat Beecken bislang keine große Mühe gehabt, Proteste aufgeregter Tierschützer abzuwehren. Denn das Tierschutzgesetz verbietet nur, einem Tier »Leistungen abzuverlangen, denen es ... offensichtlich nicht gewachsen ist«, oder ein Tier zu einer »Veranstaltung heranzuziehen, sofern damit offensichtlich erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden für das Tier verbunden sind«.

Das Bezirksamt Wandsbek der Freien und Hansestadt Hamburg blamierte sich denn auch, als es im vergangenen April ein Schweinerennen auf der Trabrennbahn Farmsen untersagen wollte. Die Behörde fand nicht nur, daß solche Veranstaltungen »die Achtung vor der Geschöpflichkeit des Tieres vermissen« lassen, sondern befürchtete obendrein »in der Beeinträchtigung des moralischen Empfindens großer Bevölkerungsteile eine Störung der öffentlichen Ordnung«.

Auf reichlich neun Schreibmaschinenseiten korrigierte die 19. Kammer des Verwaltungsgerichts das Wandsbeker Wirtschafts- und Ordnungsamt in beiden Punkten. Schweinerennen, so die Kammer, seien »durch keine Rechtsvorschrift verboten«, und daß die Schweine litten, sei »nicht ersichtlich, geschweine denn ... offensichtlich«.

Und vom Rechtsbegriff der öffentlichen Ordnung, urteilten die Richter, habe die Behörde ein »unzutreffendes Verständnis": Proteste seien »schwerlich eine Störung der öffentlichen Ordnung« - wenn doch, dann sei es Beecken mit seinen Schweinen, dem »Schutz zu gewähren wäre«.

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