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Furchtbare Juristen »Sauber in die Urne«

Von Hartmut Palmer
aus DER SPIEGEL 17/1995

Geahnt hat er es schon immer. Nun aber gibt Hans Karl Filbinger es uns schriftlich: Sein Sturz als baden-württembergischer Ministerpräsident im Jahre 1978 war das Werk der Stasi.

»Der endgültige Beweis ist jetzt erbracht«, triumphiert der 81jährige CDU-Politiker und präsentiert mit der dritten Auflage seiner Memoiren den Knüller schon auf dem Buchumschlag: »Die Wahrheit aus den Stasi-Akten«.

Sein »Fall«, so Filbinger, sei »von den westlichen Medien im Verein mit den aktiven Maßnahmen der Stasi in Ost-Berlin inszeniert worden«.

Das hat er schon immer behauptet. Aber 1978 glaubten ihm das nicht einmal seine Parteifreunde mehr.

Als immer neue Dokumente belegten, daß der Ministerpräsident Filbinger die Öffentlichkeit über Hitlers Marinestabsrichter gleichen Namens belogen und dieser eben doch noch kurz vor dem Ende des Nazi-Reiches an Todesurteilen gegen kriegsmüde oder fahnenflüchtige Soldaten mitgewirkt hatte, mußte er gehen. Die Fakten- und Dokumentenlage war so erdrückend, daß die CDU ihn fallenließ.

Passend zum 50. Jahrestag der Nazi-Kapitulation fühlt sich der »furchtbare Jurist« (Rolf Hochhuth) mit dem »pathologisch guten Gewissen« (Erhard Eppler) nun als Historiker berufen, furchtlos »Remedur zu schaffen« - besonders jedenfalls, wenn es um die eigene Geschichte geht.

Obwohl er selbst die Wahrheit am genauesten kennt, macht er sich noch immer seine Unschuld vor: Es kann nur der kommunistische Feind im Osten gewesen sein, der die Kampagne gegen ihn lostrat.

Dabei ist längst erwiesen, woher die Filbinger-Dokumente kamen: aus den Regalen der für die Marinegerichtsbarkeit im Kriege zuständigen Außenstelle des Bundesarchivs in Aachen-Kornelimünster.

Filbinger präsentiert für seine These einen vermeintlich schlüssigen Beweis aus dem Schattenreich des DDR-Geheimdienstchefs Erich Mielke. »Es wurde Material gegen ihn (Filbinger) gesammelt«, zitiert er aus einem bislang nicht bekannten Dokument, »gefälschtes und verfälschtes Material in den Westen lanciert.« Hitlers Täter ist in Wahrheit Mielkes Opfer, die Journalisten sind, na logisch, Ost-Berlins nützliche Idioten. So einfach ist das.

Siebzehn Jahre nach seinem Sturz hat Filbinger das »Bohnsack-Protokoll« aufgetrieben, ein Papier, das nie zuvor jemand gesehen hat, nicht einmal Erich Mielke. Auch die Gauck-Behörde würde es vergebens in den Archiven suchen.

Denn das Dokument stammt nicht, wie man vermuten könnte, aus der Schublade des früheren Stasi-Oberstleutnants Günter Bohnsack, der bei der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) für die operative Aufbereitung von Dokumenten - und damit gelegentlich auch für Fälschungen - zuständig war. Es stammt von Filbinger selbst, der es Wort für Wort und Zeile für Zeile mit der Hand zu Papier gebracht hat. »Man kann«, räumt der Autor ein, »auch eine Niederschrift, die dann die Unterschrift erhalten hat, dazu sagen.«

Er aber hat es »Bohnsack-Protokoll« genannt, weil dies einfach besser klingt und weil tatsächlich der Ex-Stasi-Mann Bohnsack Filbingers handgeschriebene Notizen abgezeichnet hat.

Filbinger war auf Bohnsack aufmerksam geworden, weil der in einem Buch, das er zusammen mit seinem Kollegen Herbert Brehmer über die Desinformationskampagnen der Stasi verfaßte, auch drei Zeilen mit dunklen Andeutungen auf den Fall Filbinger verwandte. Der Stuttgarter verspürte sogleich den dringenden Wunsch, den Stasi-Mann zu sprechen.

Beim Treffen im April 1993 geht es zu wie im Agentenkrimi. Ein ehemaliger Oberstleutnant des westdeutschen Militärischen Abschirmdienstes, Lutz Baron von Wangenheim, ist Zeuge und Vermittler: Er kennt Bohnsack, man ist schon auf du, und der findet es ganz nett, zum ehemaligen Klassenfeind nach Süddeutschland zu fahren: »Fronten zu begradigen«.

Im Weikersheimer Schloß, wo Filbingers ultrakonservatives »Studienzentrum« immer seine Vortragsveranstaltungen abhält, treffen der einstige NSDAP-Anwärter Filbinger und der frühere Kommunist Bohnsack zusammen. »Ein bißchen gespenstisch« findet Bohnsack zwar die Begegnung im Rittersaal: »Es war wie in einer Gruft.« Aber man respektiert und versteht einander.

Konkretes zum Fall Filbinger weiß der Gast allerdings nicht. Er war nie damit befaßt, kennt alles nur vom »Hörensagen«. Daß die Stasi im Fall Filbinger mit »gefälschten« und »verfälschten« Unterlagen mitgemischt haben soll, hat ihm irgend jemand erzählt. Aber: »Weder ich noch Brehmer haben Todesurteile, an denen Dr. Filbinger beteiligt war, in den Westen lanciert.«

Filbinger läßt nicht locker. Wenn man bei der Stasi von drei Filbinger-Todesurteilen geredet hat, dann kann es sich - nach seiner Logik - dabei doch nur »um Verfälschungen« handeln. Denn »Filbinger«, so wiederholt er unentwegt, als müsse er sich selbst davon überzeugen, »hat kein einziges Urteil gefällt, durch das ein Mensch sein Leben verlor«.

Schon möglich, daß es »Verfälschungen« gab, meint da der Stasi-Mann - und Filbinger schreibt es als Tatsache auf.

So verwischen die Grenzen. Nicht die Stasi hat Dokumente Filbingers gefälscht. Es ist Filbinger, der sich mit Hilfe eines Stasi-Mannes seine Realität zurechtbiegt, bis sie paßt. Seine Opferrolle steht für ihn außer Zweifel: »Es hat alles wie am Schnürchen geklappt, gegen Filbinger, gegen mich, die Einkreisung.«

Nur mit Mühe läßt er sich davon abhalten, im »Bohnsack-Protokoll« zu vermerken, der Schriftsteller Hochhuth sei des öfteren direkt in Ost-Berlin mit Material versorgt worden. Die entsprechende Passage, vom Protokollführer Filbinger schon formuliert, wird gestrichen - und Bohnsack unterschreibt.

Daß die 1978 publik gewordenen Urteile Fälschungen sein sollen, ist natürlich absurd. Nicht einmal Filbinger hat dies früher behauptet. Der CDU-Politiker hat im Gegenteil seine moralische und juristische Unschuld gerade mit der Rechtmäßigkeit seines Handelns verteidigt: »Was damals Rechtens war, das kann heute nicht Unrecht sein.« Dabei bleibt er auch heute: »Weder juristisch, das ist sowieso klar, noch moralisch kann Hans Filbinger daraus ein Vorwurf gemacht werden.«

Rolf Hochhuth, dessen Recherchen die Affäre Filbinger vor 17 Jahren auslösten, hält die Fälscher-Theorie für ein Ablenkungsmanöver. Er bezweifelt, daß die DDR überhaupt Material gegen Filbinger hatte, und hält das Stasi-Gerede für Angeberei. »Wenn die wirklich etwas gegen den in der Hand gehabt hätten, dann hätten sie es früher publiziert.«

»Da gab es nichts zu fälschen«, sagt auch Ex-HVA-Chef Markus Wolf und vermutet andere Motive: Es sei »lächerlich und empörend«, wie hier einer, »der Blut an den Händen hat«, versuche, sich »hinter dem Rauchvorhang der Stasi-Hysterie reinzuwaschen«.

Kronzeuge Bohnsack sieht das ähnlich. Auch er glaubt nicht an Fälschungen. Im nachhinein aber fühlt er sich von dem alten Mann »benutzt«.

Duzfreund Wangenheim rät jedoch, die Sache nicht allzu ernst zu nehmen. Der greise Filbinger, so vermuten beide, habe die Fälschungslegende für die Nachwelt gebraucht. Wangenheim drückt es noch drastischer aus: »Der will einfach sauber in die Urne.« Y

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