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SEWERING Saubere Weste

Rechtzeitig zum Mannheimer Ärztetag beschrieb das »Deutsche Ärzteblatt« noch einmal den beruflichen Werdegang des umstrittenen Bundesärztekammerpräsidenten Sewering -- unvollständig.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Hans J. Sewering«, befand das »Deutsche Ärzteblatt«, Pflichtlektüre westdeutscher Mediziner, letzte Woche, »ist aus allen Verfahren mit absolut sauberer Weste hervorgegangen.«

Verfahren, die solch strahlendes Weiß an Westdeutschlands ranghöchstem ärztlichem Standesfunktionär hätten trüben können, gab es einige.

Vor dem Sozialgericht München beispielsweise ging es Mitte letzten Monats um die Frage, ob Sewering seine Kassenzulassung verlieren sollte. Er behielt sie. Jedenfalls einstweilen; die bayrischen Ortskrankenkassen wollen Berufung beim Landessozialgericht einlegen. Die Kernfrage, fußend auf Sewerings Abrechnungsmethoden mit seinem Dachauer Mammographen und bedeutsam für alle seine in Westdeutschland niedergelassenen Kollegen: Ist er nun Arzt, oder ist er Gewerbetreibender?

Vor einer Zivilkammer des Landgerichts München 1, jüngster Anschlag auf die fleckenlose Weste, ging es am Mittwoch letzter Woche um die Frage, ob der Münchner Fernseh-Chefreporter Dagobert Lindlau (wie geschehen in »Report« vom 2. Mai) sagen darf: »Er«, Sewering, habe sich »vom jungen SS-Arzt im Dritten Reich zum höchsten Repräsentanten der deutschen Ärzteschaft hochgearbeitet«.

Lindlau darf nicht. Immerhin: Hätte er sich darauf beschränkt zu sagen, Sewering habe sich »vom jungen SS-Mann und Arzt«, noch dazu mit dem NS-Prädikat »politisch einwandfrei«, hochgearbeitet, wäre dies nicht zu beanstanden -- so letzte Woche die Münchner Kammer.

»SS-Arzt"' also gleichsam Stabsarzt im schwarzen Rock, war Sewering in der Tat »zu keinem Zeitpunkt«, wie das »Deutsche Ärzteblatt« betonte. Aber bereits seit dem 1. November 1933 war Sewering Mitglied der SS (Sturm 2/I/31, Mitgliedsnummer: 143 000).

Die Reiter-SS sei es nur gewesen, teilt das »Deutsche Ärzteblatt« mit, und »bis zuletzt« sei Sewering nur einfaches Mitglied gewesen; Welten liegen, meint das Ärzteorgan, zwischen der »ungeheuerlichen Lindlauschen Unterstellung« und der bloßen, sozusagen rein sportlichen »Mitgliedschaft eines jungen Mannes in einer Reiter-Organisation«.

Schlicht als »SS-Mann« wurde Sewering seinerzeit in den Personalakten ("Fachgruppe Volksgesundheit") der NS-Studentenorganisation geführt. Seit dem 1. August 1934 war er auch Parteigenosse in der NSDAP (Mitgliedsnummer: 1 858 805) und der NSV ("NS-Volkswohlfahrt") sowie dem »NS-Altherrenbund« gehörte er, so ein Dokument vom 13. August 1942, obendrein an.

Das Schriftstück, eine politische Unbedenklichkeitsbescheinigung' wurde ausgefertigt' als Sewering nach etwa einjährigem Wehrmachtsdienst als Assistenzarzt im Tuberkulose-Hilfskrankenhaus in Schönbrunn bei Dachau angestellt wurde. Das »ausführliche Gesamturteil«, abgezeichnet von der NSDAP-Kreisleitung München sowie von der »Gauleitung München-Oberbayern«, fiel günstig aus: »Nachteiliges nicht bekannt. In politischer sowie sozialer Hinsicht einwandfrei.«

Mag sein, daß eine NS-Parteivergangenheit wie diese Westdeutschlands Ärzten 1978 auch bei ihrem obersten Standesherren schon nicht mehr bedenklich vorkommt.

Aber es gibt noch einen Tatbestand in Sewerings ärztlichem Werdegang vor 1945, der bisher unerwähnt blieb. Berührt wird dabei das Problem, das für Mediziner in Deutschland, seit der NS-Ära, heikler ist als irgendein anderes: Euthanasie.

Das »Tuberkulose-Hilfskrankenhaus«, in das Sewering im Sommer 1942 als Assistenzarzt eintrat, beherbergte nicht nur Tuberkulosekranke. Das provisorische Krankenhaus war auf dem Gelände und in den Räumen der »Assoziationsanstalt Schönbrunn« eingerichtet worden.

In dieser »Pflegeanstalt für geistig und körperlich Erkrankte«, gegründet von einer katholischen Kongregation und von einem Geistlichen geleitet, lebten zu Beginn des Krieges mehrere hundert »Pfleglinge« -- chronisch kranke Patienten, meist Schwachsinnige und Epileptiker, darunter viele Kinder und Jugendliche.

Fast jeder zweite dieser Patienten fiel zwischen 1940 und 1945 der »Euthanasie« zum Opfer: Die Auserwählten wurden, fast immer bei Nacht, von SS-Männern mit grauen Omnibussen abgeholt, um in staatlichen »Pflegeanstalten« als »lebensunwertes Leben« ermordet zu werden. Der »Ausmerze« dieser »Ballastexistenzen« (NS-Jargon) ging ein geheimes Verfahren voraus, in welchem ärztliche Gutachter über die »Verlegung« urteilten.

Bei der reichsweiten Euthanasie-Aktion zwischen 1939 und 1941 kamen mindestens 80 000 angeblich Geisteskranke und Asoziale ums Leben.

Nach einem vorübergehenden Stopp -als Folge von Protesten aus der Kirche -- bot sich zumindest in Bayern, durch einen Erlaß des bayrischen Innenministers vom 30. November 1942, die Möglichkeit zu diskreter Fortsetzung: In der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar bei München wurden die Opfer durch Hungerkost und Überdosen des Schlafmittels Luminal getötet -- insgesamt 1432 Kranke wurden dort bis Kriegsende »selektiert«.

Aus Schönbrunn, wo der Assistenzarzt Sewering seit 1942 wirkte, wurden vor allem Kinder nach Eglfing-Haar verlegt. 47 solche »Verlegungs-Fälle« waren es noch 1944. Zu dieser Zeit hatte Sewering, »nachdem der Arzt dieser Anstalt eingezogen worden war ... auf Wunsch der Ordensleitung auch die Betreuung der behinderten Anstaltsinsassen (in Schönbrunn) ... mit übernommen« (so das »Deutsche Ärzteblatt« über Sewerings Wirken bis Kriegsende).

Die Vorgänge in Eglfing-Haar und die Überweisungspraktiken von Schönbrunn sind dokumentiert in einer 1965 erschienenen Untersuchung des Lübecker Medizinprofessors Gerhard Schmidt, dem alle Krankenunterlagen zur Verfügung standen*. Der Autor, der 1945 im Auftrage der Amerikaner die Eglfinger Anstalten wieder in menschenwürdige Heilstätten verwandelte, hat auch dokumentiert, wie die Schönbrunner Nonnen, schon in der ersten Euthanasie-Phase, so gut es ging, Widerstand gegen die zwangsweise Verlegung ihrer Schützlinge leisteten.

Schmidt zitiert eine Schwester: »Alles Verdächtige, schlechte Zeugnisse, was irgendwie belastend war für den, raus. Nächte durchgearbeitet. Etliche Akten versteckt. Manche Pfleglinge waren überhaupt verschwunden, zum Teil als Hilfsarbeiter erklärt. Alle Lumperei haben wir treiben müssen im Interesse dieser armen Geschöpfe.«

Nicht nur die Schwestern wußten, was die Verlegung nach Eglfing-Haar bedeutete, auch die Patienten in Schönbrunn fürchteten sich davor.

So teilte eine noch überlebende Mitarbeiterin von Schönbrunn auf Befragung mit: Wenn etwa Sewering und ein SS-Kollege am Sonntag in schwarzer Uniform spazierengingen, habe sich »kein Pflegling im Freien blicken lassen«. Eine andere Mitarbeiterin der Anstalt über Schönbrunns schlimmste

* Gerhard Schmidt: »Selektion in der Heilanstalt 1939 bis 1945« Evangelisches Verlagswerk, Stuttgart.

Jahre: »Das Herz konnte einem bluten. Die Kinder fragten immer: »Komm' ich weg?"'

Wie die Verlegung abgewickelt wurde, läßt sich an der Kranken- und Todesgeschichte eines Mädchens rekonstruieren, das 1934 im Alter von fünf Jahren nach Schönbrunn eingeliefert wurde: Babette F. geboren am 7. Juli 1929 in München.

Neun Jahre lebte Babette, in der Obhut der Nonnen, als Pflegefall in Schönbrunn. »Epileptisch? -- Ja, wahrscheinlich«, hieß es im Einlieferungsgutachten des Städtischen Gesundheitsamtes München, auch die Frage »blöd?« wurde mit »Ja« beantwortet, Heilung oder Besserung des Leidens seien nicht zu erwarten, epileptische Anfälle träten etwa alle vier Wochen auf.

Am 1. November 1943 dann wurde für die geistig behinderte, aber offenbar körperlich gesunde Babette F. ein Krankenblatt in Eglfing-Haar angelegt. Eröffnungsvermerk: »Von Schönbrunn zugegangen.«

Bei der Aufnahmeuntersuchung heißt es noch: »Herz und Lunge o. B.« (ohne Befund), »Extremitäten o. B.« »Augen, Ohren, Nase o. B«, »Haut und Schleimhäute o. B.«.

Aber schon 15 Tage später folgt die Eintragung: »Heute Exitus«. Dazu der Eintrag: »Seit einigen Tagen tracheobronchitische Symptome« -- Indiz für den »kaschierten Giftmord« (Professor Schmidt), wie er hundertfach in Eglfing-Haar praktiziert wurde: Die Eingelieferten bekamen so lange Luminal gespritzt, bis eine Lungenentzündung oder Bronchitis sie eines scheinbar natürlichen Todes sterben ließ.

Die Überweisung der Babette F. von Schönbrunn nach Eglfing-Haar wurde mit einem »ärztlichen Zeugnis« bewerkstelligt: »Da F. sehr unruhig wird, ist sie für Schönbrunn nicht mehr geeignet; sie wird in die zuständige Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingewiesen.«

Das Dokument, ausgestellt am 26. Oktober 1943, trägt die Unterschrift »Dr. Sewering«.

Ist es denkbar, daß Sewering damals, anders als die Schwestern und viele der Patienten in Schönbrunn, nicht wußte, was eine solche »Verlegung« nach Eglfing-Haar bedeutete?

24 Jahre später, auf dem »Bayerischen Ärztetag« im Oktober letzten Jahres, erklärte Sewering, inzwischen Präsident der Bundesärztekammer, zum Thema Euthanasie: »Ärztliches Handeln darf nie mit dem Ziel übereinstimmen, ein Leben zu beenden.«

Und: »Der Mensch klammert sich im Krankenhaus an den letzten Strohhalm. Er darf daher unter keinen Umständen Sorge haben müssen, daß der Arzt eines Tages mit der Spritze an sein Bett tritt, um den Patienten umzubringen.«

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