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SCHWEIZ Sauberer Boden

Anders als in allen Nachbarländern löste »Holocaust« in der Schweiz wenig Betroffenheit aus: Die Eidgenossen möchten nicht daran erinnert werden, daß sie für den Tod vieler Juden mitverantwortlich sind.
aus DER SPIEGEL 22/1979

Großartig«, schwärmte ein Schweizer Schüler über »Holocaust«, »wie die diese Synagogenbrände hingekriegt haben.«

Der Junge verstummte betroffen, als ihm klargemacht wurde, daß die Greuel nicht fürs Fernsehen erfunden worden waren: Über die Judenverfolgung in Nazi-Deutschland hatte er nichts gewußt.

Nicht nur die jungen Schweizer, auch zahlreiche Erwachsene (38 Prozent Sehbeteiligung gegenüber 36 Prozent in Westdeutschland) sahen die vierteilige TV-Serie, als sie nun auch vom Deutschschweizer Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Doch anders als die Jungen -- und anders als in allen Nachbarländern

zeigten sieh die älteren Eidgenossen vom rekonstruierten Schicksal der jüdischen Familie Weiss unberührt.

Weniger als 100 Zuschriften und nur zehn spontane Telephonanrufe trafen in den Zürcher TV-Studios ein -- die magerste Ausbeute aller Länder, in denen die Serie bisher zu sehen war.

Auch selbstkritische Reaktionen blieben wider Erwarten aus. Lind dies nicht deshalb, weil die im Zweiten Weltkrieg neutral gebliebene Schweiz mit dem Schicksal der Juden nichts zu tun gehabt hätte -- sondern eher, weil die älteren Schweizer an ihre Mitverantwortung am Tod von Tausenden Juden nicht gern erinnert werden wollen.

Um die kollektive Verdrängung dieser Schweizer Vergangenheit zu beenden, brachte der Schweizer Publizist Max Schmid gleichzeitig mit der »Holocaust«-Ausstrahlung eine »Dokumentation zum Antisemitismus in der Schweiz 1930 bis 1980« heraus*.

Weil sich die Schweizer Regierung bis heute weigert, ihre Archive über die Flüchtlingspolitik während der Nazi-Zeit zu öffnen und »endlich alle Akten auf den Tisch« zu legen (Schmid), ist die Dokumentation auf das spärliche Material angewiesen, das bereits früher freigegeben worden war.

Schon diese Quellen belegen die -- im wesentlichen bereits bekannte -- Mitschuld der Schweizer Behörden am Tod der von den Deutschen verfolgten Juden. Schmids Materialsammlung macht aber erstmals deutlich, wie stark dabei -- neben opportunistischer Rücksichtnahme auf Großdeutschland -- die antisemitischen Reflexe der Schweizer mitgeholfen haben.

Bereits 1935 wurden jüdische Abgeordnete des Nationalrats mit Ermordung bedroht. Die Berner Kunsthalle ließ Bilder des Juden Max Liebermann entfernen, in Zürich verübten Antisemiten einen Sprengstoffanschlag auf die Synagoge. Als dann die ersten jüdischen Emigranten aus Osteuropa in die Schweiz kamen, schlug die Ablehnung in Feindschaft um.

»Muß man sich wundern, wenn das schweizerisch empfindende Volk geradezu von Wut erfaßt wird«, erboste sich der »Obwaldner Volksfreund« Anfang 1936, »wenn es sieht, wie ein Ostjude am andern, sozusagen am laufenden Band in unser Bürgerrecht schlüpft?« Chefredakteur der Zeitung war Ludwig von Moos, der 23 Jahre danach Bundesrat und später sogar Schweizer Bundespräsident wurde.

Die »offene oder verkappte Judenfeindlichkeit« wuchs laut Schmid auf dem Nährboden einer übersteigerten »Blut-und-Boden-Mystik« Schweizer Nationalisten: Medien, Politiker und Intellektuelle hätten damals versucht, »das »unverdorbene' Wesen des Hirtenvolkes abzugrenzen gegen die »dekadente Geschäftigkeit' des Judentums

Eine gewisse Verwandtschaft zur Rassenideologie der Nazis ist dabei unverkennbar. Als etwa der Schweizer Bauernführer und Hochschulprofessor Ernst-Ferdinand Laur eine deutsche Landwirtschaftsausstellung besuchte, begeisterte er sieh in seiner Ansprache: »Als ich die Massen an Bauern so hereinströmen sah, da sagte ich mir: Das ist Blut von unserem Blute.«

Wohl mehr aus Furcht vor einer angeblichen »,Verjudung' der Schweiz« (Schmid) denn aus Angst um die Ernährung der Flüchtlinge -- wie später behauptet wurde -- reiste der Chef der eidgenössischen Polizeiabteilung, Heinrich Rothmund, 1938 nach Berlin und verhandelte unter anderem mit dem Korreferenten für Judenfragen im Reichsinnenministerium, Hans Globke, um eine für beide Seiten nützliche Lösung zu finden:

Da die »deutschen Juden mit allen Mitteln versuchen, in die Schweiz ein-* Max Schmid: »Schalom! Wir werden euch töten. Texte und Dokumente zum Antisemitismus in der Schweiz 1930 bis 1980«. Eco-Verlag, Zürich; 320 Seiten: sFr. 14.70.

zudringen«, so der Schweizer Unterhändler in Berlin, müßten die Pässe so gekennzeichnet werden, daß es möglich sei, »einreisende Emigranten zu kontrollieren und zu sieben«. Die Deutschen wollten damals noch Aufsehen vermeiden und äußerten Bedenken. Der Berner Emissär drohte daraufhin mit der Wiedereinführung der Visumpflicht für alle deutschen Reichsbürger.

Erst nach einem halben Jahr harter Verhandlungen kennzeichneten die deutschen Behörden an Juden ausgegebene Pässe mit einem »Kreis auf der ersten Paßseite, in denen der Buchstabe J eingesetzt ist«.

Das Kainszeichen tat seine Wirkung: Tausende erschöpfter und hungriger Flüchtlinge wurden an den Grenzen der Schweiz abgefangen und wieder zw. rückgeschickt -- getreu der Anweisung Rothmunds, bei der Rückführung von Männern, Frauen und Kindern so hart zu sein, daß Juden überhaupt die Lust vergehe, in die Schweiz zu flüchten.

Verbandsfunktionäre, Kantonsbehörden, Bundesbeamte -- alle hielten sich an Rothmunds Direktive, den Flüchtlingen, soweit sie eingereist waren, das Leben so schwer zu machen.

Wer sich solchen Anordnungen widersetzte, wurde unnachsichtig bestraft: Der Polizeikommandant von St. Gallen, Paul Grüninger, der 1938 und 1939 mehr als 2000 Juden im Rheintal illegal in die Schweiz einreisen ließ, wurde auf Betreiben der Fremdenpolizei wegen »fortgesetzter Verletzung der Amtspflicht« fristlos entlassen. Er verlor seinen Pensionsanspruch und schlug sich fortan mit Gelegenheitsjobs durch.

Für die »Sauberhaltung des Schweizerbodens« (Schmid) griff die Fremdenpolizei sogar zum Mittel arglistiger Täuschung. So wurde etwa ein jüdischer Emigrant, der gerade dem KZ entflohen war und seit zwei Monaten bei einem Zürcher Pfarrer wohnte, zur Fremdenpolizei geladen -- mit dem Hinweis, man wolle ihn registrieren, aber keineswegs ausweisen. Kaum hatte er die Dienststelle betreten, wurde er festgenommen, an die Grenze gebracht und den Deutschen übergeben.

Die Grundsätze der Schweizer Flüchtlingspolitik wurden nach Kriegsbeginn noch härter. Der Bundesrat regierte damals mit Notstandsbeschlüssen, das Parlament als Kontrollinstanz war ausgeschaltet, die Presse stand unter Zensur, jede hartnäckige Kritik an der Flüchtlingspolitik wurde als staatsgefährdend unterdrückt.

Bereits 1942, so Schmid, »waren Bundesrat und Armeekommando bestens darüber informiert, was sich drüben im Dritten Reich abspielte": die »Endlösung« der Judenfrage.

Als der Schweizer Arzt Rudolf Bucher im Mai 1942 von einer Ärztemission in Osteuropa zurückkehrte, berichtete er dem Oberauditor der Armee

* Von der Schweiz verlangtet J-Stempel zur Kennzeichnung jüdischer Inhaber deutscher Pässe.

und dem Verteidigungsminister Bundesrat Kobelt, »daß in den von den Deutschen besetzten Ostgebieten« immer mehr Juden auf bestialische Art umgebracht würden ... durch Vergasung in Gaskammern und Verbrennung der Leichenmassen in riesigen Krematorien. Bucher wurde die Degradierung angedroht, falls er in der Öffentlichkeit darüber spreche.

Zur gleichen Zeit, im August 1942, rechtfertigte der damalige Bundesrat und Justizminister Eduard von Steiger in einer Rede in Zürich seine Asylpolitik: Die Schweiz sei ein »stark besetztes kleines Rettungsboot mit beschränktem Fassungsvermögen und ebenso beschränkten Vorräten«.

Damals lebten nur rund 8300 Zivilflüchtlinge in der Schweiz, hundertmal weniger als sich die Schweizer 30 Jahre später an Gastarbeitern holten.

Bis 1943 wurden den offiziellen Zahlen zufolge etwa 4500 Flüchtlinge zurückgewiesen, »was die meisten von ihnen mit dem Tod bezahlt haben«, schreibt Schmid. Und: »Wir wissen von Zehntausenden, die den Versuch, bei uns Zuflucht zu finden, schon gar nicht mehr unternommen haben, weil sie von der Berner Abschreckmethode gehört hatten.«

Ende 1943 bezeichnete die schweizerische Pressezensurstelle Berichte über Massenermordungen an Juden als »ausländische Greuelpropaganda übelster Art«.

Besonders peinlich an dieser Schweizer Vergangenheit ist für Schmid, daß die Regierung auch nach dem Krieg ihre Verantwortung rundweg abstritt und an der »Das Boot ist voll«-Formel festhielt. Noch 1957 behauptete Bundesrat von Steiger scheinheilig, erst nach dem Krieg durch die Alliierten die »betrübende Gewißheit« über das Schicksal der Ostjuden erlangt zu haben.

Für Schmid ist es ausgemacht, daß die älteren Schweizer selbst auf derart bewegende Filme wie »Holocaust« mit Abwehr reagieren wie auf die Frage nach ihrer Mitverantwortung am Schicksal der Flüchtlinge. Nach wie vor deckt der Berner Bundesrat die Haltung seiner Vorgänger während des Krieges und verhindert so selbstkritische Fragen.

»Solange sich die Partei- und Regierungsvertreter nicht klar und deutlich von den Fehlern und vom Versagen ihrer Vorgänger distanzieren«, urteilt Schmid, »ist die Vergangenheit noch Gegenwart.«

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