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RUDOLF AUGSTEIN Saurier, zum Aussterben angetreten

_____« Man überläßt anderen nicht die Entscheidung, wenn » _____« Leben und Tod auf dem Spiel stehen. » _____« Francois Mitterrand 1980 in »Sieg der Rose« »
Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 35/1983

Es scheint, als sei die Menschheit auf Überleben nicht programmiert. Das oben zitierte Motto legt diesen Gedanken nahe. Es stammt von einem intelligenten Intellektuellen, der klüger gesprochen hat, als er noch nicht im Vorhof der Macht war, noch nicht einziger nationaler Druckknopfdrücker vom Dienst. Und warum sollte die Menschheit auf ewige Evolution, gleich ewiges Weiterleben, programmiert sein, wo doch auch andere Populationen, bekannten oder uns nicht bekannten Grundes, ausgestorben sind, die Dinosaurier etwa? Wo Sonnen- und Milchstraßen-System verglühen, wenn nicht gar das gesamte All alle 18 Milliarden (Licht?-) Jahre schrumpft und anschließend, denn neues Leben sprießt aus den Ruinen, explodiert?

Man wünscht sich die gute alte Lübke-Klippschule zurück. Dort wäre man etwa mit der Behauptung, die französischen Atomwaffen dienten nur der Verteidigung französischen Territoriums, müßten demgemäß bei Aufrüstungsverhandlungen - denn nur um die geht es - zwischen den USA und der Sowjet-Union außen vor bleiben, aufgelaufen.

So hätte etwa noch Bismarck argumentieren können; der Graf Schlieffen, wäre er nicht mit seinem berühmt-erfolgreichen Plan beschäftigt gewesen, schon nicht mehr.

Der menschliche Verstand hält mit seinen Erfindungen nicht Schritt, das ist unsere Dinosaurier-Krankheit, eine Krankheit zum Tode. Wenn wir denn schon nicht genug Geld für Soldaten haben oder zu haben glauben, dann versorgen wir uns doch lieber mit der Bombe.

Ja, so dachten wir, wir alle im Westen. Aber das war ein Fehldenken. Die Bombe bringt uns in den - »verdienten«, »nichtverdienten« - Tod. Sie hat den Verstand, der sie ersonnen hat, verändert, vielleicht schon unwiderruflich; die Menschheit, so würde der Atombombenfreund und Philosoph Arnold Gehlen sagen, hat sich »übersteuert«.

Was ursprünglich als »Ultima ratio« gegen den gottlosen Bolschewismus gedacht war, ist unter den Anstrengungen ehrgeiziger Public-Relations-Fachleute - in Rußland heißen sie nur anders - disponibel geworden. Wenn schon ein Rohstoffkrieg im Nahen Osten, warum dann nicht gleichzeitig, im Gegenzug gewissermaßen, auch einen in Mitteleuropa, atomar, um »ein für allemal« (das Lieblingswort scheiternder Heerführer) Remedur (das Lieblingswort scheiternder Politiker) zu schaffen.

Als die Leute 1910 so gedacht haben, hatten sie immer noch eine halbe Entschuldigung. Der Krieg war ein legitimes Mittel, um anderen Leuten etwas wegzunehmen, war legalisierte Räuberei. Die Politik, als solche, bestand und besteht auch heute aus nichts anderem.

Nur, es muß jetzt ein Mutationssprung erfolgen, den man weder befehlen noch herbeiherbsten kann. Sonst werden wir uns den von uns selbst »geschaffenen« Bedingungen nicht anpassen können; auch die Saurier haben die Bedingungen ihres Untergangs vermutlich nicht geschaffen, jedenfalls nicht gewissenhafter und bewußter als wir. _(Man kann die Sache natürlich auch ganz ) _(andersherum, a la Malthus, sehen. Hat ) _(sich die Erde übervölkert, wird die ) _(Bombe zur Pflicht. Nur, warum dann ) _(gerade unsere nördliche Erdhälfte? Und ) _(bliebe die südliche dann verschont? )

Wer uns von roten, grünen, blauen, gelben Knöpfen erzählt, auf die ein Reagan, Andropow, Mitterrand, Gaddafi, auf die eine Thatcher drücken könnte, der ist doch kaum noch zu retten; die Mehrheit also unserer braven BRD-Politiker von Schmidt bis Kohl. Was will Herr Genscher uns denn über die Wirkung einer atomaren Rakete versprechen? Er weiß darüber sowenig wie irgendein Bauer im Hunsrück. Dem Bauern im Hunsrück hat er zum Nachteil, daß er eine antikommunistische Atomrakete für moralischer hält als eine kommunistische.

Die Verteidigungsminister heißen mit Recht so, denn sie können sich ja nicht einmal gegen die Phalanx ihrer Public-Relations-Kriegsherbeiführer, gegen diese Kosmetiker des atomaren Untergangs, verteidigen. Sie erfahren, siehe »Airland Battle 2000«, gar nicht, was geschieht. Sie wollen ja nur verteidigen. Sympathischerweise hat Hans Apel nie vorgegeben, er wisse, was vorgeht, und er wisse, was er wolle.

Ja, wer will denn nun den Krieg? Niemand, wie auch die Saurier ihr Aussterben nicht programmiert haben. Afghanistan und Mittelamerika, Polen und Südamerika, sie sind »sub specie aeternitatis« immer noch Lappalien oder, wie Helmut Schmidt sagen würde, »Problemchen«. Der Atomkrieg würde vielleicht sogar noch den Krieg zwischen Iren und Iren, zwischen Zyprern und Zyprern erledigen.

Ja, ja, es will ihn ja niemand. Aber darum wird die Sache desto brenzliger. Nur ein Narr oder ein Staatsmann kann die Frage, wer denn nun den großen Krieg mehr will, die USA oder die Sowjet-Union, auch nur stellen, geschweige beantworten. Sie wollen ihn, aus möglicherweise verschiedenen Gründen, gleich wenig, aber darauf kommt es nicht an.

Wie vor dem Peloponnesischen Krieg, der die griechische Staatenwelt zerstörte, geht es darum, wem das größere Potential zur Machtentfaltung zugetraut wird. Damals war das eindeutig Athen, heute sind das die USA (ich, sollte ich nach rückwärts phantasieren, würde sicherlich lieber in Athen als in Sparta gelebt haben, notabene in der Oberschicht).

So können wir, die wir die amerikanische Geschichte sicherlich besser kennen und vielfach kritischer schätzen als die meisten Amerikaner, den Vorwurf unseres Schwesterblattes »Time«, unter unserer Führung würden die USA als sprungbereite ("knee-jerk") Militaristen dargestellt und die Sowjets als flexibel und vernünftig, nur elegisch zur Kenntnis nehmen. Wer hat denn die amerikanische Staatengründung der Bundesrepublik mehr begrüßt, wer in Kennedy kritikloser ein Idol gesehen als wir vom SPIEGEL? Dies ist immer das Schicksal des schwächeren Verbündeten, wenn er danach drängt, sich als den »Schwächeren« definieren zu lassen. Nötig haben wir das nicht, und wir werden das auf Dauer nicht tun.

Aber dies ideologische Techtelmechtel ist, da die USA und die Bundesrepublik noch eine Weile existieren werden, hier nicht unser Punkt. Wir wollen zweierlei nicht, erstens, *___daß die Bundesrepublik den nun schon bald ____wahrscheinlichen Atomkrieg durch militärisch sinnlose ____Installationen fördert, und dies täte sie durch die ____landgestützten »Pershing 2«, »keine ____Verteidigungswaffen«, wie der Bombenvater Edward Teller ____soeben, genüßlich oder nicht, festgestellt hat; und ____zweitens nicht, *___daß die uns verbundenen Mächte USA, Frankreich, England ____etc. pp. Deutschland als den geeigneten ____Kriegsschauplatz ausgucken, wo man mal ausprobieren ____kann, ob ein begrenzter Atomkrieg in Mitteleuropa nicht ____doch möglich sei.

Er wird wohl nicht möglich sein, aber wem nützt das, wenn irgendein Däniken-Forscher

im Jahre X nach Spuren sucht. Im Umkehrschluß, wir müssen sagen, daß die Spielerei mit dem begrenzbaren Atomkrieg a la Weinberger und Mitterrand die Verbündeten und die gesamte Menschheit bedroht, solange wir uns mit Kohl, Genscher und Helmut Schmidt darauf einlassen.

Hier wird Widerstand Pflicht. Hören wir von Regierungsseite, die Sowjets würden auch nach Aufstellung der - ganz offenbar nicht hinlänglich erprobten - Pershing 2 immer weiter mit uns und mit den Amerikanern und wem sonst noch reden, so kann man nur sagen: Warum denn nicht, das werden sie tun.

Ja, sicher, Engländer und Deutsche, Kaiser Willi und Zar Niki haben nahezu bis zum ersten Weltkriegstag, bis zum Einsturz des europäischen Staatensystems von 1914, miteinander geredet, sie haben bis nahe an den ersten Schuß ihre nicht recht kriegstauglichen Uniformen zwecks Parade und ohne Rücksicht auf Leibesfülle ausgetauscht.

Die Sowjets werden mit den Reagan-Leuten und natürlich auch mit uns weiter reden, sie sind ja selbst Gefangene ihres und des allgemeinen Systems, sie sitzen mit uns im Käfig des allgemeinen Untergangs. Wer sie für böse oder verrückt hält, hat vielleicht recht. Er muß nur wissen, daß er selbst in seinem eigenen System gleich böse und gleich verrückt ist. Widerstand wird Pflicht, weil die staatlichen Systeme in Ost und West nur noch zum Schein funktionieren. Die Sicherungen sind durchgebrannt.

Es hat doch niemand gesagt, jedenfalls kaum ein irgendwie ernst zu nehmender Mensch, daß die Sowjets ein moralisches Recht hätten, die Aufstellung der Pershing 2 auf bundesdeutschem Boden zu verhindern. Nein, die Pershing 2 dürfen hier nicht aufgestellt werden, weil sie erstens den allgemeinen Atomkrieg und zweitens dadurch, daß man den begrenzbaren überhaupt für möglich hält, den auf Mitteleuropa begrenzten Atomkrieg leichter machen.

So wird der allgemeine, der All-outwar gerade dadurch gefördert, daß gewisse Kosmetik-Strategen, leider in der Zitadelle der stärksten Weltmacht, den austauschbaren, den begrenzbaren, den verlängerten Atomkrieg für denkbar, für vorstellbar, für kontrollierbar, ja, für möglich halten. Hier gibt es nur ein absolutes Nein.

Ich wünschte, unser Bundeskanzler Helmut Kohl betrachtete sich nicht als den Enkel Konrad Adenauers, dessen Stärke gedankliche Trennschärfe nicht war, sondern als den des Reichsgründers Bismarck. Sehr wohl sollte unser aller »sacro egoismo« begrenzt werden durch eine menschheitliche Moral; aber bitte allerseits, und nicht beschränkt nur auf Volk und Nation von Adolf Nazi.

Man überläßt anderen nicht die Entscheidung, wenn Leben und Tod auf

dem Spiel stehen. Francois Mitterrand 1980 in »Sieg der Rose«

Man kann die Sache natürlich auch ganz andersherum, a la Malthus,sehen. Hat sich die Erde übervölkert, wird die Bombe zur Pflicht.Nur, warum dann gerade unsere nördliche Erdhälfte? Und bliebe diesüdliche dann verschont?

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