Zur Ausgabe
Artikel 54 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

NAHOST Schalom, Schalom

Kontakte beweisen: Moskau will seine Beziehungen zu dem lange verteufelten Israel normalisieren. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Hier United, Yankee, Five, Echo, November«, funkte Radio-Amateur Toli aus Donezk in der Ukraine an den Kollegen Awi Friedlander in Tel Aviv. Er sei »glücklich, mit ihm sprechen zu können«, beteuerte der Ukrainer.

Toli: »Awi, können Sie mir bitte Tel Aviv buchstabieren. Ich weiß, daß es die Hauptstadt Israels ist. Aber ich weiß nicht, wie man das schreibt.«

Friedlander tat ihm den Gefallen: »Aber Israels Hauptstadt ist Jerusalem. Das sollten alle wissen.«

Toli: »Ich entschuldige mich.«

Dann beendeten beide den Kontakt mit einem herzlichen »Schalom, Schalom«.

So begann dieser Tage ein bescheidener Dialog zwischen Bürgern der sowjetischen Supermacht und des jüdischen Ministaats. Nach 20 Jahren von Moskau verhängter Funkstille durften russische Radio-Amateure wieder Verbindung zu Kollegen in Israel aufnehmen, einem Staat, der in Moskau bislang als aggressiver Vorposten des US-Imperialismus galt.

»Die Russen können eine wichtigere Rolle im Nahen Osten spielen. Sie haben bei unserer Staatsgründung mitgeholfen und könnten auch beim Friedensprozeß mitwirken«, glaubt Israels Außenminister Schimon Peres.

21 Jahre nach Abbruch der Beziehungen mit allen Ostblock-Staaten (außer Rumänien) war der Chef der Jerusalemer Außenpolitik vergangene Woche Gast des ungarischen Regierungschefs Karoly Grosz in Budapest. Ungarn hatte, dem Beispiel Polens folgend, vor kurzem eine Interessenvertretung in Tel Aviv geöffnet. Ihr soll demnächst eine ähnliche Vertretung Bulgariens folgen - Brückenbau zum Osten.

Zweifelsohne hatte Moskau zuvor seine Zustimmung für diese Ouvertüre erteilt. Bestätigung dafür erhielt Peres vorigen Dienstag in Madrid bei der Tagung der Sozialistischen Internationale. Dort entdeckte er, nach einem Arbeitsessen mit dem Moskauer Nahost-Fachmann Alexander Sotow, »durchaus flexiblere Formulierungen« der Sowjets zu den Friedensaussichten im Nahen Osten. Sotow: »Wir haben kein Monopol auf die Weisheit. Wir sind gewillt, die Ansichten aller zu hören.«

Seit einiger Zeit schon keimen politische Kontakte, die eine aufgeschlossenere Haltung Moskaus gegenüber Israel belegen. Im Juli 1985 hatte der damalige sowjetische Botschafter in Frankreich Julij Woronzow eingeräumt, der Abbruch der diplomatischen Beziehungen im Sechs-Tage-Krieg sei »ein Fehler gewesen«; die Geschmeidigkeit des neuen Parteichefs Michail Gorbatschow biete eine günstige Gelegenheit, ihn zu reparieren. Gorbatschow selbst wenig später: »Wir haben (1948) die Bildung Israels unterstützt und unsere Anerkennung niemals aufgehoben.«

Das sei »eine Beendigung des politischen Belagerungszustandes«, frohlockte - zu früh - Israels damaliger Premier und jetziger Außenminister Peres.

Dann geriet die bereits erwartete Normalisierung zwischen beiden Staaten wieder ins Stocken. Heute aber scheint Moskau ernsthaft interessiert, sein Verhältnis zur arabischen Welt durch eine vorsichtige Verbindung zu Israel zu ergänzen.

PLO-Chef Jassir Arafat, im April zu Besuch in der Sowjet-Union, bekam neue Töne zu hören: Die Palästinenser hätten ein schweres Schicksal, erläuterte Gorbatschow, eine breite internationale Anerkennung werde ihnen zur Selbstbestimmung verhelfen. Gleichzeitig müsse

aber die PLO »den Staat Israel und seine Sicherheitsinteressen anerkennen«.

Erstmals wurde diese in israelischen Augen bahnbrechende Erklärung sogar in der sowjetischen Presse veröffentlicht. Der israelische Sowjetologe Amnon Sela befand, die Gorbatschow-Worte seien »unmißverständlich und äußerst ermutigend«.

Es blieb nicht bei Deklamationen. Seit Juli 1987 hält sich eine sowjetische Konsular-Delegation in Tel Aviv auf. Sie richtete in der finnischen Botschaft ein Büro ein. Die Russen haben eine bis zum 15. Juni gültige Aufenthaltsgenehmigung.

Israels Wunsch nach Wechselseitigkeit wurde von den Sowjets grundsätzlich anerkannt: Eine konsularische Delegation Israels soll in die niederländische Botschaft in Moskau einziehen.

Sogar mit einer stärkeren Auswanderung sowjetischer Juden kann gerechnet werden. Schon 1987 durften mehr Juden die Sowjet-Union verlassen als in den Jahren zuvor - insgesamt 8011 Menschen.

Moskau wandte nichts gegen israelische Bemühungen ein, Auswanderer künftig über Bukarest zu leiten. Denn auf der Zwischenstation Wien springen etwa zwei Drittel der Sowjet-Emigranten ab - sie ziehen eine Reise in die USA dem Weg ins gelobte Land vor. Von Bukarest aus wäre das nicht möglich.

Voraussetzung für engere Kontakte zwischen Moskau und Jerusalem ist aber, daß Moskau an einer künftigen Nahost-Friedenskonferenz teilnehmen kann. Diplomatische Beziehungen, so glaubt man in Jerusalem, seien sogar vor Beginn einer solchen Konferenz denkbar.

Beide Supermächte scheinen im Nahen Osten von ähnlichen Grundsätzen auszugehen - vor allem von der Einsicht, daß Friede nur im Tausch gegen Gebiete zu haben ist. Dazu müßte Moskau die Araber bewegen, Israels Existenzrecht anzuerkennen; die Amerikaner wiederum müßten Israel zu Gebietsverzichten veranlassen.

Vermutlich hat Moskau schon in Aussicht gestellt, dem Friedensplan von US-Außenminister Shultz bedingt zuzustimmen, jedoch zusätzliche Aufklärung aus Washington verlangt. Nach der Kuweiter Tageszeitung »El-Kabas« geht es um folgende Fragen: *___Ob die USA das Recht der Palästinenser auf ____Selbstbestimmung anerkennen würden; *___ob sie dem völligen Rückzug Israels auf die Grenzen von ____1967 zustimmten; *___ob Arafats PLO als vollberechtigter Partner an einer ____Friedenskonferenz teilnehmen könne, und welche Rolle ____die Großmächte dabei spielen sollten?

In Moskau sei man überzeugt, der Frieden stehe »vor der Tür«, berichtete vor kurzem der erfahrene amerikanische Ost-Händler Armand Hammer. Gorbatschow persönlich habe ihm gesagt: »Nach dem Treffen mit Präsident Reagan Ende Mai werde ich mich intensiv um eine Befriedung im Nahen Osten kümmern.«

Der Kreml-Chef hat angeblich begriffen, daß »Israel eine Geste erwartet«. Gorbatschow habe Hammer sogar eine unbeschränkte Auswanderung sowjetischer Juden versprochen: »Jeder Jude, der auswandern will, wird das tun dürfen.«

Parallel zu einer Annäherung an Israel ist Moskau bestrebt, seinen Einfluß auf die gemäßigten arabischen Länder zu stärken. Zu diesem Zweck soll, wahrscheinlich schon in Kürze, Außenminister Schewardnadse neben Syrien auch Jordanien und Ägypten besuchen und sich dort für baldige Friedensgespräche einsetzen - auch wenn er »neue Friedenspläne nicht mitbringen« wird, so Alexander Sintschuk, Moskaus Botschafter in Amman.

Jerusalem versuchte, Schewardnadse auch nach Jerusalem einzuladen. Er sei »durchaus willkommen«, erklärte Premier Schamir.

Schon sind weitere Ostblock-Besuche prominenter Israelis in Sicht. Premier Schamir erwägt eine Visite in Budapest, Peres hofft sogar auf eine Einladung nach Moskau, noch vor den israelischen Wahlen. Konkrete Schritte seien dringend nötig, denn so Peres: »Die Zeit läuft ab.«

Zur Ausgabe
Artikel 54 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.