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Ägypten Scham mit Feigenblatt

Der Pharos-Leuchtturm von Alexandria, eines der Sieben Weltwunder der Antike, soll wiedererstehen.
aus DER SPIEGEL 51/1990

Das wird die Krönung all unserer Aufbauprojekte«, schwärmte Tourismusminister Fuad Sultan: »Niemand auf der Welt kann mit etwas Vergleichbarem aufwarten.«

Die Euphorie entsprang nicht nur dem Wunsch, die Aufmerksamkeit der Medien davon abzulenken, daß die Kriegsgefahr am Golf die ausländischen Besucherströme im Land der Pharaonen fast zum Versiegen gebracht hat.

Die Begeisterung war echt: Die Ägypter machen sich daran, »uns selbst und der Welt zu beweisen, daß die Kreativität unserer großen Vorfahren noch in uns steckt«, so Kulturminister Faruk Husni.

Ein ägyptisch-finnisches Konsortium will eins der Sieben Weltwunder, den antiken Pharos-Leuchtturm von Alexandria, an alter Stelle wiederaufbauen. Nur der Widerstand bürokratischer Kleingeister zögert den Baubeginn noch hinaus.

Nach jahrelangem Hin und Her willigte das Stadtparlament der Fünfmillionenstadt Alexandria am Mittelmeer endlich ein, den Neubau in Angriff zu nehmen. »Der Leuchtturm wird dem Image unserer Stadt mehr nützen als Bibliotheken und Königsschlösser«, hatte schon vor acht Jahren der damalige Stadtgouverneur Fuad Hilmi erkannt und seine erste Leuchtturm-Bürgerinitiative ins Leben gerufen.

Alexandrias Name war seit jeher mit dem sagenumwobenen Mammut-Bauwerk verbunden, das Sostratos von Kridos vor rund 2300 Jahren auf der Insel Pharos vor dem alten Hafen errichtet und anderthalb Jahrtausende lang Dienst getan hatte. Der vermutlich 120 bis 140 Meter hohe Turm war nach der Cheopspyramide lange Zeit das höchste Gebäude der Welt gewesen. Im 14. Jahrhundert fiel es einem Erdbeben zum Opfer.

Außer geborstenen Säulen und Granitquadern blieb nichts übrig von dem markanten Wahrzeichen ägyptisch-hellenistischer Hochkultur. Später errichtete der Mameluckensultan Kait Bey auf den Fundamenten des zusammengefallenen Bauwerks eine Seefestung.

Aber für die Alexandriner blieb der von Geographen und Historikern aller Epochen beschriebene überdimensionale Meeres-Wegweiser ein wichtiger Identitätsbezug. Noch heute ziert der Pharos Alexandrias Stadtwappen sowie eine Unzahl von Firmen- und Behördenbriefköpfen.

»Warum wir so lange nichts unternommen haben, um unseren Pharos wiederaufzubauen, ist unerklärlich«, grämt sich Umar el-Hadidi, Finnlands ägyptischer Honorarkonsul und Doyen des konsularischen Korps.

Der »vom Pharos-Fieber gepackte« Hadidi brachte den Stein ins Rollen, zielstrebig baute er eine Lobby auf. Universitätsprofessoren, Ärzte, Verwaltungsbeamte und Politiker fanden Gefallen an dem Gedanken, den kirchturmhohen Leuchtturm aus der Zeit des bauwütigen Königs Ptolemäus II. wiedererstehen zu lassen.

»Die Stadtverwaltung antwortete anfangs gar nicht auf unsere Expertisen«, erinnert sich der Lokalpatriot. »Sogar die Sachverständigen in unserem Griechisch-Römischen Museum hielten unsere Vorstellungen für unrealistisch.« Doch dann kam der Durchbruch.

Über zwei Dutzend internationale Firmen beteiligten sich an einer Ausschreibung für den Wiederaufbau. Den Zuschlag bekam eine Gruppe von fünf finnischen Unternehmen, die ein besonders attraktives Konzept entwickelte. Nach den Blaupausen der Investoren aus Europas Norden soll der neue Pharos Teil einer Hotelanlage werden und so den dauernden Hotelnotstand in der City beheben helfen.

Der neue Pharos soll sich möglichst an das klassische Vorbild halten. Pate stand bei den Finnen eine detaillierte Rekonstruktionszeichnung des deutschen Facharchäologen Thiersch. Das Zugeständnis an die Gegenwart - und an Ägyptens ehrgeizigen Tourismusminister Fuad Sultan - besteht darin, daß die ersten drei Stockwerke des Leuchtturm-Sockels das Fünf-Sterne-Hotel aufnehmen sollen. Vom breiten Terrassendach des Sockels können die Gäste einen Panoramablick auf Alexandria genießen.

Ein Fahrstuhl befördert die Besucher auf eine Aussichtsplattform ganz oben, wo antiken Vorbildern nachempfundene Spiegel die Strahlkraft der Scheinwerfer verstärken werden. »Allein dieses Blickwunders wegen werden Tausende Touristen nach Alex kommen«, frohlockte Konsul Hadidi.

Der Pharos des 20. Jahrhunderts wird zwar auf der zur Halbinsel gewordenen historischen Ex-Insel gleichen Namens stehen, nicht jedoch auf den Meter genau dort, wo das große Vorbild gestanden hatte. Denn dort erhebt sich immer noch die Seefestung der Mamelucken.

Noch muß ein unerwartetes Hindernis überwunden werden. Mohammed Sadik Mohammed, einflußreicher Leiter der Wohnungsbaubehörde und prominentes Mitglied des Stadtparlaments, sieht in dem Wiederaufbau des Pharos' eine götteslästerliche Verherrlichung der vorislamischen »Dschahilija«, der »Zeit der Unwissenheit«.

Der gottesfürchtige Widersacher, dessen Unterschrift für den Baustart notwendig ist, überraschte die Pharos-Bauer mit der Auflage, der Leuchtturm dürfe »nicht höher als die islamische Seefestung« werden. Die aber erreicht nur 30 Meter.

Doch die Pharos-Freunde sind guter Hoffnung - und zu einem wichtigen Zugeständnis bereit: Die Tritonen, die den Pharos schmücken, werden ihre Scham mit einem Feigenblatt bedecken. o

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