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FRANKREICH Scham und Ekel

In vielen französischen Gefängnissen meuterten die Häftlinge. Ein Untersuchungsausschuß der Regierung stellte katastrophale Zustände fest.
aus DER SPIEGEL 4/1972

Bis auf die Grundfesten hatten Frankreichs Revolutionäre einst das Pariser Gefängnis, die Bastille, zerstört

sie war Sinnbild monarchischer Willkür. Viele Male in den vergangenen Monaten versuchten französische Häftlinge die Bastillen der Neuzeit zu stürmen, und »Le Monde« stand ihnen bei. »Unsere Bastillen sind nicht alle gefallen, so not es auch täte«, klagte das Pariser Weltblatt.

»Unangemessen und ungeschickt« nannte Robert Schmelck, Staatsanwalt am Pariser Kassationsgericht« den französischen Strafvollzug. Frankreichs Justizminister René Pleven hatte ihn beauftragt, eines der Gefängnisse zu untersuchen, in dem Meutereien ausgebrochen waren. Weiter noch ging der frühere Richter Casamayor: »Alle Aktivität der Verwaltung läßt sich auf die Formel bringen »nichts tun oder prügeln'.«

Zumindest gebaut haben Frankreichs Strafvollzugsbehörden ein halbes Jahrhundert lang nichts. Zwischen 1912 und 1960 konstruierten sie nur einen neuen Knast -- das Zuchthaus Baumettes bei Marseille.

1962 stellte eine Untersuchungskommission des Justizministeriums fest. 121 Gefängnisse seien so veraltet, daß sie geschlossen werden müßten -- zehn Jahre später sind sie noch in Betrieb.

Die Folge: Im Gefängnis von Clermont hausen 18 Insassen in einer 16 Quadratmeter großen Zelle -- mit einem Kotkübel in der Ecke. In der Pariser Santé und im südfranzösischen Baumettes haben sie ein wenig mehr Komfort: ein WC mit einem Wasserhahn darüber. »Man wäscht sich dort«, berichtete ein ehemaliger Häftling, »und spült Geschirr.«

Im Gefängnis von Nantes waren im vergangenen Winter morgens bei Frost alle Decken steifgefroren, in Draguignan sank die Temperatur in einigen Zellen häufig unter null Grad. In Clairvaux sind 58 nur durch Gitterstäbe getrennte Zellen (Häftlings-Slang: »Hühnerställe") stets ungeheizt. Le-Mans-Bürgermeister Dr. Maury nach einem Gefängnisbesuch: »Man kann nur Scham, Schrecken und Ekel empfinden.«

Das insbesondere sonnengewöhnten Nordafrikanern vorbehaltene Gefängnis von Riom -- ein Gemäuer aus dem 13. Jahrhundert -- ist wegen seiner Feuchtigkeit berüchtigt. »Diese Zellen sind oft für unheilbare Tuberkulosen verantwortlich«, klagte die Zeitschrift »La France Catholique«.

Unwürdig ist vor allem die Behandlung jener Gefangenen, die sich gegen die Gefängnisordnung vergangen haben. Ausbruchsversuche werden in der Regel durch den sogenannten »passage à tabac« -- das kollektive Verprügeln eines Gefangenen durch Wärter -- geahndet. Als 1970 sechs Gefangene aus einer Strafanstalt durch die Abwasseranlage fliehen wollten, ließ die Wachmannschaft alle Ventile öffnen. Die sechs krochen mit Mühe im Gefängnishof hoch -- und wurden sogleich verprügelt.

Die Strafen werden mitunter auf mittelalterliche Weise vollstreckt: Arme und Beine der Gefangenen sind überkreuzt auf den Tisch gebunden, die Delinquenten liegen manchmal tagelang in ihren Exkrementen. In der Pariser Santé ist der Holztisch durch einen Steintisch ersetzt. Der bekannte Schriftsteller Maurice Clavel: »Fast Auschwitz.«

Doch auch das Los der fügsamen Häftlinge (nur etwa fünf Prozent aller Gefangenen sind Schwerverbrecher, etwa 33 Prozent lediglich Untersuchungshäftlinge) ist hart. Nahezu jede Woche versucht beispielsweise im Zuchthaus von Toul oder Nimes ein Häftling. sich das Leben zu nehmen oder sich zu verstümmeln. Der Arzt Dr. Charles Dayant berichtet aus seiner Zeit als Gefängnisarzt in den Jahren 1967 und 1968 in der Pariser Santé sogar von etwa zwei Selbstmordversuchen pro Nacht.

Gequält und verbittert versuchten andere Gefangene zu rebellieren. In Toul überrannten die 540 Häftlinge ihre Wärter, sie verwüsteten Zellen, zündeten Werkstätten an. In Clairvaux ermordeten sie zwei Geiseln.

In Toul wurden während der Revolte die »Marseillaise« und die »Internationale« gesungen, die Rebellen in Glairvaux sangen ihr eigenes Lied: »Der Mensch ist hier nur ein trauriger Lumpen.«

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