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POLIZEI Schamhaftes Schweigen

Ein Kripochef aus Nordrhein-Westfalen hat ein Buch über den Revieralltag geschrieben: über Rechtsbrüche, Korruption und Ausländerhaß der Polizisten. *
aus DER SPIEGEL 32/1988

Die Kollegen, findet der Kriminalhauptkommissar Manfred Such, 45, aus Werl, sehen zu oft Fernsehkrimis. Jeden Unfug machen die echten Kommissare den falschen nach.

Beispielsweise die filmreifen Auftritte mit der lächerlichen Polizeimarke aus Messing; die geheimnisvolle Handbewegung, mit der die Marke in der schalenförmig gewölbten Handfläche in Hüfthöhe gehoben wird. Dazu ein trockenes »Kriminalpolizei«.

Gerade die jungen Kollegen, berichtet Such, lieben es, wenn ihnen etwa in der Kneipe das Messingding am Messingkettchen aus der Hosentasche rutscht und - nur scheinbar - unbemerkt am Hosenbein baumelt: »Insignien der Macht«.

Die Kollegenschelte des Kripomannes Such basiert auf fast 30 Jahren Berufserfahrung bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen. Seine traurigen Erfahrungen hat er in einem Buch zusammengeschrieben, das noch im August auf den Markt kommen soll: »Bürger statt ''Bullen''«, eine »Streitschrift« _(Manfred Such: »Bürger statt, Bullen''. ) _(Streitschrift für eine andere Polizei«. ) _(Klartext Verlag, Essen; 176 Seiten; ) _(16,80 Mark. ) .

Streit wird es wegen dieser Schrift sicher geben. Denn Such, Sprecher der

»Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizisten« und Grüner im Stadtrat von Werl, beschreibt, was ganz anders als im Fernsehen hinter den Kulissen der realen Ordnungsgewalt geschieht. Wenn Such recht hat, sind Polizeiwachen geradezu Brutstätten des Unrechts.

»Hilflos«, notiert der mitteilsame Polizist, habe er und manch einer seiner Kollegen immer wieder mitansehen müssen, »wie Polizeibeamte Recht brechen«. Alltäglich sei bei den Beamten Durchstecherei, verbreitet der Ausländerhaß, Bürgerrechte würden grob mißachtet. »Mehr als die Hälfte aller Festgenommenen«, behauptet der Kripomann, käme »zu Unrecht in die Haftzellen«.

Selbst bei den Straftaten, die sie aufklären sollen, machen Kripofahnder noch mit. Es falle ja nicht auf, merkte Such, wenn Ermittler am Tatort eines Einbruchs »Gegenstände mitgehen lassen": Der Diebstahl »kommt auf das Konto des ''Ersttäters''«.

Der Mann, der da aus der Schule plaudert, ist mittlerweile einer der gefürchtetsten Polizisten des Landes. Nicht nur, daß er immer wieder den eigenen Berufsstand bloßstellt - bislang sind auch alle Versuche gescheitert, den Mann zum Schweigen zu bringen.

Den Unwillen seiner Vorgesetzten handelte sich der kritische Polizist erst vor einigen Wochen ein, als er bei der WDR-Talkshow »Drei vor Mitternacht« im Disput mit dem Berliner Ex-Innensenator Heinrich Lummer (CDU) behauptete: Rechtswidrige Handlungen von Polizeibeamten »erlebe ich in meinem praktischen Dienst - ich möchte sagen, fast täglich«.

Der erfahrene Kriminalbeamte erklärte vor laufenden Kameras dem Berliner Law-and-order-Mann auch gleich, was einem Polizisten passiert, der so etwas kritisiert: Der müsse damit rechnen, »daß er dann seinen Dienst quittieren muß, weil es für ihn unerträglich wird«.

Prompt mußte Such seinen Schreibtisch als Kripochef in Werl räumen. Er wurde von seinen Vorgesetzten in Soest in die Statistikabteilung umgesetzt.

Mit schier unangreifbarer Juristenlogik erklärten die Oberen dem aufsässigen Polizisten, daß er keine Chance habe: Entweder sei seine TV-Behauptung - »was am nächsten liegt« - unwahr, dann sei er wegen Beleidigung dran; oder sie sei wahr, um so schlimmer, dann werde er wegen »Strafvereitelung im Amt« belangt, weil er das Unrecht im eigenen Hause geduldet habe.

Doch Such wird seinen Dienst nicht quittieren. Wenige Tage später schon mußte das Straf- und das Disziplinarverfahren gegen den Beamten eingestellt werden, über seine Rückkehr auf den Werler Chefsessel wird verhandelt. All das geschah auf höhere Weisung. Denn höheren Ortes paßt man gut auf den Werler Polizisten auf.

»Ganz sicher«, so ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Polizeiministers Herbert Schnoor (SPD), »wird der Such nicht irgendwo im Keller verschwinden«. Schnoor ist an einer »einvernehmlichen Lösung« des Konflikts interessiert.

Die besondere Sorgfalt im Umgang mit dem Beamten aus Werl ist spätestens seit Mai angebracht. Da erhielt Suchs »Kritische Polizisten«-Vereinigung den von der SPD gestifteten »Gustav-Heinemann-Bürgerpreis«.

NRW-Regierungschef Johannes Rau, als stellvertretender SPD-Vorsitzender mit der Preisverleihung beauftragt, schüttelte seinem Musterbürger Such bei der Feierstunde im Ahnensaal des Rastatter Schlosses die Hand. Und Festredner Diether Posser, Vorsitzender des Preiskuratoriums und bis vor kurzem Finanzminister im Rau-Kabinett, lobte das »Gewissen und Rechtsempfinden« der mutigen Beamten, die Such zu ihrem Wortführer machten.

Die »Kritischen Polizisten«, die sich als Reaktion auf den berüchtigten Hamburger Polizeikessel im Jahr 1986 zusammengetan haben, sind bei Innenminister Schnoor ohnehin gut gelitten. Mit solchen Beamten, hofft der Sozialdemokrat, könne er am ehesten sein Deeskalationskonzept für ein neues Verhältnis zwischen Demonstranten und Polizisten verwirklichen.

Zunächst, wenn er das Buch des Preisträgers Such gelesen hat, wird er sich mit dem Verhalten der Polizisten untereinander befassen müssen. Ohne erkennbaren Zorn und mit Liebe zu Details erzählt der erfahrene Polizist Such, wie er das Handwerk »unserer nordrhein-westfälischen Polizei« lernte und von den Kollegen im Revier in fragwürdige Polizeipraktiken eingeweiht wurde.

Nur die »krasse Spitze eines Eisbergs« sei, so Such, etwa der Wegezoll-Skandal gewesen, jene Affäre, in der NRW-Autobahnpolizisten bei Lkw-Fahrern Naturalien für Nachsicht kassierten. Unentdeckt sei unter der Oberfläche die weitverbreitete alltägliche Klein-Korruption.

Sobald die Kollegen erkannt haben, über welche Macht sie verfügen, stellte Such fest, falle es manchen schwer, »die Uniform, die Dienstmarke, den Stand ''Polizei'' nicht zum persönlichen Vorteil auszunutzen«.

So habe er, als er von erfahrenen Kollegen einst in die Revierarbeit eingewiesen wurde, erst mal gelernt, »wo es was umsonst gab, wo Prozente, wo man abstauben konnte«. Im Gegenzug sei man da »natürlich polizeilich großzügiger, insbesondere im Straßenverkehr«, gewesen. Irgendwann, gesteht der Autor, habe man dann selbst die Masche raus - »und es fällt schwer, nicht mitzumachen«.

Gefährlicher noch ist der obrigkeitliche Übereifer, mit dem nach Suchs Beobachtungen viele Kriminalbeamten ihr Handwerk betreiben. »Vorherrschend« sei das Bestreben, »jeden Verdächtigen sofort der Bestrafung zuzuführen«, das sei, findet der Polizist, »Verbrecherbekämpfung statt Verbrechensbekämpfung«.

Mit derselben Chuzpe, mit der Kollegen, wollen sie in eine Wohnung, »einfach den Fuß in die Tür« stellen, würden Tatverdächtige »getäuscht, überrumpelt, ausgetrickst«. Die Festnahmepraxis bei der Kripo sei »erschreckend rechtswidrig": Da würden Haftgründe angeführt, die gar nicht existieren.

Such weiß, daß kaum etwas passieren kann: »Da sich polizeiliche Maßnahmen nur selten gegen Personen richten, die

ihre Rechte kennen, kommt es nur selten zu Beschwerden.«

Manche Kollegen seien bekannt dafür, daß sie einen Festgenommenen schon mal verprügeln, doch »nur wenige sind deshalb aufgefallen«. Wer glaube schon einem Straftäter, überlegt sich der Polizist, daß er nur deshalb eine Serie von Diebstählen oder Einbrüchen zugegeben habe, weil der Kriminalbeamte drohte: »Unter hundert Straftaten kommen Sie hier nicht weg.«

Wer könne, gibt Such zu bedenken, schon einem Polizisten Ausländerfeindlichkeit vorwerfen, der Asylbewerber voller Eifer, aber ohne Anlaß ständig kontrolliere. Wer höre es schon, wenn sich die Kollegen in ihren Amtsstuben über Schwarze als »Bimbos« oder »Teerpappenrollen« lustig machen.

Tatenlos, klagt der Autor, sehen Staatsanwälte und Richter dem manchmal menschenverachtenden Treiben der Kripo zu. Vielleicht aber sind die alle so ahnungslos wie der Richter, den Kriminalhauptkommissar Such auf einer Fortbildungstagung erlebte.

Der Jurist erklärte, er könne sich nicht vorstellen, daß ein Polizeibeamter vor Gericht falsche Angaben mache, um einen, gegen den er ermittelt hat, auch verurteilt zu sehen. »Schamhaftes Schweigen«, so Such, habe im Kreis der zuhörenden Polizisten vor soviel »Blauäugigkeit« geherrscht.

»Niemand erklärte dem Richter, daß es das gibt. Auch ich nicht.«

Manfred Such: »Bürger statt, Bullen''. Streitschrift für eine anderePolizei«. Klartext Verlag, Essen; 176 Seiten; 16,80 Mark.

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